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Jan bis März 10

Sonntag, 03. Januar 2010:

Alles Gute zum neuen Jahr allen Leserinnen und Lesern und natürlich allen, die irgendwie mit unserer Schule zu tun haben. Trotz allen Vorsätzen: Irgendwie mutiert die Vorweihnachtszeit doch immer zu einer wieder zur ereignisreichen Phase, die wenig Spielraum lässt, um Dinge wie das Tagebuch aktuell zu halten. Also, was war noch wichtig? Fangen wir mal an.

Ein konzeptionelles Vorhaben zeigte sich als nicht schnell entscheidbar. Wir starteten den Versuch, über eine rhythmisierte Form der Ganztagesschule nachzudenken. Im Kopf war ich zunächst entschieden, weil diese Form von einstimmig allen nachgefragten Schulen als die bessere bezeichnet wurde. Will heißen: interessierte Eltern melden ihr Kind fest und verbindlich für zwei (!) Jahre in eine Ganztagesklasse an. Mit dieser Vorgabe kann der Ganztagesbetrieb besser, ruhiger und sinnvoller strukturiert werden. Auf der anderen Seite schränkt diese erheblich ein, denn es gibt keinen Spielraum, auf eventuell veränderte familiäre oder persönliche Veränderungen pädagogisch zu reagieren. Man ist auf die Strecke von zwei Jahren fest gebunden. Klar, man könnte Klassenwechsel vornehmen, aber das würde wiederum die Arbeit in den Klassen, für die wir viel Zeit aufwenden, in Frage stellen. Wir haben die Entscheidung nnicht getroffen. An einem Studientag wollen wir intensiv und mit Experten mehr Informationen sammeln und von Erfahrungen anderer hören und profitieren.

Beschlossen haben wir die Stundentafel für Jahrgang 7. Weiter konnten wir uns noch nicht vorwagen. Es ist schwer, alles unterzubringen, was wir wollen. Auch "mein" geliebtes Assembly wird sich verändern müssen um Raum zu schaffen. Wollen wir einfach zu viel? Ich denke nein, wir müssen es nur anpassen.

120 Seiten mit Tabellen und Zahlen kamen per Mail - der SEIS-Bericht ist da. Da steht eine intensive Lektüre bevor. Ein erster Überblick vermittelt mir aber ein recht positives Bild. Dennoch habe ich schon beim Drüberschauen Tabellen gelesen, die der genauen Überprüfung bedürfen und vermutlich "Entwicklungsfelder" - so heißt dies bei der AQS - enthalten.

Wöchentliche Sitzungen des "kleinen Förderteams" ergeben mit neuen Zuordnungen und geplanten Förderplangesprächen so langsam ein Bild der Schwerpunktschule. Aber auch da steckt noch so manches Päckchen Arbeit drin. Dennoch: Wir sind einige Schritte in Richtung inklusive Schule gegangen. Und schon klopfen Eltern für das nächste Schuljahr an.

Ein Schreiben des Ministeriums zum diesjährigen Aufnahmeverfahren - immerhin wird es vermutlich zehn neue IGSen geben - zeigt: Wir haben schon im letzten Jahr alles richtig gemacht und müssen nicht viel verändern. Ein schönes Unternehmen wird es dennoch nicht werden. Und wie wird wohl das Anmeldeverhalten von der neu startenden IGS in Grünstadt gestalten? Die Anmeldezahl im letzten Jahr verträgt eine zweite IGS im Landkreis. Mit einer weiteren IGS in Eisenberg kommt für die "Nordlichter im Landkreis" aber eine zusätzliche Option ins Spiel. Schaun wir mal.

Erste Gespräch und Treffen mit interessierten Kolleginnen und Kollegen, die eine Versetzung zu uns anstreben, hat es auch noch gegeben. Verstreut über die Region von Speyer über Neustadt bis Worms und Kirchheim-Bolanden. Auch das wird wieder spannend, bis das neue Team wirklich wasserdicht steht.

Und dann endlich unterrichtsfreie Zeit. Als "guter Beamter" lege ich meine Krankheiten natürlich in die Ferien, Zeit immerhin, den Nobelpreis für Literatur an Herta Müller zu nutzen, endlich ein Buch zu lesen, das seit nun mehr 16 Jahren im Schrank stand. "Der Fuchs war damals schon der Jäger" stand in meiner ersten 10. Klasse auf der Deutsch Leseliste. Es hatte damals keiner gewählt, so verschob ich die Lektüre auf und kein Anlass hat es in derr Vordergrund gespült. Erst jetzt war es "einfach dran". Welch eine Sprache, welch ein Vermögen, allein mit Sprache Inhalte in Bildern so auszudrücken, als hätte man sie gelesen. Sie stehen aber nicht da und erschließen sich lediglich zwischen den Zeilen. Da machte sich ein  Weihnachtsgeschenk mit dem neuesten Titel "Atemschaukel" besonders gut. Es wird nicht warten müssen und ist schon gelesen. Mir wurde wieder klar, wie sehr ich dieses Lesen während der Unterrichtswochen vermisse und wieder überlegte ich mir Strategien für reglemäßigeres Lesen und wieder habe ich wenig Hoffnung, dass dazu Zeit bleibt.

Und dann - kurz vor Weihnachten - kam das vierte "IGS-Baby" aus dem Kreis des Kollegiums zur Welt. Glückwunsch, viel Gesundheit und vor allem ein friedvolles Leben (Das klingt wie Hohn nach Kopenhagen, ist aber ernst gemeint. Und gerade hier trifft nun wieder ein Satz zu, den ich bei Info-Veranstaltungen nicht müde werde zu betonen: "Die Kinder heute in der Schule müssen in ihrem Leben Aufgaben bewältigen, von denen wir nicht mal die Problemstellung kennen."). Alles erdenklich Gute also an den jungen Erdenbürger.

Und nun gehen (für mich) heute die Ferien zu Ende. Lasst uns am Mittwoch erholt und kraftvoll beginnen. Ich freu mich drauf!

 

Dienstag, 05. Januar 2010:

Wenn der Unterricht in den Alltag eingekehrt ist und im Schulleitungszimmer die Klinke kaum Ruhephasen hat, können wir kaum konzentriert planen. Daher traf sich das SL-Team heute. Und siehe da, wir tagten noch nachmittags, um dem zweiten Halbjahr eine Struktur zu geben. Wenn das alles so klappt, wie wir das heute besprochen haben, kommt ganz schön viel auf uns zu, vor allem, was das Konzept der Schule angeht. Allein die Themen äußere Fachleistungsdifferenzierung, Ganztagsbetrieb und Projektunterricht deuten an, dass wir auf wichtige Weichen zufahren. Aber, und das spürte ich heute erneut und das macht mir Mut, die Leidenschaft in mir, das alles zu stemmen, die Lust, mit der Schulgemeinschaft voranzukommen und der Spaß im Schulleitungsteam sind im neuen Jahr angekommen. Ärmel hoch und los!

 

Mittwoch, 06. Januar 2010:

Hätte ich das Gefühl nicht gekannt, ich hätte es heute neu gelernt: Wie schön ist es am ersten Schultag alle wieder zu sehen. Dass dem Kollegium "mein in den Arm nehmen" nicht fremd ist, weiß jeder, der mich kennt, ja zum Teil wird es sogar als Gradmesser genommen. Aber dass auch Schüler auf mich zukommen und mich drücken, das ist neu und beweist mir die gute, herzliche Atmosphäre an der Schule. Und Fragen von drei SchülerInnen aus dem Jahrgang Trixi Traube: "Gell, im zweiten Halbjahr haben wir Sie endlich wieder in Musik?". Wie soll ich da das Ferienende beklagen?

 

Donnerstag, 07. Januar 2010:

Drei Stunden bei der ADD in Neustadt, Referat 37 sind effektiver als viele Mails und Anrufe. Es ist halt schon so, dass ich lieber mit Menschen direkt rede, ihnen in die Augen sehe, auch mit ihnen scherze und lache und - fast wie nebenbei - Dinge für die Schule schnell und unbürokratisch klären kann. So liegt es mir fern, in die oft vernommene Klage einzustimmen. Gegenteilig tue ich kund: ADD? Die ist okay!

 

Dienstag, 12. Januar 2010:

Nein, das gab‘s nun wirklich noch nicht: "Georg, steh um 12 Uhr am Telefon, eine Kollegin aus New York ruft da an!" Tatsächlich, ich sprach heute mit New York! Nochmal? Ja, mit New York. Nach der Rückkehr von der deutschen Schule dort nach Rheinland-Pfalz kommt unsere Schule in Betracht für einen neuen Arbeitsplatz. Schauen wir mal.

Teamsitzungen in beiden Jahrgängen: Den Anmeldesamstag planen und Absprachen zur Ausstellung bei der Kreisverwaltung treffen. Das läuft und fluppt, prima, Freude kommt auf. Und täglich grüßen KollegInnen, die sich für unsere Schule interessieren und bitten um Rückruf. "Ich habe nur Positives über Ihre Schule gehört." Betrachtet man die Strecke von Dannstadt bis New York, dann kann sie ja kaum größer werden.

 

Freitag, 08. Januar 2010:

Hui, 2010 hat aber schnell Fahrt aufgenommen. Gleich drei Kolleginnen und Kollegen haben vorgesprochen, weil sie bei uns arbeiten möchten, zwei weitere warten auf meinen Rückruf. Zwar war es ein (ungewollter) Geniestreich, dass ich Musik fachfremd unterrichte. Er hat dazu geführt, dass ich alle Schülerinnen und Schüler kennen gelernt habe. Was kann einem Schulleiter besseres widerfahren? Wenn es irgendwie geht, will ich die neuen Fünfer immer mit der Gitarre locken und unsere Lieder mit ihnen singen. Dennoch: Im nächsten Jahr muss ein Musiklehrer her, der den Fachbereich aufbaut und eine Musikgruppe ins Leben ruft. Ausgestreckte Fühler gibt es schon.

 

Donnerstag, 14. Januar 2010:

Welch gesegneter und unverdient von Katastrophen verschonter Landstrich hier. Um so schöner, dass mich heute eine Schülerin ansprach, ob wir für die Kinder auf Haiti nicht eine Spendenaktion starten könnten, verschiedene Bankkonten habe sie mir schon auf einen Zettel notiert. Toll! Angesichts solcher Nachrichten und Bilder: Wie soll ich mich über dies und jenes aufregen? Im Grunde wird jedes Problem(chen) marginal und das meiste lässt sich eh mit Ruhe und zum Teil auch mit Geduld lösen, allein oder gemeinsam. Und ich spüre, wie diese Gelassenheit und Ruhe sich nährt und unterstützt wird durch Empathie, Gedanken und Ideen solcher Schülerinnen. Nochmal und immer wieder: Wenn ich nochmal auf die Welt komme, werde ich...Lehrer!

Mittags Gespräch in Deidesheim, der "Umzug", die Erweiterung, der zweite Standort, wie auch immer, wirft sein Licht täglich deutlicher zu uns. Nicht nur vom Gebäude her eine große Baustelle. Ich glaube, dass ich noch gar nicht ganz erfasse, was da wirklich auf uns zukommt. Aber eine Schule kann man nicht im Detail planen, das muss kommen und dann müssen wir reagieren. Und dann erschlägt mich der Berg an Neuem auch nicht.

Abends die große Info-Veranstaltung zum Thema "Auf welche Schule schicke ich mein Kind". Wieder über 200 Eltern, wieder viele Fragen zur IGS und zur Aufnahme. Ich hoffe, nicht in die Art einer Gebetsmühle zu verfallen, weil immer wieder dieselben Fragen die Eltern bewegen und ich immer nur abwartend reagieren und Hoffnung auf das (vermutliche) Losverfahren machen kann. Liebe Eltern, meldet euch an, die Chancen beim Losverfahren lagen im vergangenen Jahr bei etwa 50%. Bei weit geringeren Gewinnchancen gibt es auf dem Wurstmarkt Menschen, die leben vom Losverfahren.

 

Freitag, 15. Januar 2010:

Mit einem in stimmungsvolles Assembly begann der heutige Tag. Wir haben Post aus Afrika erhalten, unsere 54 Rucksäcke aus der Aktion "Mary Meals" sind angekommen und haben große Freude hervorgerufen. Beim Anschauen eines kurzen Filmes über den Weg der Schulranzen und Rucksäcke war die Hilfsbereitschaft und die Freude zum Greifen dicht. Ein kleiner Schritt nur, dann war klar: Die Schülerschaft startet eine Aktion, um in Haiti helfen zu können. Erste Ideen wurden genannt. Nun wird weiter überlegt, gesichtet, verworfen und geplant. Glücklich und stolz auf unsere Schülerinnen und Schüler räume ich die Gitarre weg.

 

Montag, 18. Januar 2010:

...und täglich grüßen die Versetzungswilligen. Von der Zahl der Interessenten könnte ich schon zwei Teams bilden. Der Anmeldetermin für die neue Runde rückt näher. Wir haben heute mit einigen Kolleginnen und Kollegen das Anmeldeverfahren besprochen. Mein Wunsch nach weniger "Wellenschlag" als im letzten Jahr steht im Raum, mal sehen.

Aber das ist Alltag. Höhepunkt heute: Die Hilfe für Haiti nimmt konkrete Formen. Es scheint sich ein "Laufen für Haiti" herauszuschälen, jedenfalls hielt ich heute einen bereits ausgearbeiteten Plan in der Hand mit Streckenverlauf, zu erwartendem Gewinn und möglicher Durchführung. Möglichst alle Schülerinnen und Schüler sollen außen um das Schulgelände laufen und pro Runde Sponsoren finden. Leicht durchführbar, schnell umzusetzen - weiter so, wir sind dicht dran!

 

 

 Dienstag, 19. Januar 2010:

Vergrößertes "Erntedankfest" - (siehe Eintrag 20.01.2009) - also die erste Zeugniskonferenz mit zwei Jahrgängen. Was mich am meisten freute: Der Stil und der pädagogische Impetus setzt sich fort. Was da über vier Stunden hinweg an pädagogischem Austausch und an Informationen gelaufen ist, war stimmig und kann sich sehen lassen. Keine mathematische Festlegung auf Noten sondern Suche nach Hilfestellungen und Verbesserungsmöglichkeiten. Zwar mussten auch wir uns auf eine Zeugnisnote einigen (müssen wir das?), aber es entstand der Eindruck, dass die Zukunft wichtiger ist als die Vergangenheit und das unterscheidet ja den Richter (der Vergangenes verurteilt) vom Pädagogen (der zukünftiges beurteilt). Eine runde Sache und für mich ein Novum: Es war die erste Zeugniskonferenz seit 13 Jahren, die ich nicht selbst vorbereitet und geleitet habe. Solche Konferenzen sind klassische Arbeit der Stufenleitung. Umso schöner, wenn sich die Qualität fortsetzt. Merci allen, die diese vier Stunden Konzentration und Diskussion nach sechs Stunden am Vormittag mitgestaltet haben.

 

Mittwoch, 20. Januar 2010:

Am Tag der offenen Tür der kommenden IGS Grünstadt nahm ich als Pate logischerweise teil. Wie auch bei uns bewundere ich die vielen Eltern, die ihr Kind an einer Schule anmelden wollen, die es noch gar nicht gibt. Da ist dann eben doch der Wille spürbar, "eine andere" Schule wählen zu wollen. Wieder viele Fragen, viel Neugier und die Gewissheit: Nach dem regen Besuch heute die IGS über die notwendigen Anmeldezahlen verfügen. Prima! Stoßen wir vorsichtig schon mal an und freuen uns auf eine enge Zusammenarbeit.

 

Donnerstag, 21. Januar 2010:

Schrieb ich doch! Heute trafen sich Kolleginnen und Kollegen der beiden (künftigen) IGSen und beratschlagten, welche Kinder der Schwerpunkt-Grundschulen an welche IGS wechseln sollen. Schöne, konstruktive Atmosphäre und pädagogisches Miteinander.

 

Freitag, 22. Januar 2010:

Sechzig-Minuten-Telefonat mit der Robert-Bosch-Stiftung über die IGS Deidesheim/Wachenheim. Es tut gut zu hören, dass unser Konzept auch von außen Anklang findet und der bisherige Weg als "bemerkenswert und außergewöhnlich" eingestuft wird. Wichtiger aber die ergänzenden Hinweise, was noch zu verbessern, zu korrigieren oder einzuführen wäre. Mir schwebt nach dem Gespräch als wichtiger Schritt vor, all die einzelnen, guten Ansätze unter ein Leitmotiv, ein Motto zu bündeln, wodurch sie noch mal anders begründet und "geerdet" werden. Auch der angesprochenen Gefahr des Verzettelns würden wir damit entgegenwirken. Schön die Absicht der Kollegin: "Ich komme einfach mal bei ihnen vorbei!"

 

Dienstag, 26. Januar 2010:

Eis, Eis, Busse kommen zu spät, Eltern fahren vorsichtiger - dennoch kein Chaos. So ist das eben im Winter und vor allem locker bleiben. Kein Termin ist wichtiger als die Gesundheit. Sich verantwortlich auf den Weg machen und

 gesund ankommen. Ein Eindruck dieses Winters wird sein: beaufsichtigte Schneeballschlachten. Tolle, die Lage im Hof entspannende Idee, Danke für die Aufsicht. Und immer noch kommen Versetzungswünsche von KollegInnen an. Dem Zeugnisdruck stehen nur noch marginale Schwierigkeitchen entgegen - wir sind gut in der Zeit!

 

Mittwoch, 27. Januar 2010:

Lange schon gingen wir auf diesen Tag zu und waren einer Meinung: Nicht nur als Schule ohne Rassismus sondern als bewusste Staatsbürger ist der Gedenktag für die Opfer des Holocausts ein Pflichttermin. Außerplanmäßig riefen wir alle Schülerinnen und Schüler zu einem Assembly zusammen. Viel leiser als sonst sollten die Kids den Raum betreten und zur Ruhe kommen. Ich führte kurz zum Thema hin. Auch wenn der Anlass des heutigen Tages weit zurück liegt, die NS-Zeit spielt mit dem Demjanjuk-Prozess und der aufgetauchten Urkunde über die Ehrenbürgerschaft Hitlers in Leistadt noch immer in unsere Zeit hinein. Keiner im Saal hat natürlich Schuld auf sich geladen, das kann gar nicht das Thema sein. Aber schnell war die Brücke zum heute aufkeimenden Rassismus geschlagen und da haben alle Anwesenden die Verantwortung gespürt: Das darf sich nie wiederholen oder auch nur ansatzweise noch mal vorkommen. Dafür stehen wir auch als Schule ohne Rassismus. Nach einigen Bildern aus der NS-Zeit, untermalt mit der weinenden Klarinette von Giora Feidmann, stand lange das Zitat von Richard von Weizsäcker zu lesen: "Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart." Greifbare Stille bei der Gedenkminute. Da passte es nur zu gut, dass zwei Sechser-Klassen die Ausstellung in der ehemaligen Synagoge in Deidesheim besuchten. Auch dort ging es darum: Was soll das Gedenken heute noch? Unsere Schülerinnen und Schüler hatten treffende Antworten parat.

Ja, ich glaube wir haben den Gedenktag würdig und angemessen begangen, sind unserer Verantwortung gerecht geworden - vielleicht und hoffentlich ein weiterer Meilenstein zur Eindämmung von Rassismus, auch und vor allem bei unserer Schülerschaft.

 

Freitag, 29. Januar 2010:

Wie oft hat heuer dieses Datum schon eine Rolle gespielt bei den Zeugnisformularen und Verbalen Beurteilungen. Heute nun war es soweit. Wie ich von den Korken hörte, gab es viele strahlende Gesichter, weil sich bessere als erwartete Noten eingestellt haben. Jedes Mal bleibt aber die Frage zu stellen, wie sinnvoll und aussagekräftig sie wirklich sind. Was sagt eine einzige Ziffer über die Arbeit eines halben Jahres schon aus! Aber vielleicht brauchen wir, da der Einsatz über lange Zeit eh nicht so kurz auszudrücken ist, einen Wert als Halt, so unzureichend er auch ist. Auch eine Zeugnisnote kommt doch wie allen anderen auch zustande durch letztlich drei Fehler mehr im Diktat oder durch eine Noten-Punkte-Skala, die auch anders hätte ausfallen können. Den Empfängern seien sie heute gegönnt. Hoffentlich sind nicht allzu viele (Geld)Geschenke daran geknüpft. Auf der anderen Seite bin ich ja auch nicht unabhängig davon und vermute, dass ein Bewerber oder eine Bewerberin, die als Lehrkraft bei uns arbeiten will und eine gute Examensnote mitbringt, besser sein muss als andere. Die Erfahrung widerlegt dies immer wieder und so verlasse ich mich im persönlichen Gespräch immer mehr auf das Bauchgefühl und den persönlichen Eindrucke. Nur ist dies natürlich nicht objektiv, weiß ich, aber im Gespräch bei bestimmten Antworten und bei gewissen Reaktionen meine ich zu spüren, ob jemand an unserer Schule gut eingesetzt wäre. Nach wie vor denke ich, dass bei aller Methodik und Didaktik die Lehrperson das wichtigste Medium im Unterricht ist. Wenn die nicht authentisch Inhalte zu vermitteln hat, nützen noch so viele Methodenwechsel nichts.

Heute im Assembly standen sie wieder vorne, die jungen Schülerinnen und Schüler, erzählten allen von vom Besuch in der ehemaligen Synagoge vorgestern, so als wäre das völlig normal, dass sie vor so vielen Menschen frei reden und so, als ob sie es schon immer getan hätten. Toll, ist Assembly pur.

 

Montag, 01. Februar 2010:

Eine Fortbildung, von der ich so gut wie nichts mitbekommen habe, die anmeldewilligen Eltern und Kinder standen in langer Reihe auf dem Flur. Zwischendrin noch letzte Vorbereitungen für die Ausstellungseröffnung morgen. Hoffentlich bleiben meine Musikerinnen bei der Stange. An solchen Punkten macht sich das große Einzugsgebiet unserer Schule negativ bemerkbar, weil meine Musiker nicht einfach kommen können sondern gefahren werden müssen. "Der rote Faden" durch die Ausstellung ist gedruckt und geknüpft.

 

Dienstag, 02. Februar 2010:

Die Ausstellung "Ost/West" der IGS im Kreishaus ist eröffnet. Atmosphärisch schön und inhaltlich gelungen. Die Musiker waren alle da, toll, prima, ich danke euch, auch den  Taxi spielenden Eltern! So sehr ich mich immer über Stehempfänge mit Sekt amüsiert habe, es laufen Dutzende von Gesprächen, Kontakten und Begegnungen, die mir solche Anlässe immer wichtiger werden lassen. Ich wünsche der Ausstellung viel Besuch, sie soll ja auch ein Dank an den Landkreis für die Unterstützung sein und mit dem Landkreis meine ich auch seine Bürgerinnen und Bürger, denen wir durch die Präsentation auch einen Einblick in unsere Arbeit und Arbeitsweise gewähren. Öffnung von Schule in die Region, Schule in und mit der Region oder welche Titel sich dafür finden lassen - die Eröffnung war sicherlich ein weiterer Höhepunkt des Schuljahres.

 

 

Donnerstag, 04. Februar 2010:

Das Aufnahmeverfahren ist gelaufen. Wir konnten letztendlich 204 Anmeldungen verzeichnen. Das sind zwar knapp 40 weniger als im letzten Jahr, aber innerhalb unseres letztjährigen Einzugsgebiet, im nördlichen Landkreis, wird in Grünstadt eine neue IGS eröffnet. Angesichts dieser Tatsache ist das Ergebnis sehr gut, zumal ausreichend Anmeldungen eingegangen sind, die einen hohen Schulabschluss vermuten lassen. Die alte Erfahrung greift nun also auch in unserem Landkreis: Dort, wo eine neue IGS entsteht, entlastet sie eine  bestehende nur wenig sondern begründet neues Interesse. Mit den Anmeldezahlen lässt sich zunächst einmal trefflich in die Zukunft schauen: Das Interesse der Eltern im Landkreis scheint zwei Integrieret Gesamtschulen versorgen zu können. Bleibt die demographische Entwicklung abzuwarten. Aber bis es ernst wird, sitzen wir fest im Sattel. Dank allen, die daran mitgewirkt haben, unserem Kollegium und der Planungsgruppe in Grünstadt, der Schülerschaft, die ja in erster Linie positive Eindrücke vermittelt und auch den vielen Eltern, die uns vertrauen.

Das Ergebnis wird aber auch die Schattenseite wieder hervorbringen: 93 Kinder konnten durch das nach Leistung gewichtete Losverfahren keinen Platz erhalten. Da wird das Telefon wieder heißlaufen. Ihr Lieben, jedem einzelnen hätte ich einen Platz gegönnt, jedes Kind wäre mir willkommen gewesen. Ich kann euch und eure Eltern mit eurer Enttäuschung verstehen. Betrachtet es auf keinen Fall als persönlichen Misserfolg, es lag bei niemandem an irgendwelchen Gründen - es gibt für die Nichtaufnahme nur den einen und einzigen Grund: Wir haben nicht für alle einen Platz. Das Losverfahren ist da ganz unbarmherzig, nicht mal alle Geschwister konnten aufgenommen werden. Bei der Anmeldung habe ich allen gesagt: Habt einen Plan B, eine weitere Schule in der Hinterhand. Dies muss nun greifen. Und: Die Erfahrung des letzten Jahres zeigt, dass sich, nachdem die Enttäuschung sich etwas gelegt hatte, die neuen Schulen gute Arbeit geleistet haben und sich Kinder dort auch wohl fühlten. Was im Moment als schlimmes Ereignis dasteht, wird sich abschwächen. Auf alle Fälle wünsche ich allen einen guten Start, bei uns oder an einer anderen Schule.

 

Freitag, 05. Februar 2010:

Dienstbesprechung der AQS-Koreferenten in Bad Kreuznach. DAs Verfahren der externen Evaluation hat sich etwas verändert. Wichtig waren für mich erste Hinweise zum derzeitigen Stand der Besuche. Es zeichnen sich zwei, drei Dinge ab, die auch bei uns nicht unbekannt sein dürften. Die Stimmung, die Atmosphäre an bisher besuchten Schulen wird meistens als gut und lernförderlich angesehen. Das ist natürlich gut für das Lernen. Ein Umstand, der immer wieder und immer noch auftaucht ist der, dass zu wenig Lernaktivität auf Seiten der Schülerschaft entwickelt wird, immer noch besitzt der lehrerzentrierte Unterricht einen übergroßen Anteil am Lerngeschehen, die Lern- und Sprechanlässe im Unterricht sind immer noch zu gering. Und das scheinbar quer über die Schularten hinweg. Die Aufgabe ist klar. Schulentwicklung ist immer zuerst Entwicklung des Unterrichts. Da wird hoffentlich unsere pädagogische Schulentwicklung (PSE) mit dem EFWI in Landau greifen und verändern. Wir sind auf dem Weg, das Ziel aber noch fern.

 

Samstag, 06. Februar 2010:

Da war ich aber überrascht: Zwei Stunden, nachdem ich geschrieben hatte, dass nicht alle Geschwisterkinder aufgenommen werden konnten, klingelte schon das Telefon. Beim SEB hätten Eltern angerufen, weil sie dies gelesen hatten. Auch bei den Gesprächen mit eventuell neuen KollegInnen taucht immer wieder der Satz: "Das habe ich in Ihrem Tagebuch gelesen." Da ist ein wichtiger Teil auf der Homepage entstanden und er bestärkt mich darin, keine Namen und Details zu schildern.

 

 Dienstag, 09. Februar 2010:

Erste SEB-Sitzung im neuen Jahr. Festzuhalten gilt: Die Schüler-Eltern-Lehrer-Gespräche (SELG), die Tutoren in zwei Klassen durchgeführt haben, wurden durchweg positiv erlebt. Tutoren sagten, sie erlebten die Kinder ganz neu, Schülerinnen und Schüler fühlten sich ernst genommen und konnten selbstbewusst über Stärken und Schwächen reden, Eltern erlebten die Gespräche als ernsthafte Partner von Schule. Wir wollen noch mehr Stimmen einholen und je nach dem die Gespräche ausweiten. Als Schwachpunkt wurden die Zielvereinbarungen genannt, da ist noch nicht klar: Wie viele sollen das sein? Wie konkret und kleinschrittig sollen sie formuliert werden. Eine flächendeckende Einführung von Klasse fünf bis zehn wäre eine tolle Sache. Über eine Kompensation müssen wir aber noch ins Gespräch kommen.

Schön war auch die Idee, auf die ich gar nicht kam, den Standort Deidesheim zu besuchen, damit Schüler und Eltern wissen, wo sie ab Sommer hingehen. Im Moment die Baustelle zu besichtigen, ist aber weniger sinnvoll. Warten wir den Frühling ab und den dann begonnen Innenausbau.

 

 Donnerstag, 11. Februar 2010:

Die lange fällige Konzeptgruppensitzung zur Differenzierung ab Klasse 7 hat heute stattgefunden. Die drei "Scout-Gruppen" berichteten von ihren Besuchen der IGSen Hamm/Sieg, Koblenz und Thaleischweiler/Fröschen. Diese Schulen differenzieren nicht nach außen, nicht nach Leistung getrennten Kursen, ssie fanden Modelle, die Klassen länger gemeinsam lernen zu lassen, wie es in die neue Übergreifende Schulordnung mit aufgenommen wurde. Nun stehen wir vor einem intensiven Diskussionsprozess, um ein Modell für uns zu entwickeln. Es sei hier nochmals erwähnt: Es nicht darum ob wir differenzieren, nur das wie müssen wir entscheiden. Berichte von IGSen, die Kurse auf zwei oder drei Niveaus bilden, stellten noch einmal fest, wie einschneidend eine zu jedem Zeugnis mögliche Umstufung in einen anderen Kurs bei den Schülerinnen und Schülern erlebt wird. Oft gehen Wochen ins Land, bis diese in der jeweils neuen Lerngruppe angekommen sind. Ich glaube, es wird letztlich auf die Frage hinaus laufen, wie wir es schaffen, die Leistungsstärkeren an ihr jeweiliges Vermögen heranzuführen. Dabei genügt es nicht, einfach nur mehr und schwieriger zu arbeiten. Da müssen Aufgaben auch mit anderen Lösungen und Ansätzen gefunden werden. Lasst uns gemeinsam suchen und Wege allein im Sinne der Schülerschaft finden, denn um sie geht es. Persönliche Vorlieben oder Ängste sind keine gute Grundlage für pädagogische Entscheidungen. Auch Grabenkämpfe, wie ich sie in dieser Frage erlebt habe, sollten wir mit wachem Auge und offenem Herz vermeiden.

 

Freitag, 12. Februar 2010:

Bevor es in die freien Tage ging, tagte heute die Fachkonferenz Naturwissenschaften in den Nawi-Räumen in Deidesheim. Entscheidungen über deren Einrichtung mussten gefällt werden - immerhin geht es um eine sechsstellige Summe, da ist Weitsicht gefragt. Wir spitzelten auch in die Baustelle des Anbaus. Noch standen wir in Staub und Beton - Dank allen an der Realschule+, die das tagtäglich aushalten müssen - aber erste Vorstellungen, wie wir den zweiten Standort beziehen wollen, entstehen beim Anblick gleich mit. Da der Team-, dort Differenzierungsraum mit Blick auf den Haardtrand - ach ist das alles spannend. Wie schnell werden wir dieses Gebäude als "unsere" Schule annehmen können? Wie werden wir gemeinsame Nutzung mit der RS+ hinbekommen? Die bekannten Planungen lassen mich da ruhig und zuversichtlich gestimmt zurück. Habe den Terminkalender in Wachenheim vergessen und fahre die Strecke zwischen den beiden Standorten heute zum vierten Mal, im Winter. Keiner würde sich das so aussuchen, niemand verharmlost die Mehrbelastung, aber da die Standorte festliegen, steht das ja gar nicht an und - es ist zu schaffen. Machen wir uns also auf den Weg zu Neuem, im Sommer erleben wir eine wichtige Etappe im Schulaufbau.

 

 

Rosenmontag, 15. Februar 2010:

"Das Schweigen ist keine Pause beim Reden, sondern eine Sache für sich". Und: "Die ständig betriebene Verdoppelung der Person durch das Zappeln...". Zwei Sätze aus Herta Müllers autobiografischen Essays "Der König verneigt sich und tötet", die sich von der gestrigen Lektüre in meinem Geäst verfangen haben. Einige Seiten führt sie aus, wie sie gegenüber dem Schweigen in ihrem rumänischen Dorf die geschwätzige Stadt erfahren hat, wie sie das Gefühl entwickelte, die Geschwätzigkeit und das Zappeln würden die Existenz nachweisen und begründen wollen. Sie kommt zu dem Schluss: "Man muss nicht reden, um da zu sein." Warum taucht dies im Schulleitertagebuch auf? In Gruppen, gleichwohl in Klassen, in Kollegien, gerade also in Schulen, kann der Einzelne im täglichen Treiben untergehen, Inhalte und Arbeit, sich beweisen müssen in Pausen- und Unterrichtszeiten stehen im Vordergrund, werden gemessen, kaum Raum für das Dahinter, wenig bis keine Gelegenheit für den emphatischen Blick auf die kleinen und größeren Wunden oder Narben. Wie oft erleben wir im Alltag, dass sich Menschen, erwachsene wie junge, nicht wirklich begegnen sondern einem von Reden und "Purzelbaum-schlagen" geprägten Auf-sich-aufmerksam-machen-wollen. "Schau hin, es gibt mich doch, beachte mich, wenn‘s es gar nicht anders geht, dann eben im Schimpfen!", steht allem voran auf der Wunschliste. Frisch gestrichene Fassaden sollen den Blick auf die bröckelnden Zimmerwände dahinter verdecken.  Wie sähe eine Schule aus, in der wir uns wirklich begegneten? So oft handeln wir an der eigentlichen Person vorbei, beachten nicht das, "was uns wirklich angeht" (Paul Tillich), wollen im Grunde doch nur das eine, Aufmerksamkeit, letztlich geliebt werden, philosophisch und/oder theologisch die Frage beantwortet haben: Wer bin ich? Weshalb gibt es mich? Oder noch mal anders: Verhaltensweisen, so undurchdringlich und unverständlich sie oft auch erscheinen mögen, rühren von der Aufforderung her: Beachte mich, du beruhigst damit mein unsicheres Sein. Ich bin, weil du mich wahrnimmst. Gerade in einer Zeit, die scheinbar allen Orientierungen beraubt ist, erwächst uns in den wenigen Stunden, in denen uns die jungen Menschen anvertraut sind, eine immer wichtiger werdende Aufgabe: Sie brauchen uns, um sich selbst zu bekommen, um in dem zappelnden Durcheinander von Reizen und im täglichen Wettbewerb um Anerkennung ein Gespür von dem zu entwickeln, worauf sie sich gründen können, letztlich ihr So-Sein zu finden. Dieses Großartige im Umgang mit jungen Menschen im Hinterkopf, müsste dazu führen, Schule, Unterricht und Inhalte mit den oft heftig geführten Diskussionen zu verändern. Müsste dem "Schweigen als Sache für sich" Raum geben. Wohl wahr: Im Lande schlängeln sich eben die Rosenmontagsumzüge durch die Straßen, aber der Ursprung des Narren ist der des vorgehaltenen Spiegels, in dem wir über uns selbst erschrecken sollen. Passt also auch und gerade heute.

 

 

Aschermittwoch, 17. Februar 2010:

Ausgleichstag für den vorgearbeiteten Samstag am Tag der offenen Tür, die IGS ist leer. Heute habe ich das neue Schuljahr, wenn wir in Deidesheim ankommen werden, vor-erfahren. Morgens ein Bautermin, immer noch geht es um die NAWI-Räume, aber auch um Einrichtungsfragen. Spannend, riesige, den großen Besprechungstisch ausfüllende Baupläne zu studieren, sich langsam hineinfinden in ein zunächst wahrgenommenes Gewusel von Linien, Flächen und Symbolen. Zum Ausgleich dann am Nachmittag nochmals nach Deidesheim, um die Bewerbungen für die Stelle des/der Schulszialarbeiter/in zu sichten. Wenn die Führung der Verbandsgemeinde und zwei Schulleitungen zusammen sitzen, entstehen dann doch Fragen, die sich aufgrund der günstigen Zusammensetzung stellen und auf Antwort harren: Wie wird das mit der Lernmittelfreiheit organisiert? Wie können wir im kommenden Schuljahr Räume aufteilen? Wie ist das Aufnahmeverfahren dieses Jahr gelaufen? Gibt es andere Reaktionen auf Ihren Zeitungsartikel (Es war doch mehr ein Interview!)? Da ich eine Kopie der Originalpläne erhalten hatte, saß ich abends dann am großen Küchentisch, wälzte dieselben nochmal, zeichnete ein Raum-Schema und versuchte unsere kommenden Jahrgänge sinnvoll darin unterzubringen. Am Ende drängte sich eine Lösung für mich auf - mal sehen, ob sie realisiert werden wird. Da wirkt das mit der Holz-Eisenbahnspielen auf dem Fußboden zwischendurch als entspannend, für Fragen der Streckenführung gibt es immer schnell und unbürokratisch eine Lösunge und sofort ist das Ergebnis sicht- und erlebbar: "Komm, wir bauen da eine Weiche ein!" oder "Hier setzen wir die Brücke ein!" und dann: Freie Fahrt!

 

Freitag, 19. Februar 2010:

Nachdem ich im Assembly heute alle dazu ermuntert habe, über den Umgang mit Wut nachzudenken, rechtzeitig zu schauen, wie gehe ich damit um, was mache ich selbst mit meinen Gefühlen, war meine Angst davor, auch bei uns kann es einmal solche Gewaltattacken geben wie in der BBS Ludwigshafen etwas zurückhaltender. Nein, keine Schule ist davor gefeit, keine sicher und keine kann das für sich ausschließen. Auch wenn wir erst klein und jung sind, muss dies ein Thema für alle werden. Und gerade heute las ich bei Herta Müller einen Satz, der zwar auf ihre schreckliche Vergangenheit im diktatorischen Rumänien hin formuliert wurde, der zwar hier ganz anders zutrifft, aber eben auch uns alle meint: "Lange Zurückliegendes kann kürzere Vergangenheit als gestern Geschehenes sein. Ich könnte sagen: Ich treffe meine Vergangenwart in der Gegenheit im Hin und Her vom Anfassen und Loslassen...In solchen Momenten, wenn sich Gegenwart und Vergangenes durchkreuzen und gegenseitig den Sinn nehmen und sich beide verzerren in unerwarteter Dimension, ist man völlig verrückt und glasklar normal." Kann nur heißen: Lasst uns daran arbeiten, wie wir mit den Gefühlen des Augenblicks umgehen, wie wir ihrer innewohnenden Sprengkraft den vermeintlichen Zünder entschärfen, wie wir den offenen Umgang damit lernen. Zu lernen ab heute und für alle. Verbinden lässt sich dieser Eintrag mit dem vom Rosenmontag, jeden in seiner Würde und seinem Menschsein wahrnehmen, damit keiner vereinsamt Schmerzen in sich hineinfrisst. In dem Maße, in dem wir diesen Weg weitergehen und es uns gelingt, Subjekt unserer Gefühle zu werden, also sie zu handhaben statt ihnen ausgeliefert zu sein,  in dem Maße schmilzt auch die Angst des Schulleiters, eine Situation handhaben zu müssen, in der es nur Verlierer geben kann.

 

Montag, 22. Februar 2010:

Vermutlich landesweit sind wir eine besondere Schulleitungsrunde, weil wir fünf Kinder unter 4 Jahren in unseren Familien umsorgen. Daher starten wir öfter mit dem Satz in den Tag: "Und - alles klar mit den Kleinen?" Ich denke und erfahre es, dass dieser Umstand den Blickwinkel für viele Fragen auch innerhalb der Schule schärft.

Wir sind heute den Kalender durchgegangen und haben die Dienstag-Nachmittage strukturiert, indem die Teamsitzungen der Jahrgänge sich abwechseln mit einem gemeinsamen Team und Fachkonferenzen. Inhaltlich haben wir für diese Vorschläge erarbeitet, die für die laufenden Geschäfte aber auch für das Schuljahr Struktur und Erleichterungen bringen sollen. Ich verspreche mir davon weiterhin einen großen Schritt in Richtung differenzierter Unterricht - also war es ein guter Tag! Ein neuer Schüler für Jahrgang 6, eine Praktikantin, eingehende Widersprüche und weitere Alltagsgeschäfte, die den Tag neben dem Kerngeschäft "Unterricht" füllen. Draußen hält der Frühling mit milderen Temperaturen Einzug, aber ich habe heute Abend Mühe, nicht in den Winterschaf zurückzufallen.

Nachtrag zum Assembly am Freitag: Die SV hat eine (immer noch vorläufige) Summe genannt, die für die Kinder in Haiti erlaufen wurde: Bisher wurden über 7.000 Euro gezählt, aber noch ist nicht alles Geld eingegangen. Welch eine Summe! Nie im Leben hätte ich das erwartet. Da hat unsere Schülerschaft ganz schön was "auf die Beine und in Bewegung gebracht".

 

 

Dienstag, 23. Februar 2010:

Schule im Aufbau und somit viele Baustellen. Daneben ein Konzept - Coolness-Training - das so entwickelt wurde, dass es in die  ganze Schule ausstrahlen soll, um Wirkung zu erzielen. Schulung des Kollegiums, Beteiligung der Schülerschaft, tägliches Umsetzen. Gut erarbeitet und sinnvoll, nur von uns derzeit nicht auch noch zu leisten. Nach einem klärenden Gespräch findet daher die AG selbigen Namens im zweiten Halbjahr nicht mehr statt. Schade, aber wir packen die Umsetzung einfach nicht

 

Mittwoch, 24. Februar 2010:

Der Tunnelbauer war da. Herr Lücker baute 1964 in Berlin mit weiteren 30 damals jungen Menschen in 12 Metern Tiefe einen Tunnel unter der Berliner Mauer hindurch. Über ein halbes Jahr  buddelten sie sich mit einfachsten Mittel und streng geheim durch den Boden. Was gab es nicht alles zu beachten: Wie regeln wir die Luftzufuhr in dem 145 Meter langen Tunnel? Wie hoch darf er sein, um nicht zuviel Aushub zu produzieren? Wie kriegen wir unbemerkt soviel Strom? Wie kann ein solches Unternehmen geheim gehalten werden? Am Ende konnten 57 Menschen durch den Tunnel in die Freiheit krabbeln, denn bereits am zweiten Abend wurde das "Loch in der Mauer" verraten. Dass davon jemand unseren Schülerinnen und Schülern authentisch berichten konnte, weil er dabei war, ist ein großes Glück. Die Worte und Bilder werden haften bleiben und führten die Umstände eines Unrechtsstaates noch einmal eindringlich vor Augen. Angesprochene thematische Bereiche wären: Öffnung von Schule für Kompetenzen von außen, greif- und nacherlebbarer Geschichtsunterricht, Vorbilder und Helden. Eineinhalb Stunden Gewinn auch für mich.

 

Donnerstag, 25. Februar 2010:

Noch immer gehen Widersprüche ein, noch immer versuche ich am Telefon zu trösten, auch Tränen mit (hoffentlich) einfühlsamen Worten und Perspektiven zum Versiegen zu bringen. Auf der anderen Seite fülle ich auch eine Rolle aus, die der eines Geldbriefträgers ähnelt: Wegen einer Absage konnte ein Schüler mit dem passenden Profil aufgenommen werden. Mehrere Jubelschreie waren durchs Telefon zu hören. Freud und Leid am Telefon, die ganze Bandbreite eben.

Nachmittags wieder nach Deidesheim - das Auto fährt die Strecke schon fast allein. Aus drei Kandidatinnen für die Stelle einer/s Schulsozialarbeiter/in wählten wir die hoffentlich richtige aus. Im April soll es also losgehen. Damit eröffnet sich ein weiteres Feld erzieherischer Arbeit. Ich freu mich drauf, auch wenn es für beide Standorte nur eine halbe Stelle ist, kommen immerhin 10 Stunden Kompetenz nach Wachenheim, die bisher Lehrkräfte füllen mussten.

 

 

Freitag, 26. Februar 2010:

Erstes Assembly mit den Korken allein, um das Programm "Erwachsen werden" auch in den sechsten Jahrgang hinein fortzusetzen. Wichtigster Inhalt: Passt auf, wie ihr mit Handy und Internet umgeht. Da ist, auch schon für Fünftklässler, eine Möglichkeit entstanden, bisher auch schon dagewesene Konflikte anonym und ohne sein Gesicht zeigen zu müssen austragen zu können. Gemein und hinterhältig werden da Dinge veröffentlicht, die für alle sichtbar sind, für die aber kaum einer die Verantwortung übernehmen will. Klar, haben wir zu meiner Zeit ähnliche Streitereien gehabt und klar haben auch wir damals Mitschüler an den Rand gedrängt, aber es geschah mit offenem Visier und als Person mussten wir mit hinein, schufen also die immer die Möglichkeit mit, dafür belangt zu werden und eins auf die Mütze zu bekommen. Also, ihr Lieben, hört auf mit diesem feigen Gehabe!

Trotz dieses Themas fühlte ich mich zurückversetzt ins Jahr 2009, als nur ein Jahrgang im Assembly saß und wir auch das Stillwerden eingeübt haben. Das wird schon, auch mit dem Ansporn: Ihr seid nicht mehr lange die "Kleinen", dann müsst ihr Vorbild für den neuen Jahrgang sein, denn sie werden von euch lernen.

 

Sonntag, 28. Februar 2010:

Beim Einkaufen gestern einen Vater auf dem Stadtplatz treffen, "meiner" Landrätin vor der Buchhandlung begegnen und im Schwimmbad auf einen Schüler treffen - ich empfinde das auch als eine Art der Inklusion: Einer der Hiesigen zu sein, nicht ausgesondert irgendwo anders zu wohnen und an einen Arbeitsplatz zu fahren, da zu sein und Menschen der Schule zu treffen so wie auf den Briefträger oder den Getränkehändler stoße. Auf der anderen Seite verstehe ich alle, die das nicht so empfinden und eine private Sphäre pflegen zu wollen, zu der der Beruf keinen Zutritt haben soll.

Eines noch aus Vancouver: Letzte Nacht verfolgte ich fiebernd die Teamverfolgung im Eisschnelllauf - DIE Sportart der IGS im Team-Kleingruppen-Modell. Nicht die Einzelleistung zählt, Taktik und Kraft müssen im Team funktionieren, es zählt die letzte Kufe, die über die Ziellinie gleitet, das Team muss zusammen ankommen, da kann auch mal jemand stürzen, wenn das Team dennoch gemeinsam ankommt, stärkere Kondition oder Kraft spielen nur dann eine Rolle, wenn es für das Team gut ist. Auch Fragen wie: Wer kann in welchem Teil des Rennens am besten vorne weg Tempo machen, wer hält sich mit Blick auf die Teamleistung wann im Windschatten auf, alles auch Metaphern für unsere Arbeit. Wie heißt es im Schulkanon: Jeder kann was prima machen, einer dies, der andere das.

Montag, 01. März 2010:

Im Schulträgerausschuss des Landkreises wurden die Anmeldezahlen aller Schulen synoptisch vorgestellt. Die beiden IGSen sind beliebt und viel nachgefragt. Das ist gut, gefällt uns natürlich und zeigt eine gute Hand bei der Schulentwicklung des Kreises.