Diese Seite drucken

März bis April 12

Freitag, 06. April 2012:

Beim nochmaligen Lesen der letzten Einträge fiel mir auf: Ich sollte nicht verschweigen, dass es auch Zeiten gab, in denen ich sehr viel kritischer dem Pfadfinderdasein gegenüber stand. Allein die Uniformierung mit Kluft und Halstuch, alles Tun um die Fahne herum konnte ich irgendwann nicht mehr nachvollziehen (wenngleich mein Pfadfinderhemd alle Irrungen, Wirrungen und Umzüge unbeschadet überstanden hat und noch heute ganz unten in meinem Kleiderschrank zu finden ist). Etwas versöhnt haben mich später dann allerdings die Emotionen auf dem Betzenberg: Tausende, sonst „normal“ lebende Menschen jeglichen Alters und jeglicher Herkunft, tragen rot-weiße Schals und Mützen, kleiden sich fangemäß, legen sich auf Vereinsfarben fest, singen gemeinsam, schwenken auch Fahnen…vielleicht ist das alles ja doch irgendwie tief in uns angelegt, weil sich darin Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft ausdrückt. Jedenfalls konnte ich beim ersten Stadionbesuch direkt einstimmen, fühlte mich wohl, umarmte bei geschossenen Toren mir völlig fremde Menschen, jubelte auch im Herzen mit, war einfach dabei. Auch bei den Gesängen, etwa „You’ll never walk alone“ oder „Super, super FCK“ wurden ähnliche Gefühle geweckt wie seinerzeit in der anderen Kluft. Wenn ich dann, wie jüngst in Berlin (!) von einem Pfadfindertreffen in Mussbach lese, bei dem auf fehlende Parkplätze (!) hingewiesen wurde, dann scheinen dies auch andere Pfadfinder zu sein, als  ich sie damals kennen gelernt habe. Inwieweit die Erfahrungen noch gemacht werden können, entzieht sich meiner Kenntnis.

Zu den Bewährungen und der „nützlichen Erfahrung, nützlich zu sein“, wie der Untertitel von Hentigs Buch ja lautet, sei noch angemerkt: In der Katholischen Jungen Gemeinde leitete ich dann selbst über Jahre hinweg eine Jungengruppe, zeitweise auch zwei, mit denen ich mich ebenfalls zu wöchentlichen Gruppenstunden traf, in den Ferien auf Fahrt ging und viel gesungen habe. Im Nachhinein erzählten mir auch einige Jungs, inzwischen zu Männern herangereift, wie wichtig diese Zeit und die Erlebnisse wiederum für sie waren. Mit Sicherheit waren es aber andere Dinge, als ich sie erlebt hatte. Mit sechzehn Jahren wurde ich dann auch noch zum Pfarrjugendleiter gewählt. Die Verantwortung wuchs damit nochmals an und auch das Gefühl, nicht nur nützlich zu sein, sondern gar gebraucht zu werden, denn es fand sich niemand sonst, der diese Aufgabe übernehmen wollte. Und auch das sei nicht verschwiegen: Schule spielte für mich in diesen Jahren eine kleine Nebenrolle. Nahezu täglich war ich ja irgendwie in der Pfarrei unterwegs, berief Gruppenleiterrunden ein, traf mich mit anderen Jugendlichen, um Jugendgottesdienste (oder Kreuzwege für die Jugend - heute ist ja Karfreitag) vorzubereiten, öffnete mit einigen Gleichgesinnten einen Clubraum im Zuge der offenen Jugendarbeit, nahm an Dekanatsrunden mit Pfarrjugendleitern anderer Pfarreien teil und so weiter. Natürlich (im wahrsten Sinn des Wortes) trat auch irgendwann die erste große Liebe in mein ausgefülltes Leben  – zum Lernen hatte ich schlichtweg gar keine Zeit. Ein Glück, dass ich auch so durchkam. Will heißen: Meine Sekundarstufe I habe ich seinerzeit  auf ihre Art bereits als „entschult“ er- und gelebt – nicht wissend, dass ich Hartmut von Hentigs Vorschlag damit einmal biografisch werde untermauen können.

 

Donnerstag, 05. April 2012:

Für mich, zumindest zeitlich gesehen, Kleinigkeiten, für die Betroffenen aber mit weitreichender Bedeutung, Ferientermine: Ein Telefonat mit der ADD bezüglich der Widersprüche zum Losverfahren, es war auch in diesem Jahr nicht angreifbar. Nach den Ferien können wir also die neuen fünften Klassen bilden. Der andere: ein Treffen in der Schule in Wachenheim mit einer interessierten Kollegin, die bei uns arbeiten will. Da wären also zahlenmäßig ausreichend neue Kollegen/-innen vorhanden - was fehlt sind Männer! Ein reines Frauenteam? Doch, schon mal dagewesen, aber gedacht ist es anders. Gerade bei Wolfgang Bergmann gelesen, wie wichtig männliche Bezugspersonen für Jungen sind...

Aber ich wollte ja biografische Einblicke geben....

Wo beginne ich am besten? Vielleicht bei den Eltern. Meine waren nämlich nicht nur Eltern, sondern Herbergseltern. In der damaligen Generation beim Deutschen Jugendherbergswerk fanden sich eine ganze Reihe ehemals jugendbewegter Frauen und Männer, die diesen Beruf unter anderem deshalb wählten, weil sie eben diese Jugendbewegung irgendwie weiterführen wollten. So verwundert es auch nicht, dass mein Vater seine beiden ältesten Söhne 1965 in der Pfarrei beim Stamm Waltharie der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg anmeldete. So lernte ich mit neun Jahren all das kennen, was meinem Vater als seine Prägung so wichtig war. Und deshalb kann ich unmittelbar nachvollziehen, was Hartmut von Hentig mit den „Verwandten im Geist“ meinte. Neben den wöchentlichen Gruppenstunden gingen wir regelmäßig in den Ferien auf Fahrt. Da erinnere ich mich an eine fünftägige Wanderung von Jugendherberge zu Jugendherberge im Schwarzwald. Täglich legten wir eine Strecke von 25 bis 35 Kilometer zu Fuß und mit Rucksack zurück. Und vor allem waren da aber die prägenden Zeltlager, an die ich mich genau erinnere. Kurze, dreitägige über Pfingsten, längere, über zwei Wochen hinweg in den Sommerferien. Und da erlebte ich genau das, was Hentig beschreibt: Wir schufen etwas Nützliches, bauten Kochstellen, stellten Kohten auf, jene an zwei langen Stangen „hängende“, aus trapezförmigen Zeltplanen geknüpften Zelte. Jeder von uns hatte „seine“ Zeltplane wie selbstverständlich im Rucksack. Wie ich dazu kam, weiß ich heute nicht mehr, aber ich war mitunter für das Kochen zuständig. Tagelang bauten wir an einer Kochstelle, die auch bei Regen das Zubereiten eines Essens ermöglichte. Bei einem verregneten Pfingstlager hatten wir nahezu nicht kochen können, weil uns regelmäßig das Feuer ausging. Beim Sommerlager 1968 verstiegen wir uns daher zu jener Konstruktion, die auf dem Foto von damals zu sehen ist.

 

An die vier Kohtenplanen knüpften wir zwei weitere und schufen somit Raum für die Vierecks-Planen, die ein Schutzdach ergaben. Die Vierecks-Planen benötigten wir nicht, da wir keine Jurte als Versammlungszelt aufbauten, sondern bereits über ein weißes Zelt namens „Alex“ verfügten, das, welch ein Luxus, über einen Boden verfügte. Immerhin bot unsere Kücheneinheit nicht nur einen mäßigen Regenschutz, selbst entworfen und gebaut, darunter fand ein tischähnliches Gestell mit den beiden Feuerstellen Platz und im hinteren Teil konnten auch alle Vorräte und Kochutensilien gelagert werden. Tagelang bauten wir daran, suchten im nahen Wald passendes Holz und immer noch wurde eine Idee da angebaut und ein Zusatz dort verwirklicht. Selbstredend verwendeten wir dazu keinen Nagel! Mann, waren wir darauf stolz! Eine besondere, ehrwürdige und für Neun- oder Zehnjährige nicht ungefährliche Tätigkeit stellte immer das Aufstellen des Bannermastens dar, der bei keinem Lager fehlen durfte. Ein gut zehn Meter langer Stamm musste zunächst gesucht und entastet werden (Übrigens nicht immer mit der Erlaubnis des Försters). Dann musste er zum Lagerplatz transportiert werden, bei jenem Sommerlager 1968 zumindest mit vier Fahrrädern. Eine Querstange mit der Schnurkonstruktion zum Hissen des Banners wurde angebracht und dann kam die heikelste Aufgabe: Das Aufstellen. Ein etwa 70 cm tiefes Loch wurde gegraben, der Mast drangerollt und dann mittels vier Seilen so hochgezogen, dass das untere Ende direkt in das Loch „rutschte“. Ausrichten und mit Steinen, eingeschlagenen Holzstücken zu einem festen (?) Stand verholfen. Was hier so leicht klingt, hat in Wirklichkeit Stunden und mehrere Versuche benötigt. Immerhin: Mir ist nicht bekannt, dass unser Mast jemals umgekippt ist. Um ihn herum versammelten wir uns zur Morgenrunde, er stellte auch irgendwie den Mittelpunkt des Lagerlebens dar, immer hing daran das Banner mit der Pfadfinderlilie und dem Christuskreuz. Seine Bedeutung wird auch darin deutlich, dass ältere Pfadfindergruppen regelmäßig kamen, um das Banner zu klauen und wehe, es war ihnen gelungen. Daher stellten wir auch Nachtwachen, die um ein Feuer herum hauptsächlich das Entwenden des Banners verhindern sollten. Gelungen ist es in der Regel nicht. Vom Tagesgeschäft ermüdete Jungs waren des Nachts eben auch nicht sonderlich aufmerksam, zumal sich die älteren Pfadfinder natürlich auch Strategien ausgedacht haben, die Nachtwachen zu verängstigen oder gar zu überlisten. Hängen geblieben sind Erinnerungen an viele Stunden am Feuer, die einen ungewöhnlich klaren Blick auf den mit Sternen übersäten Himmel ermöglichten, der in der Stadt so einfach nicht sichtbar war.

Ich erinnere mich auch an ein Pfingstlager, dessen Platz ganz in der Nähe eines Baches lag. Etwas weiter weg schlängelte er sich durch eine feslige Schlucht, etwa sieben oder acht Meter tief. Das reizte natürlich besonders. Unsere Eltern hätten die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen, jede Unfallversicherung hätte den Schutz abgelehnt, aber wir bauten über die Schlucht mit unseren (alten) Seilen einen Übergang: Ein Seil, um drauf zu laufen, in Schulterhöhe zwei weitere zum Festhalten, dazwischen immer wieder dünnere Seile (Jeder Pfadfinder hat ein Dreimeter-Seil dabei), damit der Abstand zwischen den Seilen durch das Drauf-Gehen nicht unüberwindbar groß wurde. Alle schafften am Ende, die Schlucht über dieses Gebilde zu überqueren. Jeder Einzelne hatte sich mal wieder in der Gemeinschaft bewährt und dadurch diese fester zusammengeschweißt.

Natürlich war das auch jene Zeit, die mich zur Gitarre führte. Nur mit einfachen Schrumm-Schrumm-Akkorden begleiteten wir die Lieder, die zum Pfadfinder-Dasein gehörten und für die spezielle Atmosphäre sorgten. Seien es „Wilde Gesellen“ gewesen, bei denen „Die Dämmerung fällt“, oder „Jauchzende Jungen“, deren Zelte „Jenseits des Tales“ standen – immer verband sich eine Art Sehnsucht, ein Gefühl der Weite und frohes Erwarten auf das, was ich kleiner Junge da noch erwarten kann. Ich erinnere mich an ein Stammeswochenende in der JH Maulbronn. Wir kleinen Wölflinge durften mit dem Zug bis hin hinfahren, die Jungpfadfinder stiegen früher aus und mussten die letzten Kilometer zu Fuß zurücklegen. Was wir da alles an Programm durchführten, habe ich vergessen. Haften blieb der Abschied am Sonntag: Der ganze Stamm war in der ehemaligen Mühle auf Treppen und im Hof versammelt und sang das Pfadfinderlied schlechthin: „Nehmt Abschied Brüder ungewiss“. Die Tränen liefen mir die Wangen herunter angesichts der Verse „So ist mit jedem Anbeginn das Ende nicht mehr weit. Wir kommen her und gehen hin und mit uns geht die Zeit. Der Himmel wölbt sich übers Land, Ade auf Wiedersehen. Wir ruhen all in Gottes Hand, lebt wohl auf Wiedersehen“. Ich kleiner „Pimpf“ war fester Bestandteil dieses Stammes Waltharie, gehörte dazu, bewunderte die größeren Jungpfadfinder, sah zu den Leitern der anderen Sippen auf und himmelte den Stammesleiter an, der doch schon ein richtiger Mann war, ein solcher, wie ich es werden wollte. Ich denke, das meint Hartmut von Hentig mit der Erfahrung von Gemeinschaft, die nicht die Familie und die Schulklasse allein ist. Und das ist das ist das Zusammenspeil von Bewährung, dem Gefühl dazu zu gehören, einen festen Platz zu haben, nützlich zu sein, etwas Sinnvolles tun zu können, das für Probleme der Pubertät kaum Raum lässt.

Eben solche Erinnerungen tauchen dann auch bei mir im Assembly auf, solche Erfahrungen haben mich hunderte Male gelehrt, mit Gruppen zu singen, egal wie groß sie auch sind, sie geben mir bis heute die Sicherheit, mit Menschen, die ich zum ersten Male sehe, wie die Eltern der neuen Fünfer, zu singen und sie geben mir bis in die Gegenwart hinein die Gewissheit: Das kannst du und das wird nicht schief gehen.

Was forderte Hartmut von Hentig für die Bewährungen: Erlebnis der Natur, Erfahrung der Gemeinschaft, „ die Erfahrung taugliche Sachen zu machen, etwas herzustellen, was ein Maß in sich trägt, was die anderen bewundern, weil es gut gemacht ist – ein Kochfeuer, das nicht raucht, ein Zelt, das auch bei heftigem Wind nicht umfällt, eine Wegeskizze, die enthält, was man braucht…in der Musik…“. Ich glaube, das alles bei den Pfadfindern gefunden zu haben. Der Stamm wurde dann aber aufgelöst, weil in der Pfarrei mit einem neuen Kaplan die größere Katholische Junge Gemeinde gegründet wurde, in die auch Mädchen integriert wurden. Er war aber der bündisch geprägten Jugendarbeit nicht abgeneigt und führte eine ganze Reihe von Punkten fort: zweiwöchige Freizeiten unter einfachen Bedingungen in den Bergen, ausgedehnte Wanderungen und vor allem das gemeinsame Singen. Ich habe, glaube ich - (Vielleicht brauche ich doch mal eine Lektorin, weil ich über die Strecke von nun fast vier Jahren meine Einträge längst nicht mehr alle im Kopf habe.) –l die Abende im Kreise der Herbergseltern erwähnt, bei denen die Gitarre von Hand zu Hand ging und stundenlang gesungen wurde. Hier fand ich dann die Fortsetzung des oben Beschriebenen. Aber auch ein Erlebnis auf einer dreimonatigen Tour durch die Vereinigten Staaten, bereits erwachsen. Schon der Trip allein stellte eine Bewährung dar: Drei Monate im Zelt durch nahezu alle Nationalparks des Westens, bei Minusgraden im Yellowstone Park draußen übernachten, bisher nicht einmal erahnte Natur zu erleben, etwa das Monument Valley oder der Zion Nationalpark - und dennoch blieb ein Erlebnis singulär. Wir stiegen unter andrem in den Grand Canyon ab, wollten dort am Colorado wandern und am dritten Tag wieder aufsteigen. Nur hatten wir vergessen eine Campngerlaubnis einzuholen und mussten am selben Tag bis in die Nacht hinein die etwa sechs- oder siebenhundert  Höhenmeter wieder rauf. So fertig und schlapp hat mich als Junge keine Wanderung bei den Pfadfindern gemacht – aber ich hab es gepackt, eine Bewährung bestanden. Letzten Endes könnte ich auch die Zeit bei der Bundeswehr als solche bezeichnen. Den eigenen Willen quasi aufgeben und sich dem sturen Drill auszusetzen, ohne in wohl übliche Alkohol- oder andere Exzesse zu verfallen.  Sollten diese Erfahrungen nicht in die Schule geholt werden, wie es etwa die Winterhuder machen? Kann eine vielleicht dreiwöchige Bewährung das erfüllen? Auf jeden Fall wären es Erfahrungen, die beim „normalen“ Schulbetrieb nicht im Ansatz gemacht würden. Eine Liste der unterschiedlich gestaffelten, bisherigen Bewährungen der Reformschule  Winterhude habe ich auf deren Homepage gefunden. Sie fallen recht unterschiedlich aus, sind unterschiedlich „mutig“ und daher vielleicht auch realisiert worden. Wir sollten das überdenken!


Mittwoch, 04. April 2012:

In fünf Tagen in der Hauptstadt reifte ein etwas längerer Eintrag, welcher ein weiteres Thema aus Ingelheim anschneidet, eines, das mich weit in mein eigenes Leben zurückführte und dieses auch im Nachhinein an einigen Punkten neu interpretieren lässt.

Die Titelgeschichte dieser SPIEGL-Ausgabe (Nr. 15 vom 12.04.20120) war dem Thema Pubertät gewidmet.  Darin wird beschrieben, was alle schon wussten, dass nämlich die Pubertät eine ganz wichtige und Vieles umkrempelnde Phase im Leben der Jugendlichen darstellt. Neu ist, wie die Hirnforschung inzwischen genau mit bildgebenden Scanner-Verfahren nachweisen kann, was sich da im Hypothalamus, im präfrontalen Cortex und im Nucleus accumbens so alles verändert (die Worte allein klingen schon furchtbar gelehrt). Im Grunde kann man es auf einen Punkt bringen: Das Gehirn wird spezialisiert, fit für das zukünftige Leben gemacht, mit neuen Verknüpfungen der Nervenbahnen, die zuverlässiger und effizienter Impulse weiterleiten zu können, selten gebrauchte Nervenverbindungen sterben ab. Kurz: Alles verändert sich – nur die Schule bleibt gleich. Sie verlangt weiterhin die Schulbank zu drücken mit mehr oder weniger theoretischer Wissensvermittlung, deren künftige Relevanz nicht oder nur sehr schwer herzustellen ist. Daher verlangt Hartmut von Hentig in seiner Schrift „Bewährung – Von der nützlichen Erfahrung nützlich zu sein“ (München, Wien 2006), auf die in dem Artikel hingewiesen wird, die „Entschulung in der Sekundarstufe I“, um den Jugendlichen das zu vermitteln, was sie im regulären Unterricht während der Pubertät so bitterlich vermissen: sich zu bewähren, ein Abenteuer zu erleben, sich beweisen können, etwas Nützliches und Dauerhaftes zu erwirken. Klar, dass ich mir diese kleine Schrift gleich bestellt habe!

Worüber ich aber in dem Artikel stolperte, war das Foto einer Gruppe von Jugendlichen bei ihrer Überquerung der Alpen. Sie alle besuchten die Reformschule in Hamburg-Winterhude und ich erkannte das eine Mädchen, das in Ingelheim bei der SchLuL-Fortbildung unsere Kleingruppe moderierte. Sie erzählte mit leuchtenden Augen, wie fertig sie abends auf der ersten Hütte war. „Das schaffe ich nie im Leben!“, schilderte sie ihre Stimmung und setzte gleich voller Stolz hinzu: „Aber ich hab‘s geschafft und es war die größte Herausforderung, die ich bisher in meinem Leben bestanden habe!“ Es war auch innerhalb der Schule wohl eine der größten, die es bisher gab. Sie listete weiter eine dreiwöchige Wanderung durch die Weiten in Schweden auf,  eine Kanuwanderung auf der Elbe von Potsdam bis nach Hamburg, aber auch den Bau eines Wintergartens oder ähnliche Herausforderungen, welche die Reformschule in den Stufen 8 bis 10 durchführen. Gerade in der Zeit der Pubertät, wo im ganzen Selbstbild  Jugendlicher nichts für Schule spricht, versuchen alle diese Vorhaben das zu vermitteln, was es in Naturvölkern mit den verschiedensten Initiationsriten überall gibt und gab: den Übergang ins Alter und die Aufgaben der Erwachsenenwelt.  Auf der Homepage heißt es dazu: „Der Erfolg dieser besonderen dreiwöchigen Unterrichtsphase, die zahlreichen Ermutigungen von Seiten vieler SchulexpertInnen und Schulen sowie der Wunsch vieler SchülerInnen nach einer Fortsetzung hat zu dem Beschluss geführt, die ‚Herausforderungen‘ zum elementaren Bestandteil der Schuljahresplanung zu machen.“ Für mich ging sofort davon eine große Faszination aus, hatte ich doch selbst schon versucht, eine dreiwöchige Alpenüberquerung anzugehen, diese aber wegen einer anhaltenden Schlechtwetterperiode nach 17 von 24 Etappen abgebrochen. Von daher weiß ich, was ein solches Unternehmen von einem verlangt, aber wie großartig es in mir selbst haften geblieben ist.

Bei Hartmut von Hentig fand ich einen weiteren Grund für die spontane Bewunderung, natürlich hatte ich mir das Büchlein nach dem Hinweis im SPIEGEL gleich bestellt und gelesen. Hentigs Gedankengang geht von der Erfahrung aus, dass alle Jugendlichen ein Gemeinwesen vorfinden, das aber im Zuge der (erfolgreichen und sinnvollen) Individualisierung als positives Grundwesen nicht mehr als solches wahrgenommen würde (vgl. etwa S. 16f). Er wünscht sich , „…dass junge Menschen erfahren, was eine Gemeinschaft ist, was sie gibt und fordert – eine größere als die Familie, in die sie hineingeboren sind, und eine weniger künstliche und zufälligere als die Schulklasse, in die man sie hineinverwaltet hat; sie sollten eine Gelegenheit haben, als ganze Person die verfasste Gemeinschaft, in und von der sie leben, wahrzunehmen: Dieses Erlebnis sollte so sein, dass sie vieles von dem, was sie lernen, für die Aufrechterhaltung dieser Gemeinschaft einzusetzen bereit sind, ja dass sie es zu einem großen Teil um ihretwillen – um ihrer Fortsetzung und Vervollkommnung willen – lernen“ (S.17). Er fordert daher zwei Dinge, die das Bildungswesen nicht verändern, sondern etwas völlig Neues darin aufgenommen wird: eine dreijährige Entschulung für die 13- bis 15-Jährigen und einen einjährigen Dienst am Gemeinwesen im Anschluss an jeden Schulabschluss.  (s.S. 21-51 und S.51 -68). Als ähnliche Projekte nennt er die Jugendschiffe, die freien Schulen für Bauernkinder zur Zeit Tolstois und die First Street School von Goodman, alles Versuche, das und für das Leben  zu lernen, ohne dass in der Zeit der Pubertät die Schulbank gedrückt werden und theoretisches Wissen gelehrt wird, welches in dieser Entwicklungsphase eh wenig Chancen auf dauerhafte Speicherung und Anwendung besitzt. Und dann für mich der entscheidende Satz, der mir meine Faszination und Zustimmung schlagartig verdeutlichte. „“Ein weiterer Verwandter im Geist sind die Pfadfinder und die aus der Zeit des Wandervogels überlebenden Bünde.“ (S.41) Sie böten, was Schule den Jugendlichen versage: Erlebnis der Natur, Erfahrung der Gemeinschaft, „ die Erfahrung taugliche Sachen zu machen, etwas herzustellen, was ein Maß in sich trägt, was die anderen bewundern, weil es gut gemacht ist – ein Kochfeuer, das nicht raucht, ein Zelt, das auch bei heftigem Wind nicht umfällt, eine Wegeskizze, die enthält, was man braucht…in der Musik…große Glücksmomente…“. (ebda.) Um das verständlich zu machen, muss ich etwas in meine Biografie ausholen.


Dienstag, 27. März 2012:

Wow, das war wieder mal ein Dauerschultag. Er begann in Speyer mit einer Fortbildung zu Krisensituationen in der Schule. Immer wird mir an solchen Erinnerungsmomenten angst und bang. Klar, ich kann ja nicht jeden Morgen mit solchen Gedanken in die Schule gehen, denke auch, dass wir nicht in erster Linie "gefährdet" sind und dennoch ist keine Schule gefeit davor. Da sind noch weitere Vorbereitungen nötig. Ein Anfang ist ja bereits gemacht. 

Früher von der Fortbildung losgefahren, um rechtzeitig für die angesprochene Gesamtkonferenz in Deidesheim zu sein. Zu Beginn eine freudige Aufgabe: Ich durfte die bisherige kommissarische Stufenleiterin mit Wirkung zum 13. April zur offiziell eingeführten Realschulkonrektorin befördern. Glückwunsch und auf eine weitere gute und herzliche Zusammenarbeit. Ein weiterer personeller Meilenstein und Vervollkommnen eines funktionierenden Schulleitungsteams. Im Anschluss daran verabschiedeten wir Konzepte, die entweder schon diskutiert waren oder einer ausführlichen Auseinandersetzung nicht bedurften: Einführung des Praxistages, um den Übergang für die Berufsreifen in einen Ausbildungsplatz zu erleichtern, Änderung des Wahl-Pflicht-Fach-Angebotes, da Ökologie/Weinbau bisher zustande kam, und die Ergänzung des Methodenkonzeptes hinsichtlich des Arbeiten mit dem Wochenplan. Alle anderen Anträge waren von der Grundsatzentscheidung abhängig: Differenzieren wir eher in einzelne Lerngruppen oder ist die Grundlage jeder Differenzierung eher die Klasse selbst. Dazu sollte jeder Einzelne zu Wort kommen. Also zunächst Einzelarbeit, dann Kleingruppen, um schließlich alle Gruppen im Plenum zu Wort kommen zu lassen. Mich erfreut immer wieder das "Wabern" an den Tischen, im Flur und im Teamraum, wenn ein solch gravierendes Thema diskutiert wird. Um es allen zu sagen: Nein, wir ändern nicht ständig die Richtung, denn wir mussten uns über eine Differenzierung für die Klassen 9 und 10 klar werden. Mit dem Wachsen der Schule und auch des Kollegiums stehen solche Grundsatzentscheidungen nun mal an. Überprüfen des bisherigen Weges und Entscheidung an einer entscheidenden Weggabelung, an der wir bisher eben noch nicht angekommen waren. Da stehen wir gerade und müssen gemeinsam sehen, in welche Richtung wir gehen und vor allem: Wir müssen dies als Kollegium tun. Bisherige Differenzierungsentscheidungen wurden damals (Wie das klingt!) nur mit der Hälfte der Lehrkräfte getroffen. Werden sie also noch mehrheitlich getragen? Hat sich, auch aufgrund von Erfahrungen, eine andere Haltung entwickelt (Immerhin wurde von einem damals nicht beteiligten Jahrgangsteam ein ähnlich lautender Antrag gestellt)? Auf Dauer lässt sich keine Entscheidung gegen eine Mehrheit im Kollegium aufrecht erhalten. Und ich erinnere an die Metapher von Dieter Wunder: "Die Differenzierungsfrage ist das Lackmus-Papier der Gesamtschule!" Nach ausführlicher und dennoch wertschätzender Diskussion fand sich schließlich eine große Mehrheit für die Bezugsgröße der Klasse.  Begründen lässt sich diese Entscheidung mit verschiedenen Ästen: Zum einen kann eine sich inklusiv arbeiten wollende Schule nicht auf Gruppen bei der Differenzierung einlassen, ohne an den Grundfesten zu rütteln. Zum anderen ist die langjährige Bindung an zwei Tutoren und der pädagogische Gewinn daraus ein Pfund, das wir nicht aufgeben sollten. Bei dem bisherigen Modell plus einer etwaigen Weiterführung in 9 und 10 hätten die Klassen, je nach Fächerkombination der Tutoren, kaum mehr zehn Stunden bei ihnen selbst, je nach Rechenmodell sogar noch weniger. Wie aber dabei SELG führen und wie die Jugendlichen in einer wichtigen Etappe, wie sie nun mal die Pubertät darstellt, angemessen und hilfreich begleiten? Weiter wurde der Wunsch nach mehr Klassenunterricht auch von Schülerseite zitiert. Auch sie wollten ein weiteres "Aufdröseln" in Lerngruppen nicht. Nun hat die Konferenz also einen ganz wichtigen Beschluss gefasst, mit einer Mehrheit, die auch bei weiteren neuen Teams Bestand haben dürfte - und so gesehen ein immens wichtiger Tag heute. Möge es uns gelingen,, dabei das Beste für unsere Schülerinnen und Schüler umzusetzen. Es geht nicht um unsere Befindlichkeiten oder gar meine persönlichen Ansichten. Das pädagogische Konzept als Ganzes soll zum Aufbau einer guten Schule führen. Wohlan denn, diese Gabelung ist entschieden, machen wir uns also auf, diesen Weg zu gehen.

Und noch eine Diskussion stand an, die einen längeren Vorlauf hatte: Auch das Fahrtenkonzept wurde ergänzt und flexibler formuliert. Das Kollegium hatte sich am Studientag schon mehrheitlich dafür ausgesprochen, die Zustimmung des Schulelternbeirates, in dieser Frage gesetzlich festgelegt, stand noch aus. Zunächst sollten nochmal Kollegen/-innen aus der Konzeptgruppe die Vorteile darstellen und die Beweggründe erläutern. Im Grunde lässt sich damit auch die heute Nachmittag getroffene Entscheidung des Klassenbezugs fortführen und würde sich auch im Fahrtenkonzept widerspiegeln. Nach den Beratungen stimmte der SEB den Veränderungen zu, wieder ein Beweis für die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit. 

Am Abend kam dann ein sichtlich entspannter Schulleiter nach Hause, müde und ausgelaugt durch die Diskussionen und die Wege zu den einzelnen Beschlüssen. Die Anspannung vor diesem Tag so vieler Entscheidungen war einem guten Bauchgefühl gewichen. Ein weiteres Beispiel dafür, wie Menschen zu Ergebnissen kommen können, wenn sie denn die Wertschätzung füreinander nicht aus den Augen verlieren. Und also: ein guter Tag für die Schule und für mich.


Montag, 26. März 2012:

Ach ja, der Montag im zweiten Halbjahr: Das Stundenplanprogramm hat es da nicht gut mit mir gemeint, denn ich habe da vier Stunden am Stück zu unterrichten, einschließlich des Assemblys. Nicht, dass mir dies keine Freude bereitet, denn ich liebe und genieße nach wie vor dieses Kerngeschäft. Genau deswegen bin ich doch Lehrer geworden und genau dieser Kontakt gibt mir soviel Kraft. Auch den Spaß, den ich mit den Schüler/-innen betreibe, sei es eine Wette, dass der FCK absteigt oder nicht (Wetteinsatz ist auf meiner Seite ein Klassensatz Schokoküsse, auf der Klassenseite ein Rotweinkuchen für mich), sei es das Spiel mit Mr. Dumbledore, dem Schulleiter der Zaubeschule in Harry Potter, seien es die von Schülerseite immer wieder eingeforderten Stehgreifreime mit der Gitarre vor dem Bauch. Nein, das alles fasziniert mich immer noch, all das geht mir immer noch leicht von der Hand. Ich habe das Gefühl, ganz nah bei dem zu sein, was Kinder und Jugendliche heute leben und doch auch mit einem Stück der Lebensessenz eines 55-Jährigen zu konfrontieren. Das ist nach wie vor spannend, hält jung und macht diesen faszinierenden Beruf aus. Was ich meine ist der Umstand, dass ich erst um halb zwölf dazu komme, die Post zu lesen, die vielen Emails zu öffnen und die lange Telefonzettel-Liste abzuarbeiten, die sich den ganzen Morgen über angesammelt hat - Stoßzeit eben oder "Schulleiters rushhour".

Und wieder verschob sich der Standortwechsel bis zum hektischen "Deidesheimer-Ritt", um noch pünktlich zur Schulleitungsrunde zu kommen. Wieder wurde der Weg vom Parkplatz über den Schulhof ins Schulgebäude und dort die Treppen hoch zum Spießrutenlauf: "Gut, dass ich dich treffe!", "Hast du mal gerade eine Minute" oder ähnliche Notbremsensprüche. In der Schulleitungsrunde nochmals viele aktuelle Einzelpunkte, die mein wichtigstes Anliegen, Vorbereitung der Gesamtkonferenz morgen, nochmals nach hinten schieben. Es gestaltete sich schwierig, weil eine ganze Reihe von Anträgen vorliegen. Bei dem Versuch, sie sinnvoll zu ordnen und nach einer stimmigen Reihenfolge zu suchen, lendeten wir immer wieder an einem Punkt: Die Grundlage, auf der fast alle Anträge ruhen, ist nicht klar, nicht gemeinsam erarbeitet, nicht mit allen getroffen worden. Daher gehen die Anträge auch in verschiedene Richtungen und entbehren jeglicher sinnvoller Reihenfolge. Heißt also für morgen: Erst an die Grundlage gehen und die vereinbaren. Seit dieses Vorgehen auf dem Tisch lag, war ich ruhiger. Es mag eine knifflige, eine schwierige, eine weitreichende Konferenz werden, aber sie wird immens wichtig und hat nun Struktur. Das gute Gefühl stellte sich dann auch schnell bei mir ein: Ich sehe den Ablauf vor meinem geistigen Auge, bisher immer ein verlässlicher Maßstab für das Gelingen einer Konferenz, sei es als Personalrat, als Stufenleiter oder jetzt als Schulleiter. Die Moderation oder Leitung war dann eher eine niedrigere Hürde, wenn der rote Faden durchschimmert und ich Struktur und Stimmigkeit spüre, ist bisher nichts schief gegangen. Und ein Rest von Spannung gleicht dem (notwendigen) Lampenfieber vor einer guten Theaterpremiere.


Freitag, 23. März 2012:

Natürlich hinterlässt die SchLuL-Fortbildung in Ingelheim Spuren und Gedanken, die mir nach wie vor durch den Kopf gehen, zumindest zwei Themen möchte ich noch erwähnen, vielleicht werden es aber mit der Zeit noch mehr. Bei dem Thema Bewertung konnte es ja nicht anders sein, als dass auch über die Notengebung grundsätzlich diskutiert wurde. Zum Einstieg sollten sich alle Teilnehmer/-innen entlang einer Linie einfinden mit den Polen "Ich bin mit meiner Leistungsbewertung sehr zufrieden" und "...gar nicht zufrieden". In kleinen Stehgruppen sollten wir darüber an der jeweiligen Stelle ins Gespräch kommen. Sehr schnell stand dann das Thema "Warum überhaupt noch Noten?" im Raum, welches dann kurz auch die kleinen Gesprächsgrüppchen auflösten. Die anwesenden Reformschulen verzichten zum Teil auf Notengebung bis Klasse 8. Sie wurden natürlich auch in einer Zeit gegründet, in der durch die Bildungsdiskussion eine andere Ausgangslage herrschte. Das heute nachträglich bei etwa rheinland-pfälzischen Gesamtschulen einzuführen, käme schon einer Revolution gleich. Dennoch will ich meine Gedanken, vielleicht sogar als Grundlage für eine Diskussion, hier notieren.

Zunächst inhaltlich: Ernsthaft glaubt niemand mehr und in der Tat weiß jeder, dass die Notengebung von eins bis sechs an Unfug herankommt. Die Ziffern reduzieren eine Leistung (welche?) auf eine Ziffer, die so gut wie über keinen Informationsgehalt verfügt. Schulische Lernergebnisse sind von so vielen Aspekten abhängig, dass sie nicht in eine einzelne Ziffer zu pressen sind. Ein Aufsatz etwa besteht schon allein aus den Bereichen Inhalt und Sprache. Dazu gehören Kriterien wie Aufbau in Einleitung, Hauptteil, Schluss; dazu kommen spezielle Kriterien einer Aufsatzform (Nacherzählung, Inhaltsangabe, Erörterung usw.); bei der Sprache kommt es an auf Satzbau, abwechslungsreiche Satzanfänge, treffende Wortwahl, grammatikalsich richtige Formulierungen, Zeitformen; und, wieder je nach Aufsatzform, inhaltliche Richtigkeit (etwa bei der Nacherzählung) beziehungsweise stimmige Argumentation (etwa bei der Erörterung). Gar nicht erwähnt bisher: die Rechtschreibung. Aufgrund dieser Vielzahl von Faktoren habe ich seinerzeit mit Bewertungsbögen gearbeitet, auf welchen die einzelnen Kriterien und ihre Umsetzung jeweils notiert waren. "Endlich habe ich mal verstanden, wie eine Aufsatznote zustande kommt!", sagte mir damals eine Mutter. Dennoch: Ich musste am Ende die Punkte addieren und in einer Ziffer ausdrücken. Die Punkteverteilung auf diese Endziffer ist natürlich äußerst subjektiv und beweglich, und da kommen auch andere Fächer mit ins Spiel. Es gibt dabei keine Objektivität, auch wenn, wie bei uns, eine Fachkonferenz dies in Absprache tut. Wer will schon für alle gleich, objektiv gültig und gerecht festlegen, wieviel Punkte es für einen stimmigen und logischen Aufbau von Pro- und Kontraargumenten in einer Erörterung gibt? Oder wie viele für ein Rechenergebnis statt des Lösungsansatzes? Es hilft alles nichts: Über den wirklichen Leistungsstand sagen Noten nichts aus, über weiteren, nach Schüler/-innen individuell verschiedenen Übungs- oder Lernbedarf schon gar nicht.

Nächster Punkt: Was richten Noten an? Motiviert eine Fünf wirklich dazu das Arbeitspensum zu erhöhen oder persönliche Schwachpunkte auszubügeln? In der Regel kenne ich diese doch eh nur aus individueller Beratung, aus der Note sind sie nicht ablesbar. Dem heutigen Begriff von individuellem Lernen mit persönlichen, nächsten Lernschritten wird eine Zahl nicht gerecht. Zumal ein Thema viel zu oft mit der Klassenarbeit abgeschlossen ist, den Lernfortschritt etwa bei der Erörterung zeigen zu können, wird durch Wiederholung kaum möglich sein.  

Ein schönes Zitat bringe ich aus einer Präsentation aus Ingelheim mit, ausgerechnet vom Präsidenten des Bayerischen Lehrerverbandes Klaus Wenzel (näher kann ich es nicht nachweisen): "Noten sind nicht zuverlässig. Die Note 'Zwei' sagt ja nicht, dass ein Schüler eine gute Leistung erbracht hat. Sie sagt, dass er in seiner Klasse zu denen gehört, die an der zweiten Position stehen. Es könnte sein, dass er mit der gleichen Leistung,  an einer anderen Schule, an einem anderen Ort einen Einser hätte. Es könnte auch sein, dass er an einer anderen Schule, an einem anderen Ort nur einen Dreier hätte." Bliebe noch zu ergänzen: Auch bei einer anderen Lehrkraft in derselben Schule könnte er eine andere Note haben. Noten sind nicht objektiv, sie suggerieren dies nur. Die unterschiedlichen Faktoren, die am Zustandekommen der Noten beteiligt sind, (Lehrkraft, Inhalt, Leistungskriterien, Bezugsgruppe, Tagesform, Umfeld, Vorbereitung etc.) lassen schon keine Objektivität zu.

Woraus speist sich also dieses Klammern an die Notengebung? Mir scheint, wir sitzen alle einer Täuschung auf. Jedem, der sich mit der Ziffernnote befasst, wird den komplizierten Vorgang des Lernens darin nicht wiederfinden. Aber wir nehmen das hin und tun weiter so, als sei die zwei hier mit der ebenfalls guten Benotung dort zu vergleichen, streben gar landes- und bundesweite Vergleiche an. Die Einfachheit des Vergleiches zweier Zahlen (und Kommastellen) verführt uns, die Schnelligkeit eines möglichen Vergleichs verklebt uns die Gedanken und den Auftrag des genauen Hinschauens. In der Planungsgruppe der IGS DeiWa hatten wir damals das durchaus diskutiert, kamen aber auch zu keinem Konsens.. Die Auseinandersetzung auf den vier Ebenen: Schüler, Eltern, Lehrkräfte, Ministerium war uns auch zu aufwändig angesichts des Aufbaus einer neuen Schule. Selbst, wenn wir die Schulgemeinschaft hätten überzeugen könnten - im Ministerium stünde derzeit für diese Frage kein  Fensterchen offen - so ein Vertreter in Ingelheim. Aber so weit sind wir ja noch gar nicht, mein Antrag, auf Noten bis Klasse acht zu verzichten, fand auf der Direktorenvereinigung IGS keine Mehrheit. Eine Schülerin aus Winterhude sprach in einer Arbeitsgruppe davon, dass die Aussetzung der Noten zugunsten von Formen der Lernentwicklungsberichte das Beste war, was ihr widerfahren sei. "Während meine Freundinnen an anderen Schulen unter dem Notendruck litten, wusste ich genau, was ich zu tun hatte, ohne Druck und genau formuliert." 

Was also ist zu tun? Habe ich die Kraft, den Mut, das Durchhaltevermögen, dieses Thema in meiner "Restschulzeit" bei ungünstiger Meinungslage auf allen Ebenen noch einmal anzugehen? Sollen wir, wenn es denn gelänge, die eigene Schulgemeinschaft zu überzeugen, als einzelne (?) Schule diese Auseinandersetzung aufnehmen, wenn die Politik am Ende mit einen Federstrich alles vom Tisch fegte? Würde darunter der weitere Aufbau leiden, weil die Notendiskussion enorme Energie binden würde? Zunächst bleibe ich mal hilflos zurück, noch ist ja nicht aller Tage Abend.


Mittwoch, 21. März 2012:

"Zu diesem Projekt gehört auch, dass der Schulleiter durch Anwesenheit zeigt, dass er dahinter steht!" Gemeint ist das von Ministerium und Pädagogischem Landesinstitut gemeinsam ins Leben gerufene Schulentwicklungsprojekt "Schulische Lern- und Lebenswelten". Ich schrieb schon früher darüber, nun stand das vierte Modul an unter dem Titel Formen partizipativer und fördernder Bewertung, Beratung und Begleitung. Natürlich interessierte mich dieses Thema und natürlich stehe ich hinter dem Projekt als ganzem - sprachs und meldete mich an. Zwei Tage in Ingelheim (Da ich ein notorischer Heimschläfer bin, fuhr ich an beiden Tagen hin und zurück. Das gönn' ich mir). Zunächst las sich schon das Angebot an Workshops in der Tagesordnung wie ein Who is Who von Gewinnern des deutschen Schulpreises: Reformschule Winterhude, Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule in Göttingen, IGS Alt-Oberhausen, IGS Bonn-Beuel, IGS Robert-Bosch in Hildesheim, Offene Schule Kassel-Waldau, welch im Ohr klingelnde Namen aus dem Bereich der Gesamtschule. Wohlgemerkt: Es war gar keine IGS-Fortbildung, macht aber erneut deutlich, wie innovativ diese Schulform wohl in der Schullandschaft Deutschlands wirkt - und mitten drin eine kurze Präsentation der kleinen und jungen IGS Deidesheim/Wachenheim an der Weinstraße...

Von den zwei Workshops, an welchen ich selbst teilnahm, und denen, die Kolleg/-innen besuchten, lässt sich folgender Hauptnenner bilden: Bei allen vorgestellten Inhalten haben wir bereits den einen oder anderen Ansatz in unser Konzept aufgenommen. Wir differenzieren bei der Leistungsmessung, durch die SELG haben wir Anfänge einer Feedback-Kultur umgesetzt, Verantwortung haben wir begonnen zu delegieren und anderes mehr. Nicht, weil wir dies und jenes von anderen abgepinnt haben, sondern weil es bei uns ebenfalls "entstanden" ist. Ich denke, das nehme ich als Erkenntnis aus den beiden Tagen hauptsächlich mit: An unserer Schule sind eine ganze Reihe von Ideen auch entstanden, sie müssen nur noch weiterentwickelt und besser strukturiert werden. Und gemessen an dem Alter der genannten Schulen (Göttingen-Geismar etwa besteht schon seit 40 Jahren) haben wir in einem Zehntel der Zeit Tolles auf die Beine gestellt. Wir, das ist ein engagiertes, kompetentes und fleißiges Kollegium!

So fuhren wir nach Hause mit einem Paket an Ideen, Weiterentwicklungen und Impulsen, die wir auch an die Weinstraße bringen wollen. Wenn ich so drüber schaue, sind die meisten Punkte nichts wirklich Neues darunter, ich kenne sie aus anderen Zusammenhängen oder sie sind schon im Ansatz bei uns enthalten: eine Feedbackkultur hat die SV an meiner alten Schule schon eingeführt (Sie ruht dort inzwischen in einem tiefen Schlaf, soll nun aber durch SchLuL wieder geweckt werden). Gruppenarbeit betreiben wir auch, allerdings können wir dort ein Mehr an mehr Struktur gebrauchen. Ich bringe mal mein "altes" Heft aus der IGS Köln-Hohlweide mit. Das ganze Gebiet der differenzierten Leistungsmessung beackern wir schon nach unseren Möglichkeiten, das könnte weiter ausdifferenziert und mit einem festeren Konzept versehen werden, das auch größere Verbindlichkeit bringt. Fächerübergreifendes Lernen war angedacht, hat sich im Allatg aber etwas verflüchtigt, kann und soll wieder konzentriert werden. Und so weiter. Will sagen: Eine Fortbildung für mich mit Langzeitperspektive, mit Folgekosten, die neuen Schwung bringt, aber auch die Erkenntnis, was wir schon alles "auf der Schiene" haben (eine Formulierung aus Ingelheim, die mir gut gefallen hat.) Und wieder der Gedanke, dass der Aufbau einer Schule langen Atem und das Durchhalten über Jahre hin erfordert - kein Tages-Geschäft ist. Und so war Ingelheim auch eine Tankstelle mit neuem Sprit für die nächsten Etappen. 

Neben dem "offiziellen" Programm machte ich wieder einmal die Erfahrung: Wichtige Dinge laufen in der Raucherecke! Was ich da an Kontakten knüpfte und Gesprächen führte, ist so unendlich wertvoll, sei es im Kontakt zum Ministerium, sei es zu Schulvertretern oder Referenten. Wenn ein Kontakt einmal Früchte getragen hat, wird davon zu berichten sein.

Am Abend dann noch eine erfreuliche Mail, die nach einem Zwischenergebnis nicht ganz so überraschend ist, aber da es erst ein ZWISCHENergebnis war, habe ich es bisher nicht erwähnt - nun ist es aber offiziell: Am diesjährigen Schulhomepage AWARD nahmen insgesamt 632 Schulen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz teil. In der Kategorie Gesamtschule haben wir nach dem zweiten Platz im Jahr 2010 nun für 2012 den ersten Platz erreicht. Klasse! Toll! Wunderbar! In einem Kommentar dazu las ich die mich freuenden Worte: "Schulleiters Tagebuch ist spitze!" Ach, wie schön diese Worte klingen. In Ingelheim berichtete mir gar eine Schulpsychologin, dass sie Leserin desselben sei! Bei allen Konflikten aus dem Bereich soziale Netzwerke werden wir nicht müde, den Schüler/-innen zu sagen: "Bedenkt immer, wer das alles lesen kann!"...und denke beim Tippen doch selbst nicht daran und lase mich stets überraschen, wer diese Notizen inzwischen alles liest.

 

Montag, 19. März 2012.

Der dritte Überprüfungstermin mit Konferenz und Kolloquium zur Besetzung der Stufenleiterstelle ist heute über die Bühne gegangen. Für mich selbst das bisher aufwändigste Verfahren, weil sich drei Interessenten/-innen beworben hatten und ich bei allen drei Verfahren als Schulleiter der ausschreibenden Schule mit von der Partie war. Nun ist es rum und ich kenne das ja aus eigener Erfahrung: Jetzt kommt eine lange Zeit des Schweigens, bis die Entscheidung in Trier getroffen ist und dann auch ihren Weg über Neustadt an die Schule gefunden haben wird. Immerhin ist bei Stufenleitungen das "hohe Haus" in Mainz nicht beteiligt, also einige Schreibtische weniger als bei meiner Bewerbung als Schulleiter. Besonders interessant war für mich dieses Mal, bei grundsätzlicher Eignung aller Personen dann doch feine, individuelle und dennoch deutliche Unterschiede wahrzunehmen.

Das Assembly der Fünfer nutzte ich heute, um das gestrige Stabaus-Fest und die damit verbundenen Hintergründe anzusprechen. Das frühlingshafte Wetter am Samstag ermöglichte einen selbst empfundenen Einstieg: alle sich zu Wort meldenden Schüler/-innen erzählten von tollen Gefühlen. "Ich spielte den ganzen Tag draußen", "Endlich war die Sonne wieder zu spüren", "Es war so herrlich warm, dass wir gleich im Garten gegrillt haben", "Ich spielte den ganzen Nachmittag mit meinen Freunden draußen Fußball". Eben, und es waren wohl diese Stimmungen und Gefühle, welche die verschiedensten Bräuche am Sonntag vor dem Frühlingsanfang entstehen und dann zum gemeinsam veranstalteten (Dorf)Fest mit rituellem Wintervertreiben wachsen ließen. Wunderbar, wie die Kinder heute darauf reagierten und diese Brücke schlagen konnten.  


Freitag, 16. März 2012:

Eine seltsam zerrissene Woche geht da zu Ende. Zum einen wegen Krankheit ohne Sekretärin (was das Abhören des Anrufbeantworters und das Aushängen des jeweils gültigen Vertretungsplanes durch mich mit sich bringt), zum anderen durch viele, eigentlich kleine Themen, die aber alle ihre Aufmerksamkeit und eine Vielzahl von Gesprächen erfordern. Ja, doch, die vielen kleinen Einzelthemen, die meist "unvorbereitet" anfallen und wenig Zeit lassen, erhöhen meine Beanspruchung um einiges Mehr als Unterricht. Hat dieser erst mal begonnen, läuft er 45 oder besser noch 90 Minuten ab ohne Telefon, ohne neue Themen, ohne Klopfen an der Tür.

Ein besonderes Schmankerl heute: Einer unserer Achtklässler macht sein Betriebspraktikum in einem Architektenbüro, ich erwähnte seine Aufgabe ja schon am Dienstag. Heute begegnete ich ihm nun mit seinem Chef in Deidesheim zur Ortsbesichtigung und zum Abmessen. Klasse Projekt, auch wenn es bei der Planung bleiben sollte. Aber wie ich uns kenne....


Mittwoch, 14. März 2012:

Seit Montag sind die Trixis im Betriebspraktikum in der Umgebung verstreut und werden auch schon von Lehrkräften besucht. Ach ja, wie gerne (und wehmütig daran denkend) ging ich seiner Zeit meine Schützlinge besuchen. Ich habe diese Zeit als entspannend und interessant abgespeichert. Entspannt, weil ich aus dem Schulalltag und -stress rauskam (ins wirkliche Leben?). Interessant, weil es eine ganz eigene Erfahrung darstellte, die Schüler/-innen in neuen Zusammenhängen erleben zu können, zum Teil passend und erwartungsgemäß, zum Teil aber auch ganz fremd. Von ihnen kamen dann auch genau diese zwei Pole in den Rückmeldungen: "Mir gefällt es ausgesprochen gut, endlich mal nicht nur still sitzen zu müssen, sondern etwas Richtiges tun zu können!". Der andere Pol: "Nein, das ist mir viel zu stressig, den ganzen Tag eingebunden zu sein. Ich bin abends hundemüde und die Füße tun mir weh. Ich hock mich jetzt hin, damit ich in die Zehnte komme." Also: Zwei Wochen, in denen wichtige Erfahrungen gemacht wurden, die eine Grundlage für weitreichende Entscheidungen darstellten. Also denn, ihr Lieben, mnacht was draus.

Die ersten Besuchsrückmeldungen gingen schon ein: Tolle Erlebnisse und Bewährungen an einer Tankstelle, eine wunderbare Aufgabenstellung in einem Architektenbüro: Aufmessen der Schule und Planung eines Atriums. Na, da kann man doch nicht meckern.

Wegen Zeitdruck und Notwendigkeit eine Mittwoch-Sitzung des Schulleitungs-Teams.


Dienstag, 13. März 2012:

Derzeit finden die Verfahren - so heißt das eben - zur Besetzung der dritten Stufenleitung statt. Als Schulleiter an der zu besetzenden Schule bin ich bei allen dabei. Natürlich kann ich nicht eingreifen und auch nicht mitreden. Dennoch ist es höchst interessant, die verschiedenen persönlichen Nuancen zu beobachten, individuelle Stärken wahrzunehmen und auch zu sehen, wo es (noch) hapert. Eigentlich kenne ich das alles ja aus meiner Zeit als Bezirkspersonalrat und auch von meinen Verfahren, aber das ist sehr lange her und dennoch bin ich dieses Mal seltsam angespannt und innerlich beteiligt.

Ein zweites besonderes Erlebnis im Assembly innerhalb einer Woche. Sprach mich doch ein Schüler an, ob er im Assembly etwas ansprechen dürfe. Er bekam das Mikrofon und schilderte, wie er von einem Mitschüler als "Nigger"  beschimpft wurde. Wir seien doch Schule ohne Rassismus und das wäre doch rassistisch und das ginge doch nicht. Ich bin platt, wie sich diese Wochenversammlung entwickelt hat. Da empfinden Kinder, dass sie eine Angelegenheit mitteilen wollen oder gar müssen, und es nicht mit den Verbindungslehrkräften, nicht mit den Tutoren, nicht mit der Stufenleitung und nicht im Klassenrat ansprechen, sondern vor den versammelten Schüler/-innen. Grundlage dafür muss ja eine Erfahrung des Vertrauens sein, ein Gespür, dass dies alle angeht, ein Gefühl: Das gehört genau dorthin. Und sie tun es und trauen sich das vor 240 Mitschüler/-innen, nicht angeleitet, nicht aufgefordert. Und wie die Versammlung darauf reagiert, Möglichkeiten erörtert, was zu tun sei und sich dann mehrheitlich auf einen Entschuldigungsbrief einigt - das ist schon grandios, da verstumme ich vor Dankbarkeit, da herrscht nur Freude in mir über ein solches Geschenk...

..und das gibt mir Kraft für zwei Konflikte, in denen ich als Schulleiter gefragt bin.


Freitag, 09. März 2012:

Zunächst ein Nachtrag aus dem Assembly letzten Montag. Ein Thema war wieder einmal das Verhalten an den Bahngleisen. Immer noch meinen einzelne Schüler (es sind halt vorwiegend Jungen!), sie müssten die Gleise zum Spielen benutzen, auch hie und da einen Gegenstand platt fahren lassen. Daher warnen wir immer wieder und können es anscheinend nicht abstellen. Da meldete sich ein Mädchen und berichtete ganz bewegend davon, dass sie eine Freundin durch einen Unfall verloren habe. Was sollten diese persöblichen Worte anderes auslösen als betretenes Schweigen. Man erzählte mir, dass die  angeschlossene Gedenkminute für jenes Mädchen wieder Stille zum Greifen hervorbrachte. Schade, dass ich das nicht miterleben konnte. Und welch eine Freude, wie diese wöchentlich stattfindende Versammlung sich zum wichtigen Ereignis für die Kinder entwickelt hat, zu einem gemeinsamen Ort und zum Raum für sachliche und auch persönliche Äußerungen geworden ist. Toll!

Heute in Deidesheim hatte ich zwei Besuche, von männlichen Kollegen, die sich an unsere Schule versetzen lassen wollen, viel Gutes hätten sie gehört. Angenehme Gespräche und eine Aussicht darauf, wie die diesjährige Personalplanung sich mausern könnte. Noch steckt sie in den Kinderschuhen. Auch die letzten Widersprüche im Aufnahmeverfahren habe ich nach Neustadt geschickt. Vielleicht kriegen wir die Aufnahme im endgültigen Stadium noch vor den Osterferien hin.


Mittwoch, 07. März 2012:

Ein ganz besonderer Tag, der am Ende viel Freude und auch Lachen gebracht hatte: Die Referentin für Integrierte Gesamtschulen im Ministerium will alle IGSn besuchen, um zu wissen, für welche Schulen sie arbeitet - heute führte sie also ihr Weg zu uns. Wir starteten in Wachenheim mit der Begrüßung im Schulleitungszimmer bei einer Tasse Kaffee, bevor wir ins Untergeschoss gingen. Neben den Räumen interessierte sie ein kurzer Einblick in eine Unterrichtsstunde. Wir wählten dazu den Mathematikunterricht aus, weil dort auch gleich die Lernwerkstatt zu erleben war. Zu unserer Schule gehört nun mal der Kanon, den ich den beiden  ("unser" Referent der Schulaufsicht aus Neustadt war auch mit von der Partie) zu Gehör bringen wollte. Text und Melodie hatte ich ihnen im Konzeptheft gegeben, meine Musikklasse kann das aus dem Stand heraus und gleich stimmte die mir als sangesfreudig bekannte Referentin mit ein. Der weitere Weg führte in die Mensa, die Sporthalle, den Nawi-Raum und den GTS-Raum im OG. Unsere Schule live: Standortwechsel nach Deidesheim, dort Einblick in das Wahlpflichtfach Arbeitslehre, Gang durchs Haus, Gespräch mit Kolleg/-innen, Mittagessen in der Mensa und abschließend ein Gespräch mit dem Schulleitungsteam. Wie bei uns auch üblich: wir haben viel gelacht, die Atmosphäre stimmte. So haben wir auch einen schönen Eintrag in unser Gästebuch (also das gebundene aus Papier) bekommen:

"An der IGS Deidesheim/Wachenheim habe ich eine Schule erlebt, die für Schülerinnen und Schüler in ihrer Entwicklung ganz große Bedeutung hat. Das liegt daran, dass das Kollegium und die Schulleitung Lebendigkeit in die Klassenräume bringt und denen jedes einzelne Kind wichtig ist. Das ist toll und dafür danke ich herzlich! Weiterhin viel Power beim Aufbau der Schule." Okay, krempeln wir die Ärmel hoch!

 

Dienstag, 06. März 2012:

Direktorenvereinigung IGS in Sprendlingen. Auf die IGS kommt in den nächsten Jahren Entscheidungen zu, die diese Schulform drastisch verändern können, um es mal neutral zu sagen. Ich meine aber verschlechtern. Die Zahl der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf soll steigen und die Klassenmesszahl für Klasse 5 und 6 soll auf 25 runtergehen. Beides zunächst durchaus positive Vorhaben. Zusammengenommen aber zwei Maßnahmen, die die zugewiesenen Lehrerwochenstunden so enorm vermindern könnten, dass eine ganze Reihe von pädagogischen Punkten Konzeptpunkten in Gefahr sind. Klar, dass sich alle Direktoren/-innen heftig gewehrt und sich kämpferisch gezeigt haben. Mal sehen, wohin die Entwicklung dann wirklich geht.

Gestern bekam ich als Dank für meine Unterstützung des Praxisforums die neu erschienene Broschüre des Pädagogischen Landesinstitutes "Individuell, vielfältig, besonders" geschenkt, eine Sammlung von Anregungen und durchaus praxisbezogenen Hilfen für "Lernen in Vielfalt". Mit hohen Erwartungen stürtzte ich mich auf de ersten Beitrag eines Prfessors - und ärgerte mich sehr schnell. Der Text befasst sich mit den Veränderungen, denen Schule ausgesetzt ist. Soweit ja nicht zu kritisieren, aber wenn ich auf systemtheoretische Begriffe stoße wie Prozessmusterwechsel, Funktionsoptimierung, Entwicklungssättigung, Zielperspektive der Motivationsförderung und Prozessneuerungen, dann vergeht mir jedes Interesse am Thema, nein, stärker noch, dann werde ich wütend, weil sich einer nicht die Mühe macht, sein Fachgebiet so zu durchdringen, dass er es mit verständlichen Worten ausdrücken kann. Schon im Studium stieß ich so oft auf eine theoretisch aufgeblähte Sprache, die mich ärgerte. Ich glaube wirklich daran, dass auch wissenschaftliche Zusammenhänge so zu formulieren sind, dass sie geerdet sind, dass sie vorsichtig tastend in einer lieber unauffälligen Sprache Tribut zollen. Immer hege ich seither den Verdacht, dass Sprache missbraucht wird, dass sie Größe vermitteln soll, wo die Inhalte selbst es nicht hergeben. Es mag aber auch durchaus sein, dass mein Denken, meine theoretische Begabung einfach an diese Höhe der Sprache nicht heranreicht. Aber ist es das, was wir für eine Veränderung der Schule benötigen? Brauchen wir wirklich das Hochheben auf eine systemtheoretische Ebene, um es dann wieder auf den schulischen Alltag runterbrechen zu müssen? Ich schaue mir lieber die leuchtenden Augen der Kinder an, wenn sie mit Freude lernen, wenn sie miteinander in entspannter Atmosphäre neugierig bleiben, wenn sie in nicht erschöpfbarer Kreativität die Schule mitgestalten und auch wenn sie über einen Witz von mir lachen.

 

Montag, 05. März 2012:

Eigentlich war ich für heute "abgemeldet", weil ich in Speyer ein so genanntes Modul beim "Praxistag Lernen in Vielfalt" leitete. Aber ich fuhr zur normalen Zeit nach Wachenheim, wollte kurz den Beamer holen (Mit dem geht garantiert nichts schief und dessen Zusammenarbeit mit meinem Laptop funktioniert technisch einwandfrei. Ich hasse den unnötigen Stress kurz vor Beginn, weil es mit der Technik hapert.) Montags die erste Stunde ist aber bei uns derzeit mangels Angebot schwer zu vertreten. Also ging ich noch in meine Musikklasse, klärte kurz das Assembly, bevor ich dann - auch das mag ich überhaupt nicht - nach Speyer düste. Ich liebe dieses ruhige und gelassene Einfinden an einem Tagungsort, hier noch eine Tasse Kaffee, dort noch eine Umarmung mit lieben Menschen, die ich kenne, da noch eine Neuigkeit aus jener IGS, dort die neueste Stellenbesetzung - Modern: Netzwerkarbeit. War dann heute damit nichts, aber ich war noch pünktlich.

Bei der Begrüßungsrede der Direktorin des Pädagogischen Landesinstitutes wurde mir erst klar, dass dieser Praxistag der öffentliche Start eines großen Projektes des PL und des Landes ist. Unter dem Titel "Lernen in Vielfalt" sollen - noch ein moderner Begriff - Plattformen geschaffen werden, auf denen innovative und interessierte Schulen mit bewährten Beispielen austauschen können. Wenn das, wie gedacht, mal steht, wird es eine gute Sache, da arbeite ich gerne mit. An Lippenbekenntnissen zum Lernen in Vielfalt ist, so meine ich, alles schon geäußert. Nun muss die Umsetzung her. Alles, was da hilft ist gut. Mein Part heute, so wurde ich auch angefragt, sollte den Bereich "Individuelle Lernberatung und Förderplanung" abdecken und stand unter dem Titel: "Individuelle Beratung und Zielvereinbarung durch Schüler-Eltern-Lehrer-Gespräche". So ist es eben in Wirklichkeit: Ich selbst habe noch nicht eines dieser Gespräche geführt, habe lediglich bei einigen beigewohnt. Klar, ich weiß, wie sie gedacht sind und wie sei auch bei uns ablaufen, aber die Einordnung in dieses Thema kenne ich sehr genau. Mein roter Faden war etwa: Individuelle Lernberatung jedes einzelnen Kindes umfasst eigentlich viel mehr. Aber dazu haben wir weder die Zeit noch die personellen Ressourcen. So ist unsere Regelung der SELG die direkt umsetz- und machbare Möglichkeit, wenigstens zweimal im Jahr flächendeckend jedes Kind ganzheitlich zu beraten - und das ist eine ganze Menge. Auch zum Projektthema "Lernen in Vielfalt" trägt dies durch die individuellen Möglichkeiten einen wichtigen Aspekt bei. Und wie die Arbeit mit Förderplänen sich entwickelt hat und derzeit umgesetzt wird, wurde mit positivem Erstaunen wahrgenommen.

Nach meinem Vortrag kamen Kollegen/-innen auf mich zu und gaben mir auch Rückmeldungen. Eine war darunter, die mich besonders freute, weil sie erstens von einer regionalen Fachberaterin für Inklusion stammt und zweitens mir inhaltlich wichtig ist. "Ich habe noch nie einen Schulleiter gehört, der so glaubhaft und authentisch hinter der Schwerpunktschule stand." Toll, wenn dies bei den Zuhörer/-innen so ankommt und Bestätigung meines immer wieder gesagten Satzes: "Ich habe mit der IGS DeiWa am meisten gelernt!"

 

01. März 2012:

Vergleichsarbeiten Mathematik 8 und das landesweit, für ältere Schulen vielleicht Routine, für uns eine Premiere, denn VERA 8 ist der erste Test, der an der IGS DeiWa durchgeführt wurde. Das sah so aus: In den ersten beiden Stunden hatten alle Schüler/-innen die gleichen Aufgaben auf drei unterschiedlichen Niveaus zu erledigen. Noch am selben Tag wurden sie von der kompletten Fachschaft normgerecht ausgewertet und die Ergebnisse online in ein Portal eingegeben. Nach einer gewissen Zeit kann man diese Daten abrufen. Um der Schülerschaft die Ernsthaftigkeit zu verdeutlichen, besuchte ich still und leise alle vier Klassen. Oha, selbst der Schulleiter kommt vorbei. Es wird keine Leserin und keinen Leser dieses Tagebuches überraschen: Ich halte von solchen Tests nichts. Wie denn auch, wenn ich immer wieder für individuellen Umgang mit möglichst jedem Kind plädiere. Mir will das Erreichen eines Zieles (landesweite Vergleichbarkeit) auf diesem Weg einfach nicht glaubhaft erscheinen. Wochen zuvor gibt es ein Test Heft, mit dem im Mathematikunterricht VERA "geübt" werden soll. Aha, der Test oder die Aufgaben sind also so angelegt, dass sie ein Durchschnittsschüler gar nicht unvoreingenommen oder unvorbereitet bearbeiten kann, sie müssen geübt werden. Und da hängt doch nun viel daran, wie dieses Üben ausfällt. Wurde es intensiv betrieben? Ist etwa eine neue Art von Aufgaben darin enthalten, die Schüler/-innen gar nicht kennen? Wie sicher werden sie dann durch die Übung? Vielleicht gibt es ja einen VERA-verliebten Mathematiklehrer, der seinen Unterricht immer schon so ausrichtet, dass seine Schülerschaft viel besser darauf vorbereitet ist. Wie "objektiv", wie aussagekräftig sind also solche Tests auf Landesebene oder gar bundesweite? Von den weltweiten PISA-Tests ganz zu schweigen. Und wenn all diese Fragen positiv beantwortet würden, was habe ich denn von dem Testergebnis? Schule A schneidet im landesweiten Vergleich so und so ab. Ja und was will uns das sagen? Mehr VERA-Aufgaben machen? Mehr Frontalunterricht, mehr und andere Aufgaben stellen, damit wir beim nächsten Test einem fiktiven Ergebnis näher kommen? Nein, ich halte einfach nichts davon. Was soll ein individueller Förderansatz, wenn ich ihn aufgrund "objektiver" Daten verlassen muss? Ich erwarte von jeder Lehrkraft, dass sie ihre Schüler/-innen kennt und weiß, wie er/sie zu fördern ist.

Und wie lief es bei uns? Die Kids gingen unterschiedlich ran. Einige schlossen das Test Heft lange vor der Zeit, hatten angeblich schon alle Aufgaben nochmals überprüft, einige versuchten sich bis zuletzt durchzubeißen und wurden doch nicht fertig, wieder andere lächelten frohgemut und machten eine über-die-Schulter-wegwerfende Bewegung. Objektive Ergebniss