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März 2016

 

 

 

Donnerstag, 17. März 2016:

Elektronische Post aus der Schulaufsicht in Trier. Im Protokoll über das Auswahlverfahren für die schulscharfe Stelle hat sich ein Fehler eingeschlichen. Bei unserem Rang zwei und Rang vier standen dieselben Namen. Peinlich, aber schnell zu korrigieren. So ist das eben, wenn bei ständigen Unterbrechungen und unter Zeitdruck gearbeitet werden muss.

Den letzten Schultag mit seinem frühen Unterrichtsschluss nutze ich dazu, zu einer Dienstbesprechung einzuladen. Es gab bisher keine Möglichkeit, neue Kolleg/-innen dem gesamten Kollegium vorzustellen. Dazu gesellte sich manche neue Regelung, die allen bekannt gemacht werden sollte. Ich leitete mit einem Punkt ein, den ich „Positionierung der Schule“ in der Tagesordnung vermerkte. Wir sind inzwischen fünftgrößte Schule im Landkreis, gemeinsam mit der IGS Grünstadt haben wir höchste Anmeldezahl für Jahrgang 5 und im Sommer kommt der letzte Jahrgang hinzu, sowohl auf Schüler- als auch auf Lehrerseite. Das erfordert verlässliche Vorgehensweisen und so manches, was bei dem Charme des Anfangs und der kleinen Schule möglich und liebgewonnen war, muss nun in einer umfassenden Organisation geregelt werden. Das inzwischen große System kann keine einzelne Person mehr überblicken. Eine Überraschung hatte ich noch im Köcher: Heute Morgen kam die Beförderungsurkunde für die Stelle der didaktischen Koordination, die ich gleich in der Dienstbesprechung vornahm – nochmal ein weiterer Schritt in die ausgebaute Schule hinein.

Und nun wünsche ich allen an der Schule Beteiligten: Schöne und erholsame Ferien mit viel Sonnenschein!

 

Mittwoch, 16. März 2016:

Vor den Ferien finden unsere Methodentage statt. Ich genieße die etwas entspanntere Atmosphäre, wenn verstärkt Gruppen auf den Fluren arbeiten. Diese Tage gehen einher mit vielfältigen Begegnungen mit Schüler/-innen, die in aller Regel freundlichen Charakter haben, herrlich!

Zusätzlich meldeten sich zwei Vorbereitungsgruppen im Büro. Sie befassten sich mit den den beiden Abschlussfeiern, einmal die Neunt- und Zehntklässler, die nachfragten, wieviel Zeit ich für Schulleiters Rede benötige, zum anderen eine Gruppe, die sich mit der Abiturfeier befasst. Schnell wurden wir uns über den Rahmen einig, die Inhalte werden noch wachsen müssen. Mir fiel auf, wie vertraut und vertrauensvoll die beiden Gespräche verliefen. Das macht mich erneut glücklich, weil dies durchaus ein Qualitätsmerkmal einer Schule ist, das wiederum von niemand evaluiert wird oder werden kann.

Per Mail erreichte mich der verbesserte Entwurf des Flyers für das Böll-Projekt. Schnell erinnerte ich mich daran, wie ich das Papier für den doppelseitigen Ausdruck in den Drucker einlegen muss und druckte vorab fünf Flyer aus. Die Logos der beteiligten Schulen sind seit gestern (!) ergänzt. Die Spannung steig

 

Dienstag, 15. März 2016:

Im Jahr 1995 zog ich nach Bad Dürkheim. Dass dies ein glückliches Datum war, stellte ich beim ersten Besuch in der für mich neuen Buchhandlung fest, denn im selben Jahr konnte ich einer Angewohnheit, einer Marotte auch in meiner neuen Stadt frönen: Immer, wenn es mich in neue Städte oder Umgebungen verschlug, ob durch Umzug oder im Urlaub, versuche ich herauszufinden, welcher Historie ich in und mit den jeweiligen Orten begegne. In jener Buchhandlung fand ich dazu die „Streifzüge durch die Bad Dürkheimer Geschichte“ von Georg Feldmann vor, zwei Sammelbände mit vorher verstreut erschienenen Beiträgen, gerade herausgegeben von der Stadtverwaltung. Neben vielschichtigen Hinweisen auf das ehemalige Kloster Limburg, auf Personen, Namen und Gebäude der Stadt, stieß ich bereits beim ersten Durchblättern auf einen Beitrag, der sich mit der Tagung der Gruppe 47 im Jahr 1951 in Bad Dürkheim befasst. Natürlich kannte ich aus dem Studium diese lockere Zusammensetzung von Schriftstellern, zu deren Tagungen Hans Werner Richter einlud. Das literarische Ziel dieser Zeit insgesamt war auszuloten, wie Poesie und Literatur, wie Sprache insgesamt vom Missbrauch durch die Nationalsozialisten befreit werden kann und wie die Versuche aussehen könnten, nach Auschwitz für eine neue, demokratische Epoche zu schreiben. Auf diesen Tagungen lasen verschiedene Schriftsteller aus ihren Werken vor, die anschließend ausgiebig und zum Teil unbarmherzig in der Gruppe diskutiert wurden. Bei Georg Feldmann las ich nun:

„1951 wählte man als Tagungsort Bad Dürkheim. Im Mai dieses Jahres fand die 3-tägige Zusammenkunft in der Pfälzischen Kinderheilstätte statt. Auf Empfehlung von Alfred Andersch hatte Richter erstmals Heinrich Böll eingeladen. Richter berichtet: ‚Ich sitze in einer Glasveranda und streiche auf einer Liste der von mir Eingeladenen jene ab, die gerade eintrafen…Da kommt ein Mann herein, den ich für einen Monteur, Klempner oder Elektriker halte, er soll vielleicht im letzten Augenblick vor der Tagung noch etwas reparieren. Ich finde das ärgerlich und sage zu meiner Frau neben mir: ‚Was will denn der hier?‘ Richter berichtet dann weiter, Böll sei etwas irritiert gewesen und habe gefragt, ob er hier richtig sei. Auf die Frage, was er hier wolle, habe er gesagt, er solle hier vorlesen. Auf die Frage, wer er sei, habe er im rheinischen Tonfall geantwortet: ‚Böll, Heinrich‘…Nach einer ausgelassenen Nacht hatten am nächsten Vormittag um 10 Uhr die Lesungen begonnen. Böll kam fast als letzter an die Reihe. Er habe eine Erzählung über seinen Onkel gelesen mit dem Titel ‚Die schwarzen Schafe‘…Es kommt dann zur Wahl des Preisträgers. Milo Dor und Heinrich Böll erreichen die höchste Stimmenzahl. Es kommt zur Stichwahl und Böll gewinnt mit einer Stimme vor Milo. Richter: Die Zustimmung sei nicht einheitlich gewesen. Die einen hätten gratuliert. Andere seien mit deprimierten Gesichtern herumgelaufen. Einer habe gesagt, das sei das Ende der Gruppe 47.“ (Feldmann, ebd. S.351)

Dieser Preis der Gruppe 47 stellte für Böll zunächst ein Preisgeld von 1.000 DM dar, für den mittellosen Schriftsteller mit Familie eine besondere Summe. Bedeutender im Nachhinein ist aber, dass dieser Umstand die Initialzündung für die öffentliche Wahrnehmung des bedeutendsten deutschen Schriftstellers in der Nachkriegszeit darstellt, dessen Höhepunkt sicherlich im Dezember 1972 die Verleihung des Literaturnobelpreises markiert. Bezeichnend finde ich, dass die Meinungen über seine Werke von Anfang an auseinander gingen. Ich selbst habe keinen Schriftsteller so intensiv gelesen und kein Tod eines Schriftstellers hat für mich einen solchen, von fern erlebten, Verlust bedeutet, nicht der von Günter Grass, nicht der von Siegfried Lenz und nicht der von Max Frisch. Kein Schriftsteller hat so in mich hineingewirkt wie eben - Heinrich Böll. Doch es ist still geworden um ihn. Seine Themen und seine Person scheinen, auch in den neu erscheinenden Schulbüchern für das Fach Deutsch, bereits neben Schiller, Storm und all den anderen nur noch als historisch betrachtet werden zu können. Auf die fünfbändige Ausgabe seiner Romane und Erzählungen, die sich nach wie vor mit den zum Teil gebrochenen Klebebindungen in meinem Bücherregal findet, hat sich auch bei mir Staub gelegt. Unterstreichungen und Markierungen zeigen bis heute: ich habe sie einmal alle gelesen. Auch die neun Bände mit seinen Schriften und Reden von 1947 bis 1985, jene weißen, inzwischen etwas angegilbten, dtv-Taschenbücher mit den so geliebten Strichzeichnungen von Celestino Piatti auf dem Einband, rückten durch die hinzugestellten Neuerscheinungen der letzten 30 Jahre eher an den Rand. Dennoch ist Heinrich Böll nicht nur in meinem Regal präsent. Mindestens drei Linien kann ich von ihm und seinem Werk zu mir ziehen. Vorsichtig formuliert, könnten sie für mich heißen: der Blick auf den Menschen, das Ungemach mit der katholischen Kirche und Ausgangspunkt des Erzählens.

Als ersten „Faden“ habe ich Bölls Bild vom Menschen als prägend in mich eingewoben, der beispielhaft in der Schrift „Die ‚Einfachheit‘ der ‚kleinen‘ Leute und ihre mögliche Größe‘ (1978) formuliert ist:

„Wenn ich über das Zeugnis der Domitila schreibend, ‚Einfachheit‘ und ‚klein‘ in Gänsefüßchen setze, so entspricht das meiner Erkenntnis, dass es ‚einfache‘ Menschen nicht gibt: Ich bin jedenfalls noch keinem ‚einfachen‘ Menschen begegnet; und das Adjektiv ‚klein‘ wird ja wie das Adjektiv ‚einfach‘ mit leichtfertiger Herablassung  als Klassenmerkmal benutzt; es assoziiert Armut, Unbildung, Ohnmacht oder Machtlosigkeit; die ‚kleinen‘, ‚einfachen‘ Menschen sind gewöhnlich die Unterworfenen oder die stummen Untertanen.

Ein verhängnisvoller Irrtum: gerade ‚einfache‘ Menschen, deren es übrigens auch einige im höheren Management gibt, sind gewöhnlich sensibler und verletzlicher als die, die gebildet und geübt genug sind, sich flink zu artikulieren und aus ihrer Zunge eine Klinge machen können. Hin und wieder billigt man Autoren und Künstlern eine höhere Sensibilität zu als ‚gewöhnlichen‘ Menschen. Ich wehre mich dagegen: Die Sensibilität eines Verkäufers oder eines Bankbeamten sollten den gleichen Wert haben wie die eines Autors, der immerhin das Glück hat, seiner Sensibilität Ausdruck zu verleihen“.

Für wahr: Die Menschen, die während meines Lebens bedeutende Rollen in Politik, Kirche und Öffentlichkeit begleiteten, so genannte angeblich ‚große‘ Menschen also, lebten oft an sich, ihrem Kern und am Leben vorbei, hatten mehr ihre eigenen Interessen, die Macht, ihren Einfluss und die Steigerung ihres Reichtums zum Inhalt ihrer Handlungen gemacht, als ihre angebliche „Größe“ dazu zu nutzen, die Situation der ‚einfachen‘ Menschen zu verstehen und zu verbessern, hin und wieder sogar auf deren Kosten. Bis heute biegen die einen die Wirklichkeit und das Leben in ihrem Sinne zurecht, blicken, sich selbst erhebend, herablassend auf die anderen herab und halten das auch noch für normal oder naturgegeben. Unterstützt und fortgesetzt wird dies auch in einem gegliederten Schulwesen, das die einen von den anderen von vorneherein trennen will, damit die „einfachen“ und die anderen unter sich bleiben. Es sei angemerkt, dass als Beispiel für viele Bereiche auch jede einzelne Schule nur funktionieren kann, wenn sie im Winter geheizt und jeden Tag gereinigt wird, wenn die Wasserhähne funktionieren, die Lampen instand gehalten werden und wenn Briefe und Schriften angemessen getippt und archiviert werden. Diese elementaren Aufgaben als solche von ‚kleinen‘, ‚einfachen‘ Menschen zu postulieren, verkennt deren Wichtigkeit für den Tagesablauf einer Schule. Das lässt sich auf den Alltag übertragen, auf die Arbeit der Stadtreinigung, der Wasserwerke und des Straßenbaus. Wer wertschätzt beim Frühstück mit frischen Brötchen die lange zuvor begonnene Arbeit des Bäckers? Heftig wies ich vor Jahren einen Schüler zurecht, der seinen Bleistift mit der Bemerkung auf den Boden spitzte: „Das kann doch die Putzfrau heute Mittag wegmachen!“ Gerne kokettiere ich auch mit der Aussage, dass ich, Sohn eines Bergmanns und Maurers, den Hauptschulabschluss gemacht habe. Es sei eingeräumt, dass dabei die beiden Fakten stimmen, nicht aber die Chronologie, denn zur Zeit meines ersten Schulabschlusses hatte mein Vater „seinen Beitrag“ zur Reparation geleistet und war längst nicht mehr unter Tage und auch nicht mehr im Maurerhandwerk tätig. Er beschritt seinen Weg bis in den Bundesvorstand des Deutschen Jugendherbergswerks, ich den meinen bis hin zum Schulleiter – die Verblüffung, die ich dennoch regelmäßig hervorrufe als einer, der seine Herkunft aus „einfachen“ Verhältnissen ableitet und der hoffentlich damit eine veränderte Justierung gegenüber ‚einfachen‘ Menschen, die solches nicht sind, anstoßen will, verleiten mich dazu. Gerade im zu Ende gegangenen Wahlkampf blitzte immer wieder die Einfachheit (ohne Anführungszeichen!) immerhin von Landespolitikern durch, die nicht in erster Linie als durchdacht, geschweige denn als sensibel, gelten können, bisweilen getrost auch stumpf (oder gar dumm?) bezeichnet werden können. Für diesen Zugang zu einem humanen, weil mitempfindenden und ernstnehmenden Blick auf den Menschen als Ausgangspunkt für alles, hat Böll für mich die treffendsten Worte formuliert und haltbar gemacht.

Anders empfinde ich meinen Zugang zum literarischen Werk von Heinrich Böll. Zu den Romanen habe ich meist eine nicht weichende Kluft empfunden. Zwar erkannte ich die grundsätzliche Wertschätzung wieder, aber die Figuren seiner Romane leiden seltsam an sich und der Welt, können dieses Leid aber nicht in produktive Lebensgestaltung ummünzen. Da findet sich etwa Heinrich Brielach in „Haus ohne Hüter“ nach dem Krieg einer Mutter gegenüber, die Beziehungen mit wechselnden Männern eingeht, Heinrich hilflos immer wieder „Onkel-Ehen“ miterlebt, aber eben keinen Vater; da ist die etwas unnahbare und stolz wirkende Leni Pfeiffer in „Gruppenbild mit Dame“; da sind die drei Generationen der Familie Fähmel in „Billard um halbzehn“, von denen der Großvater eine Abtei baut, die aus kriegstaktischen Gründen (freies Schussfeld) vom Vater eingerissen wird und vom Sohn wieder aufgebaut wird – Bölls opus über die unbewältigte oder verdrängte deutsche Geschichte; nicht zu vergessen Hans Schnier in „Ansichten eines Clowns“ der mit der Trennung seiner Frau von ihm nicht zurechtkommt und schließlich auch „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, die unversehens kalkuliertes Opfer der Medien, speziell einer Zeitung, aber auch der Öffentlichkeit wird. Bölls Figuren sind in gewisser Weise Außenseiter und Sonderlinge, welche mit dem Leben in der Gesellschaft, den Folgen des Krieges und der Nachkriegszeit nicht zurechtkommen. Die Romane wirken manchmal auf mich allzu konstruiert und thematisch zu gewollt. Viel näher ist mir Heinrich Böll in seinen Kurzgeschichten, vor allem aus der Frühzeit seines Schaffens. Ich denke da an, „Die Botschaft“ (1947), „Wiedersehen in der Allee“ und „Wir Besenbinder“ (beide aus 1948). „Steh auf, steh doch auf“ (1950) und natürlich aus demselben Jahr „Wanderer kommst du nach Spa…“. Aus diesen und anderen Geschichten habe ich mein Bild des Krieges gebildet, das fernab von irgendwelchen Heldentaten die grausame Zerstörung von auch überlebenden Menschen schildert. „Der junge Böll zeigt nicht, wie die Menschen den Krieg machen, sondern was der Krieg aus den Menschen macht“ (Marcel Reich-Ranicki, Mehr als ein Dichter, Über Heinrich Böll, Köln 1986, S.24). In „Die Botschaft“ heißt es im Angesicht einer furchtbar verzweifelten Witwe, der der Ich-Erzähler eben den Ring ihres Mannes und die Nachricht von seinem Tod überbracht hat:

 „Da wusste ich, dass der Krieg niemals zu Ende sein würde, niemals, solange noch irgendwo eine Wunde blutete, die er geschlagen hat.“

Oder in „Wiedersehen in der Allee“, als zwei Soldaten eine lange Nacht trinkend im Graben verbringen und denen der Alkohol langsam die Zunge lockerte:

 „Über den Krieg, unsere Gegenwart, hatten wir kein Wort mehr zu verlieren. Zu oft und zu innig hatten wir seine zähnefletschende Fratze gesehen, und sein grauenhafter Atem, wenn die Verwundeten in dunklen Nächten in zwei verschiedenen Sprachen zwischen den Linien klagten, hatte uns zu oft das Herz erzittern gemacht. Wir hassten ihn zu sehr, als dass wir noch glauben mochten an die Seifenblasen der Phrasen, die das Gesindel hüben wie drüben aufsteigen ließ, um ihm den Wert einer ‚Sendung“ zu geben“.

In den Kurzgeschichten lese ich die Unmittelbarkeit des Erlebten, da muss nichts konstruiert und zusammengefügt werden, da beschreibt einer geradewegs, dicht und gekonnt, wie und was er gesehen und erlebt hat mit solch eindringlichen Worten, die Jahrzehnte danach noch mit derselben Wirkung in mir ankommen. Mit diesem Erleben stehe ich anscheinend nicht allein da. Bereits aus dem Jahr 1963 findet sich die Aussage Reich-Ranickis:

„Diese Bücher der fünfziger Jahre waren zugleich hartnäckige Versuche, die Form des Romans zu meistern…Der Sprung von der Kurzgeschichte und der Novelle zum Roman wollte nicht recht gelingen. Im gewissen Sinn blieb Böll stecken – nicht im Vordergründigen, wohl aber im Fragmentarischen“ (ebd.S.29)

Böll litt an der Gegenwart ebenso wie seine Figuren, sei es die Gegenwart des Krieges oder die Gegenwart der Bundesrepublik Adenauers, zu Zeiten Willy Brandts litt er auch unter dem Radikalenerlass und der SPD. Böll litt unter dem NATO-Doppelbeschluss und er litt unter der Presse nicht nur aus dem Hause Springer, er litt an der Gegenwart der Amtskirche und immer an Heuchelei und Ungerechtigkeit. Vor allem aber litt er mehr als andere. Die Themen Bölls kannte ich und nicht selten waren es mitunter auch meine Themen (s.u.), aber ich litt nicht derart unter ihnen, suchte meinen Weg durch Distanz, vielleicht auch durch Anpassung oder Inkonsequenz. Das, so glaube ich, konnte für Heinrich Böll der Weg nicht sein.

„So könnte man glauben, das Leben habe es gut mit ihm gemeint. Aber warum war er, Heinrich Böll, doch kein zufriedener, kein glücklicher Mensch? Das hatte wohl mit denselben Tugenden zu tun, die seine Leistung und Taten ermöglichten – mit seiner extremen Empfindlichkeit und seiner nervösen Reizbarkeit, mit seiner Leidensfähigkeit. Sie bildeten allesamt, dessen können wir sicher sein, eine schwere Bürde: Er war ein Beschenkter und ein Beladener, er war gesegnet und geschlagen zugleich“ (ebd.S.110)   

Er, der später weltweit angesehene und erfolgreiche Schriftsteller, lässt die Hauptfigur der Erzählung „Der Zug war pünktlich“ schon 1949 am Ende Worte sagen, die für den Autor selbst gelten könnten: „…auf meiner Brust liegt das Gewicht der Welt so schwer, dass ich keine Worte finde zu beten“. Heinrich Böll war im Gegensatz zu dem flinken Etikett „Dichter der unbewältigten Vergangenheit“ – ein Dichter der „unbewältigten Gegenwart“ (ebd.S.20). Noch deutlicher als in seinem epischen Werk wird das für mich in den Reden und Schriften, die von allem Anfang einen wichtigen Anteil an Bölls Bekanntheit (und meiner Hochachtung) haben. Zum Teil saugte ich sie auf und aus. Sie waren und sind mir Orientierung, Definition, Anstachelung, Weckruf, Korrektur und Mahnung zugleich. Wie ein quietschendes Fensterleder entfernen sie mir die letzten Schleier und Schlieren, lassen mich neu sehen und lenken die Gedanken auf das Hintergründige, Genaue, Verblüffende und Wesentliche. Eine ganze Reihe von ihnen habe ich immer wieder gelesen, um die Gedanken präsent zu halten. Etwa: „Zur Verteidigung der Waschküchen“ (1959), „Gewalten, die auf der Bank liegen“ (1972), „Vorwort zu ‚Unfertig ist der Mensch‘“ (1966), „Die Freiheit der Kunst“ (1966), „Soviel Liebe auf einmal. Will Ulrike Meinhof Gnade oder freies Geleit?“ (1972), und natürlich: „Die ‚Einfachheit‘ der ‚kleinen‘ Leute und ihre mögliche Größe“ (1978), um nur einige zu nennen. Käme ich in die Zwangslage, eine Rangfolge erstellen müssen, was doch gar unmöglich ist, so stünde das „Bekenntnis zur Trümmerliteratur“ (1952) auf einem der vorderen Plätze. In diesem Text schildert Heinrich Böll das „gute Auge“ als das grundlegende Handwerkszeug des Schriftstellers:

„Nehmen wir an, das Auge des Schriftstellers sieht in einen Keller hinein: dort steht ein Mann an einem Tisch, der Teig knetet, ein Mann mit mehlbestäubtem Gesicht: der Bäcker. Er sieht ihn dort stehen, wie Homer ihn gesehen hat, wie er Balzacs und Dickens‘ Augen nicht entgangen ist – den Mann, der unser Brot backt, so alt wie die Welt. Aber dieser Mann dort unten im Keller raucht Zigaretten, er geht ins Kino, sein Sohn ist in Russland gefallen, dreitausend Kilometer weit liegt er begraben am Rande eines Dorfes; aber das Grab ist eingeebnet, kein Kreuz steht darauf, Traktoren ersetzen den Pflug, der diese Erde sonst gepflügt hat. Das alles gehört zu dem bleichen und sehr stillen Mann dort unten im Keller, der unser Brot backt – dieser Schmerz gehört zu ihm, wie auch manche Freude dazugehört.

Und hinter den verstaubten Scheiben einer kleinen Fabrik sieht das Auge des Schriftstellers eine kleine Arbeiterin, die an einer Maschine steht und Knöpfe ausstanzt, Knöpfe, ohne die unsere Kleider keine Kleider mehr wären, sondern lose an uns herunterhängende Stofffetzen, die uns weder schmücken noch wärmen würden: diese kleine Arbeiterin schminkt sich die Lippen, wenn sie Feierabend hat, auch sie geht ins Kino, raucht Zigaretten; sie geht mit einem jungen Mann spazieren, der Autos repariert oder die Straßenbahn fährt. Und es gehört zu diesem jungen Mädchen, dass ihre Mutter irgendwo unter einem Trümmerhaufen begraben liegt: unter einem Berg schmutziger Steinbrocken, die mit Mörtel gemengt sind, unten tief irgendwo liegt die Mutter des Mädchens, und ihr Grab ist ebenso wenig mit einem Kreuz geschmückt wie das Grab des Bäckersohnes. Nur hin und wieder – einmal im Jahr – geht das junge Mädchen hin und legt Blumen auf diesen schmutzigen Trümmerhaufen, unter dem seine Mutter begraben liegt.

Diese beiden, der Bäcker und das Mädchen, gehören unserer Zeit an, sie hängen in der Zeit, Jahreszahlen sind um sie geschlungen wie ein Netz; sie aus einem Netz zu lösen hieße, ihnen ihr Leben zu nehmen, aber der Schriftsteller braucht Leben, und wer anderes könnte diesen beiden ihr Leben erhalten als die Trümmerliteratur? […] Wer Augen hat zu sehen, der sehe! Und in unserer schönen Muttersprache hat Sehen eine Bedeutung, die nicht mit optischen Kategorien allein zu erschöpfen ist: wer Augen hat, zu sehen, für den werden Dinge durchsichtig – und es müsste ihm möglich werden, sie zu durchschauen und man kann versuchen, sie mittels der Sprache zu durchschauen, in sie hineinzusehen. Das Auge des Schriftstellers sollte menschlich und unbestechlich sein…“.

Durch diese Schriften und Reden, ergänzt durch zahlreiche öffentliche Auftritte und Interviews, gepaart mit einem für jeden spürbaren Charisma, wuchs das Ansehen von Heinrich Böll, er wurde empfunden und betitelt als „Gewissen der Nation“, als „moralische Instanz“ und als „Repräsentant des neuen Deutschland“. In einem Gespräch mit Christian Linder, erschienen 1975 unter dem Titel „Drei Tage im März“, bekundet Böll sein großes Unbehagen darüber. Er sieht sich in diese Rolle, die er nie haben wollte, hineingedrängt, weil die „öffentliche Meinung“ nicht mehr funktioniert:

„Es gibt ja dieses Wort vom Gewissen der Nation, das Grass und ich und andere sein sollten – das halte ich für lebensgefährlichen Wahnsinn: das Gewissen der Nation ist eigentlich ihr Parlament, ihr Gesetzbuch, ihre Gesetzgebung und ihre Rechtsprechung, das können wir nicht ersetzen und das maßen wir uns auch gar nicht an […] Er [der Soziologe Schelsky] sollte sich gleichzeitig überlegen, wie solche Bilder entstehen; wie ein Mensch, der eigentlich nur Schriftsteller ist, in eine solche Rolle gedrängt werden kann und warum er immer wieder aufgefordert worden ist, diese Rolle zu übernehmen. Ich habe sie nicht übernehmen wollen […] Ich nenne Ihnen ein Beispiel: den Freispruch für den Euthanasiearzt Dr. Borm. Das war wirklich eine fast unglaubliche Sache. In diesem Augenblick hätten alle moralischen Autoritäten aufschreien müssen, nicht um Herrn Borm ins Kittchen zu bringen, es ist ja kein Rachegedanken dabei, sondern…also sagen wir mal: wenn die katholische Bischofskonferenz über den Schutz des Lebens redet und Euthanasie verwirft, hätte sie und hätten auch die Instanzen der evangelischen Kirche in diesem Augenblick Alarm schlagen müssen. Wenn ein solches Vergehen straffrei würde und in der Öffentlichkeit sich keine einzige Stimme meldet, dann kommen also diese komischen […] Intellektuellen und protestieren.“ (ebd.S.105ff).

 Ob Instanz oder nicht, ob mehr Gewissen oder weniger, ich selbst war immer neugierig, ‚was Böll dazu sagt‘. Und wenn heute gesellschaftliche Konflikte oder Themen diskutiert werden, wie derzeit der Zuzug von Flüchtlingen, vermisse ich seine Stimme und seine Einmischung und mache mir Gedanken darüber, was er wohl gesagt hätte oder leite von eben diesen (nicht-epischen) Schriften eine mögliche Position ab. 

Da spinnt sich aber noch ein zweiter Faden zu mir. Meine wesentliche Lektüre der Werke Bölls fiel in die Zeit auch des Theologiestudiums. Nur wenige meiner Kommiliton/-innen  hatten ein ungetrübtes Verhältnis zu der katholischen Kirche als Institution, gerade zu der deutschen Abteilung, die nicht unwesentlich im konservativen Habitus der Adenauerzeit stecken geblieben schien. Auch hierbei legt Böll keinen theoretischen Ansatz vor, keine systematisch durchdachte Auseinandersetzung. Wiederum lässt er seine Figuren darüber klagen oder geht von konkreten Anlässen aus. So denkt Hugo, der immer wieder in „Billard um halbzehn“ von „ihnen“, den Mitschülern, geschlagen und malträtiert wurde grundsätzlich über das folgenlose Christsein im Alltag nach:

„…und während sie mich schlugen, dachte ich: Wozu ist Christus gestorben, was nützt mir denn sein Tod, wenn sie jeden Morgen beten, jeden Sonntag kommunizieren und die großen Kruzifixe in ihren Küchen hängen, über den Tischen, vor denen sie Kartoffeln mit Sauce und Braten oder Kraut mit Speck essen? Nichts. Was soll das alles, wenn sie mir jeden Tag auflauern und mich verprügeln? Da hatten sie also seit  fünfhundert oder sechshundert Jahren – und waren sogar stolz auf das Alter ihrer Kirche - hatten vielleicht seit tausend Jahren ihre Vorfahren auf dem Friedhof begraben, hatten seit tausend Jahren gebetet und unterm Kruzifix Kartoffeln mit Sauce und Speck mit Kraut gegessen. Wozu? Und wissen Sie, was sie schrien, während sie mich verprügelten? Lamm Gottes. Das war mein Spitzname“.

Oder Hans Schniers Anklage etwa in „Ansichten eines Clowns“:

„Ich litt auf eine kaum noch erträgliche Weise unter dem, was in Maries religiösen Büchern irrtümlich als ‚fleischliches Verlangen‘ bezeichnet wird. Ich hatte Monika viel zu gern, um mit ihr das Verlangen nach einer anderen Frau zu stillen. Wenn in diesen Büchern stünde: Verlangen nach einer Frau, so wäre dies schon grob genug, aber einige Stufen besser als ‚fleischliches Verlangen‘. Ich kenne nichts Fleischliches außer Metzgerläden und selbst die sind nicht ganz fleischlich…Alles, was über diese drastische Sache gesagt, gepredigt und gelehrt wird, ist Heuchelei. Ihr haltet im Grunde eures Herzens diese Sache für eine aus Notwehr gegen die Natur in der Ehe legitimierte Schweinerei – oder ihr macht euch Illusionen und trennt das Körperliche von dem, was außerdem noch zu der Sache gehört – aber gerade das, was außerdem noch dazugehört, ist das komplizierte. Nicht einmal die Ehefrau, die ihren Eheherrn nur noch erduldet, ist nur Körper – und nicht der dreckigste Trunkenbold, der zu einer Dirne geht, ist nur Körper, wo wenig wie die Dirne. Ihr behandelt die Sache wie eine Silvesterrakete – und sie ist Dynamit“.

Bölls kritische Anmerkungen zur päpstlichen Enzyklika „Humanae vitae“ „Taceat Ecclesia“, geht ein Lehrschreiben grundsätzlicher an:

„Die Enzyklika ‚Humanae vitae‘ könnte sich schon bal als ein Dokument der Befreiung für die römischen Katholiken erweisen. Sie wird als nicht unfehlbar bezeichnet; das bedeutet – nimmt man die doppelte Negation weg -, als fehlbar. Gleichzeitig wird Unterwerfung unter den so genannten Glaubensgehorsam verlangt: eine blinde Hinnahme als fehlbar bezeichneter Ratschläge…weil die Enzyklika wieder einmal ein Ausdruck kirchlicher Verkennung jenes äußerst komplizierten Vorganges ist, den man groberweise Geschlechtsakt nennt. Diese Verkennung ist die Folge einer allzu lange praktizierten Schnödigkeit der römischen Kirche gegenüber der geschlechtlichen Liebe, vor allem gegenüber der Frau, die geschaffen wurde, damit der Mensch nicht allein sei…Was mag das wohl sein: eine keusche Vereinigung der Eheleute, und was erst mag das mit einer solchen Formulierung vorausgesetzte andere sein: eine unkeusche Vereinigung der Eheleute? Eine solche Bezeichnung ist ganz einfach eine Beleidigung auf dem Umweg der Verkennung. Rührend ist auch, wie sie ein ganz klein wenig zu spät kommt, die Sorge der Kirche um das ‚physische und psychische Gleichgewicht der Frau‘. Abgesehen davon, dass mir das dritte Element, das spirituelle Gleichgewicht der Frau zu fehlen scheint – ich sehe da ganze Heerscharen psychisch, physisch, spirituell und nervlich ruinierter Frauen, die im Laufe der Kirchengeschichte rücksichtslos auf dem Altar der bürgerlichen Ehe geopfert worden sind, während ihre ungalanten Herren, Gebieter und Meister sich brutal, ‚keusch‘ und völlig legal an ihnen vergingen oder sich anderswo ‚unkeusche‘ Freuden besorgten.“

Solche Aussagen, hintergründig und ohne groß theologisch zu argumentieren, faszinierten uns Studenten und wir sahen in Böll einen, unseren Vertreter eines im Gegensatz zur Amtskirche stehenden Linkskatholizismus. Während andere Vertreter wie etwa Walter Dirks, Walter Jens und Hans Küng eher die akademische Auseinandersetzung führten, sahen wir in Bölls Worten den glaubhaft geerdeten und ursprünglichen Kern der christlichen Botschaft formuliert.

Der dritte Faden, den ich von Böll zu mir ziehe, ist die Erzähltechnik. Bewusst und fasziniert wahrgenommen habe ich sie erstmals in Bölls Werken. Wie oben geschildert, ist für ihn das sehende Auge des Schriftstellers die Grundlage für das Schreiben. Oft nimmt Böll scheinbar unwichtige Gegenstände oder Gegebenheiten in den Blick, macht sie durchsichtig und nimmt sie als Anfang, um von ihnen ausgehend, eine sich dann verzweigende Geschichte reifen zu lassen. Es mag sein, dass dahinter auch die uns gemeinsame katholische Sozialisation mit der dazugehörigen Sakramentenlehre sichtbar wird. Bei allen Sakramenten der katholischen Kirche ist eine Materie konstitutiv (Wasser, Licht, Balsam, Hostie, Ring), die eine, über die Materie hinausgehende Bedeutung erhält. So auch immer wieder bei Heinrich Böll.  Ich denke da an die „Abenteuer eines Brotbeutels“ (1950) oder auch „Das Schicksal einer henkellosen Tasse“ (1955). In dem erwähnten Gespräch mit Christian Linder spricht Heinrich Böll auch über das „Material“, das er zum Schreiben einer Geschichte oder eines Romans benötigt. „Diese Handvoll Staub, die sogar laut Bibel Gott braucht, um den Menschen zu schaffen, er brauchte, offenbar, ja Material, und das braucht natürlich auch ein Schriftsteller […] das kann sehr wenig sein“ (Linder, S.51). In meinem Zimmer hängt in der Nähe der Dachgaube ein alter Setzkasten. In den einzelnen kleinen Fächern befanden sich einmal die einzelnen Bleilettern, deren sich ein Setzer für das Erstellen einer Druckplatte bediente. In ihm versammle ich Kleinigkeiten längst oder jüngst vergangener Zeit. Jede einzelne steht für ein Erlebnis, eine Erinnerung oder eine Erfahrung. Ich stelle mir vor, Böll könnte mit diesem „Material“, von jedem Gegenstand ausgehend, eine Geschichte erzählen. Die beiden Macadamia-Nüsse, die ich von der Besichtigung einer Plantage während eines Australienaustauschs mitgebracht habe, könnte er zum Anlass nehmen, über die Sehnsucht einiger Australier nach ihren europäischen Wurzeln zu schreiben, sind sie doch Nachkommen von Auswanderern, die auch ihre Geschichte zurückließen; aus den Terra sigillata-Scherben, diesem gehobenen Tafelgeschirr bei den Römern, die ich von einem Acker bei Altrip habe, würde vielleicht die Geschichte einer vor Liebe sich verzehrenden Christin ersinnen, die unter ihrem herrschsüchtigen und auch unter Alkoholeinfluss gewalttätigen Ehemann gelitten hat und die mit einem Soldaten nach Germania geflohen ist, weil sie auch von ihrem Beichtvater im Stich gelassen wurde; das winzige Modell einer Moschee aus Kristallglas stammt von einem Türkeiurlaub, Heinrich Böll würde davon ausgehend, eventuell eine beißende Satire schöpfen, welche die derzeitigen Verhandlungen zwischen der Europäischen Union und der Türkei in Sachen Flüchtlinge zum jeweils eigenen Vorteil aufs Korn nehmen würde; möglich wäre auch eine herrlich ruhige Schilderung eines türkischen Mannes, der sich von mir in  einer einsam gelegenen antiken Stätte eine Zigarette erbeten hat, beide saßen wir rauchend an einem Hang, blickten uns immer wieder schweigend und freundlich an, denn wir verfügten über keine gemeinsame Sprache, er führte mich, mit der Hand winkend, anschließend an eine etwas abgelegene Stelle der antiken Anlage, scharrte etwas Laub und Holz zur Seite und zeigte mir ein im Original erhaltenes Fußbodenrelief; hinter dem kleinen, in Buchform gefeilten Metallstück mit der Gravur „Tagebuch“, das ich als Probestück eines Weihnachtsgeschenkes für meine erste Liebe in der Werkstatt der Berufsfachschule angefertigt habe, würde bei Böll vielleicht die Idee einer hinreißenden und dennoch tragisch endenden Liebesgeschichte aufkommen. Die Erzähltechnik kenne und liebe ich, das „Material“ hätte ich zur Verfügung. Heinrich Böll würde aber wohl keine Auftragsarbeit mit fremdem „Material“ annehmen, berichtet er bei Linder doch von vielen von ihm abgelehnten Hinweisen, er könne doch mal dies oder jenes schreiben. Mir selbst fehlt dazu das Talent, sodass diese Kurzgeschichten also ungeschrieben bleiben werden, der hintersinnige Blick aber auf und hinter scheinbar belanglose Kleinigkeiten wird mir weiter Lust auf den nicht sichtbaren Facettenreichtum des Lebens bereiten.         

„Aber mit seiner Leserschaft und mit der Heerschar seiner Interpreten wächst auch die Zahl derer, die seinen Weg und seine Funktion unzufrieden oder skeptisch beobachten. Diesem Prediger mit der Narrenkappe, diesem Moralisten mit clownesken Zügen verübeln die einen das Predigen und das Moralisieren, die anderen das Närrische und das Clowneske. Für die einen ist er noch heute, wie in den stürmischen sechziger Jahren, zu links und zu stürmisch, für die anderen zu wenig links und zu zahm. Die einen halten ihn für provinziell, die anderen für allzu bürgerlich. Den einen geht seine hartnäckig betonte Katholizität auf die Nerven, die anderen ärgert sein bisweilen scheinbar frivoles Verhältnis zur katholischen Kirche.“ (Reich-Ranicki, S.74).

Am Ende dieser Betrachtungen sollen die Worte von Marcel Reich-Ranicki stehen, mit denen er 1985 den letzten Roman Bölls „Frauen vor Flusslandschaft“ rezensiert hat und die mit „Letzter Abschied“ überschrieben sind:

„Von allen Büchen Heinrich Bölls scheint mir dies das traurigste, das bitterste. Es ist eine Elegie mit bizarren Zügen, ein Requiem mit satirischen Akzenten. Aus diesen Monologen und Dialogen sprechen die schmerzhaften Enttäuschungen eines Deutschen und eines Christen, der es sich immer schwergemacht hat. Wer weiß, ob sich der Lebensweg dieses erfolgreichen Schriftstellers nicht insgeheim einer Passionsgeschichte näherte. Wie auch immer: Wir werden niemals seinesgleichen sehen.“ (ebd.S.118).

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Weshalb notiere ich das alles an dieser Stelle? Weil ich dies als Hintergrund benötige, um die innere Bewegung erahnen zu lassen, die vor vier Wochen eine Mail in mir auslöste. Zum 65. Mal jährt sich in diesem Jahr die Tagung der Gruppe 47 in Bad Dürkheim. Aus diesem Anlass finden Literaturtage mit dem Titel „Literatur und Engagement in Zeiten von Flucht und Vertreibung“ am Originalschauplatz, der heutigen Lebenshilfe, statt mit Lesungen, Ausstellungen und Workshops mit Schüler/-innen der umliegenden Schulen. Da kreuzen sich überraschend und erneut zwei Wege. Dieses Mal bis in die Schule hinein. Wie sollte ich da ruhig bleiben. Ich antwortete sofort aus dem Bauch heraus und wollte mehr dazu wissen. Es gab aber noch nicht viel zu wissen, da die Planung dieser Tage noch sehr in den Anfängen steckte. Fest stand nur die Ausstellung der Heinrich-Böll-Stiftung, ein Treffen des deutschen PEN-Zentrums und eine Literaturdiskussion als Finissage mit den in den Workshops entstandenen Werken. Heute nun traf sich eine Gruppe mit Vertretern der Schulen, die Interesse bekundet haben und brachten die angebotenen Arbeitsgruppen in etwas trockenere Tücher. Nach einigen Startschwierigkeiten die große Freude: Die IGS ist mit zwei Workshops dabei!

 

Montag, 14. März 2016:

Die Landtagswahlen sind gelaufen, nun kann wieder für knapp fünf Jahre Ruhe und Bewegung in die Politik einkehren. Drei Dinge gehen mir bei den Wahlergebnissen durch den Kopf: Zunächst ist erst die Wahl die Wahl. Keine vorher erforschte Prognose, kein Stimmungsbild und keine Umfrage konnten und können das Wahlergebnis vorhersagen. Daher ist die Wahl und sind die Wähler von so großer Bedeutung. Allen Nichtwähler/-innen sei dies erneut ins Stammbuch geschrieben. Weiter: Es kommt letztlich und Gott sei Dank immer noch auf die Personen an. Da mögen Wahlkampfplaner wichtige oder falsche Strategien austüfteln, da mögen Parteitage Programme, die sich hie und da unterscheiden mögen, entwerfen und verabschieden – letztlich sind die Spitzenkandidat/-innen die Zugpferde oder eben auch nicht. Und ein Drittes: Am Wahlabend aufzuwachen und überrascht zu sein, wie hoch dann doch das Potenzial an so genannten Protestwähler/-innen ausgefallen ist, erscheint mir unprofessionell.

Wie auch immer: Am Tag nach einer Wahl, deren Ausgang im Vorfeld als Kopf-an-Kopf-Rennen erwartet wurde, einen Termin im Ministerium wahrnehmen zu können, ist eine ganz besondere Erfahrung. Der Termin stand schon etwas länger fest: der Vorstand der Direktorenvereinigung wollte mit dem zuständigen Referenten über die Perspektiven, über die Inhalte und die agierenden Personen ins Gespräch kommen. Wir fanden eine entspannte Stimmung auf den Fluren vor, denn, so der einen oder anderen Aussage nach, saßen durchaus einige in diesem „hohen Haus“ angesichts der Wahl-Vorhersagen auf gepackten Koffern. Nun war zwar an diesem Morgen im Grunde noch nichts klar (Oder gab es trotz aller Dementi schon getroffene Absprachen vor dem Wahlergebnis?), aber eine deutliche Entspannung ließ die besagten Gepäckstücke erstmal in die Besenkammern verschwinden. Wahldiskussionen fanden allerorten statt. Wir bekamen sie unter anderem in der Schlange zu hören, die sich in der Kantine vor der Essensausgabe gebildet hatte. War es eine Besonderheit dieses Morgens oder der übliche Ablauf in einem Ministerium? Jedenfalls waren verschiedene Abteilungsleiterinnen und die Ministerin selbst anwesend. Nun bin ich seit acht Jahren im Schulleitergeschäft tätig und bringe mich an verschiedenen Stellen gerne ein. Dass sich dadurch inzwischen ein – neudeutsch – gewisses Netzwerk gebildet hat, dessen Fäden sich bis ins Ministerium erstrecken, spürte ich überrascht erst heute. Da wurde ich, in der Schlange stehend, gegrüßt: “Hallo, Herr Dumont, was machen Sie denn hier?“; da wurde mir ein begrüßendes Lächeln zugeworfen und mir zugewinkt. Was unsere Schulform anbelangt, analysierten wir erneut den Unterschied zwischen den „alten“ Gesamtschulen, die viel stärker aus dem Antrieb heraus entstanden sind, eine andere Schule zu entwickeln und zu etablieren, und den zahlreichen „neu errichteten“ IGSn, deren Gründung sich stärker aus der kommunalpolitischen Konstellation im Zuge der Schulstrukturreform speist, als aus einer, wie auch immer sich gestaltenden, pädagogischen Innovation heraus. Dieser Unterschied spielt bis in die einzelnen Elemente der jeweiligen pädagogischen Konzepte hinein. Der Versuch einer grundsätzlichen Bestandsaufnahme für die IGS musste bei diesem Unterschied bisher ins Leere laufen. Über regionale Treffen wollen wir in dieser Richtung aber weiterkommen. Einen Auftrag hatte ich noch aus der eigenen Schule zur Klärung mitgebracht: Mit welchen Möglichkeiten ist die Abiturprüfung möglich, wenn ein/e Schüler/-in mit dem so genannten Aspergersyndrom den Weg in die zwölfte Klasse gegangen ist. Ich fand allerdings die Fachaufsicht nicht in ihrem Raum vor, so dass die Fahrt nach Mainz zwar eine an Eindrücken sehr reichhaltige, aber in diesem einen Punkt eine vergebliche war.  

 

Freitag, 11. März 2016:

So, der Gliederungsplan ist dem Örtlichen Personalrat offengelegt und besprochen worden. Also: weg damit im Sinne von Hochladen. Erstmals schaffte ich dies zwei (!) Tage vor dem Termin. Hier passieren eben ständig neue Sachen, würde der Schelm in mir sagen. Eine andere Stimme krächzt noch immer die Worte: Das Schweigen am: Wochenende wird deiner Stimme gut tun!

 

Dienstag, 08. März 2016:

Seit gestern versuche ich die drei Tage Krankheit aufzuarbeiten. In erster Linie umfasst das den Gliederungsplan, den ich zu Hause mit der Eingabe der Teilzeitanträge schon begonnen hatte, der nun aber, vor allem wegen der Personalzuweisung für das kommende Schuljahr, eine Menge von Zahlen zu prognostizieren erfordert: die erneut größere Schule mit knapp achtzig Personalbögen, mit Deputat und Besonderheiten sind auszufüllen und die Stundenzuweisung für die dann gewachsene Gesamtschülerzahl 860 zu errechnen -  ergibt vorläufig 1580 Lehrerwochenstunden als Planungsgrundlage, die nun mit der Schulaufsicht nach den Vorgaben des Landes besprochen werden. Punktgenau muss er kommenden Montag, nachdem er noch mit dem Personalrat erörtert wurde, hochgeladen werden.

Das Mündliche Abitur 2016 ist an den umliegenden Schulen nun auch geschafft. Kolleg/-innen von uns, die prognostisch oder sicher im kommenden Jahr bei uns die mündlichen Prüfungen abnehmen werden, verteilten sich auf drei Schulen, um bei den dortigen Prüfungen zu hospitieren. Zum Teil liegt deren letzte Berührung mit dieser Abschlussprüfung Jahre zurück, nicht selten war es zuletzt ihre eigene Prüfung. Wir wollten Erfahrung und damit Sicherheit vermitteln. Zum einen sollte es um den organisatorischen Ablauf gehen, aber durchaus auch die Inhalte beobachtet werden. Ich erinnere mich an den knapp acht Jahre alten und wichtigen Satz aus der Schulaufsicht: „IGS-Kolleg/-innen neigen dazu, die besseren Gymnasiallehrer sein zu wollen.“ Mit der diesjährigen Erfahrung können wir da zusätzlich gegensteuern. Ich bin gespannt, welche Rückmeldungen mich dazu noch erreichen werden.

Am Nachmittag berief ich die Auswahlkommission für die schulscharfe Stelle ein. Auf unsere Ausschreibung hin bewarben sich neun Kandidat/-innen, schließlich wurden fünf zugelassen, die heute jeweils mit 30 Minuten Abstand sich vorstellen konnten. Unsere erneute Erfahrung dieses Nachmittags war, dass die Abstufung nach der Bewerbernote nicht unsere Priorität widerspiegelte. Das Verfahren muss aber aus juristischen Gründen wasserdicht sein. Also mussten wir eine Rangfolge festlegen, welche sowohl die Schule als auch die Juristen zufriedenstellt. Ich habe die Rangfolge aber noch nicht in dem – schon wieder – Portal eingegeben. Noch ist der letzte Termin nicht angebrochen. Wir beschlossen, erstmal unsere Möglichkeiten genauer zu eruieren, denn unsere Nummer eins weicht notenmäßig von der Rangfolge ab. Am Montag werde ich im Ministerium sein, dort werde ich, nach anderen Beratungen, nachfragen. Sollte sich eine Möglichkeit für „unsere“ Reihenfolge bieten, werde ich sie eingeben, wenn nicht, eben die nach Leistung gewichtete. Letztendlich können wir mit beiden leben, aber wenn sich die Möglichkeit für die für unsere Schule bessere abzeichnen würde….

Nein, im diesjährigen Aufnahmeverfahren für Klasse fünf ist bisher kein Schulplatz zurückgegeben worden. Mich hat das selbst verwundert, weil es in den letzten Jahren bisher immer der Fall war. Vielleicht macht sich die gesunkene Schülerzahl auch hier bemerkbar. Die Juristin der Schulaufsicht wollte das wissen. Erneut hatte keiner der eingegangenen Widersprüche Erfolg. Das ist bitter für die Widersprechenden und vor allem deren Kinder, ist aber gut für uns, denn es bedeutet, dass wir im Losverfahren wieder alles richtig gemacht haben. Eigens wurde die Nachvollziehbarkeit in den einzelnen Regelungen erwähnt. Resümierend bedeutet das: Als Letztverantwortlicher habe ich das Losverfahren verstanden, kenne die juristischen Fallstricke und konnte sie erneut vermeiden. Jetzt fehlt noch die endgültige Zuweisung der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf, dann steht der neue Jahrgang. 

Nicht geschafft habe ich die Teilnahme am Schulträgerausschuss. Meine Stellungnahme hinsichtlich der Gründung einer weiteren IGS in Kooperation mit der benachbarten Stadt Neustadt habe ich daher mündlich weitergegeben. Auch der erbetenen Rückruf im Architekturbüro in Mainz blieb heute auf der Liste stehen, dafür erreichte mich die Information, dass der Deidesheimer Jugendtreff vermutlich  bis Juli auf das alla-hopp!-Gelände umziehen wird. Die Bauweise der Überseecontainern mache dies sehr wahrscheinlich. Was war noch? Die Sporthalle in Deidesheim musste vorübergehend geschlossen werden. Ein Teil der Deckenverkleidung hatte sich gelöst und ist in der Halle zu Boden gefallen. Zum Glück fand zu dieser Zeit kein Unterricht statt. Nun muss geprüft werden, ob die Sicherheit durch andere gelockerte (?) Deckenteil gefährdet ist. Zum Glück gibt es das alla-hopp!-Gelände. Bei dem derzeitigen Wetter kann der Sportunterricht durch die vielen Geräte durchaus mal dorthin verlegt werden. Und noch eine Aufgabe erreichte mich, vermutlich ist sie von mir nicht lösbar. Wegen einer Artikelserie soll ich Daten, Kosten und Hintergründe zum Thema „Kunst am Bau“ ermitteln. An beiden Standorten befinden sich künstlerische Betonreliefs in den Eingangsbereichen. Aber die Gebäude wurden so oft umgebaut und saniert, wechselten die Schulart und den Schulträger, wie soll ich da an Hintergründe kommen, die aus den Jahren 1968/69 stammen? Schauen wir mal, immerhin laufen alle täglich an den Kunstwerken vorbei. Da kann es durchaus interessant sein, die Bedeutungen oder die gewünschten Absichten der Künstler (oder Bauherren?) seinerzeit zu beleuchten und auf die Gegenwart zu beziehen.

 

Samstag, 05. März 2016:

Es deutete sich schon letzten Dienstag an: Meine Stimme versagte mir immer mehr den Dienst, kombiniert mit Husten, habe ich mir wohl einen Infekt eingehandelt. Ergo „leitete“ ich drei Tage die Schule von zu Hause aus, denn Mails, Short-Messages und auch schon mal das Telefon selbst ermöglichen, dass Krankheit kein Totalausfall sein muss. Der Arzt meinte eh: „Einfach den Mund halten und die Stimme schonen!“.

Der Termin für heute Abend stand schon seit Beginn des Schuljahres im Kalender: „1stClassRock-Convention“, eine Veranstaltung, zu der verschiedene Bandklassen eingeladen waren. Vormittags fanden in unseren Klassenräumen Arbeitstreffen zu den verschiedenen Instrumenten statt (der für Percussion soll vom ehemaligen Schlagzeuger von Xavier Naidoo geleitet worden sein), nachmittags gemeinsames Musizieren, abends Auftritte aller beteiligten Bandklassen in der Stadthalle in Wachenheim. Das Konzept der Bandklasse, dass Schüler/-innen in verschiedenen Gruppen früh gemeinsam Pop- und Rockmusik zu Gehör bringen, wird derzeit auf die Grundschule übertragen, dort als Ukulele-Klassen. Den dazugehörigen Workshop wollte ich selbst besuchen, aber ich fühlte mich nicht ausreichend wieder hergestellt. Die Begrüßung in der Stadthalle und die anschließenden Auftritte wollte ich unbedingt miterleben. Also machte ich mich auf, zunächst in die Schule, wo ich mit dem „Erfinder“ des Bandklassen-Konzeptes Absprachen für die Begrüßung treffen wollte. Die Instrumente wurden bereits verpackt, Klassenräume wieder aufgeräumt, ein kleiner Imbiss angeboten…das alles erinnerte mich atmosphärisch ganz stark an die Wochenenden mit den Young Americans. Wie so oft, erlebte ich, wie schnell Kontakt zu Menschen zu knüpfen ist, wenn die Rollen weggelassen werden, nicht das Vorstandsmitglied von „Let‘s make music“  auf den Schulleiter trifft, sondern sich Mensch mit Mensch trifft und beide das annähernd gleiche Interesse vertritt: Kinder und Jugendliche bereichern zu wollen. Herrlich! Bei der Ankunft in der Stadthalle, in der ich schon so manche Veranstaltung miterlebt habe, spürte ich schon die prickelnde Atmosphäre im Vorfeld solcher Events: Schüler/-innen leben ihre Anspannung im „Rumwuseln“ aus, Eltern sind auf ihre Sprösslinge stolz und hoffen, dass sie gut „durchkommen“, Zwöftklässler wollen ihre Abiturkasse auffüllen und warten mit einem kleinen Catererdienst auf, Soundchecks und Lichtproben lassen erahnen, was da demnächst über die Bühne rollt. Dann erhalte ich das Startzeichen, nehme das Mikrofon zur Hand, in das ich meine Worte eher krächze als ich rede, begrüße zunächst alle Musiker, die Offiziellen, erzähle kurz von meiner Anspannung als einer, der die damalige AG im Ganztagsbereich mit auf den Weg bringen durfte und den Kick des gemeinsamen Bandspiels kennt, der nun erfreut und erstaunt auf den heutigen Abend blickt mit allem, was da entstanden ist. Und dann folgt der Auftritt der ersten, als solche bezeichneten Bandklasse eines Gymnasiums aus Frankenthal. Da die Anzahl der agierenden Musiker deutlich unter der Klassengröße zu liegen scheint, formuliert sich in Gedanken gleich die Frage: Ist das Konzept der Band-KLASSE hier (noch) umgesetzt? Immerhin singt da eine Schülerin, deren Stimme, wenn sie es denn will, durchaus für eine erfolgreiche Zukunft in dieser Sparte geeignet erscheint. Bereits bei dieser ersten Gruppe zeigt sich, welche Wirkung ein professioneller Tontechniker mit einem entsprechenden Equipment zu zaubern in der Lage ist. Was da an Sound von der Bühne schallt, ist meinen alternden Ohren zwar fast zu laut, aber von den tiefen Basstönen bis hinauf in die Höhen der gegenteiligen Frequenzen ist das derart gut abgemischt, dass es eine wahre Freude ist.  Als zweite folgt eine (richtige) Bandklasse aus Groß-Gerau. Mann, haben die einen Drive drauf! An dritter Stelle folgen die unseren, die durch eine wahre Bühnenshow mit Bewegungen, „Kostumwechseln“ und viel Bewegung glänzen. Waren die karierten Hemden beim ersten Stück noch locker um die Hüften gebunden, wurden sie beim zweiten geschwungen und beim dritten angezogen, weiter wurde mit Accessoires wie Sonnenbrillen und Hüten gespielt, während Gesang und Rhythmus die Kids in Bewegung hielt. Eine wahre Freude! Die Jury, hier konnte der Charakter eines Wettbewerbs eben doch nicht verhindert werden, kam zu einem sehr knappen Ergebnis. Kriterien dazu waren nicht in erster Linie, ob alles richtig gespielt wurde. Mein Blick über die Schultern auf die Vorgaben für die Jury stieß auf Fragen wie: Passt das Lied zur Klasse? Wie klappt das Zusammenspiel? Wie viele Akteure sind auf der Bühne? Sind alle eingebunden? Wie ist die Präsentation? Zum „Sieger“ wurde, vor allem wegen der rhythmischen Genauigkeit beim Spielen, die Bandklasse aus Groß-Gerau gekürt. Glückwunsch! Die Enttäuschung bei den Unseren war auch nicht sehr groß, hatten doch alle wie ich einen Abend als großes Erlebnis mitmachen dürfen, ein Feuerwerk an Gefühlen, an Musik, an Eindrücken. Wer wird wieder einmal einen solchen Abend mitgestalten dürfen, solchen Applaus ernten für eine eigene Leistung, vor einem solchen Publikum? Wann wird sich stetes Üben, auf diese Weise erlebbar, als auszahlbar erlebt werden können? Erwähnt sei auch, dass in unserer Bandklasse ein Kind mit so genanntem sonderpädagogischem Förderbedarf lernt, das bei diesem Erlebnis voll eingebunden war, ohne dass sich dessen jemand bewusst und vermutlich ohne das es bewusst war. Noch eine Rückmeldung sei von den Veranstaltern erwähnt, die solche Conventions ja an verschiedenen Schulen organisieren. Sie sagten mir, dass sie selten einen solchen Zusammenhalt erlebt hätten, dass bei uns eine besondere Atmosphäre herrsche, spürbar bei Schülern und Lehrkräften, und dass das Engagement aller, wie es sie es bei uns in der Schule erfahren hätten, nicht selbstverständlich sei. Welch ein Abend also!.

 

 

Dienstag, 01. März 2016:

 

Die halbjährliche Dienstbesprechung mit den Schulleitern des Teams Mitte der Schulaufsicht in Haßloch stand heute Morgen im Mittelpunkt. Ein  Thema waren natürlich die Anmeldezahlen für die Klassen fünf und elf. Eine Aufstellung der Gesamtschülerzahlen bezogen auf die Zahl der Anmeldungen verdeutlichten mir einen Umstand, der mir nur insgeheim klar war: Die IGS ist inzwischen an die fünfte Stelle der umliegenden Schulen gerückt und ist mit der zweiten IGS im Landkreis die Schule mit den meisten Anmeldungen. Spätestens an dieser Stelle hatte ich den Einstiegsgedanken für die Dienstbesprechung im Hause greifbar vor Augen, von dem alle weiteren Themen sich ableiten lassen. In Zeiten des Landtagswahlkampfes ist es an dieser Stelle beruhigend zu lesen, dass auch bei einem Regierungswechsel die Schulstruktur nicht verändert werden soll. Die unsaubere Aussage, dass mehr Qualität die Schulen voranbringen soll, stößt mir aber sauer auf. Natürlich wird gegen Qualität niemand etwas einzuwenden haben. Aber der Weg dorthin mit einzuführenden Abschlussprüfungen am Ende der zehnten Klasse oder mit dem Ruf nach dem Zentralabitur zu pflastern, geht in die Irre. Jeder, der beim Thema Bildung tief genug eingestiegen ist, wird die Stirn runzeln. Nicht Qualität wird damit gefördert, sondern der Druck auf die Schüler/-innen würde zunehmen, Themen wieder auf die Prüfungen hin enggeführt und die Auffassung, Qualität von Bildung würde sich mit zentralen und punktuellen Aufgaben objektiv messen lassen, erhielte einen weiteren unsinnigen Schub – und das nach Jahren der Hirn- und Lernforschung!. Und wenn das ganze Anliegen noch mit dem „verschmierten“ Grund, damit die Schülermotivation für Schule und Bildung stärken zu wollen, dann will da jemand die Bildung für eigene gesellschaftliche Vorstellungen an die Hand nehmen, ohne dass es gemerkt werden soll (vgl. dazu auch Eintrag vom 19. Januar 2011).