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Okt.2 2016

 

Montag, 31. Oktober 2016:

Seit langer Zeit wieder so ein Tag, an dem die Schule ohne mich laufen muss: Die Jahresvollversammlung der Direktorenvereinigung IGS tagte in der Gesamtschule in Stromberg. Mit einer Anfahrt in grandios, in spätsommerliches Licht der Morgensonne getauchtes Farbenspiel durchfuhr ich Rheinhessen hinauf in den Hunsrück, wo ich mich über den unten im Nahetal noch hängenden Nebel erhob und die Schule, an der ich über zehn Jahre nicht mehr war, in eben jenes Licht getaucht, vorfand und ich einen solchen Start in die neue Woche als großes Privileg empfand.

Bedeutsam empfand ich das (erstaunte?) Murmeln, das ich wahrnahm, als ich von meiner Anfangszeit berichtete und auf die fünf bestehenden IGSn hinwies. Das Gremium, das heute tagte, vertritt inzwischen zehnmal so viele Gesamtschulen und benötigte daher eine neue Struktur. Ich erinnere mich noch genau daran, als der damalige Referent des Ministeriums bei einer Sitzung mit den Schulleitungen davon sprach, dass die Anzahl der IGSn nach der Schulstrukturreform auf sechzig geschätzt würde – nach den damaligen Erfahrungen eine astronomisch hohe Zahl. Inzwischen sind es schon 56, die einer neuen Arbeitsweise und Struktur bedürfen. In regionalen Gruppen wurde dazu erstmals eine Satzung vorbereitet und heute verabschiedet. Freilich benötigten „wir“ „damals“ eine solche nicht – fünf Schulen bildeten „eine Familie“, man kannte sich, man schätzte sich, man wusste voneinander, kämpfte für diese „neue“ Schulform und konnte sich eines umfassenden Konsens‘ sicher sein. Heute müssen wir diese Grundauffassung zunächst einmal (wieder?) finden und mit allen formulieren. Eine an sich schon vielfältige Schulform spiegelt sich in den einzelnen Vertreter/-innen wieder und zu vernehmen, dass eine inhaltliche Übereinkunft erarbeitet werden müsse, die nach innen und außen für Orientierung sorgt. Natürlich ist dies ein großes Arbeitsfeld, das hier vor uns steht. Dennoch erfreute mich die allgemeine Zustimmung.

Ein Schmankerl bei solchen Treffen stellen immer konzeptionelle Einblicke dar, die die gastgebende Schule allen vorstellt. So nahm ich eine Reihe von Ideen und Anregungen auch für unseren Ganztagsbetrieb mit – so soll es sein.

 

Donnerstag, 29. Oktober 2016:

Nochmal eine Wahl, nochmal ein Rückblick in Dank und nochmal Kontinuität und Neues gemeinsam: Der Vorstand des Fördervereins wurde nach zwei Jahren Amtszeit auf einer Mitgliederversammlung neu gewählt. Gerne wiederhole ich eine Aussage, die ich irgendwann formuliert habe: Ohne den Förderverein wäre die Schule nicht das, was sie ist! Dieses ehrenamtliche Engagement ist Gold wert und als jemand, dem die Zeit oft „durch die Finger zerrinnt“, weiß ich diese für die Schule eingebrachte Zeit mehr als zu schätzen. Danke an alle, die sich hier engagieren, Danke für die vielen Stunden, die ihr dem Wohl der Schule widmet. Und gleich nach der Neuwahl trat der Vorstand zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen und ging an die Vorbereitung des Tags der offenen Tür. Das allein spricht Bände! 

 

Mittwoch, 26. Oktober 2016:

Der gestrige Eintrag nahm die Elternvertretung in den Blick. Heute nun, als sei es abgesprochen, kam die Schülervertretung hinzu. Sie informierten mich über die Ergebnisse der jährlich stattfindenden Tagung des von ihnen so bezeichneten Schülerparlamentes. Auch wenn meine Begriffsbestimmung anderes intendierte, dass sich die Schülervertretung so empfindet, in jedem Jahr eine jahrgangsübergreifende, demokratisch legitimierte Gruppe bilden kann, die wiederum einen Vorstand wählt, ist eine prima Sache und nicht hoch genug zu werten, zumal es ihnen in den letzten Jahren gelungen ist, die Oberstufe personell und atmosphärisch mit einzubinden. Ich weiß von anders strukturierten Schülerparlamenten, die immer wieder auf Probleme stoßen, das Kandidaten für das Parlament zu finden. Daher freut mich die etwas andere Struktur, weil sie funktioniert. So lauschte ich neugierig den Punkten der diesjährigen Tagung als da wären: Feedback-Kultur, Assembly für 7 bis 10, Schulfest in irgendeiner Art, alles in Arbeitskreisen mit „Parlamentariern“ besetzt – eine runde Sache. Auch dies scheint mir ein Qualitätsmerkmal zu sein, das selten wahrgenommen und schon gar nicht abgefragt wird. Dank auch an euch, denn als Schulleiter gibt es da nur ein Gefühl: Stolz gegenüber einer solchen Schülerschaft!

Und los geht’s zur nächsten Runde. In Zeiten unsicherer, weil schwankender Schülerzahlen, gilt es, die eigene Schule weiterhin und immer wieder ins Bewusstsein der Eltern zu rücken und dort zu bewahren. Ein kleiner Teil, aus den Anfängen heraus beim Schulleiter verortet, ist der Druckauftrag an die erneut aktualisierten Flyer. Allein dieses Wort trieb heute meinen Adrenalinspiegel in die Höhe. Rein drucktechnisch habe ich keine Flyer in Auftrag gegeben, sondern „Folder mit Wickelfalz, DIN lang small, hoch, in der 4/4-farbigen Euroskala in 135 Gramm/Quadratmeter auf Bilderdruckpapier matt“. Da können sich selbstredend eine ganze Reihe von Fehlern durch Unkenntnis einschleichen und da die Bestellung rein digital ins Netz geht, nutze ich immer wieder das Angebot der persönlichen Beratung am Service-Telefon. Die Angst, dass am Tag der Lieferung ein ganz anderes Produkt im Karton ist, ruft mich dazu auf, anzurufen. Dennoch bleibt in mir ein Rest von Anspannung, bis ich die für die Werbung und Information so wichtigen Flyer dann in der Hand habe.

 

Dienstag, 25. Oktober 2016:

In den Ferien war ich noch zweimal hier in Deidesheim, um den Fortgang der Container neugierig zu verfolgen. Jetzt stehen sie alle, die „Abwassersituation“ von den immerhin einigen Quadratmeter Dachfläche ist geregelt, vielleicht oder hoffentlich nur vorläufig, denn die Regenrohre enden derzeit einfach auf dem Schulhof…Dafür sind die Türen zu beiden Seiten des Flurs eingebaut und erhellen diesen bisher „dunklen Schlauch“. Eine ganze Reihe von Elektrokabeln hängt noch von der Decke, die Dämmung der Anschlussfugen steht noch aus, aber es geht voran.

Nach Wachenheim fuhr ich heute zum ersten Assembly der Sechstklässler. Neben dem Schulkanon sangen wir erstmals in dieser Runde „Laudato si“, in aufgeteilten Gruppen, so dass zu den Strophen unisono der Refrain erklang.  Ein voller Erfolg, denn zum ersten Mal erklangen Rufe nach „Zugabe!“. Da wir alle Punkte wie Spieleverleih und Kiosk während der Pausen, Aufruf zur Gestaltung dieser Versammlung und anderes mehr „durch hatten“, ergaben sich wirklich noch ein paar Minuten, die wir singend nutzten. Es erstaunt mich immer wieder, wie manche Lieder sich halten, wie sie direkt ankommen, mitgesungen werden und heute gar ungeübt durch spontanes rhythmisches Klatschen unterstützt werden. In meinem Musikunterricht des letzten Jahres erlebte ich diesen Jahrgang als besonders sangesfreudig. Kein Wunder also, dass ich in Hochstimmung nach Deidesheim fuhr, die Melodie und die munteren Augen immer noch in Ohr und Gedanken.

Über die digitale Übermittlung der Abituraufgaben habe ich schon berichtet. Seit kurz vor den Herbstferien beginnt nun der Drucker seltsame Striche hervorzurufen. Was bringt also die ganze Aktion, wenn am Ende der Kette der Drucker schmiert? Also: Wartung anrufen! Fehler in der Walze, Druckertausch. Dabei war der schmierende erst drei Monate alt!

Der fünfte und nun in der Größe vollständige Schulelternbeirat begann heute mit der ersten Sitzung seine Amtszeit. Im September wurde er bereits gewählt und umfasst nun fünfzehn Mitglieder. Mehr werden es nicht werden, denn der nächste Sprung setzt bei tausend Schüler/-innen ein, die wir nicht erreichen werden. Die Zusammensetzung ist wieder als gelungen zu bezeichnen, was die Mischung von erfahrenen und neuen Mitgliedern anbelangt, auch die Jahrgänge sind gut vertreten. In der konstituierenden Sitzung wurden bereits der Vorsitzende und seine Stellvertreterin gewählt, so dass bei allem Neuanfang auch für Kontinuität gesorgt ist. Das fühlt sich alles gut an und so war auch die Atmosphäre heute entspannt, arbeitsam bei ernsten Themen und humorvoll zwischendrin. Ich empfinde nach wie vor dieses Gremium für die Schule insgesamt als bedeutend, nicht, weil dessen Existenz und Anzahl im Schulgesetz verankert sind, sondern weil die Eltern einen wichtigen Beitrag zur Schule insgesamt leisten können. Sie sind nicht das fünfte Rad, das „auch noch“ gehört werden muss. Die Schule gibt es nicht als Institution aus sich heraus, sondern existiert nur wegen der Kinder dieser Eltern. Aus eigenem Erleben weiß ich, wie wichtig da Zusammenarbeit und Gestaltungsmöglichkeit sind. Also, ihr Lieben: Lasst uns stets in dieser heute erlebten, wertschätzenden Atmosphäre für die Schülerinnen und Schüler gemeinsam das Beste herausholen. Dank gilt den ausgeschiedenen Mitgliedern, sie haben sich über zwei Jahre hinweg für die Schule engagiert und kandidierten aus verschiedenen Gründen nicht erneut, haben aber ihren Anteil daran, dass seit nunmehr über acht Jahre hinweg der jeweilige Elternbeirat eine gute Zusammenarbeit mit der Schule gestaltete – durchaus, wenn ich Stimmen Glauben schenken kann, keine Selbstverständlichkeit im großen Rund der Schulen. Auch an diesem Punkt gilt die Feststellung: die IGS Deidesheim/Wachenheim ist „ausgebaut“. 

 

Donnerstag, 13. Oktober 2016:

Tatsächlich: Die Container kommen! Ich weilte bereits am in der Schule, als die ersten Teile angeliefert wurden. Da sie weit aus dem Osten der Republik kommen, fahren die LKWs den Tag über die Strecke von Chemnitz nach Deidesheim. Dort kommen sie gegen 17 Uhr an, abladen mit dem Kranwagen, vorläufige Positionierung auf den Fundamenteilen. Der LKW, der abgeladen ist, fährt in der Nacht noch zurück, der mit dem Kran bleibt, bis am Morgen die Teilcontainer genau ausgerichtet und mittels eines Laser-Gerätes im Lot stehen. Ist dies geschafft, fährt auch er zurück. Tagsüber geht der Ausbau vor Ort weiter: Verschweißen, Abdichten, Boden legen, bis wieder gegen Spätnachmittag das gleiche „Spiel“ losgeht. Die Container sehen gut aus und wir sind die Erstbenutzer. Jedes Klassenzimmer besteht aus vier zusammengeschweißten Containerteilen. Da wir vier Klassenräume benötigen, macht das schon mal 16 Einzelteile plus vier Teile für den Flur – also am ersten Schultag nach den Ferien wird das „Ensemble“ wohl noch nicht bezugsfertig sein. Der Zwischenraum zwischen Boden und Container wird aus Wärmeschutzgründen mit Styroporplatten ausgelegt, oben drauf soll noch ein Satteldach aufgesetzt werden. Das wiederum bedeutet: eine Dachrinne und ein Regenablauf müssen noch geplant und montiert werden. Für mich noch nicht geklärt ist die Frage der Bestuhlung und auch die Bestückung mit Tafeln. Da keine Waschbecken vorhanden sind, können es eigentlich keine Kreidetafeln sein. Sollte der Schulträger da etwa an interaktive Tafeln denken? Da bleiben also noch eine Reihe von Fragen zu klären und Arbeiten auszuführen - aber es geht gut voran. Beim heutigen Blick über die zu zwei Dritteln fertige Anlage kann ich mir eine Aufstockung im kommenden Jahr gut vorstellen. Dazu wird der jetzige Aufenthaltsraum-Container nochmals umgesetzt werden, denn notwendig ist dann ja auch noch ein Treppenaufgang. Junge, Junge, da ist was los!

 

Fortsetzung von Okt.1 2016:

September 1947 als Englischlehrerin von der Realschule Severinswall bezieht: 325 Reichsmark – Schwarzmarktwert: zwei Pfund Mehl, ein halbes Pfund Butter“ (Schubert, Portrait, S. 55). So herrscht ständig Geldnot, von der auch immer wieder in den Briefen an Ernst-Adolf Kunz die Rede ist: „Finanziell bin ich wieder völlig ruiniert“ (BBK, S.42), „[…] bin auf der Suche nach jemand, der mir Kredit auf meine angebliche Begabung und meinen offensichtlichen Fleiß gibt“ (BBK, S.86) oder: „Noch immer habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, dass eine der großen Arbeiten irgendwo einschlägt und wenigstens einen Vorschuss einbringt, der die ersten Monate langen könnte“ (BBK, S. 108). In dieser Situation, in der Böll „allen Ernstes befürchtet, dass ich meinen Beruf werde aufgeben müssen“ (BBK, S. 132), beginnt er Nachhilfestunden zu geben, die sich „mitunter zu einem Umfang von 40 bis 50 Stunden monatlich ausweiten und die er noch bis 1950 gab“ (Schubert, Portrait, S. 55), vor allem in den Fächern Latein, Deutsch und Mathematik.

Heinrich Böll, vom Literaturbetrieb anderer Städte isoliert, lebt im zerstörten Köln und alle Versuche, sich in einer größeren einflussreichen „Szene“ bekannt zu machen, gelingen ihm nicht recht. Auch die Versuche, sich mit seinen Erzählungen bei Rundfunkanstalten um Sendetermine zu bemühen, scheitern an der Länge und an den Themen seiner Texte, nur hie und da kommt es zu einer gesendeten Lesung. Heinrich Bölls „Schreibwut“ hielt indessen trotz allen Schwierigkeiten an, die Bände 4 und 5 der „Kölner Ausgabe“, die Texte der Jahre 1948 bis 1950 versammeln, sind mit hunderten von Seiten und Dutzenden Erzählungen gefüllt. In den Kommentarteilen der „Kölner Ausgabe“ lässt sich die auch heute noch deprimierende Zahl von Ablehnungen nachlesen. Wie mag es einem Menschen ergehen, der von seiner Begabung (oder Berufung?) im Grunde überzeugt ist, der unaufhörlich schreibt, hunderte von Seiten füllt, publizieren will und immer wieder Antwortschreiben lesen muss, in denen Absagen formuliert sind wie etwa folgende:

„[…] vorliegender Text scheint uns u.a. doch ein wenig zu langatmig“ (KA Bd. 2, S.449);

oder: „[…] da wir sie leider in unserer Zeitschrift nicht verwenden können“ (KA Bd.3 S:689);

oder: „Der schwerwiegendste Einwand gegen Ihre Geschichten […] liegt in der Thematik“ (ebd. S.703;

oder: „Ihre neue Einsendung ‚Wir Besenbinder‘ liegt durchaus auf der Höhe Ihres Könnens, scheint uns aber für ihr Erscheinen in unserer Zeitschrift nicht gewichtig genug“ (ebd. S. 736);

oder: „[…] wegen ihrer für den Rundfunk unannehmbaren Länge abgelehnt“ (ebd. S. 721);

oder: Die Erzählung „[…] ist Kriegsmilieu und von Soldaten wollen die Leute im Augenblick nichts hören“ (KA Bd. 4, S.633).

Einen Hinweis darauf, wie Böll sich gefühlt haben mag, findet sich im 95. Brief an Ada Kunz:

„Mein eigentliches Gebiet ist ja offenbar der Krieg mit allen Nebenerscheinungen und keine Sau will etwas vom Krieg lesen oder hören und ohne jedes Echo zu arbeiten, das macht dich verrückt“ (BBK, S. 143).

Im November 1948 nimmt Böll Kontakt zum Friedrich Middelhauve Verlag auf und bietet sich als Übersetzer an – eine gemeinsam mit Annemarie Böll entwickelte Idee, der Geldnot irgendwie Herr zu werden. Schließlich kommt es zum Abschluss eines Vertrages über die Veröffentlichung eines ersten Buches von Böll, der von Jochen Schubert im Interview erwähnten Erzählung „Der Zug war pünktlich“. Ein weiteres Projekt wurde verabredet: Ein Band mit 25 bis dahin unveröffentlichten Arbeiten sollte unter dem Titel „Wanderer kommst du nach Spa…“ folgen – „Heinrich Böll ist Verlagsautor geworden“ (Schubert, Portrait, S. 66). Auf die Lieferung einer späteren Taschenbuchausgabe dieses Erzählbandes (zum Preis von 1,80 €!!!)  warte ich derzeit noch, denn ich möchte die Auswahl der 25 dort veröffentlichten Geschichten mit „meiner“ persönlichen Rangliste vergleichen. Ein interessanter Aspekt dabei sind ja auch eventuelle Unterschiede oder Übereinstimmungen der aufgenommenen Texte. Dennoch: Eine wirkliche Verbesserung der Situation stellte sich bei Heinrich Böll allerdings nicht ein. „Der auf Verlagshonorare anzurechnende monatlich gezahlte Vorschuss, zunächst 100, ab September 200 DM, dessen Auszahlung allerdings bis Dezember 1949 befristet war, kann die Existenz der vier-, bald fünfköpfigen Familie nicht sichern“ (ebd. S. 69). Auf ein Gesuch hin, gewährt die Stadt Köln der Familie eine Existenzbeihilfe von einmalig 600 DM, immerhin eine kurze aber nur eine vorläufige  Beruhigung der Haushaltskasse, „[…] so dass Pläne, den Beruf des freien Schriftstellers zugunsten einer gesicherten Anstellung aufzugeben, immer wieder an der Peripherie der wirtschaftlich schwierigen Situation auftauchen. Aber auch immer wieder zurück gestellt werden – nicht zuletzt durch den Zuspruch, den Heinrich Böll von seiner Frau Annemarie erhält“ (ebd.). Im Mai 1950 hatte Böll einen Termin beim Personalchef der Stadt Köln. Böll schreibt an Kunz: „Er will mir wahrscheinlich eine Stelle besorgen, ich muss alles annehmen, sonst ist die Katastrophe unabwendbar“ (BBK, S. 253) – der Verkauf seine Buches verläuft sehr schleppend und organisatorische Mängel des Verlages führen dazu, dass sein zweites Buch weder zur Buchmesse noch rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft fertig gestellt war, hinzu kam die mangelnde Unterstützung durch den Verleger selbst – der Vertrag mit dem Middelhauve Verlag ging dem Ende entgegen, eine weitere Hoffnung Bölls war zerstoben. Er schrieb dazu an Georg Zanker:

„Es ist dem Verlag Middelhauve in drei Jahren nicht gelungen, auch nur eine Sendung beim Rundfunk für mich durchzubringen oder mir die Arbeit bei der Presse zu erleichtern […] Sowohl Funk wie Presse habe ich mir mühsam erobern müssen, unendlich viel Zeit und Nerven verschlissen […]“ (zit. nach: Schubert, Portrait, S. 72).

Um die Existenz der Familie zu sichern nimmt Heinrich Böll im Juni 1950 eine vorübergehende Beschäftigung im Rahmen der Volkszählung beim Statistischen Amt der Stadt Köln an. Er war als  „[…] Aushilfsangestellter bei der Gebäude- und Wohnungszählung eingesetzt, eine Vollzeitbeschäftigung mit 48 Stunden in der Woche“ (Anmerkung, BBK, S. 506). Der zunächst zwei Monate umfassende Vertrag wurde mehrfach verlängert und endete schließlich am 30. April 1951 (vgl. ebd.). Damit nähere ich mich der Tagung der Gruppe 47 – dem Ausgangspunkt dieser ausführlichen Schilderungen. In unserer Präsentation haben wir Alfred Andersch als denjenigen genannt, der Böll den Weg nach Bad Dürkheim geebnet hat. Dies hat Hans Werner Richter auch so beschrieben. Jochen Schubert hatte diese Unstimmigkeit in seinem Vortrag im Mai erwähnt, dort konnte ich sie aber nicht nachhaltig speichern. Nun konnte ich nachlesen, dass es noch einen früheren Zusammenhang gibt, denn auf die Gruppe 47 wurde Böll durch Jahnheinz Jahn aufmerksam. Dieser antwortete Böll auf die Nachfrage, wer denn diese Gruppe sei:

„An den 47ern ist nichts Geheimnisvolles […] Dazu wird man eingeladen oder nicht eingeladen […] Der Einlader ist Hans Werner Richter. Er war vor vier Wochen hier. Ich habe kein Wort mit ihm sprechen können. Beim Abschied sagte er: Sind Sie der Jahn? Ja. Wir sehen uns im Mai bei der Tagung. Das war alles. Ihren Namen hat er […] in sein Notizbuch geschrieben. Er will von Ihnen was lesen […] und wenn’s ihm und den anderen, dem Andersch, dem Minssen, dem Kohlbenhoff auch gefällt, dann kriegen Sie im April, nehme ich an, einen Brief, c’est tout“ (zit. nach: Schubert, Portrait, S. 76).

Böll steckte zu dieser Zeit, mit bürokratischen Arbeiten beschäftigt, noch im Statistischen Amt der Stadt Köln und sehnte das Ende entgegen. Die Einladungskarte (siehe Eintrag vom 2. Mai) erreichte Böll im April 1951. Zweimal findet sich die Tagung in Bad Dürkheim im Briefwechsel mit Ernst-Adolf Kunz wieder. Im 189. Brief schreibt Böll:

„Mein lieber Ada, verzeih mir, wenn ich so wenig schreibe. Bin dauernd todmüde und der Stumpfsinn der Büroarbeit macht mich richtig krank. Gott sei Dank ist ja am 30.4. Schluss. Dann fahre ich vom 3. Bis 8. Mai nach Bad Dürkheim zur Tagung der Gruppe 47 – und dann fange ich – nebenbei stempelnd – an zu arbeiten […]“ (BBK, S. 268).

Mit „arbeiten“ meinte Böll die Wiederaufnahme des Schreibens, welches zur Zeit der Arbeit bei der Stadt Köln in den Hintergrund rückte. Der nächste Brief von Böll ist datiert auf den 10. Mai 1951:

„Mein lieber Ada, vielleicht hast du schon in der Zeitung erfahren, dass ich den Preis der ‚Gruppe 47‘ bekommen habe, nicht nur die 1000 DM, die damit verbunden sind, sondern einen erfreulichen (teils unerfreulichen) Start, dessen Folgen sich schon bemerkbar zu machen beginnen. Habe dort bei der Tagung in Bad Dürkheim gleich eine Menge Dinge abschließen können, weiteres wird folgen und man ‚bittet‘ mich um Beiträge. Ich hoffe, dass sich meine Beziehungen so fortspinnen und festigen werden […]“ (BBK, S. 269).

In dieser unsicheren, nahezu perspektivlosen Lebens- und Gefühlslage reiste Heinrich Böll also seinerzeit nach Bad Dürkheim. Noch deutlicher formuliert diesen Zusammenhang Heinrich Vormweg:

„Um 1950, nach intensiver Lehrzeit als Schriftsteller in den letzten beiden Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg, nach vielen hundert Seiten Prosa, die Fundament waren für sein späteres weltweites Ansehen, war Heinrich Böll eine gescheiterte Existenz. Doch er hielt stand, und vielleicht hatte er im Mai 1951 auch ein wenig Glück“ (Vormweg, S. 152).

Und tatsächlich: Ab Bad Dürkheim ging es in schnellen Schritten für Böll bergauf. „Noch im Mai fragen ‚Neue Rundschau‘ und ‚Die Welt‘ nach Texten. Der Süddeutsche Rundfunk will eine Sendung über Böll machen, und der Verlag Scherz & Goverts erkundigt sich […] nach seinem literarischen Schaffen. Der Schneekluth Verlag will im Herbst 1951 wissen, was Böll ‚so unter der Feder hat und ob sich darunter ein größerer Roman befindet, der Suhrkamp Verlag mahnt Böll, während seines nächsten Besuchs in Frankfurt dort ‚vorzusprechen‘.“ (Schubert, Portrait, S. 78). Wiederum Alfred Andersch verdankt Heinrich Böll den Kontakt zum Kiepenheuer & Witsch Verlag, der sich die Rechte an Bölls nächsten Roman sichert und ihm einen monatlichen Vorschuss von 400 DM garantiert – die materielle Grundsicherung der Familie ist damit erstmals gesichert und die „systematische Verwertung der Kurzgeschichten und Glossen, die vielfach abgedruckt werden“ (ebd. S.80), beginnt. Dazu beigetragen hat ebenfalls die auf Anregung Bölls gegründete Literatur-Agentur „Ruhr Story“, die von seinem Freund Ada Kunz und dessen Frau Guni betreut wurde und Böll den gesamten Kontakt und die zeitaufreibende bürokratische Abwicklung zu den „Kunden“ abnahm. Bereits in der ersten Hälfte des Jahres 1952 arbeitete Böll an dem Typoskript des Romans „Und sagte kein einziges Wort“, der im Dezember an den Verlag ging und dort als erster Roman bei Kiepenheuer&Witsch im April 1953 herauskam.  „Im November 1953 beginnt Böll ein neues literarisches Vorhaben unter dem Arbeitstitel ‚Die Kinder des Vaterlandes‘, das als ‚Haus ohne Hüter‘ im August als zweiter Roman bei Kiepenheuer & Witsch erscheint“ (ebd. S 85). Heinrich Böll war zum gefragten Autor geworden und nach bitteren Jahren endlich erfolgreich in der literarischen Öffentlichkeit angekommen.

Und das alles steckt in der nur scheinbar harmlos verwendeten Bezeichnung „Initialzündung“, die innerhalb des Böll-Projektes vom Mai diesen Jahres in Sachen Böll mehrfach erwähnt wurde. Wenig wusste ich vom Anfang, von den ganz frühen Texten aus dem Nachlass, kannte nicht die Briefe aus dem Krieg und nicht die an Ernst-Adolf Kunz, wusste nichts Leon Bloy und von seinem Einfluss auf Heinrich Böll. Im März hatte ich beschrieben, wie sich Böll einige Jahre hindurch durch mein Leben „zog“. Dann setzte eine Unterbrechung ein, Schule, Beruf und andere Lebensphasen forderten meine Aufmerksamkeit. Durch das Böll-Projekt bin ich wieder auf ihn gestoßen, ganz neu und mit vielen, vielen Eindrücken, habe die „Kölner Ausgabe“ für eine weitreichende Lektüre entdeckt und bin durch Dutzende von mir unbekannten Erzählungen, Kurzgeschichten und Texte berührt und neu beeindruckt von diesem einfühlsamen Mann, zu dem ich eine gewisse Nähe nicht verhehlen kann. Nach all dieser Beschäftigung habe ich ein ganz neues, erweitertes Bild dieses Schriftstellers erhalten und kann den Preis, den er hier in meiner Stadt erhalten hat, erst angemessen einordnen. Aktuell bin ich bei meiner Lektüre „erst“ in Band 5 der „Kölner Ausgabe“ angekommen. Einiges an Sekundärliteratur, die Briefsammlungen und begleitende Lektüre von zwei Biografien, vier Romanen der Bewegung Renouveau catholique und Leon Bloys Buch über die Armut wollte ich „dazwischen schieben“, um auszuloten, was davon bei Böll Eingang gefunden oder Beeinflussung bewirkt hat. Hinzu gesellte sich ebenfalls der Roman „Vor unserer Tür“ von Philipp Wiebe, dem Künstlername, hinter welchem sich der später sich ebenfalls in der schreibenden Zunft versuchende Ernst-Adolf Kunz steckt. Diese zusätzliche „Zwischenlektüre“ scheint nun abgeschlossen, vielleicht nur vorläufig, denn immerhin handelt es sich um Bücher auch meines Vaters, womit sich ein neues, familiäres Feld eröffnen könnte. Ich werde mich jedenfalls zunächst wieder mehr den weiteren Texten Bölls widmen können – noch immer steht die erneute Lektüre des Romans „Und sagte kein einziges Wort“ an, dieses Mal in der „Kölner Ausgabe“, und zu dem es eine Romanskizze zu verfolgen gilt, womit sich der Kreis schließt. Das Böll-Projekt in Bad Dürkheim – bei mir hält es immer noch an.

Wie schon einmal vor zwei Jahren, als mich der Wettbewerb „Trialog der Kulturen“ zu einer Monate anhaltenden Beschäftigung mit der Weltreligion des Islam führte (vgl. dazu „Schulleiters Tagebuch 3“), bewirkte nun eine weitere schulische Aktivität die intensive Beschäftigung mit Heinrich Böll. Beide „Abschnitte“ mögen dafür stehen, wie bereichernd schulische Arbeit sein kann, wie sie bei persönlichen Interessen immer wieder Anstöße gibt und vertiefende Auswirkungen bereit hält und wie sich letztendlich die anhaltende Freude am Beruf wachhalten lässt, denn bei beiden Aktivitäten waren Schüler/-innen beteiligt – und plötzlich marginalisieren sich die belastenden Momente des Alltags. Für mich persönlich kommt ein weiteres Element hinzu: Wenn mich die statistischen oder bürokratischen Arbeiten eines Schulleiters nerven, wenn sich schulische Konflikte und deren Folgen in den persönlichen Alltag hineinschleichen wollen und negativ wirkender Stress mich droht zu ergreifen, dann empfinde ich die weitreichende und sich intensiv gestaltende Arbeit an einem, dem Schulalltag enthebenden, mir Abstand vermittelnden und mich weiterbringenden Thema als Erholung, als Entspannung und ich werde ihrer als Kraft gebende Stunden der Muse gewahr – genau genommen kann dies als Begründung gelten, weshalb ich dies alles in „Schulleiters Tagebuch“ notiere, denn diese Art der Beschäftigung – ich liebe sie, seitdem ich seinerzeit meine Zulassungsarbeit für das erste Staatsexamen geschrieben habe - gehört zweifellos zu mir und mag, wer weiß das schon, manches Verhalten, einiges Reagieren und (personelles und/oder pädagogisches) Handeln im Alltag der Schule verstehbarer machen. Auch dort will ich Verzweigungen ausloten, Hintergründe nicht unberücksichtigt lassen und Licht in dunkle Verästelungen von Verhalten und Inhalten bringen, denn auch Entscheidungen, die es im Schulalltag zu treffen gilt, sind nie in schwarz-weiß abzubilden, seien sie konzeptioneller, struktureller oder pädagogischer Provenienz, gerade dann nicht, wenn als Ausgangs- und im Mittelpunkt der Nutzer, also der Lernende steht. Und immer dann, wenn sich eine Entscheidung oder ein Handeln dann als gut und „satt“ im Bauch zu spüren ist, weil sie möglichst viele Ebenen berücksichtigt, dann ist dies der schönste Beruf der Welt. Wie bereits öfter betont: Wenn ich nochmal auf die Welt komme, werde ich…Lehrer!         

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