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Sept bis Okt 11

 

 Donnerstag, 01. September 2011:

Nach einer ganzen Reihe von Mails über den Ozean habe ich heute die Homestay Chart (Liste der Gastfamilien) nach Los Angeles geschickt. Es war eine Freude, wie viele unserer Eltern bereit und auch in der Lage sind, zwei amerikanische Studenten aufzunehmen. Am Ende hätten wir statt der 47 angekündigten fast 60 aufnehmen können. Zum Trost sollen jetzt einige eine/n Schüler/in aus Jena beherbergen, aber auch da sind die Wünsche groß. Mal sehen, wie das am Ende alles aufgeht.

Morgen ist Statistik-Termin. Alle Zahlen, Fakten und Stunden rund um unsere Schule müssen (möglichst fehlerfrei) dort eingegeben werden. Wie die Elternabende der neuen fünften Klassen passiert dies ja schon zum vierten Mal, aber die Datei ist so groß, dass ich das eine "mit links" bewältige, das andere nur mit stundenlanger Unterstützung. Um 12 Uhr muss es "Klick" machen, sonst ruft die Schulaufsicht hier an: Wo bleiben ihre Daten? Es müssen erschwerender Weise die Dateien aller (!) Schulen vorliegen, sonst können sie nicht mit der Auswertung beginnen...

 

Young Americans Diary - Europe Fall Tour - 8. bis 12 September 2011:

Donnerstag:

So, jetzt geht es also los, was monatelang vorbereitet wurde, startete heute. Zunächst Entwarnung: Wir haben von der hiesigen BBS Auslegematten für die Sporthalle bekommen, die 32 Ampere Starkstrom sind perfekt. 12 Uhr 20: Anruf auf dem Handy: Die YA sind wohl behütet gelandet (gestern stürzte ja ein Flugzeug mit einer Hockeymannschaft ab, man denkt sich gar nichts bei einem Flug und dann so was!). 14 Uhr: Alles klappt wie am Schnürchen: der Gabelstapler vom hiesigen Bauhof kommt an, der Getränkehändler mit den Tischgarnituren und der Kühlbox ist auch pünktlich, schnell ist alles abgeladen und bereit. Im Büro bastele ich die letzten Fähnchen mit dem Logo der YA , die Begrüßung soll ja eine herzhafte sein, schließlich startet die Truppe ihre Herbsttour bei uns und alles ist neu für sie. So viele Hände, so viele Köpfe, so viele Gedanken haben das alles vorbereitet und in einer halben Stunde sollen sie also ankommen. Während ich dies schreibe, im Büro, schaue ich immer mal aus dem Fenster, obwohl es noch zu früh ist, aber die Spannung wächst auch in mir. Die aktuelle Anmeldezahl von heute liegt bei nun mehr 171  Schülerinnen und Schüler, eine gute Zahl, die morgen vielleicht noch etwas steigt. Kontakt zu Jena besteht auch, 13 Schülerinnen aus unterschiedlichen Klassen kommen morgen um 12.30 Uhr an und beleben die Schulpartnerschaft.. Eben schaue ich nochmal raus: Nein, der falsche LKW fährt die Friedelsheimer Straße entlang. Der Parkplatz, bzw. die Wiese neben dem Hort, ist jetzt aber frei. Den ganzen Tag über standen dort immer parkende Autos so ungeschickt, dass der Bus und der Truck (so nannten sie ihn wirklich, bei uns wird es ein LKW sein. Trucks wie ich sie aus meiner USA Tour kenne, gibt es bei uns ja nicht wirklich) kaum ausreichend Platz gefunden hätten. Die Einladungskarten für die VIPs sind unterwegs, das Geschirr aus der Mensa für morgen geklärt und bestellt, jetzt läuft alles wie am Schnürchen, wenn wir gut vorbereitet sind. Ich gehe mal raus auf den Parkplatz, ich glaube, die ersten Eltern sind da.

19.30 Uhr: Puh, bin nun also zu Hause, die YA sind da. Die Vorhänge halb geschlossen, halb schlafend und in die Sitze gelümmelt, so nahm ich einen ersten Blick auf "unsere" Jet Leck geplagten YA, als ich den Bus einwinkte. Und dann lief mir doch eine Gänsehaut über die Schulter, als ich unsere Company-Managerin begrüßte. Eine ganze Reihe von Mails machte uns ja schon bekannt, und nun ist sie da und die 46 anderen auch. Sie wollte gleich mit zwei anderen Managern, Mann, sind die organisiert, Schule, Halle, Fuzzy-Room (sprich: fassy, so etwas wie ihr Aufenthaltsraum für zwischendurch) sehen. Alles war "wonderful" und "great". American way of words, nicht eben mein Umgang mit Sprache, dafür viel spontaner und unmittelbarer. Versammeln aller im BK-Saal, Fähnchen schwenken, Worte übersetzen, Liste durchgehen: Eine Gastfamilie fehlte - Wumm - aber, wenn ich mir den Werdegang vergegenwärtige war es letztendlich mein Fehler und mangelnde Kommunikation. Die Stimmung war gleich gut, die Kids schwenkten fleißig ihre Fähnchen, mein Dolmetscher aus der 7d machte sich prächtig. Die Spannung wich dann, als der Bus ausgeräumt war und sich der Parkplatz leerte. Sie sind da!

 

Freitag:

Sie sind tatsächlich da, 47 Young Americans bereiten drüben die Halle vor. Zunächst haben aber schon andere Helfer Vorbereitungen getroffen: Die Tribünenteile sind schon aufgebaut, auch der Rollteppich ist schon ausgelegt, damit der Boden nicht leidet ("Wir haben nur eine Sporthalle, keine Mehrzweckhalle!") Beinahe  wäre die ganze Veranstaltung daran noch gescheitert, aber die Berufsbildende Schule hat Auslegeware und ein Bauunternehmer war eh an der Schule und hat bereit erklärt die Rollen zu holen. Hand in Hand eben! Erstaunlich, wie schnell die YA den LKW ausladen, fast im Laufschritt traben sie tragend durch die noch leere Halle, sich immer wieder aufbauend und anfeuernd mit Rufen wie: "Go, go, go!" oder "Do a good job!" Einige schleppen gemeinsam Kisten bei, andere bauen schon an der Traverse, Kabel werden gezogen, verklebt, andere tragen Garderobe in den Fuzzy-Room, dem Backstage Bereich in unserer Gymnastikhalle. In der Schulküche kocht bereits eine Mutter das Mittagessen, die YA essen heute zunächst allein im BK-Saal. Eigentlich bzw. Gott sei Dank vertrete ich heute einen erkrankten WPF-Lehrer, das schafft die glückliche Gelegenheit, mit den Schülerinnen und Schülern die Biertisch-Garnituren aufzuschlagen, Tischdecken drauf, alles ist in Aufregung.

Um zwölf füllt sich dann die Halle, die Vorführung für Kurzentschlossene beginnt. Über 100 Kids haben sich eingefunden, auch eine Klasse der Grundschule. Und dann geht’s ab. In weniger als zwei Minuten haben die YA das junge Publikum auf Betriebstemperatur, wahnsinnig, wie die das draufhaben, als sei das Klatschen, Pfeifen und Kreischen angeboren - sie rufen es in kürzester Zeit ab. Die weißen Kisten dienten nicht nur der Verpackung, jetzt stellen sie die Bühne auf verschiedenen Ebenen dar, toll, wie das alles professionell durchdacht ist. Dann sitzen wir draußen am Tisch mit unseren Listen. Tatsächlich melden sich noch um die 20 Schülerinnen und Schüler an. Die Truppe aus Jena ist auch heil angekommen, eine Delegation führt sie vom Bahnhof aus in die Schule, während die YA essen. Das klappt alles, auch ich komme langsam auf Betriebstemperatur, weil alles so gut läuft. Möge es bis Sonntag so bleiben.

Um 15 Uhr dann der richtige Start in das Projekt: die knapp über 200 Schülerinnen und Schüler werden "aufgewärmt" (worm up). Die YA stellen sich nochmal vor, singen und jubeln und unsere Kids sitzen schon mit strahlenden Augen da. Dann, fast wie von selbst, die Aufteilung in Gruppen, das geht alles in Windeseile vor sich und läuft einfach so ab. Ich sitze da uns staune. Das Wetter spielt ja prima mit, die anschließende Gruppenphase findet weitgehend im Freien statt. Schon jetzt, nach wenigen Minuten werden Elemente der Show am Sonntag geprobt. Einige kleine Elemente erkenne ich wieder aus Jena. Alle Jugendlichen sind voll dabei, wechseln schon die Gruppen, angefeuert durch eine/n YA, im Laufschritt! Erste gemeinsame Probe in der Halle, dann wieder ausströmen...bin ich da in einem Film? Träume ich? Es ist so viel los auf dem Schulgelände, dass ich kaum Zeit finde, mich meinen Freunden aus Jena zu widmen. Um 17 Uhr gemeinsames Grillen, die Würstchen sind fast alle gesponsert, alles läuft prima. Bemerkenswert meine Schürze aus Jena, die ich mit Stolz und Schmunzeln tragen darf, trägt die Aufschrift: "Don't ketchup the Bratwurst" - die Original Thüringer Bratwurst auf dem Grill wird nachher nur, aber bitte ausschließlich mit Senf verzehrt! Oft lesen die Ketchup verwöhnten Kids dies und verstehen den Aufdruck nicht.

Um 20 Uhr dann sind die Eltern gekommen zum Abholen. Fast stolz präsentieren alle ihren ersten Tanz. Die Musik ertönt laut durch die Boxen, mir fast ein wenig zu heftig, vor allem die Bässe, aber die 250 jungen Menschen da vorne wirken schon wie ein seit langem arbeitendes Ensemble, die Funken springen auf die Eltern über. "Das ist ja Wahnsinn, was die nach ein paar Stunden schon hinbekommen!" "Und heute Mittag waren dies noch ganz normale, sich zum Teil langweilende Schüler!", entgegnete ich. Und diese Begeisterung bei der Sache, diese Augen, dieses Erfüllt sein erlebte ich letztes Jahr in Jena und waren wohl ein großer Teil der Entscheidung, die YA nach Wachenheim zu holen. Nur dass sich dies alles so schnell einlösen würde, damit hatte ich nicht gerechnet.

Erfüllt und nach einem 13-Stunden-Tag fuhr ich nach Hause. angespannt und gelöst zugleich, denn das Unternehmen ist gut angelaufen!

 

Samstag:

Nochmal Spannung: der größte Drum-Circle, den die Schule bisher erlebt hat - jetzt kommen "unsere" 200 Plastikflaschen zum Einsatz. Tolle Stimmung, auch die Young Americans, die sich darunter gar nichts vorstellen konnten, sind voll dabei und haben sich eingereiht zwischen unsere Schülerinnen und Schüler. Klasse, da kommt nochmal zum Ausdruck, dass sie sich wirklich als eine Gruppe verstehen.

Den ganzen Tag über laufen die Workshops in Gruppen. Es ist furchtbar heiß und das Arbeiten findet überall statt: auf dem Kleinspielfeld, im Schatten von Bäumen, auf dem Schulhof, es wuselt, wo man hinblickt. In der Sporthalle kommen immer wieder neue Gruppen zusammen, die das eben Erlernte schon mal miteinander vortragen und üben. Irgendwann heute saß ich auch auf dem Schulhof. Ich gesellte mich zu einer Gruppe von etwa 20 Schülerinnen und Schülern, weil ich zartes Singen hörte. Und was erlebte ich da? Unsere sonst so coolen Kids, zum Teil pubertierende Jungstiere, wie ich sie gerne nenne, singen einzeln der ganzen Gruppe vor: Jemand meldet sich als nächster, wird von dem Young American aufgerufen, steht auf und singt drauf los, alle bejubeln die Sängerin oder den Sänger, der sich wieder zu den anderen auf den Boden setzt. Und schon meldet sich der/die nächste. Gibt es das wirklich? Träume ich? Was ist das für eine Gruppendynamik, die solche Prozesse, solche Befreiungen, diese Ungezwungenheiten hervorbringt? Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Immer wieder ist auch schön zu beobachten, wie die Young Americans sich um die beeinträchtigten Schülerinnen und Schüler kümmern, fast erscheint es so, dass zusätzlich eine eins zu eins Betreuung organisiert wurde. Ich könnte den ganzen Tag auf der Tribüne sitzen und beobachten. Was da alles an schönen Augenblicken zu sehen ist, sprengt den Rahmen eines "normalen Tanzworkshops" bei weitem: Kids werden nochmal motiviert, durch Zuwendung erneut angetrieben, durch Ansprache ermutigt, ohne viel Aufhebens, ohne laute Worte, ohne Drohung, es läuft alles einfach so ab, als sei nichts dabei - und alle haben ihre Aufgabe, leisten exakt ihren Part. Heute "widmete" ich mich auch der Technik und bekam mit, wie still und professionell der junge Mann da sein riesiges Ton- und Lichtpult einrichtete. Auch als ein Adapter und ein Kabel fehlte, keine Hektik. Anrufe in der Region brachten nur ein Kabel bei (Koaxial oder so), schließlich musste doch einer nach Mannheim fahren, um im Fachhandel den ganz speziellen Adapter zu beschaffen. Zuvor am Telefon meinte ich, das wohl typisch Amerikanische zu erleben. Da telefoniert einer in einem fremden Kontinent, in einer fremden Sprache mit einem Handwerker, den er nicht kennt und fragt als erstes: "How are you today?" Hmm, Wertschätzung? Öffnen des Gesprächs durch persönliches Interesse? Oder nur eine Floskel, die kaum noch bewusst eingesetzt wird?

In den beiden Pausen öffnen die YA die Vorkasse - ein Run auf die Karten setzt ein, der mich erschauern lässt. Als wären die Beatles auferstanden und kämen zum Konzert - ich fasse es nicht. Wir haben die Öffentlichkeit kaum beworben, alle Karten gehen also an die Schulgemeinde. Wow, wenn das alles mal gut geht, denn eine genaue Zahl, die die Halle fasst, kenne ich nicht. Über 500 Karten haben schon ihren Besucher gefunden....

Um 17 Uhr dann der Hammer! Um die fünfzig Eltern und KollegInnen haben sich eingefunden zur Probe für das parents medley. Mit dieser Zahl hätte ich nicht gerechnet. Ich wusste von zaghaften zwei zu Beginn, durch konsequentes persönliches Ansprechen (Ich hätte mich das gar nicht getraut) war mir die letzte Zahl zwölf, dann fünfzehn bekannt - und dann diese Truppe, nochmal: Wahnsinn! Der gleiche Arbeitsstil: Aufteilen in Gruppen, Einzelbetreuung der Sängerinnen und Sänger in einer stillen Ecke, Üben auf dem Hof und hinter der Sporthalle, dann gemeinsame Probe. Natürlich Kreischen und Johlen der Kids: Das hätten sie wohl ihren Eltern und Lehrkräften nicht zugetraut. Auch die Young Americans loben und sind beeindruckt. Toll!

Ich bin so gespannt auf die Show morgen. Im Grunde kenne ich trotz vieler Beobachtung nur einzelne Elemente und Melodien, kann das alles aber gar nicht zusammenhängen (ist ja auch nicht mein Job), aber was gehört an Vorarbeit, an Überblick, an Konzept dazu, solch ein Ding auf die Beine zu stellen.

Und immer wieder schön: Mein eigener Kontakt zu den Young Americans. Immer wieder höre ich: "High, George! How are you?" Auch das Abklatschen beim Vorübergehen macht vor mir nicht Halt. Mein rudimentäres Englisch reicht aus, um an mich interessierende Hintergründe zu heranzukommen. Zum Beispiel: Weshalb ist die Nummer aus "König der Löwen" ein ganz spezieller Höhepunkt für sie, ausgestattet mit einem ganz eigenen, tiefgehenden "Spirit", bei dem die Stimmung mit einem Mal eine sonst fremde Ernsthaftigkeit erlangt? Der junge Amerikaner, der die Choreografie zu diesem Tanz erarbeitete ist während des Übens an einem Strand durch plötzliches Herzversagen auf einer Tour vor Jahren gestorben. "Nobody played the Conga like him. So this is our heartbreak until today." Natürlich kriecht mir dabei die Gänsehaut den Rücken hoch, spüre ich doch greifbar die damit verbundenen Emotionen und unsere Kids dürfen stolz sein, dass die Young Americans sie damit einbeziehen, quasi der Eintritt in das Innere des Tempels. Und wie schön und wie gut tut mir diese Ernsthaftigkeit angesichts der immerwährenden happiness und des Gut-drauf-seins. Dankbar für diese Erfahrung verlasse ich nachdenklich die Halle und denke erneut: Wie tief, wie weltumspannend ist Musik und sind Lieder! Ich erinnere mich an meinen Vater, der mir einmal erklärte, weshalb gestandene Männer bei dem Lied "Ich hatte einen Kameraden" selbst Jahrzehnte nach dem Krieg noch in Tränen ausbrachen. Die nahe Erfahrung des Todes von Gleichaltrigen, unmittelbar im Grauen des Krieges erlebt, auch als Nochmal Davongekommener, ist in dieses Lied, diese Melodie hineingewoben und meldet sich beim Hören immer wieder und immer noch lebendig.

 

Sonntag:

Der Tag der Show beginnt zunächst mal ruhig: Die YA sind ab 10 Uhr zum Proben da, ich selbst ab 9, weil die beiden Techniker noch an Licht und Sound arbeiten müssen. Noch immer stehen keine Stühle in der Halle. Nach dem Kartenverkauf gestern ist mir da etwas mulmig zumute. Ich kann auch durch das Stellen einiger Stühle meine Ruhe nicht herbeiarbeiten, die YA wollen die Halle bestuhlen. Als ich einfach beginnen will, rufen sie mich zurück: "George, we will do it in the afternoon!" Bleibt mir also nur, die Zeit bis 12 Uhr (da habe ich mir mal "Auszeit" erbeten) mit kleinen Aufräumarbeiten zu füllen. Mich erschreckt, wie manche Mülleimer aussehen: Da liegen leere Flaschen in den ausgeleerten Spaghetti rum, die gelben Paprikastreifen aus dem Salat vervollständigen das Bild zu einem farbenfrohen Allerlei. Eigentlich schlimm, wie viele von uns so sorgenfrei mit dem Müll umgehen. Ganz das Gegenteil davon: Die ersten leckeren Kuchen werden gebracht, fein verpackt und mit Liebe gebacken, am Sonntagmorgen eigens angeliefert - was für eine tolle Elternschaft. "George, can we do the Steppdance in the hall?" Hmm, ich soll das jetzt entscheiden. Wir hatten schon Angst um den Boden wegen hoher Absätze und nun Stepptanz? Ich sagte, eine Tänzerin solle doch in einer Ecke der Halle steppen, ich würde mir dann den Boden anschauen. Ich kniete vor dieser Tänzerin, sah und hörte das Klacken (sicherlich ein nicht fotografiertes Motiv: Schulleiter vor Stepptänzerin!) der Metallplättchen auf dem Boden - prüfte diesen danach: Nichts zu sehen. "Yes!" sagte ich mulmig, "you can do it!". Wird schon gutgehen.

Nur ungern aber einfach auch notwendig, fahre ich dann heim, Familie und Wurstmarkt stehen auf meinem Programm.

Als ich um 17 Uhr wiederkomme, ist das Büfett schon angelaufen - meine Nervosität steigt, als ich sehe, wie eng und voll die YA die Halle bestuhlt haben, aber das muss jetzt seinen Lauf nehmen, ein Eingreifen ist nicht mehr drin. Hoffentlich passiert nichts! Und wenn doch, werde ich der erste und einzige sein, der alles an diesem Abend verantworten muss. Da gibt es dann kein Team mehr und keine anderen Verantwortlichen - die Einsamkeit des Schulleiters. Da sehe ich den Europa-Manager, den ich ziemlich genau vor einem Jahr kennen lernte und der damals sagte: "Georg, wenn du willst, kommen wir nächstes Jahr an deine Schule." Ewigkeiten her und nun ist es soweit: Wir sehen uns wieder und die Young Americans sind da. Heftige Umarmung! Und dazwischen immer wieder Fragen an mich: Gibt es noch Karten? Gibt es noch etwas zu trinken? Ich will auf alle Fälle die interessierten KollegInnen unterbringen, die haben das Projekt ermöglicht und verdienen nun auch, allen voran die Show zu sehen. Lange bleibe ich da im Ungewissen und jetzt kommt Stress auf, weil ich loslassen müsste und es nicht kann. Schließlich kommen alle rein, ich konnte auch noch eine Stuhlreihe für alle Lehrkräfte reservieren lassen, weil die Sponsoren nur spärlich anreisen. Spannung und hektisches Treiben scheinen in meinen Gesichtsausdruck die Herrschaft übernommen zu haben, jedenfalls sprechen mich einige an, wie ich denn aussehe. Auch meine Frau sprach von einer übernächtigten Augenumgebung.

Ein Erlebnis der besonderen Güte wurde mir dann zuteil: Mir war nicht klar, wer wann und auf welches Zeichen hin beginnen würde, klar war nur, ich sollte begrüßen. Also suchte ich die Managerin und platzte in den Vertrauenskreis (so nennt man das glaube ich im Fußball), den die YA nun kurz vor der Show im Fuzzy-Room bildeten. Aber statt böse oder genervt wegen der Störung zu sein, riefen einige: "George, come in!" Die Runde öffnete sich an der mir am nächsten liegenden Stelle und sie nahmen mich mit überkreuzten Armen an die Hand (linke Hand - rechter, rechte Hand - linker Nachbar). "No, George, right over left!" Ich wusste natürlich nicht, was diese Haltung auf sich hatte, aber ich korrigierte sie und stand nun mitten unter ihnen, ganz selbstverständlich haben sie mich zu sich in ihre Runde aufgenommen, ermutigten sich, wünschten viel Glück für die erste  Show der Herbsttour 2011, atmeten tief ein, beugten sich mit mir nach vorne, pressten dann den Atem lange aus, ganz konzentriert und in Ruhe. Diesen Moment erlebte ich äußerst intensiv. Von wegen Einsamkeit eines Schulleiters! Vielleicht war es in meiner eigenen Anspannung die Erfahrung, wie professionell sie mit der ihrigen umgingen, als Gruppe, als Team, umarmt und als Kreis verbunden, sich gerade in dieser dichten Minute die Zeit zu nehmen, einmal tief durchzuatmen, während draußen die Halle in Unruhe waberte - und ich bei und mit ihnen. Ganz wichtig für mich. Als sich der Kreis löste, sprachen sich einige nochmal persönlich Mut zu in einer "individuellen" Umarmung. Einige kamen auch nochmal auf mich zu, drückten mich, klatschten mich mit "high five" ab - und ab da war ich ruhig und der Abend nahm seinen Verlauf. Nur einem Zufall hatte ich dieses Erlebnis zu verDANKEn!

Nun war ich an der Reihe, ging zum Mikrofon, hob die Hand zum Ruhezeichen und die Halle beruhigte sich schnell. Von diesem Augenblick an wusste ich, die Gedenkminute würde funktionieren. Schon im Vorfeld war immer wieder dieses historische Datum des 11. September angesprochen worden, zum 10. Mal jährte sich das barbarische Attentat in New York und an diesem Tag hatten wir 47 Amerikaner in der Halle. Das durfte nicht übergangen werden. Nur: wie konnte es gelingen, die Ausgelassenheit einer bevorstehenden Show mit diesem schlimmen Ereignis zu konfrontieren? Lange hatte ich überlegt, was ich in dieser Situation sagen könnte, wie ich den richtigen Ton, auch in Englisch, finden könnte. Für diesen Part rief ich mir dann meinen chief-interpreter aus der Schülerschaft zur Seite, er sollte das Englische übernehmen, so dass ich mich auf die deutschen Formulierungen konzentrieren konnte. Ich schilderte (wenigstens hatte ich es so vor, was ich wirklich gesagt habe, müsste ein Filmdokument zeigen), dass es kein Phänomen allein für sich gebe, Licht und Schatten, Freud und Leid gehörten zusammen. Und wie könnten wir den ausgelassenen Abend, der uns bevorstünde, auskosten, ohne nicht auch daran zu denken, dass es gerade heute auch viele Menschen gibt, die trauern, deren Familien großes Leid angetan wurde. "Aus Respekt davor möchte ich mit euch eine Minute schweigen". Was dann folgte, war eine Minute wirkliches Schweigen, um die 800 Menschen in eine Halle, ja fast kann man sagen, gepfercht und keiner nutzte dies, um durch Rufen oder sonstige Geräusche auf sich aufmerksam zu machen, ich fühlte mich mit dieser schweigenden Halle verbunden mit allen Leidtragenden dieses Tages, gerade und vor allem vor einem (be)rauschenden Abend. Ich glaube, solch eine Minute ist nicht wiederholbar, die Stimmung, das Miterleben zu dürfen wird einmalig bleiben. 10 Jahre verdichtet auf einen Moment mit einer Halle voll Menschen, die gespannt auf die Show warteten und vermutlich gerade in dieser Retardierung so ergreifend. Der Übergang war abgesprochen: Ich sollte meine Begrüßung beenden mit den Worten: THE YOUNG AMERICANS!

Und dann begann das, worauf wir seit Monaten hinarbeiteten. Welch ein Bild: die über 200 Schülerinnen und Schüler inmitten der Young Americans singen und tanzen zu sehen. Was ich sah, hatte ich ja so ungefähr im letzten Jahr in Jena gesehen, aber es war damals nicht die eigene Schule. Jetzt sah ich unsere Schülerinnen und Schüler, sah die glücklichen Gesichter, die stolzen Gesten, wenn ein Solo geschafft war, immer wieder traten mir Tränen der Freude und Rührung in die Augen. Wie war es möglich, innerhalb von eineinhalb Tagen das alles einzuüben? Wie kann es gelingen, dass aus einem Gewusel im Tanz ein geordnetes Gruppenbild im Halbrund entsteht, ohne diese Choreografie wochenlang und immer wieder zu trainieren? Welch imposanter Eindruck, als unsere Kids sich über die gesamte Breite der Halle vom Boden über die Bühnenelemente auf die andere Seite hin aufstellten und mitten drin, kaum wahrnehmbar, die Young Americans!  Die Ernsthaftigkeit und das Miterleben bei der Nummer aus "König der Löwen" - ja, diese 250 jungen Menschen, deutsche wie amerikanische,  waren binnen kürzester Zeit eine Einheit im Miteinander geworden, die wenigen anleitend, die vielen angeleitet, aber das spielte keine Rolle. Und als das parents-medley durch die Halle rauschte, die Schülerinnen und Schüler ihre Eltern und Lehrer begeisternd anfeuerten, spätestens da war es gelungen, aus den 800 Menschen eine Schulgemeinschaft zu bilden. Welch ein Erlebnis, welch ein Glücksgefühl, ja welch ein Rausch! Alles, was angekündigt war, ist eingetroffen: das Aus-sich-herausgehen, ein Gefühl der Wertschätzung für jeden, Singen und Tanzen als Ausdrucksform erleben, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gewinnen, Selbstsicherheit gewinnen - Ich denke der Ausdruck ist nicht übertrieben: ein gigantisches Unternehmen, gerade als Schule.

Ich hatte es innerlich erwogen, für all die "magic moments" wenigstens einen zurück zu schenken. Auch das funktionierte: 800 Menschen sangen "Jeder kann was prima machen" als Dank an die 47 Young Americans. Auch diese Minuten bleiben einzigartig! Was für eine Schulgemeinde! Viele haben mitgeholfen, Dank gilt es einer so großen Menge von Menschen zu sagen, dass ich im Einzelnen damit gar nicht beginnen will. Seid alle in die Arme geschlossen, wir haben Tolles für uns alle zustande gebracht. Danke!

Das war also die Kür. Nun muss nur noch die Pflicht klappen: morgen früh findet hier wieder Unterricht statt. Aufräumen ist angesagt. Die YA hatten schon, auch hier professionell, schnell ihr Equipment in den LKW gepackt, jeder Handgriff sitzt! Kabel, Kisten, Koffer, Boxen ruckzuck weg. Auch bei uns geht alles flott von der Hand. Ich schlage zwei Bierbänke ab und lege sie auf einen Tisch, da sind schon Eltern da und arbeiten weiter, ganze Schlangen von Menschen sehe ich, die Stühle zurücktragen in die Klassenzimmer. Ich gehe zurück in die Halle. Meine größte Sorge: Der Boden! Schwarze Streifen en masse, aber keine Riefen oder eingedrückte Stellen, das müsste gut gegangen sein. Drei Kolleginnen knien am Boden und reiben mit einem speziellen "Mittelchen" die Reste von Klebestellen weg. Auch dies ein wunderschönes Bild, denn ein Kollege schonte seine Knie und legte sich weiter reibend daneben flach auf den Boden! Als ich rauskomme, sind alle Biergarnituren bereits gestapelt, einige Eltern kehren bereits den Hof. Was für eine Schule, immer wieder!!!

Ich kehre zum Abschluss noch das Foyer und gehe dann zum verabredeten Wein mit jenem Europa-Manager. Dieses Ritual muss auch zu später Stunde sein, hat ja fast sakramentalen Charakter. Die Kollegen aus Jena waren selbstredend auch dabei - in jenem Wohnzimmer hörte ich 2009 aus ihrem Munde zum ersten Mal die Worte Young Americans und verstand nicht recht, um was es sich dabei handelte Nun weiß ich es! Uns tief in die Augen schauend, stießen wir miteinander an – zwölf Monate liegen zwischen diesen zwei Gläsern Wein, dem letzten in Jena und diesem hier. Welch ein Jahr!

 

Montag:

Einige Gasteltern müssen zur Arbeit und ihre Gäste um sieben in der Schule "abliefern". Ich war auch schon da, um sie nicht auf dem Hof stehen zu lassen. Aber auch zu so früher Stunde sind schon wieder fleißige Hände am Werk. Einige Gesichter blicken finster: Die Toiletten waren wohl nicht sauber gemacht worden, einige Salatteile waren letzte Nacht in der Dunkelheit übersehen worden und der Hallenboden doch stärker verschmutzt als gedacht. Mit einfachem Putzen war es da nicht getan (Das Gewitter kurz vor der Veranstaltung tat sein Übriges zur Verschmutzung des Bodens). Die ersten beiden Sportstunden der Grundschule mussten entfallen, weil der Blocker durch die Halle kreisen musste. Trug alles nicht zur guten Stimmung bei. Ich wollte meine aber partout behalten angesichts des gigantischen Erlebnisses der letzten Tage. Um acht Uhr tröpfelten die restlichen YA ein, verschlafen und irgendwie heute Morgen gar nicht professionell. Eine Überraschung hatten wir aber noch parat: Jeder YA erhielt als Erinnerung zum Start der Herbsttour 2011 eine Trinkflasche mit aufgedrucktem Foto aus dem Workshop und dem Schul-Logo. Und da meinte ich den Unterschied zu erleben zwischen echter Emotion und der notwendigen guten Laune, die sie sonst versprühten. Da war nichts aufgesetzt, da kam ursprüngliche Freude und Gerührtheit zum Vorschein. Schön, auch diese Seite noch erleben zu dürfen. Ansonsten die bekannten Abschiedsszenen, Tränen, Umarmungen, trauriges Winken...ach, geht das alles nah. Gut, dass einige Gasteltern storys der vergangenen Tage erzählten, vom Steak nachts um ein Uhr, vom spontanen Wäsche waschen und dem anschließenden Trocknen bei Nachbarn, weil der eigene Trockner kaputt war, vom Einschlafen beim Abendessen auf der Wachtenburg...toll, toll, toll und so menschlich alles, geerdet eben.

Und dann fuhr der Bus vom Schotterplatz weg - und alles war vorbei. Ich hatte aber gehört, dass die VHS abends in unseren Klassenzimmern sei. Zur Sicherheit ging ich diese dann noch durch, verteilte die Stühle, räumte hier eine Flasche weg, da sammelte ich Kleidungsstücke ein und fand nicht einmal Zeit, zu den Jenaern an den Bahnhof zu gehen. Die Herbst-Tournee 2011 der Young Americans hat begonnen und ist bei uns nun schon vorüber. Im Kopf, im Herz ist sie aber mit ihren Eindrücken vital gegenwärtig, so frisch und lebendig, dass es mir am Mittag nicht gelang, den versäumten Schlaf nachzuholen. Sonst gelingt mir das immer!

 

 Dienstag, 13. September 2011:

Zunächst hörte ich von einem Unding: Der Hausmeister hat 190 Kilo (!) Müll vom Wochenende weggefahren! Das darf uns nicht nochmal passieren, da muss anders gearbeitet werden!

Mittags stellte ich im Fünferteam unser Konzept zur differenzierten Leistungsmessung vor. Es macht mir immer wieder Spaß, auf einen anderen als den gewohnten Schwerpunkt zu legen. Dabei ist es im Grunde doch so einfach; Kinder sind von Anfang an Menschen (siehe Korczak) und wie kann ein Inhalt, egal welcher, wichtiger genommen werden als ein Mensch? In der Arbeit mit Menschen, zumal mit jungen Menschen, kann es doch in erster Linie nur um sie gehen, möglichst warmherzig und fröhlich. Vielleicht ist ja auch das genau der Punkt der Young Americans, der so gut bei allen ankommt. Mir hängen noch zwei Telefonate im Geäst von verzweifelten Eltern, deren Kinder an der jeweils neuen Schule nicht ankommen. Sie reagieren psychosomatisch, mit Angst oder Verweigerung. Und die einzige Reaktion der Schulen war Druck. Noch jetzt beim Schreiben spüre ich, wie mein Zwerchfell reagiert, weil das doch nicht sein kann. "Da muss sie halt jetzt durch!", soll die Antwort eines Schulleiters gewesen sein. Ich füge hier erbost hinzu: "Nur weil ihr euch nicht auf das Kind zubewegen wollt, soll dieses Kind weiterhin mit Angst in die Schule gehen?" Nein, so darf man mit den Seelen von Kindern nicht umgehen. Auch das steckt hinter dem Konzept der differenzierten Leistungsmessung: Erst mal schauen, was ein Kind leisten kann. Nicht vorher festlegen, was alle Kinder können müssen, zur gleichen Zeit und im Gleichschritt und wer es nicht vermag wird von der Schule geschickt! Natürlich klingt das plakativ,  das ist mir schon klar, und ich höre schon die Stimmen, die dabei um die Bildung bangen. Nur: Einem Kind, das mit Angst und Bauchweh in die Schule muss, jeden Morgen, dem brauche ich doch mit Bildung erst mal gar nicht kommen! Welch ein Kontrast zu dem fulminanten und fröhlichen Wochenende mit den YA. Wer das erlebt hat, wie fröhlich Kinder zugange sind und dabei lernen, jawohl lernen, der verspürt Lust solche Leistungsdruck-Anstalten lieber heute als morgen zu schließen. Macht sich denn keiner ernsthaft Gedanken darüber, welche Kinder wir von da aus ins Leben entlassen?

 

Mittwoch, 14. September 2011:

Die YA lassen mich noch nicht los, derzeit ist die Abrechnung dran. Noch sind nicht alle Rechnungen und Belege bei mir angekommen. So wie es aber aussieht, werden wir nicht in die roten Zahlen rutschen, beruhigend bei einem Gesamtvolumen von über 13.000 Euro. Noch nie in dieser noch jungen Schulgeschichte bekam ich so viele mündliche und vor allem schriftliche Rückmeldungen, alle sind nur positiv. Einige Formulierungen will ich hier festhalten:

"...war das ein Mega-Wochenende...es wird für alle unvergesslich bleiben und die Kinder/Jugendlichen sprechen nur davon, wann die Young Americans wiederkommen. Tränen sind geflossen, Fotos, Unterschriften auf T-Shirts, Umarmungen...einfach amazing! Wonderful! Dieser 'Spirit', der von diesen jungen Leuten ausging, man kann es nicht in Worten fassen, diese Geduld, Motivation, diese Leichtigkeit und Freude an der Sache - unglaublich!"

"Wenn wir Begeisterung messen könnten, würden wir in der Skala ganz oben liegen."

"Es ist schon eine Meisterleistung aller Beteiligten in jeder Hinsicht gewesen, eine organisatorische Herausforderung...und dann diese mitreißende Ausstrahlung der Young Americans, das Verstärken des Zusammengehörigkeitsgefühls durch Abklatschen, der gegenseitige Respekt, das tolle Miteinander, die Freude über eine außerordentlich gelungene Aufführung. Nur die Schulturnhalle erinnerte daran, dass wir nicht in einem Musical in Hamburg oder Stuttgart waren".

"Ich finde es suuuper toll, dass die IGS so etwas wie die Young Americans ihren Schülerinnen und Schülern ermöglicht hat. Hat mir super gefallen."

"Es war eine tolle Idee, die Young Americans an unsere Schule zu holen...Meine Tochter kam während dieser drei Workshoptage aus dem Strahlen nicht mehr heraus. Auch für uns als Gastfamilie war es ein sehr schönes Erlebnis...und dann diese Show gestern Abend! SUPER!"

Aber auch der Alltag hat sich wieder eingefunden: Ein Teil der nachbestellten Bücher ist geliefert und registriert worden. Mehr als eine Stunde war ich nur damit beschäftigt, die Technik zum Laufen zu bringen. Am Ende saßen die Mitarbeiter der Kreisverwaltung doch an meinem Computer im Büro!

 

 Freitag, 16. September 2011:

Der Bagger steht wieder in Wachenheim! Im Untergeschoss blättert in den neuen Räumen wegen Feuchtigkeit die Farbe ab. Die Räume wurden wohl 2009 zwar abgedichtet. Nicht gut genug? Grundwasser? Bodenplatte nass? Da dies niemand genau weiß, soll nochmal nachgesehen werden. Mal sehen, wie das ausgeht.

Die Woche über habe ich immer wieder mit Schülerinnen und Schülern über die Young Americans gesprochen. Ich glaube sagen zu können: Sie sind bei den meisten mit ihrem Anliegen angekommen. Klar hat die Show am Sonntagabend beeindruckt und ihre Bilder und die Stimmung werden noch lange haften bleiben, aber weit darüber hinaus habe ich Aussagen gehört, die mich darin bestärken, das die YA irgendwann wiederkommen müssen. Einige Worte der Schülerinnen und Schüler haben mich so beeindruckt, dass ich sie gleich notiert habe. Ich will, dass sie an dieser Stelle stehen, gelesen und damit nicht vergessen werden:

aus Jahrgang 5:

"Die YA machen Mut, wenn man schüchtern oder benachteiligt ist. Man traut sich einfach mit ihnen viel mehr, zum Beispiel das Vorsingen."

"Die YA sind immer gut drauf, sie wollen Lebensfreude bringen. Deshalb gehen sie ja auch nach Fukushima."

"Jeder hat doch irgendwo ein Problem. Die YA nehmen einen trotzdem an. Die stört das gar nicht."

"Sie sind immer fröhlich und machen einen dadurch selbst fröhlich, das steckt an. Sie machen einfach glücklich."

"Jeder kann mitmachen. Sie gehen zu allen hin, sie sind für jeden da. Sie wollen, dass alle zusammenfinden und alle haben ja auch mitgetanzt und mitgesungen. Das fand ich toll."

"Wenn die YA hier einem Mut bringen, kann man sich im Leben ja auch was anderes trauen, also mehr"

"Wenn einer etwas nicht konnte oder ein Problem hatte, ging ein YA mit ihm in eine stille Ecke. Dort haben sie es dann nochmal allein probiert und mit einander geredet, wie es besser geht. Toll, dass sie es dann nicht alleine machen, sondern wollen, dass alle Kinder mitmachen. Sie wollen, dass alle das können."

aus Jahrgang 6:

"Wir haben so viel getanzt und gesungen und wenn mal was nicht geklappt hat, dann war keiner sauer auf uns."

"Die YA sind einfach nur toll. Sie sind einem richtig ans Herz gewachsen. Alles war immer so fröhlich."

"Als es so heiß war, waren wir schneller schlapp als sie. Die mussten doch auch müde sein, aber sie haben uns immer wieder angefeuert und motoviert."

"Die wollten immer, dass wir mehr Mut haben und uns selbst besser kennen lernen, also im Körper spüre ich das."

"Ich glaube, die wollten uns zeigen, dass es stimmt, was wir immer singen: Jeder kann was prima machen. Und es stimmt ja auch, da haben alle mitgemacht und haben was prima gemacht."

"Die YA wollen, dass wir zusammen halten. Ob man richtig gesungen hat, war ihnen gar nicht so wichtig. Hauptsache ist, dass wir gesungen haben."

aus Jahrgang 7:

"Ich fand es toll, dass sie uns das mit der Show nicht vorher verraten haben. Wir wussten ja auch nichts, nur dass sie gut tanzen können. Aber dann so eine Show...einfach Wahnsinn!"

"Ich fand es toll, als sie ihre eigene Show gezeigt haben. Da hat man gesehen, wie gut die wirklich sind."

"Mir hat es unheimlich gefallen, dass sie uns in die Nummer aus "König der Löwen" mit hineingenommen haben, da war ich richtig stolz, weil das so eine ganz besondere Sache für sie ist. Die ist ja ganz anders, also ernsthafter. Da habe ich mich gefühlt wie einer von ihnen. Und dann die bunten Kostüme, ganz irre."

 

 Dienstag, 20. September 2011:

Gesamtschultag der GEW und der GGG, früher ein Familientreffen, heute eine richtig große Tagung. Vor Monaten hatte ich schon zugesagt, eine Arbeitsgruppe zur differenzierten Leistungsmessung anzubieten. Und wieder stoße ich auf diese Skepsis, ob man das alles machen kann, was ich da vorschlage und was wir schon lange tun. Dabei bleibt doch gerade Gesamtschulen gar nichts anderes übrig. Weshalb nur zwei Niveaus und nicht drei? Woher stammt eigentlich diese Drei in unseren Köpfen? Sie ist doch nicht evolutionär geprägt. Sie entspringt wohl unserem Bildungssystem mit seiner Dreigliedrigkeit. Aber die wollen wir doch überwinden und aufheben. Sind wir Lehrkräfte so gestrickt, dass wir uns von dieser scheinbaren Sicherheit des Gewohnten nicht entledigen können? Da ist noch viel Befreiung im Sinne der Individualisierung notwendig. Ansonsten war es für mich einfach nur schön, so viele Weggefährten wiederzusehen. Beeindruckend auch, was ein Schulträger im "Speckgürtel" der Landeshauptstadt für eine Schule hinstellen kann!

 

 Mittwoch, 21. September 2011:

Die SV trat heute die Reise zu ihrer zweiten Klausurtagung an. Das macht richtig Spaß, wie sich die Mitwirkung der Schülerschaft entwickelt. Ich wünsche euch eine gute Zeit und kommt mit konkreten Vorschlägen zurück!

Das YA-Team hat inzwischen eine Auswertung des Tanzworkshops vorgenommen. Es lief so viel gut, wir sind ja eigentlich Pädagogen und keine Eventmanager und dafür lief es, angesichts der Größe des Unternehmens, verdammt gut. Dennoch haben wir eine ganze Seite an Verbesserungsvorschlägen gesammelt, jetzt, da alles noch frisch ist. Da können wir gegebenenfalls später drauf zurückgreifen. Vor allem ist zu überlegen, welches Konzept wir eventuell verfolgen. Da gibt es ja verschiedene Möglichkeiten. Zum einen könnte die Zahl begrenzt werden, um eine geeignete Halle nicht zu überfüllen. Auf der anderen Seite war für mich gerade die Masse der 200 Schülerinnen und Schüler das Beeindruckende. Man könnte auch sagen: Alle aus der Schülerschaft sollen im Lauf ihres IGS-Besuchs einmal dabei sein, man könnte die Show auch zweimal aufführen, dann könnte die Teilnehmerzahl größer sein, auch bei einer Terminierung könnten wir noch Alternativen finden, etwa  die letzte Schulwoche vor den Sommerferien, in der eh nicht mehr viel läuft, oder nochmal an einem Wochenende? Also, da gibt es noch viele Ideen und Möglichkeiten. Schauen wir mal und genießen im nächsten Jahr erst mal die Erinnerung.

 

Donnerstag, 22. September 2011:

Die DVD ist da! Wir hatten ja einen selbstständigen Filmemacher beauftragt, einen kürzeren Trailer für die Homepage zu erstellen und eine längere Dokumentation, die allerdings kein Abfilmen der Show sein soll. Nun habe ich das Ergebnis gesehen (wenn ich offen bin: Ich habe die 20-minütige Version bestimmt schon fünfmal angeschaut und träume so vor mich hin!). Beides scheint mir gelungen. Zunächst war ich enttäuscht, aber wie soll man auch drei Tage in so kurzer Zeit komprimieren? Und meine eigenen Eindrücke sind eh nicht verfilmbar. Und so begann ich, die DVD zu lieben, entdeckte beim mehrmaligen Anschauen immer wieder neue, gute Aspekte und insgesamt stellt sie einen guten Eindruck dar, den der/die Zuschauer/in von der Veranstaltung erhalten kann. Auch für eventuell kommende Workshops ist sie als Werbung bei Sponsoren bestens geeignet durch die Interviews mit den YA, von Eltern und auch Teilnehmern. Intensiv schaute ich mir auch die vielen Fotos an, die ich von Elternseite schon erhalten habe. Ich liebe inzwischen den Anblick der blauen YA-T-Shirts, in Jena waren sie ja schwarz und mein erster Eindruck war Bedauern, jetzt finde ich die Anblicke heller und freundlicher. Ach, noch immer komme ich nicht von diesen Eindrücken los. Auf YouTube ist inzwischen ja auch eine Vollversion der Schüleraufführung zu sehen, 50 Minuten lang und richtig zum Reinplumpsen und Schwelgen - technisch natürlich nicht in der Qualität der DVD. Aber beides zusammen ergibt einen wunderbaren Eindruck.

Noch eine Neuerung heute: Während der Sommerferien hatten wir ein Gespräch mit der Leitung des Kreisjugendamtes mit dem Ziel die Zusammenarbeit zu verbessern. Wir vereinbarten regelmäßige runde Tische mit Vertretern beider Institutionen an der Schule. Geladen sind immer auch die Sachbearbeiter der Orte, von wo die entsprechenden Kinder kommen. Das verkürzt die Amtswege, Hilfe ist abgestimmter und schneller möglich. Heute nun das erste in Deidesheim. Gute, offene Atmosphäre kennzeichneten die eineinhalb Stunden, die Ergebnisse können sich sehen lassen. Es fand nicht nur ein Austausch über bisherige Schritte statt, auch neue wurden vereinbart. Das machte sich gut an - ein wichtiger Schritt für die Schule.

 

Montag, 26. September 2011:

Mitgliederversammlung des Fördervereins. Immer wieder begeistert mich diese "Truppe", die den Verein nach vorne bringt. Etwas nachdenklich stimmte mich der Mitgliederüberblick bezogen auf die Jahrgänge: Von Jahrgang zu Jahrgang sinkt die die Zahl der Mitglieder. Ihr lieben Eltern, die Unterstützung durch unseren Förderverein ist keine Selbstverständlichkeit.  Es geht ausschließlich um den Nutzen durch die Schülerschaft, ohne die wir nicht das "veranstalten" könnten, was es übers Jahr so bei uns zu bewundern gibt. Tretet ein! Macht mit! Stoppt den Rückgang!

 

Dienstag, 27. September 2011:

Die ersten benoteten Lehrproben unserer Referendarinnen fanden heute statt - Aufregung pur bei den Gelehrprobten, aber auch bei mir, denn es war ja auch für mich das erste Mal in der Tätigkeit des Ausbildungsleiters. Bei den Beratungsgesprächen im Anschluss stellte ich Gemeinsamkeit mit den Fachleitern fest, da liegen wir nicht weit auseinander. Das gibt mir Sicherheit für diesen Ausschnitt. Auch für die weitere Beratung.

Den zweiten Abend hintereinander für die Schule unterwegs, heute die erste Sitzung des Schulelternbeirates. Selten standen die Berichte des Schulleiters so im Vordergrund. Zunächst die Bausituation. Einige Eltern am Standort Deidesheim stehen für Proteste schon in den Startlöchern, weil anscheinend gar nichts voran geht. Wie von Geisterhand ausgemacht: Heute, nach einem Jahr Stillstand, ging es mit den Decken voran, im Fachtrakt sind sie gut vorangekommen, während der Ferien  soll auch der Klassentrakt fertig gestellt werden. Ansonsten konnte ich durch den jüngsten Schulträgerausschuss ganz aktuell berichten. Nein, ich habe nicht den Eindruck, dass der Kreis nicht in die Gänge kommt. Geld, das zunächst mal in die Sicherheit gesteckt wird, fällt nicht groß auf, ist mir aber wichtig. Immer wieder ernte ich ein bedauerndes Lächeln, wenn ich erzähle, dass der Feueralarm nur mit einer Handsirene per Kurbel kundgetan werden kann. Hört, hört! Und was der ehemalige Träger in 40 Jahren nicht in Stand gehalten hat, kann jetzt der neue nicht innerhalb eines Jahres nachholen (zumal bei der Kassenlage!). Dennoch wurde beschlossen, wegen der maroden Heizung nochmal beim Kreis vorstellig zu werden. Da muss was geschehen, bevor der dritte Bauabschnitt angegangen wird. Auch zu den Punkten Lernserver, Situation am Deidesheimer Bahnhof und den YA war ich mit Berichten gefragt. Die Situation in der vollen Halle wurde bemängelt (Vorschriften beachtet?). Klar, das hatten wir beim Resümee auch als Punkt auf unserer Liste. Auf der anderen Seite gibt es Stimmen, die bei sechs geöffneten Notausgängen direkt ins Freie die Situation nicht für überzogen halten. Geplant war sie zudem ja auch nicht. Da muss man sehen und offizielle Stellungnahmen beim nächsten Mal einholen. So wurde es wieder eine lange Sitzung bis 23.15 Uhr und dabei waren die Vertreter der fünften Klassen zum ersten Mal dabei. Hmm, welchen Eindruck sie mitgenommen haben?

 

Donnerstag, 29. September 2011:

Zwei Fünferklassen sind seit Dienstag im Martin-Butzer-Haus zu den erlebnispädagogischen Tagen. Habt viel Spaß, wachst zusammen und kommt mit neuem Schwung wieder zurück in die Schule, also nach den Herbstferien. Ebenfalls neue Ideen brachten die Teilnehmer der dritten Fortbildung SchLuL mit in die Schule. Viele Ideen und Anregungen, eine ganze Reihe von Eindrücken auch aus anderen Schulen. Junge, Junge, da kommt ganz schön was auf uns zu, wenn wir uns an die Umsetzung machen. Aber: Rom wurde ja auch nicht an einem Tag erbaut, oder so ähnlich, jedenfalls gibt es diesen Satz doch als Sprichwort.

Nein, ich habe kein Interesse stärker bei der AQS einzusteigen. Ich wurde dies heute gefragt, am Rande des Besuchs einer weiteren IGS, die gleichzeitig mit der unseren gegründet wurde. Das fand ich spannend und habe mich dorthin als Korreferent angeboten. Und so war es auch. Ganz viele Parallelen, aber auch Unterschiede, tolles Kollegium und - man schaue und staune - ein Gebäude, das bis zum Abitur steht. Die Genehmigung der Oberstufe, die bei uns den nächsten Bauabschnitt bis 2014 hinauszögert, spielte dort keine Rolle. Ich schrieb ja schon letzte Woche von diesem Träger im Speckgürtel. So unterschiedlich kann also gehandelt werden, wenn der Geldbeutel nicht leer ist. Und dann wieder der Begriff bei der Vorstellung: gesamtschulisches Urgestein, wieder einmal, inzwischen löst er kein Erstaunen mehr aus, denn ich habe diese Rolle ja inzwischen ein- und wohl auch angenommen mit meinen vielfältigen Aufgaben außerhalb von DeiWa. Bin schon wieder von einer neuen IGS angefragt, eine Gesamtkonferenz zu besuchen und zum Differenzierungsmodell zu  sprechen. Und gerade schreibe ich noch einen Artikel über die Arbeitsgruppe auf dem Gesamtschultag. In Zeiten Rangnicks aufpassen? Ich habe mich geprüft. Nein, ausgebrannt bin ich nicht, spüre derzeit keine Anzeichen dafür, eher immer noch ein beflügelndes Brennen. Was mich stört, ist hausgemacht, sind eigene, persönliche Unzulänglichkeiten. Wobei meine Frau vor kurzem sagte, es sei auch eine Frage meines (zu?) hohen Anspruchs. Hmm!

 

Freitag, 30. September 2011:

Hatte ich gestern von Beflügelung geschrieben? Heute lodert die Flamme auf, zwei wunderbare Begebenheiten zum Ferienbeginn: Zunächst das Assembly in Deidesheim der 7. und 8. Klassen, selbstständig vorbereitet und durchgeführt. Prima! Begeistert war ich darüber, dass eine Japanerin eingeladen war, die zwei Projekte vorstellte, an welche die "erlaufenen" Gelder gehen sollen. Vor der Abstimmung dann Meinungen der Schülerinnen und Schüler. Wofür sie sich auch aussprachen, immer folgte ein "weil" als Begründung. Toll! Wie hatte ich in meiner ehemaligen Klasse um solche Begründungen bei der Aufsatzform der Erörterung gekämpft - hier kommen sie nebenbei als Ergebnis wie gesprudelt.

Die Dienstbesprechung, die wir nach der vierten Stunde noch anhängten, diente vor allem einer Beförderung. Da es sich um die bisher "höchste" an der Schule handelte, wollte ich sie auch etwas munter gestalten und schrieb ein Lied von Reinhard Mey um. Links und rechts nun entstanden weiter ein Theaterstück und ein gemeinsames Lied mit allen. Toll! Schön! Und wunderbar! Genau so habe ich es mir gewünscht. Bei all dem heute: Burn out? Kann doch nicht sein, Beruf als Freude, Tätigkeit, die Spaß macht und Erfolge, die sich sehen lassen können. Bescheiden bleiben und weiter machen! Jetzt sind erst mal Herbstferien. Erholt euch alle gut, macht mal Pause und kommt für die nächste Etappe gestärkt zurück - beide Gruppen meine ich, wenn es denn nicht eine ist: die der Lernenden, zu denen wir ja alle gehören (sollten).

 

Herbstferien 2011:

Über meine Wertschätzung Träumen gegenüber habe ich ja schon mal geschrieben (Eintrag vom 1.4.2009). Dass ich während der Ferien, in denen das Aufwachen Angelegenheit des Körpers und nicht des Weckers ist, mich intensiver an Träume erinnere, ist für mich auch ein bekanntes Phänomen. Dass ich mich aber in einer ganzen Reihe von Träumen mit den Young Americans "befasse", erstaunt mich im Wachzustand. Natürlich war der Tanzworkshop ein Höhepunkt und brachte nicht erahnte Eindrücke mit sich. Dennoch staune ich darüber, wie tief diese wohl in mich eingedrungen sind, dass sie (immer noch) in Träumen vorkommen. Gleichwohl bin ich ja nach wie vor noch mit den "Nachwehen" befasst, vor allem mit Filmmaterial. Neben der DVD und den kurzen Clips wurde mir von einer Familie ein Mitschnitt des gesamten Schülerteils zur Verfügung gestellt. Klar, das ist von einem Sitzplatz aus fest gefilmt und zeigt eben diesen Ausschnitt, aber eben über die komplette Länge. Auch da "zieht" es mich immer wieder rein und mir sind einige Dinge aufgefallen, die sich erst durch mehrmaliges Anschauen nach vorne drängten. So gesehen scheint das Träumen nicht verwunderlich, befinde ich mich bei den Filmen doch immer noch mitten in der Show.

Wiederholtes Anschauen schafft auch Raum für immer neue Beobachtungen und Kleinigkeiten, die mir helfen, die Wucht zu verstehen, mit der wir dies alles erlebt haben. Zunächst fiel mir auf, wie die einzelnen YA genau ihre Aufgaben kennen: da wird zwischendrin das Mikrokabel nach einem Lied wieder an seiner Stelle aufgerollt, der Mikroständer zurück gebracht und neu positioniert, die Bühnenelemente (ich habe dies bei einer Probe gesehen) werden von den gleichen Menschen mit eingeübten Handgriffen umgeräumt, während vorne zwei Reihen SchülerInnen (geführt) gegeneinander vorbeilaufen, vermutlich nur, um vom dahinter stattfindenden Umbau optisch abzulenken, jeder hat seine festgelegte Aufgabe, auf die er/sie vorbereitet ist und dafür Verantwortung übernimmt - alles während die Show an anderer Stelle weiterläuft. Das setzt eine genaue Kenntnis der Show voraus, die minutiös sich in den Köpfen befinden muss. Auch die Zuordnung zu den einzelnen Schülergruppen ist klar, jeder bereitet seine Truppe rechtzeitig vor. Steht eine Solonummer an, sucht der/die YA rechtzeitig Kontakt, geht zu ihr/ihm hin, führt ihn an die Stelle des Auftritts, kniet sich hin oder bleibt daneben stehen, legt nochmal den Arm um die Schultern und gibt auch den Einsatz.

Nach der Nummer geht‘s dann gemeinsam (!) zurück in die Gesamtgruppe. Auch größere Schülerbewegungen erfolgen, rechtzeitig angekündigt, durch Zeichen, Armbewegungen und - wenn es nötig ist - durch leicht angedeutetes Schieben. Auch die gemeinsamen Verbeugungen sind kein Zufall sondern angeleitet. Dazwischen immer wieder: Körperkontakt und Abklatschen. Seitlich sitzende, gerade nicht involvierte Schüler haben ihren YA bei sich, der Bewegungen mitmacht und die Gruppe "betreut". Bei Auftritten aller sind die 47 YA verteilt, fallen durch die gemeinsamen T-Shirts gar nicht auf, bilden aber bei allem, was geschieht, Orientierungspunkte bei Bewegungen und anstehenden Programmpunkten. Bei all dem ist es nicht wichtig, dass alles sitzt, die 47 YA machen es eh richtig, viele erinnern sich durch die Proben daran und sehen, was jetzt dran ist. In der großen Gruppe dann kommt der Eindruck auch dann rüber, wenn nicht alles perfekt oder synchron ist. In dem Film konnte ich manche Schüler sehen, die sich den Arm um die Schulter legen und einander bestätigen oder stärken. Die 250 Menschen, die da agieren, führen gemeinsam etwas vor, sind eine Einheit geworden auf einer musikalisch-körperlichen Ebene, die YA nehmen sich in ihrer Profirolle zurück und bilden doch das Rückgrat der Show, nichts geht über den Kopf, alles über den Bauch und das Herz und alle profitieren davon. Dieses unmittelbare Erleben öffnet, macht Mut. Beim parents-medley funktioniert das auch bei den Erwachsenen, jedenfalls meine ich das zu sehen, auch sie, Lehrkräfte und Eltern, tanzen und singen vor 800 Menschen und wussten doch gar nicht, dass sie dazu den Mut haben würden - einfach loslassen und sich dem Treiben anschließen. Alles zusammen genommen führt vermutlich zu dieser Nähe und Vertrautheit, deren Unterbrechung oder Abbruch so stark und schmerzlich erlebt wird, dass Tränen fließen. Aber das Erleben war da und wird bleiben und wenn auch nur als Gewissheit: Das steckt auch in mir. Und wer weiß, wie dies verändert, das Selbstbild und die –wahrnehmung bereichert. Ich glaube, ich schaue mir den Film gleich nochmal an, vielleicht ist mir ja noch etwas entgangen...

Herbstferien 2011 - ein weiterer Schritt hin zum Schulleiter? Jedenfalls habe ich zu Hause aufgeräumt und  kistenweise Papier ausgeräumt - nein, Deutsch in 5/6 werde ich nicht mehr unterrichten, also weg damit. Und ich erlebe dies durchaus auch als ein Stück Befreiung, Altes raus, Ballast der "Vorzeit", bewährt aber überholt. Und nun ist auch wieder Platz da für Neues - nicht nur räumlich gesehen.

Auch Herbstferien 2011: Baustelle! In Wachenheim ist die Abdichtung des Gebäudes abgeschlossen, die Feuchtigkeit, die in drei Räumen Putz abblättern ließ, ist nun hoffentlich gebannt. Die ersten Grashalme, die dort nun schon sprießen, werden diese Baustelle bald vergessen machen. Und in Deidesheim geht‘s weiter mit den Flurdecken. Im Fachtrakt sind sie schon fertig, im Klassentrakt wird fleißig an der Randbefestigung gearbeitet (Mit einem Laser-Lot, damit sie auch gerade hängen!), so dass später, wegen Lieferschwierigkeiten nun wohl doch während der Unterrichtszeit, nur noch die Deckenplatten, nun beidseitig brandgeschützt, eingehängt werden können. Das wird das Schul-Leben-Gefühl erneut steigern: Der Blick geht nicht mehr in lange, dunkle Flure mit offenen Decken und Kabeln, hinein, das Weiß der neuen Decken wird freundliche Helle bringen. Ich erinnere mich an die Wirkung, als in Wachenheim die Wände hell gestrichen wurden.

 

Montag, 17. Oktober 2011:

Während der Herbstferien, heute war der erste Schultag, wurde das 10. IGS-Kind in den Reihen des Kollegiums geboren. Welch eine Zahl für etwas mehr als drei Jahre! Es spricht vielleicht doch auch für die Lebensfreude dieser sprühenden Truppe. Ich freue mich und wünsche einen guten Start. Wieder habe ich es nicht geschafft, alle zu begrüßen, immerhin konnte ich drei Teams aufsuchen und die anwesenden Lehrkräfte herzlich begrüßen. Unterricht, zwei Standorte und die vielen Einzelpunkte des ersten Schultages zollen ihren Tribut. Wunderschön auch immer wieder, wie viele Schülerinnen und Schüler auftreten: Meist freudig kommen sie auf mich zu, manchmal sogar mit strahlenden Augen und finden sich in ihren Alltagsrhythmus ein. Klar müssen wir wieder früher aufstehen und das jetzt schon im Dunkeln. Aber die Grundstimmung heute empfand ich positiv und das ist schön. Mit Freude und Erstaunen hörte ich heute eine Melodie auf dem Flur: Bachs Menuett, Teil der Show der YA. Hat sich das über die Ferien gerettet? Ist ja toll!

 

Mittwoch, 19. Oktober 2011:

Ein lange geplanter Kaffee mit der Schulaufsicht in Deidesheim dampfte heute tatsächlich im Schulleitungszimmer, immer wieder haben wir einen Termin versucht, heute hat den Weg in die Realität gefunden. Ich habe das begleitende Gespräch genossen, denn die beiden Männer, die da saßen, verbinden knapp 20 Jahre gemeinsamer Weg und gegenseitige Wertschätzung. Unser erster Satz, ich erinnere mich dran, als sei er gestern gesprochen worden. Ich wohnte bei Trier und hatte mich fünf Jahre immer wieder vergeblich für den Schuldienst beworben, kam eben aus einer Grundschule nach Hause, in der ich einen Vertretungsvertrag erfüllte, da klingelte das Telefon: "Sie haben sich für eine Stelle an einer Realschule beworben. Ich kann Ihnen eine an der IGS in Oggersheim anbieten!" So fing das an und nun saßen wir am Tisch, wälzten dies und jenes, vor allem, wie wir die Einrichtung einer Oberstufe am geschicktesten angehen. Am Nachmittag war ich an eine nahe IGS eingeladen, um dort den Weg zu unserem Differenzierungskonzept vorzustellen. Wieder Blick in die Historie, denn bei diesem Thema hole ich immer aus und kläre die Frage, weshalb IGSn überhaupt vor dieser Frage stehen. Es ist kaum mehr bekannt, dass die Differenzierung eine Kröte ist, welche die Gesamtschulbewegung im Zuge der ersten Bildungsdiskussion schlucken musste, damit die Abschlüsse bundesweit anerkannt wurden. Zum Preis der (leidigen) Differenzierung erkaufte man sich die Errichtung von Gesamtschulen und seither (seit 1982) hat sie Bestand. Das ist eine lange Zeit und viele Menschen schmecken den Nachgeschmack dieser Kröte nicht mehr und stellen daher auch die Differenzierung nicht mehr in Frage. "Das alles haben wir gar nicht gewusst!" lautete daher auch heute ein Kommentar zu meinen Ausführungen. Gespannt werde ich die weitere Entwicklung verfolgen, ob dieses Wissen die Schule beeinflussen wird, wenn sie denn ihr Modell der Differenzierung weiter planen und verabschieden. So war ich den heute wieder einmal als pädagogischer Historiker unterwegs. Unterwegs sind auch die beiden nächsten Fünferklassen zu ihren erlebnispädagogischen Tagen im Martin-Butzer-Haus. Toi! Toi! Toi!

 

Donnerstag, 20. Oktober 2011:

Der Tag begann mit einem Erlebnis. Durch die Klassenfahrt war das Fünferassembly dezimiert, durch Krankheit und Fortbildung zwei Religionsgruppen in 6 unversorgt, so dass ich mich in einem gemischten Assembly wiederfand. Zum Abschluss schauten wir uns einen Abschnitt aus dem Videomitschnitt der YA an. Sofort stimmten die Schülerinnen und Schüler textsicher mit ein: "I know I can", klatschten an der exakt richtigen Stelle die Synkope und waren sofort dabei. Die Glut des Abends glimmt also nach wie vor, ein kleiner Luftzug und die Flammen schlagen wieder hoch. Auch noch beim Rausgehen ebbte die Melodie erst langsam ab und die Pausengeräusche gewannen die Oberhand. Hat das Erlebnis also auch sie (dauerhaft?) gepackt! Klasse!

Abends begann dann konkret die Aufnahme für 2012: "Welche Schule für mein Kind", so der Titel des Abends in der Grundschule in Neidenfels. Und wieder Wut und Entsetzen. Da wird von der Schulart Gymnasium innerhalb weniger Minuten das krasse Missverhältnis deutlich. Verständlich ist dabei sicher, dass wohl immer mehr Kinder auf dem Gymnasium angemeldet werden, die dort nicht zurechtkommen. Das habe ich ja auch erlebt, als die über 80 Anrufe kamen, die einen Platz bei uns suchten. Dann ist es aber doch in erster Linie eine Aufgabe des Gymnasiums, die Aufnahme zu verändern. Auf keinen Fall und nie und nimmer darf die Haltung sein: "Und dann müssen wir sie mitschleppen und kriegen sie nicht mehr los." Schon mal was von der Übergreifenden Schulordnung gehört? Von der Aufgabe der individuellen Förderung in JEDER Schulart? Welche Haltung verratet ihr, wenn ihr Schüler "mitschleppen" müsst? Da taucht in einem Wort die ganze Misere der 80 anrufenden Familien auf und bei dieser Grundhaltung kann ich die Verzweiflung nachempfinden. Und besonders ärgerlich, aber auch verräterisch war dann die Antwort auf die Frage nach dem Unterrichtsausfall an dem entsprechenden Gymnasium. Wenn in Klasse 5 und 6 Stoff (!) nicht vermittelt (!) werden könne, falle das später ja nicht ins Gewicht. Das bedeutet aber doch Verrat an den Kindern! Wenn der sonst so wichtige Stoff nicht ins Gewicht fällt, weshalb dann bitte dieser AusleseDRUCK, der Kinder und Familien verzweifeln lässt? Da liegen wirklich Welten zwischen diesem Auslesen-Wollen und der Schule für alle Kinder, zwischen der Arbeit mit allen Kindern und der gewollten Elitebildung auf Kosten der Kinder, denn auch Kinder, die mit diesem (kognitiv-sprachlichen) überhöhten Pauken klarkommen, werden am Ende ihrer Schulzeit andere Jugendliche und andere Erwachsene sein, sie werden eine andere Gesellschaft bilden (wollen), als ich sie will! Insofern ein aufwühlender Abend, wenn auch die Erkenntnis nicht neu war, das krasse, unverblümte Erleben erschreckte aber dennoch und immer wieder.

 

 Freitag, 21. Oktober 2011:

Herrlich, durch die Krankheit eines Kollegen fiel ein geplantes Gespräch aus. Die entstandene Lücke führte zu einem ungeplanten Austausch im Teamraum mit einer anderen Kollegin über den Stand der Arbeit mit dem Jugendamt in Bezug auf zwei unserer Sch&#