Diese Seite drucken

Jan bis Feb 11

 

 

 

 

 

Donnerstag, 24. Februar 2011:

So geht es, wenn zuviel los ist: Vom Montag dieser Woche gibt es noch etwas ganz Besonderes zu notieren. Nachdem Hosni sich aus den Musikgeschäft zurückgezogen hat und sich damit auch die Aufgabe des Paten für das Projekt "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" niedergelegt hat, galt es einen neuen Paten zu finden. Mit Hosnis Hilfe fragten wir Larry Hawthorne. Er hatte ja Hosni schon beim Pausenkonzert im letzten Jahr begleitet, war damit uns und wir ihm nicht unbekannt. ach einigen Mails und einem Treffen mit ihm war klar: Er übernimmt die Aufgabe. Als Termin, an dem wir das offiziell mit den Schülern vollziehen wollten, wählten wir eben den vergangenen Montag aus. Der siebte Jahrgang, der das Projekt seinerzeit an Land zog, versammelte sich im Aufenthaltsraum in Deidesheim. Die Schulband spielte erstmals einige Takte, Larry sprach die Schülerschaft direkt an, so dass das Eis der Fremdheit schnell geschmolzen war. Und dann sang Larry eines seiner Lieder - was heißt singen, er zelebrierte den Rhythmus, verließ die Bühne, bezog die Schülerinnen und Schüler mit ein, moonwalkte durch den Raum und so langsam wurde uns deutlich, da ist einer mit Herz bei der Sache, da treten die Schweißperlen aus Engagement auf die Stirn, da ist einer ganz nah an der jungen Generation dran. Er musizierte bereits mit dem "godfather of Soul" James Brown, mit dem King of Pop, Michael Jackson, und das spürten alle an diesem Morgen. Als er kundtat, er wolle seine künftigen CDs mit dem Schule-ohne-Rassismus-Logo zieren und er suche einige Schülerinnen und Schüler für ein neues CD-Projekt, da war klar: Da ist einer gewonnwn worden, der unsere Kids begeistern kann und der für die Sache ein Pate schlechthin sein wird. Klasse! Toll! Die Reihe der Glücksfälle setzt sich für unsere Schule fort. Ohne unser Zutun landeten Informationen zum Thementag Menschenrechte in der Staatskanzlei...mich wird es nicht wundern, wenn da noch was nachkommt.

Aber auch der schlichte Alltag war heute klasse. Meine AG Generationen im Gespräch lief heute schon viel besser. Kurz nach drei waren zwölf der vierzehn Teilnehmer mit Bewohnern des Seniorenstifts in Kontakt. Die einen feierten die Februar-Geburtstage mit, die anderen begleiteten eine Pflegekraft und wiederum zwei andere spielten Mensch-ärgere-dich-nicht mit zwei älteren Männern. Wie wunderschön, schon heute mehr der notwendigen Unbefangenheit festzustellen, mit der wir der älteren Generation ja begegenen wollen. Vielleicht zu heftig war ein Vorfall, als eine ältere Frau über Herzschmerzen klagte, kurz drauf ohnmächtig wurde, auf dem Boden gelagert wurde, Krankenwschwester, Pfleger, ein Arzt kümmerten sich um sie. Da war kurzzeitig die Ruhe des Heims einer Hektik gewichen. Zwei unserer Mädchen, die mit der Patientin zuvor am Tisch saßen, zitterten noch Minuten danach am ganzen Leib vor Aufregung. Hätte ja nicht gleich so früh in der AG geschehen müssen, aber das ist Leben, so etwas passiert und ist eigentlich normal. Dass die Fünftklässler das heute miterlebt haben, wird sie vermutlich reifen lassen. Auf alle Fälle aber haben sie eine ganz wichtige Erfahrung gemacht: Das Leben ist nicht nur Spiel, Spaß und gute Laune. Wie anders, wie intensiver könnten wir sie das erfahren lassen als im direkten Kontakt. Erleichtrung dann doch, als wir den Arzt von dannen ziehen sahen. Der Kreislauf war stabilisiert und die Bewohnerin in ihrem Zimmer auf dem Weg der Besserung. Ganz ehrlich, auch ich war ganz tief innen berührt und dort entstand auch die Erleichterung darüber, dass es der Frau wieder besser ging.

 

Mittwoch, 23. Februar 2011:

Das Gartenhaus steht am Ort, noch auf Gras und nicht damit nicht endgültig, aber der Gabelstapler war pünktlich am Ort und war gar keiner. Ich lerne ja immer wieder dazu: Es handelte sich um einen Radlader mit aufgesteckter Gabel.Aha!  Ein Anruf beim Bauhof in Wachenheim ("Die IGS hat ein Problem, könnte da der Bauhof einspringen?"), kurzes Zögern, ja, mit Fahrer, heute 18 Uhr, hmm, so kurzfristig, Überstunden... Und dann die Zusage! Super! Nachdem die Größe des Hauses und das hubbelige Gelände den EInsatz eines "normalen" Gabelstaplers gar nicht zuließ, musste der Radlader herhalten. Ein Anruf noch da und eine Absprache dort: "Also gut, treffen wir uns alle um 18 Uhr am Hort". Spannung dann um fünf vor sechs: der Radlader war da, das Haus nicht. Moderne Zeiten lassen mobilen Kontakt zu: "Wir kommen, sind gerade bei Maxdorf - können mit dem Hänger und dem Haus nicht schneller fahren." Und dann ging alles ganz schnell. Gabel drunter, hochfahren, rückwärts durch die wieder geöffnete Zufahrt aus der Bauzeit vor knapp drei Jahren (Die Feuerdornbüsche wurden dafür nochmal ausgegraben), langsam sich an die Stelle vorbugsieren und Gabel mit Haus runterfahren. Fertig die Aktion. So kann es gehen, wenn viele Hände mit gutem WIllen an einem Strick ziehen. Dank allen Helfern und glücklich der, der an einem Ort wie Wachenheim Schule machen darf. Welche Schule in einer Stadt hätte den dortigen Bauhof so unkompliziert aktivieren können? Also: mein besonderer Dank an die Verantwortlichen dort, das war eine klasse Aktion und Dank euch gar nicht so aufwändig, wie gestern noch befürchtet.

 

 

Dienstag, 22. Februar 2011:

Ich glaube, dies ist der erste Beitrag, den ich im Deidesheimer Büro schreibe. Nebenan und gegenüber finden die Leitfadengestützten Gespräch mit der stellvertretenden Schulleitung und den Lehrkräften statt, da tut sich für mich etwas Zeit auf. So fühlt sich das also auf der anderen Seite der AQS an. Bekannt sind mir ja Inhalte, Abläufe und Themen, aber eben nicht als Besuchter sondern nur als Besucher. Heute Morgen liefen schon eine Reihe von Einblicknahmen in den Unterricht, das Gespräch mit dem Schulleitist schon ebenfalls schon gelaufen. Mit 65% Rücklauf der Elternfragebögen bisher sind wir auch im grünen Bereich. Auf die anderen Daten haben erst in der Zusammenstellung Zugriff, wenn der Rückmeldebericht vorliegt.

Später dann (immer noch im Büro): Eben habe ich erfahren, dass ich für morgen 18 Uhr einen Gabelstabler organisieren soll, der das Gartenhäuschen für den Schulgarten in Wachenheim abladen kann. Aha! Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Eigentlich waren schon Väter organisiert, die das Sonderangebot eines Baumarktes zerlegen und die Einzelteile liefern. Nun also kommt das Häuschen zusammen gebaut. Gabelstabler also. Dabei standen die Zeichen noch auf AQS. Weingut? Bauhof? Getränkehandel? Die Feedbackrunde mit der AQS verlief positiv, der gründe Bereich war gut angefüllt. Nun also warten wir auf den Bericht, der alle Daten zusammenfasst und ein von extern wahrgenommens Bild der Schule liefern wird. Dazu wird es eine Rückmeldekonferenz geben, aber das wird dauern. Und dann läuft die Evaluation auf die Zielgerade: Mit der Schulaufsicht werden, ausgehend vom Ergebnis des Berichtes, Zielvereinbarungen für unsere Schule formuliert, in denen festgeschrieben wird, in welchen Feldern wir welche Maßnahmen angehen und umsetzen sollen, wie wir die Qualität unserer Schule erhöhen können.  Was ich selbst als Koreferent erlebt habe, hat sich heute an der eigenen Schule verfestigt: Das Verfahren der Evaluation ist umfassend, alle Beteiligten (Schülerschaft, Eltern, Kollegium, Schulleitung) sind einbezogen, in den Online-Befragungen können alle zu Wort kommen, in den zusätzlichen Gesprächen kann auf Augenhöhe alles angesprochen werden, was online kaum zu erfassen ist. Ein anstrengender und langer Tag (es fand ja auch noch ein Gespräch mit SEB-Vertretern und Kollegen statt). Auf dem Heimweg, da war es schon kurz nach 19 Uhr, klingelte dann im Auto mein Handy: "Papa, wann kommst du?". Spätestens da war mir klar: Dieser Tag war zu lang.

 

 

Freitag, 18. Februar 2011:

EIn denkwürdiges Gespräch hängt mir noch im Geäst. Freilich hat eine Schule im Aufbau einen eigenen Schwung, eine spezielle Motivation, einen ganz eigenen Charme. Aber ich will natürlich keine Schule mit einem Konzept, das ein Kollegium vorzeitig verschleißt, das allein schon ob der vielen guten Ansätze einen Druck ausübt, dem man sich nicht entziehen kann. So entsteht Frust durch Überforderung, Kurzatmigkeit durch zu schnelles Tempo und das Gefühl "Ich komme nicht mehr mit!" Auf der anderen Seite gibt es auch in diesem Halbjahr schon wieder so viele Einzelaktivitäten, die für sich allein genommen, alle toll sind und über die ich mich nur freuen kann. Aber alle zusammen genommen arten sie eben in Stress aus. Dabei wollten wir ein "Halbjahr der kleinen Brötchen" gestalten. Das wird wohl ein Thema für meine Sonntagsmail ans Kollegium werden. Dabei bin ich doch gar nicht der, der bremsen will, aber meiner Fürsorgepflicht obliegt ein ganzes Kollegium. Und auch dies sei geschrieben: Eine Schule, die sich ein Konzept gibt, das zu Lasten der in ihr Arbeitenden geht, wird keinen Bestand haben. Selbstredend will ich eine Schule, deren Konzept sehr gut und dennoch auf Dauer umsetzbar ist. Denkwürdig auch die Absage einer Kollegin. Sie hatte sich mit viel Lust und Engagement um eine Versetzung zu uns bemüht. Nach einem Gespräch und der kleinschrittigen Vorstellung unseres Konzeptes hat sie nun abgesagt: "Das ist mir einfach zu viel!" Hmm...

Und wieder bittet ein Bürgermeister um Rückruf wegen des Aufnahmeverfahrens...

 

 

Donnerstag, 17. Februar 2011:

Mit zwei Dingen bin ich heute unzufrieden. Zum einen war das Fünfer-Assembly recht unruhig. Ich kenne die Ursache nicht. Zum einen bin ich dort ja immer allein mit einem ganzen Jahrgang, zum anderen kenne ich wenig Namen, da ich sie nicht in Musik hatte wie die letztjährigen Fünfer. Da entstanden Beziehungen, die ich auch im Assembly nutzen konnte. Heute denke ich: Da müssen wir uns was einfallen lassen.

Zum anderen fand heute zum zweiten Mal meine AG "Generationen im Gespräch" statt. Auch dort stellte ich bei einigen wenig Interesse fest. Es darf aber nicht sein, dass Kinder die Zeit zum Aufzugfahren nutzen oder aufhören Mensch-ärgere-dich-nicht zu spielen, weil es "langweilig" ist. Wir sind aus einem ganz anderen Grunde im Seniorenstift! Gut, es waren heute auch weniger Bewohner "greifbar", weil parallel ein Kaffeeklatsch stattfand und es war erst das zweite Treffen, da kann es sein, dass noch nichts gewachsen ist. Dennoch will ich die mir so wichtige AG in diesem Stil nicht weiter machen.

Immer noch herrscht Unruhe wegen des Aufnahmeverfahrens, noch immer gehen Widersprüche ein, noch immer klingelt das Telefon. Und alle haben gute Gründe und alle ein berechtigtes Interesse und allen würde ich die Aufnahme wünschen, wenn ich denn nur könnte...

 

 

 

Dienstag, 15. Februar 2011:

Wer hat schon die Chance, so kurz vor den AQS-Besuch in der eigenen Schule nochmal zu üben? Heute war ich im AQS-Team, das eine junge IGS im Süden evaluierte. Unsere Konzepte ähneln sich (Differenzierung in klasseninternen Lerngruppen) und der Schulleiter ist ebenfalls Gitarre spielender Theologe. Kein Wunder, dass wir uns gut verstehen. Er hat auch ein Schullied für seine Schule geschrieben. Etwas neidisch blieb ich zurück, ich hatte gesagt,: "Ich verlasse die Schule nicht, ohne dass wir euer Lied zusammen gesungen haben". So erklang zum Abschluss des Tages "Let us join" mit allen noch anwesenden Kolleginnen und Kollegen. Ein toller Schlusspunkt, der, wie so oft schon beschrieben, Gemeinschaft auf einer ganz anderen Ebene stiftete. Einfach schön. Das Lied kommt viel fetziger daher als unser Kanon, dafür ist es etwas schwieriger zu singen. Nach einigen Schulbesuchen, die mich etwas erschreckt haben, war dies mal wieder einer, der Laune machte. Ich habe tatsächlich einige differenzierte Stunden gesehen, eine schöne, junge Aufbruchsatmosphäre - junge IGS eben.

 

 

 

Samstag/Sonntag, 12./13. Februar 2011:

Meine Ankündigung vom Donnerstag will ich wahr machen. Es geht um das Buch "Erfolgreiches Lernen durch Differenzierung im Unterricht" des emeritierten Professors für Schulpädagogik der Universität in Hannover, Manfred Bönsch, Braunschweig 2009. Es untermauert quasi meine Einträge der letzten Zeit zum Thema Einheitsschule, Zentralabitur und Nieveau heutiger Schülerinnen und Schüler. Im Grunde bringt das Buch keine Neuigkeiten, es systematisiert und definiert Differenzierung und stellt verschiedene Modelle vor. Erwähnenswert ist es für mich durch treffende Formulierungen im einleitenden Kapitel. Daher stelle ich einige Zitate ein, auch damit Eltern und Freunde der IGS Argumentationshilfe bekommen. Im Vorfeld der Aufnahme wurde das System IGS immer wieder in Frage gestellt, es soll im Landkreis sogar Grundschulen geben, die generell vom Besuch dieser Schulform abraten!

S. 7: Die Frage lautet immer, "...in welcher Weise Schule eigentlich den einzelnen Schüler im Blick hat, wenn sie sich anschickt, die Erfüllung der Schulpflicht für nachwachsende Generationen zu sichern. Die Schule besetzt Lebenszeit von Schülern, die nie zurückzugeben ist. Die Verantwortung, die sich daraus ergibt, ist gar nicht hoch genug anzusetzen. Wer einem anderen Menschen Lebenszeit wegnehmen wollte, ohne dass der Betroffene Gewinn daraus ziehen kann, käme wohl schnell in Begründungsschwierigkeiten."

S.8: "Jede Gruppe (Klasse) von Lernenden bringt unterschiedliche Voraussetzungen und Fähigkeiten mit....Das Problem aber potenziert sich, wenn eine Gruppe unterschiedlich Lernender, mit unterschiedlichen Dispositionen versehener Lerner auf ein Curriculum verpflichtet werden muss, bei dem gleichmäßiges Vorgehen und der Durchschnitt der Leistungen maßgeblich sind, unterschiedliche Bearbeitungstempi und Leistungsprofile nicht vorgesehen sind....Unsere Art der Unterrichtung orientiert sich an einem anonymen Durchschnittslerner und gleichzeitig an einem verbindlichen Curriculum, das in seiner Gänze kein Lehrender selbst repräsentiert, das aber für ein Abschlusszertifikat gleichwohl verbindlich ist."

Zur Frage des dreigliedrigen Schulsystems ein Gedankengang, mit dem ich immer wieder gehörte Sätze, wie zum Beispiel: Das Gymnasium führt zur allgemeinden Hochschulreife und damit fangen wir in Klasse fünf an, in Frage stellen will: "Die Unbarmherzigkeit solcher Selektion besteht darin, dass Menschen nach einem kognitiv orientierten, sich vor allem über Sprache dokumentierenden Leistungsanspruch selektiert/differenziert werden,der ihre Menschlichkeit, ihre Ganzheitlichkeit in kognitiver,sozialer, emotionaler und psychomotorischer Hinsicht nicht beachtet." (S.10) Meinen Eltern dies, wenn sie mir dieses Jahr beim Thema Aufnahme immer wieder sagten: Bei Ihnen an der Schule wird sich um die Kinder ganz anders gekümmert. Am Gymnasium geht mein Kind trotz guter Noten unter.

Der große Zuspruch zur IGS und die oft emotionale Hartnäckigkeit, die hohe Bereitschaft, bei einer Ablehnung schriftlich Widerspruch einzulegen, kann sich aus folgendem Bild ableiten: "Man muss sich einmal klarmachen, wie dadurch gleichsam ein Rüttelsieb entsteht, das den Schüler ständig zu reaktiven Verhaltensstrategien zwingt, die zwangsläufig zum Ziel haben müssen, sich irgendwo festzuhalten, um nicht ganz durchzufallen. Eltern müssen sich aufgrund der einseitigen Wertigkeit von Schulabschlüssen (nur das Abitur gilt!) fast zwangsläufig darum bemühen, für ihre Kinder Haltestangen möglichst weit oben zu finden...". (S.11)

"In einer demokratischen Gesellschaft sind alle Menschen gleich an Würde, Rechten, Pflichten, Chancen. Das Gemeindsame ist wichtiger als das Trennende. Gemeinsames Leben und Lernen sind höher einzuschätzen als trennendes Leistungsvermögen. Und wenn jeder in seiner Ganzheitlichkeit gefördert wird, kann er seine individuelle und soziale Identität finden, ist er am Leben mit dem Anderen bei gleichzeitiger Selbstvergewisserung orientiert...Homogenität ist ein verarmter Biotop!" (ebda.)

"Schul-/fachliche Leistungen sind häufig nicht eindeutig definiert, sie variieren von Schule zu Schule, ihre Messung ist voller Probleme, nicht-schulische Faktoren (Lebensbedingungen der Schüler z.B.), Personal- und Ausstattungsfragen der Schule, psychologische Faktoren (Motivation, Lehrstil u.a.m.) bestimmen Leistung als höchst komplexen Sachverhalt." (S.15) - und ich füge daher hinzu: führen durch eine zentrale Abschlussprüfung die Ungerechtigkeit des Schulsystems fort, lenken Schülerbiografien und Lebensentwürfe aufgrund fragwürdig einseitiger Messungen in die eine oder andere Richtung, ohne auf einem umfassenden Menschenbild aufzubauen.

"Die gesellschaftlichen Erwartungen an das Bildungssystem sind auf Effizienz, Leistung, Selektion ausgerichtet. Kreativität, Einfallsreichtum, Interesse, Spontaneität, Selbstbestimmtheit sind nicht wirklich gefragt. Die Leistungsgesellschaft fordert ihre Entsprechungen in Schule und Unterricht." (S.29). Will in diesen Tagen sagen: Demokratische Selbstbestimmtheit auf dem Boden umfassender Menschenrechte in Ägypten wird weltweit bejubelt unter Beibehaltung eines einseitig auf kognitiven Leistungen beruhenden und jedenfalls nicht ganzheitlichen Schüler- und Bildungsbegriffes.

Geriet dieser Eintrag zu kritisierend, zu anklagend? Das erwähnte Buch ist aber weder neu noch für IGSn geschrieben. Es beschreibt Standpunkte allgemeiner Didaktik und Pädagogik. Dennoch glaube ich: Die Anzahl zum Teil verzweifelter Eltern, die in diesen Tagen um einen Schulplatz kämpfen und in einem negativen Bescheid von uns eine Katastrophe für ihre Kinder sehen, wäre nicht so groß, hätte das beschriebene Gedankengut und die Auffassung von Bildung bereits in der Fläche Einzug gehalten. Nicht um Lob der eigenen Schule geht es mir, wir sind doch selbst erst auf einem Weg, sondern um Überlegungen in Sachen Pädagogik und für einen modernen Schul- und Bildungsbegriff im Jahre 2011.

 

Freitag, 11. Februar 2011:

Seltsam oder ist das so im eher "landlichen" Raum? Ein Bürgermeister rief heute an. Eltern hätten sich bei ihm über das Aufnahmeverfahren erkundigt, ob das alles rechtens sei, ob dies alles auch von einem Notar überwacht würde? Hmm, klar, dass sich der Amtsinhaber erst mal bei mir erkundigen musste und ebenso klar, dass unser Verfahren so wasserdicht ist (und sein muss), dass es einem eventuellen späteren juristischen Verfahren standhalten kann. Aber weshalb ruft man erst einen Bürgermeister an, der sich dann bei mir informieren muss und nicht gleich mich, der das Verfahren kennt und alle Hintergründe mit Zahlen belegen kann? Gerade die Fakten und die große Zahl der Anmeldungen (so erlebe ich ich die letzten Tage) verscheuchen die emotionale Aufgeregtheit und machen einer sachgerechten Stimmung Platz. Selbst ein Elternpaar, das unangemeldet heute vor meiner Tür stand und recht geladen Dampf abließ, konnte seine Blickweise durch das klärende Gespräch abmildern. Manchmal drängt sich mir der Eindruck auf, dass erst durch diese Gespräche den Eltern klar wird, dass es ein ganz klar festgelegtes Aufnahmeverfahren gibt und nicht der Schulleiter nach Gutdünken aufnimmt. Deshalb wehre ich mich auch immer gegen den Satz: "Sie haben mein Kind abgelehnt!"  Nein, ich lehne schon von meinem pädagogischen Grundsatz her kein Kind ab, es hat im Losverfahren kein Glück gehabt. Dieser Unterschied ist keine Phrase, sondern ist mir sehr wichtig. Selbstredend gönne ich jedem Kind einen Platz bei uns, aber den Schuh, dass ich Schuld sei am Elend eines Kindes oder einer Familie, den ziehe ich mir nicht (mehr) an. Natürlich lasse ich diese Gespräche nicht im Büro zurück, dazu gehen sie oft zu tief und gewähren Einblicke in Situationen, die ich gar nicht im einzelnen kennen will oder muss. Vorwürfen kann ich inzwischen ganz gut begegnen, denn wir tun ja nur unser Bestes für unsere Schülerschaft und wenn dies ankommt, freut mich das  um so mehr. Gerne will ich an der Weiterentwicklung dieser Schule viel Kraft investieren und Einsatz bringen. Aber weder habe ich die Vierzügigkeit einer IGS zu verantworten und damit die wenigen Plätze, noch die Tatsache, dass viele Eltern in anderen Schulen keine Alternative sehen. So wird immer wieder der Weg des Widerspruches gewählt, was ich gut verstehen kann. Ich würde auch für mein Kind kämpfen. Ich sehe dies sportlich und, liebe Eltern, niemand braucht zu betonen, dass ich dies nicht persönlich nehmen solle. Es gehört für mich zu meiner Aufgabe, wenn ich schon nichts an der Situation ändern kann, wenigstens alle Möglichkeiten zu benennen, die zu ergreifen noch möglich sind. Das klar fetgelegte Aufnahmeverfahren, so starr es auch erscheint, erlebe ich inzwischen auch als Schutz. Da schon Widersprüche in schriftlicher Form bei mir eingegangen sind, werden auch in diesem Jahr die Juristen der Schulaufsicht unsere Aufnahme durchleuchten, jede Zahl überprüfen und das Protokoll studieren. Und wenn dann, wie in den letzten beiden Jahren, grünes Licht kommt, dann haben wir alles richtig gemacht und der momentane Druck wird sich dann abbauen. Das kenne ich inzwischen, habe es gelernt und weiß, damit umzugehen. Es wird den nicht aufgenommenen Kindern und ihren Eltern nicht helfen, aber mir selbst, auch die kniffligen Gespräche der kommenden Woche ernsthaft und möglichst einfühlsam zu führen, allerdings auch mit einer angemessenen Gelassenheit.

So gehe ich denn nach einer intensiven Woche in ein Wochenende, an dem ich hoffe, den Kopf etwas freier zu bekommen, ganz wird es mir wohl nicht gelingen, aber Luft und Abstand wird es bringen und damit auch neue Kraft für die nächsten Tage.

 

Donnerstag, 10. Februar 2011:

Welch vielfältige Tage die Schule hervorbringt. Das Kollegium ist wieder komplett, heute begann eine neue Vertretungslehrkraft und gab in der Klasse ihren Einstand. Letzte Woche schon konnte ich eine zusätzliche Kraft begrüßen und bei beiden habe ich ein gutes Bauchgefühl. Das wird funktionieren.  Dann stolperte ich quasi in eine Klasse, aus der ich gar nicht mehr rauswollte, so faszinierte mich der Anblick. An vier Gruppentischen wurde differenziert gearbeitet. "Nein, diese Null musst du doch hinzuzählen, sonst kommst du doch nicht auf die Tausenderstelle!", erklärte eine Mitschülerin ihrem Nachbarn. "Dieses Wort kann doch einen Artikel haben, ist also ein Nomen!", hörte ich an einer anderen Tischgruppe. Daneben schnippelte eine weitere Tischgruppe Gemüse für das gesunde Frühstück und ganz hinten, aus besonderem Anlass, wurden heute auch noch Waffeln gebacken. Zufällig drei Lehrkräfte, eine Integrationshelferin und ein Zivildienstleistender waren da. Einen solchen Eindruck von Differenzierung hätte ich dem AQS-Team in zwei Wochen gegönnt, aber die kommen leider dienstags, schade. Mir fiel das Buch über differenziertes Arbeiten ein. Ich werde vielleicht am Wochenende kurz darauf eingehen.

Dazwischen immer wieder Anrufe von zum Teil verzweifelten Eltern wegen unseres Losvefahrens. Diese Telefonate münden manchmal in Seelsorgegespräche. Zum einen kann ich keine Hoffnung machen, zum anderen will ich die Eltern ja nicht einfach mit diesem Faktum allein lassen, zumal ich ihre Situation glaube nachempfinden zu können. Wenn schon die Kinder keinen Platz bei uns finden können, sollen sie wenigstens mit Wertschätzung ein Telefonat führen können und anschließend ein wenig getröstet sein. Hoffentlich gelingt mir diese Absicht.

Am Nachmittag ein externes Hilfeplangespräch, mit der Hoffnung auf Hilfe für eine unserer Schutzbefohlenen. Zwar konnte ich selbst nicht teilnehmen, aber in der Vorbesprechung an der Linie unserer Schule konnte ich mitwirken.

Und mittags dann meine AG im Seniorenstift Wachenheim. Natürlich verlief sie anders als die gestrige, wenn auch Parallelen festzustellen waren. Zunächst ist es eine standortübergreifende Gruppe, zwei Siebtklässler kommen eigens von Deidesheim rüber, zum anderen war heute der erste Termin. Da war so viel Neues zu erleben, dass noch keine Struktur zu erkennen war. Aber: Es gab schon heute Kontakte mit den Heimbewohnern und Gespräche an ihren Tischen. Bei der Führung durch das Haus auch erstaunte Fragen: Sitzen die immer so den ganzen Tag da? Weshalb wird im Aufzug gesagt, dass die Tür sich öffnet, das sieht man doch? Sind die einzelnen Etagen mit Absicht in unterschiedlichen Farben gestrichen? Wer bezahlt das alles? Gibt es auch Ärzte im Haus? Wie wird man Altenpfleger? Ein vielversprechender Anfang, ein Bauchgefühl, dass dies eine ganz wichtige AG sein wird und einfach Freude darüber, dass ich dabei sein darf und dies miterleben kann

 

 

Mittwoch, 09. Februar 2011:

Um für meine eigene AG "Generationen im Gespräch" gerüstet zu sein, gesellte ich mich heute zu der, die schon ein halbes Jahr läuft. Die Idee dahinter ist die, dass sich die Generationen möglichst unverkrampft begegnen. Dazu geht seit dem ersten Halbjahr eine Schülergruppe ins Seniorenstift in Wachenheim, isst dort zu Mittag, arbeitet in der Lernzeit (zum Teil schon mit den Bewohnern)  und trifft sich anschließend zum lockeren Zusammensein zum Spielen, Vorlesen oder einfach nur Reden. Diese AG war so erfolgreich, dass ich eine zweite insatllieren wollte, notfalls unter meiner Leitung. Vom Seniorenstift und ihren Bewohnern werden diese Treffen von Jung und Alt als Höhepunkt in der Woche angesehen, weil Begegnungen stattfinden, die auf beiden auf diese Weise selten geworden sind. Und genau diesen Eindruck nehme ich heute mit. Drei tolle Stunden mit bewegenden Augenblicken, leuchtenden Augen und Bereicherung der Erfahrung. Diese Kooperation sollten wir unbedingt aufrecht erhalten, da steckt soviel Lernen drin, das ist mitmenschlich so wertvoll und ermöglicht ganzheitliche Erfahrung in Reinform. Nur als Beispiel, neben den unterschiedlichsten Kompetenzen, die die Schülerinnen und Schülern bei den Heimbewohnern erleben können, eine Bewohnerin, eine "Berliner Schnauze" wie man sich erzählt, ist letzte Woche im hohen Altern gestorben und hinterlässt auch bei unseren Besuchen eine Lücke. Das zu spüren, zu erleben, auch zu erleiden ist menschlich so außerordentlich, das entwickelt Persönlichkeiten, das lässt reifen.Für das Leben lernen wir, nicht für die Schule!  Nun bin ich gespannt, wie meine neue AG morgen laufen wird.

 

 

Montag, 07. Februar 2011:

Die ersten Klassen haben die Zugangsdaten schon abgeholt, das läuft ja prima an und die Internetverbindung im PC-Raum in Wachenheim hat auch standgehalten. Seit langer Zeit wieder eine Schulleitungsrunde, die komplett besetzt ist. Planung hier, Korrekturen da und Ideen dort. Gerade montags ab 14 Uhr erlebe ich oft Teamarbeit par excellence und Schule als lebendiges System. Der Spaß am Arbeiten bleibt da natürlich nicht aus. Und schon beginnt die schwerste Zeit für mich im Schuljahr: Die ersten enttäuschten Eltern haben sich gemeldet wegen der Absage. Das wird jetzt eine heftige Woche.

 

 

Donnerstag, 03. Februar 2011:

Mit dem Vorbereitungsbesuch des AQS-Teamleiters beginnt das Evaluationsverfahren. Zwar sind die Zugangsdaten für die Online-Befragung schon eine Zeit lang in meinem Büro und Eltern- und Schülerinfos sind schon mit den Zeugnissen ausgegeben worden, doch das ist zunächst mal Papier. Heute ging es richtig los. Am Anfang steht der Schulrundgang - auch die räumlichen Gegebenheiten einer Schule spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Situation ist bei uns ja zweigeteilt: Da ist zunächst der in Auge fallende Anbau, will sagen: Schule vom Feinsten mit den hellen, bunten und gut ausgestatteten Räumen. Das gefällt und wird gelobt. Da ist aber auch der vierzigjährige Anbau, dessen Renovierungsbedürftigkeit an Ecken und Kanten deutlich gesehen wurde. Zusammen genommen werden wir da für den Standort Deidesheim also irgendwo in der Mitte landen. Der Standort in Wachenheim wird dann am Schulbesuchstag selbst begangen. Die sich anschließende Konferenz verlief konstruktiv. Der Teamleiter sprach hinterher von einer guten Atmosphäre und einem gut informierten Kollegium. Ich glaube, die Zeit der Kontrollangst ist eh vorüber, das Evaluationsverfahren ist transparent und solches Hinschauen, was ist, was kann verbessert werden, ist insgesamt stärker im Bewusstsein verankert. Bei Dienstbesprechungen, nach Unterrichtseinheiten, nach Fortbildungen und am Ende eines Schuljahres erlebe ich immer wieder die unterschiedlichsten Evaluationen, mal flach, mal tief, mal so lala. Wie auch immer man dazu stehen mag: Das gesamte Anliegen, die 1600 Schulen in Rheinland-Pfalz nach ein und demselben Verfahren zu betrachten und dazu einen Orientierungsrahmen zu erstellen, was in unserem Bundesland unter einer guten Schule verstanden wird, finde ich legitim. Nehme ich dann die Äußerungen von verschiedenen Eltern im Vorfeld der Anmeldung hinzu, auch notwendig. Also, ich mache jetzt einen Raumplan, lade unser gezipptes Konzept hoch und dann kann es losgehen.

 

 

Mittwoch, 02. Februar 2011:

Welch eine Anmeldung! Die Zahl der Anmeldungen ist erneut gestiegen, die höchste, die die IGS Deidesheim/Wachenheim bisher hatte. Die Zahl der Anmeldungen innerhalb des Landkreises hat sich nochmals deutlich erhöht und vor allem die Zahl der leistungsstarken Kinder ist enorm. Donnerwetter, das hätte ich nicht erwartet, denn dieses Anmeldeverhalten zeugt von der großen Akzeptanz im Landkreis und vor allem trauen die Eltern uns nun auch verstärkt zu, leistungsstarke Kinder zu fördern. Das muss uns erneut anspornen! Vielen Dank allen, die soviel Vertrauen in unsere Schule setzen. Die Freude über die gestiegene Anmeldezahl bringt natürlich auch Leid mit sich: Noch mehr Kinder und Eltern werden wir mit einem negativen Brief enttäuschen müssen. Die Zahl dieser Familien ist ja größer als die, die sich freuen werden. All ihr lieben Menschen, trauert nicht so sehr, ihr werdet Schulen finden, an denen ihr lernen könnt und Abschlüsse ohne Einbahnstraße erreichen werdet, auch dort werdet ihr neue Freundinnen und Freunde finden und hoffentlich auch viel erleben. Ich wünsche es euch von Herzen! Unser Aufnahmeverfahren ist heute abgeschlossen worden. Denjenigen, die bei uns Aufnahme finden konnten, wünsche ich eine gute Zeit bei uns. Betrachtet es als Glück, künftig Schülerinnen und Schüler der IGS Deidesheim/Wachenheim sein zu können, denn nichts anderes ist das Ergebnis eines Losverfahrens. Vergesst dieses Glück auch in schwierigeren Zeiten und während der Durststrecken nicht, die mit Sicherheit kommen werden.

 

 

Freitag, 28. Januar 2011:

Die ersten Zeugnisse am Standort in Deidesheim. Am Ende ist es dann doch immer wieder so etwas wie ein Endspurt, dass alles klappt, alle Noten richtig notiert und alle Bemerkungen zum Ganztagsbereich treffend formuliert sind.

Bemerkenswert noch ein Artikel im größten Nachrichtenmagazin über Schülerleistungen in der Gegenwart. Er räumt auf mit der Stammtisch(?)-Auffassung, früher hätten die Jugendlichen mehr gekonnt als heute. Fehlanzeige, wie der Leiter des Institutes für internationale Vergleichstudien, Manfred Prenzel, feststellt. Er sagt, "dass sehr viel mehr Menschen hohen Anforderungen genügen". Das sähe man allein daran, dass heute 40% das Abitur erreichen. Das gängige Vorurteil, dass das Abitur von heute längst nicht mehr dem vor 50 Jahren entspräche, ließe sich mit nichts untermauern. Im Gegenteil, Jugendliche verfügten in einigen Kompetenzen über einen weit höhreren Standard als früher, zum Beispiel in der Fremdsprache. Eine mir sehr nahe Feststellung ordnet die Lehrpläne ein. "Die Lehrer mussten sie abarbeiten. Das Problem war zugleich, dass sie extrem stofflastig waren und auf vordergründiges Faktenwissen und hochgradiges Detailwissen zielten. Das wurde in die Köpfe gepaukt, konnte aber nicht flexibel angewendet werden." (DER SPIEGEL, Nr.4 vom 24.1.2011, S. 34). Und bitte: DAs sagt nicht irgendein IGS-Befürworter sondern der PISA-Chef in Deutschland, seit 2009 Dekan der School of Education der TU München. Da fühle ich mich wohl mit den Bemühungen, wie wir um den Erwerb von Kompetenzen ringen und das Lernen ganzheitlicher verstehen als kognitives Rekapitulieren. Klar, auch beiuns gibt es etwa noch die Hausaufgabenüberprüfungen, die auf die Wiedergabe von Kognitivismen ausgerichtet sind. Aber wir befinden uns doch auf einem Weg, Unterricht ganzheitlicher als Lernen zu verstehen.

Morgen beginnt also die neue Anmelderunde, die tagebuchlose Zeit, um nichts Falsches zwischen den Zeilen durchblicken zu lassen.

 

Mittwoch, 26. Januar 2011:

Die Zeugnisse von sechs Klassen erhielten heute stellvertretend meine Unterschrift, pädagogische Autogrammstunde. Eine erste Vertretungskraft ist gefunden, also, am Telefon, unterschrieben ist noch nichts. Apropos Telefon: Es will nicht stillstehen in dieser Zeit der bevorstehenden Anmelderunde. Dazwischen eine wichtige Frage: Wie bekommen wir den Anschluss ins Internet stabil hin? Immerhin steht der Besuch der AQS ins Haus mit online-Befragungen von Schülerinnen und Schüler, da kommt keine Freude auf, wenn es einen Tag funktioniert und am nächsten - ohne, dass jemand im Serverschrank "rumgestöpselt" hat - dann nicht mehr. Lehrkräfte einplanen, neuer Stundenplan, Zeugnisbemerkungen, Anmeldung ab Samstag, schulscharfe Bewerbungen...nein, eine Klage über ein "Zu-wenig" findet keinen Spalt.

 

 

Dienstag, 25. Januar 2011:

Erste SEB-Sitzung im neuen Jahr. Und wieder die Erfahrung: Keine Frage muss sich so entwickeln, dass sie sich mit guten Willen und menschlicher Wertschätzung nicht lösen ließe. Sachlich und ohne Aufreger diskutierten wir den Einsatz des Lernservers in Jahrgang 6. Mit einer weiteren Finzierungsidee kann er also im Deutschunterricht eingesetzt werden, bietet er doch die bisher größtmöglich individuelle Förderung in de Rechtschreibung.  Ein guter Abend also. Für den 1.2. fehlen der Schule noch immer zwei Vertretungskräfte. Dranbleiben und weitere Kandidatinnen anrufen. Noch ist ja Zeit.

 

 

Montag, 24. Januar 2011:

Zwei Vertretungsstunden ermöglichten mir einen aktuellen Blick ins Innere der Schule. Ach, wie liebe ich den Klassenrat, wenn er so läuft wie heute. Die Klasse kannte ich vom Musikunterricht, da war es einfach nur schön, sie nach einem Jahr mit eingeübten Regeln und festen Ritualen zu erleben. Da wird die alltägliche Arbeit in unserer Schule sichtbar - eine Stunde zum Genießen. Nachmittags noch eine Lernzeit - ruhige, entspannte Arbeitsatmosphäre. Auch dieser Einblick ist mir wichtig, läuft der Ganztagesbereich doch sonst von mir unbemerkt ab. Dazwischen die üblichen Sammel- und Überprüftätigkeiten der Zeugniswoche.

 

 

Freitag, 21. Januar 2011:

Die erste Wahl der Schülersprecher mit drei Jahrgängen wollten wir zu einem demokratischen Erlebnis werden lassen. Innerhalb des Projektes Schulische Lern- und Lebenswelten wollen wir ja Schülerpartizipation verstärken. Also luden wir alle drei Jahrgänge in die Stadthalle nach Wachenheim ein, um eine Urwahl richtig erleben zu können. Wenn wir schon einen gewählten Politiker aus dem realen Leben im Kollegium haben, sollte er in demokratische Inhalte und Strukturen als Begrüßung einführen. Es klingt eben anders, wenn Worte fallen wie: "Bei meiner eigenen Wahl war das so...". Toll, dass die SV im Vorfeld so geworben hatte, aus allen drei Jahrgängen kandidierten Schülerinnen und Schüler. In kurzen Statements stellten sie sich, ihre Gründe für die Kandidatur und Absichten vor. Einige hatten so etwas wie einen Fanclub (meist die eigene Klasse) dabei, hier und da waren sogar Plakate zu sehen. Die eigentliche Wahl fand mit den großen, echten Wahlurnen der Verbandsgemeinde statt, zuvor waren nach Wähler-Klassenlisten die Stimmzettel persönlich ausgegeben worden. Schummeln gilt nicht! Während des Auszählens durch die SV im Nebenraum schaute sich die Vollversammlung einen Filmausschnitt der Mobilen Zukunftswerkstatt an. Nach kurzer Auflockerung und symbolischem Greifen nach den eigenen Träumen, sollten alle Schülerinnen und Schüler im Saal in Murmelgruppen Kritikpunkte und Wünsche notieren, die an unserer Schule umgesetzt werden sollen. Das Wahlergebnis könnte nicht besser sein: Eine Schülerin, ein Schüler aus zwei unterschiedlichen Jahrgängen und beiden Standorten vereinten die Mehrheit auf sich. Sie erhielten die Träume und Wünsche der Versammlung mit der Aufforderung, an deren Umsetzung zu arbeiten.

Vier tolle Stunden: 300 Schülerinnen und Schüler reagieren auf das Ruhezeichen, lassen sich ein auf die etwas ausgedehnte Wahl, arbeiten schon jetzt mit an der Schulentwicklung, eine ganz runde Sache. Lohnt sich also doch die ganze Arbeit, der Einsatz, die Ideen, die wir in der täglichen Arbeit umzusetzen versuchen. Welch eine Woche  geht da heute zu Ende mit den SELG, den Zeugniskonferenzen und nun auch noch dieser Tag in der Stadthalle.

 

Mittwoch, 19. Januar 2011:

Krasser Gegensatz zu gestern: Heute las ich den nächsten bildungspolitischen Begriff aus dem Wahlkampf: Zentralabitur, um die Leistungsfähigkeit der Schulformen wirklich mireinander vergleichen zu können. Und wieder drängt die Politik die Pädagogik in den Schatten. Glaubt denn wirklich einer, dass es pädagogisch sinnvoll ist, wenn eine Schülerin in der Eifel und ein Schüler am Rhein die gleiche Abituraufgabe gestellt bekommt, aus dem Ergebnis die Leistungsfähigkeit einer Schulform objektiver ableiten zu können? Meine lieben Poliriker, lest den bundesweit beachteten Orientierungsrahmen Schulqualität durch, der gute Schule in Rheinland Pfalz definiert, führt euch die Übergreifende Schulordnung vor Augen und macht euch vertraut mit dern Ergebnissen der Lehr- und Lernforschung. Überall kommt man zu dem Ergebnis: Lernen muss individuell gestaltet sein, jeder Lernende konstruiert sich sein Bild der Wirklichkeit und der Lerninhalte selbst und entscheidet individuell, was er dabei lernt. Wenn diese Erkenntnisse euch dann immer noch zu den bildungspolitischen Forderungen mit zentralen Prüfungen führen, lasst uns diskutieren. Aber bitte nicht: Individualisierte Lernformen als Spielwiese für die Sekundastufe I zulassen, aber dann zentrale Prüfungen für die Oberstufe fordern. Sollen wirklich die Abiturienten an Gesamtschulen seit über dreißig Jahren schlechtere Leistungen erbracht haben? Sie haben sich doch an den Universitäten Abschlüsse erzielt und sich im Berufsleben bewährt. Wozu führt denn ein Zentralabitur? Es wird (wiederum ein für alle verpflichtender) Themenkanon festgelegt. Der Unterricht der Oberstufe wird diesem Kanon hinterher hecheln, Unterricht wird ihn in Blick nehmen müssen, um die Lernenden für diese zentrale Veranstaltung gut vorzubereiten, deren Themen in versiegelten Umschläge am Tag des Abiturs über alle Schülerinnen und Schüler des Landes herabkommen. Und dann wird es doch passieren, dass ein Thema nicht ausreichend genug behandelt ist. Das Ende des Liedes wird dann sein, dass aufgrund dieser Arbeiten über die Allgemeine Hochschulreife entschieden wird. Meine eigene Bildungsbiografie musste, nach der Haupt- und Berufsfachschule, über die Aufbauform eines technischen Gymnasiums laufen. Ich war, obwohl meine Begabungen auf der Seite der Geisteswissenschaften liegen, in der Lage, punktgenau das in den schriftlichen Prüfungsfächern Maschinenbau (!) und Elektrotechnik (!) zu bringen, was gefordert war. Beide Prüfungen habe ich bestanden. Studiert habe ich Germanistik und katholische Theologie. Bereits kurze Zeit später war mein Wissen verpufft - ich hatte von vorneherein (nur) auf diese Prüfungen hingearbeitet, die mir ja auch die Hochschulreife eingebracht haben. Aber: War das Bildung? Ist dieses Lernen ein sinnvolles Lernen, wenn ich es nur für die eine Bescheinigung tue, dann aber in die dunklen Kammern verbanne oder vergesse? Gut, dass ich meine Zugangsberechtigung zu den Unis erhalten habe. Nur: Ist diese Art des Lernens notwendig? Zentrale Prüfungen hätten dies zur Folge: Lernen auf dieses eine Ziel hin. Worin steckt aber der Mehrwert, der höhere Nutzen? Welchen pädagogischen Vorteil bringen zentrale Prüfungen? Was sind die genauen (und eigentlichen?) Beweggründe, zentrale Prüfungen zu fordern? Nein, das ist für mich keine anstrebenswertere Lösung als die derzeit praktizierte. Weder werden bessere oder aussagekräftigere Leistungen erbracht werden können, noch wird darin ein moderner Bildungsbegriff umgesetzt. Die Aufgaben des Abiturs, so kenne ich es aus meiner ehemaligen Schule, werden doch schon zentral in Mainz hinsichtlich des Inhalts überprüft und an die Schule zurück verwiesen, wenn sie nicht angebracht erscheinen. Immer kennt eine Lehrkraft die Leistungsfähigkeit eines Kurses besser als eine zentrale Verordnung. Weshalb bilden wir denn mit immens viel Geld Lehrkräfte aus, wenn wir ihnen dann die Entscheidung für Abituraufgaben nicht zubilligen? Trauen wir ihnen nicht zu, über eine Reife anhand ihrer (wirklich als Unterricht zu bezeichnenden) Unterrichtseinheiten zu entscheiden? Exemplarisches Lernen wird das eine und das andere sein. Nein, wieder einmal soll scheinbar größere Objektivität über Aussonderung entscheiden, soll angeblich objektivere Messung von Leistungsfähigkeit einer Schulform andere verdrängen. Politik, Ideologie mag das dürfen, Pädagogik verbietet solche Ansätze.

 

 

Dienstag, 18. Januar 2011:

Ja, ich kann es noch: Die acht Zeugniskonferenzen der Jahrgänge fünf und sechs sind gut verlaufen. Da haben wir eine erfreuliche Kultur entwickelt: Alles Bürokratische so umfassend wie möglich vor der Konferenz klären, das schafft Zeit, um pädagogisch zu konferieren. Wenn es schon um Tausende von Ziffern gehen muss, dann sollen diese wenigstens nicht die Konferenz blockieren. Wir sind Pädagogen und keine Börsenmakler. Dass dies heute wieder gelungen ist und immer wieder gemeinsam um die geeignetsten pädagogische Hilfen gerungen wurde, das erfüllt mich Freude und Glück. Hier findet gute Schule statt und hier erkennt man ein pädagogisches Profil einer Schule. Prima und Danke!

 

 

Montag, 17. Januar 2011:

Unsere Telefonbieter müssten sich über die IGS erfreuen: Zum alltäglichen Telefongeschäft einer Schule kommen derzeit zusätzliche Anfragen in bisher nicht gekannter Menge. Immer geht es um das gleiche Anliegen: Können Sie unser Kind in ihre Schule aufnehmen. Die Anfragen erstrecken sich über alle künftigen vier Jahrgänge. Schlimm daran ist ja nicht die Anzahl, sondern die stets gleiche Antwort, die einem dahinter stehenden Kind in seiner Problematik keine Abhilfe in Aussicht stellen kann. Oft nehme ich die Worte mit in den Tag, professionelle Distanz fordere ich an anderer Stelle immer ein, hier bin ich selbst gefragt.

 

 

Samstag, 15. Januar 2011:

Immer noch laufen heute verschiedene SELG. Um allen die Möglichkeit dazu zu geben, liegen eine Reihe von Terminen auch am Samstag. Danke allen für solches Engagement!

Da war er wieder gestern in der Tageszeitung zu lesen, längst entlarvt und überholt, aber immer wieder taucht dieser Begriff auf, in Hamburg, in Berlin und nun auch wieder bei uns: Einheitsschule. In früheren Zeiten immer noch mit dem Adjektiv sozialistisch versehen, dient er auch heute noch der politischen Stimmungsmache, Diskussion will ich es gar nicht nennen, pädagogische Stellungnahme auch nicht. Vor Weihnachten gar wurde der Antrag diskutiert, den jetzigen Stand der Schulstrukturreform in der Verfassung (!) festzuschreiben. Nein, nicht etwa, weil er als gut befunden wird. Die Angst vor weiteren integrativen Tendenzen stand Pate. Künftige Entwicklungen müssten dann von einer Zweidrittelmehrheit verabschiedet werden, wären also fast ausgeschlossen. Mich ärgert die Unwahrheit, die hinter dem Begriff "Einheitsschule" steht. Mir ist keine Schulform bekannt, die, schon aufgrund ihrer Struktur, mehr auf einzelne (!) Schülerinnen und Schüler individuell eingehen muss, wie die Integrierte Gesamtschule. Mit Liberalität hat dies nichts zu tun. Die IGS muss jeden einzelnen individuell beraten, um Wahlpflichtfächer und Einstufungen pädagogisch richtig umsetzen zu können. Die IGS mit dem Anspruch der individuellen Förderung setzt am stärksten um, was die Übergreifende Schulordnung für alle Schulen vorschreibt: individuelle Förderung und auch Berücksichtigung des individuellen Lernfortschrittes. Gerade die IGS verzichtet auf so genannte Kopfnoten für Mitarbeit und Verhalten und fügt jedem Zeugnis eine individuelle verbale Beurteilung bei. Gerade die IGS will heterogene Lerngruppen, weil darin eine Chance zur Leistungsverbessrung steckt. Die IGS ist eine Schule für alle Kinder und gibt die, die den einheitlichen (!) Leistungsstand nicht erreichen, nicht "nach unten" weiter, während die leichter Lernenden "einheitlich" "oben" verbleiben dürfen . Die IGS versucht, den Skandal des ungerechten Zugangs zu höheren Abschlüssen, zu verbessern. In jeder internationalen Vergleichsstudie müssen wir uns ins Handbuch schreiben lassen, dass der Übergang in das Gymnasium sechsmal schwieriger ist, als in anderen Ländern und viel zu sehr von der Bildungsnähe der Elternhäuser abhängt. Kann man ein Schulsystem für gut bezeichnen, dessen Gliedrigkeit gerade Kinder mit Migrationshintergrund eklatant benachteiligt? Gerade die IGS als Schwerpunktschule will auch beeinträchtigten Kindern den ungehinderten Zugang zu Bildung verschaffen, wie es die UN-Konvention fordert. An der IGS wird doch auf individuell unterschiedlichen Niveaus gearbeitet und auch Klassenarbeiten nicht einheitlich für alle geschrieben. Nein, der Begriff der Einheitsschule kann mit keinem Argument untermauert werden. Sein stetes Auftauchen und seine Wiederbelebung in Wahlkampfzeiten scheint mir lediglich aus der Angst heraus gespeist zu sein, dass Kinder (vorwiegend wohl die der eigenen Klientel?) vor dem Kontakt zu anderen gesellschaftlichen und sozialen Schichten nicht mehr bewahrt werden können. Anders ergibt der Begriff einfach keinen Sinn. Ich habe es schon einmal geschrieben, aber der Satz meines Vaters, der dieses Ansinnen zusammenfasst, passt immer noch und schon wieder: "Das dumme Volk soll in der Küche essen!". Der sonst so positiv besetzte Begriff der Einheit (Wir feiern 20 Jahre deutsche Einheit, Religionen preisen die Einheit von Körper und Geist als glückseligmachend, usw.) wird hier negativ verwendet. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten sonstwo hin. Natürlich sind die Verwender des Begriffes selbstredend die "Guten", die vor den "Schlechten" geschützt werden müssen. So soll der Zugang zu den gesellschaftlichen und auch sozialen Töpfen der eigenen Gruppe gesichert werden. Allein das pädagogische Interesse der IGS ist hoffentlich einheitlich, weil dieser Ansatz ein zutiefst humanistischer, gerechter und individueller ist. Glücklich der, der eine solche Schule auch noch leiten darf!

 

 

Donnerstag, 13. Januar 2011:

Erstes Assembly im neuen Jahr mit den Fünfern und Sechsern in Wachenheim. Neben der Verleihung der Buchpreise für den Gewinn des Lesewettbewerbes stand hauptsächlich das Dreikönigsfest im Vordergrund. "Wir kommen daher aus dem Morgenland", ein Lied, das ich früher selbst als Sternsinger sang, erklang mit allen. Ich freue mich, dass jedes Jahr Kinder auch unserer Schule an der Sternsinger Aktion teilnehmen. Man bedenke: Immerhin war der sechste Januar mit dem Fest Epiphanias, Erscheinung des Herrn, das eigentliche Weihnachtsfest. Dort erschien das Christuskind der Welt in Form der Weisen oder Magier. Weder  Könige, noch Namen sind historisch. Die orthodoxe Kirche hat nach dem Schisma, der Kirchentrennung, im Jahre 1054 diesen Termin beibehalten, die römisch-katholische Kirche in Rom feierte längst am 24. Dezember. Ursprünglich lag dort ein Lichtfest, ein Sonnenfest, am Tag der Wintersonnenwende, wenn die Sonne am vom entferntesten Punkt sich wieder der Erde nähert auf ihrer Umlaufbahn. Germanen, Griechen und Römer erkannten Umstand (Wie nur, frage ich mich immer wieder, nur durch Naturbeobachtung?). Aber wie so oft: Wenn du das heidnische Brauchtum nicht überwinden kannst, mach es dir zu eigen. So wurde dieses Datum und die damit verknüpften Feste umgewidmet für Jesus, der Sonne (!) der Gerechtigkeit. Soweit die Historie, die mir alljährlich klarmacht, wie zufällig, wie untheologisch und daher, wie relativiert all diese Inhalte sind. Unser Weihnachtsrummel erst im Januar? Wir sind so fest verwurzelt in unserem Kalender , in unseren Abläufen, dass etwas anderes gar nicht mehr denkbar ist. Soweit ein paar Bildungsinformationen. Wo kam ich her? Ach so, ja, vom Assembly. Nutzen solche Informationen Kindern und Jugendlichen? Ist es wichtig, solche Relativierungen vorzunehmen? Vielleicht zart, denn zunächst gilt es ja, in den Taditionen erst einmal Fuß zu fassen, groß und heimisch zu werden, bevor Aufklärung und Relativierung eintreten sollen und zu Argumenten für eigene Entscheidungen und Standortbestimmungen dienen können.

 

 

Mittwoch, 12. Januar 2011:

Die ersten Rückmeldungen aus den SELG kamen heute bei mir an. Wenn ich bedenke, dass dies die erste komplette Runde für alle zwölf Klassen ist, dann kann ich nur von einem Erfolg sprechen. "Toll!", "Ich hätte nicht gedacht, wie positiv diese Gespräche sind", "Meinen Schüler habe ich da ganz neu erlebt" und "Ich habe heute Dinge von der Familie erfahren, von denen ich nichts wusste, obwohl wir doch schon öfter miteinander gesprochen haben." Einige Aussagen von heute. Prima, ich bin sehr froh darüber. Dank allen, die dieses große Unternehmen gestemmt haben. Ich glaube, alle wissen, was dies für ein Aufwand bedeutet, aber wenn das Ergebnis stimmt, lohnt er sich. Mal sehen, wie sich unsere Schulwirklichkeit verändert. Merci!

Die Vertretung in einer Lernzeit wegen Krankenstand musste ich pünktlich schließen, denn um 15 Uhr hatte ich noch ein Schmankerl zu erledigen. Drei Schüler unserer Schule haben in der gemischten Schach-AG das so genannte Bauerndiplom sehr erfolgreich abgelegt. Einer der beiden erhielt gar die volle Punktzahl, dem anderen fehlten dazu nur drei Pünktchen. Dass dies mit einer Urkunde aus den Händen des Schulleiters gewürdigt werden sollte, war selbstverständlich. Ich kenne zwar die Möglichkeiten des Zuges bei einzelnen Schachfiguren, aber zu mehr hat es nicht gereicht. Strategisches Denken mit mehreren Zügen im Voraus gelingt mir beim Erstellen des Stundenplans, nicht aber auf dem Karofeld. Will mal sagen: bisher. Will mal sagen: bisher. Vielleicht eröffnen sich ja in meiner Biografie noch zeitliche Freiräume, spätes Gehirntraining sozusagen. Eine Faszination übt dieses Spiel schon seit den ersten Zügen meines Bruders in jungen Jahren. Heute auf alle Fälle: Glückwunsch euch Dreien!

 

 

Dienstag, 11. Januar 2011:

Im Haus ist es ruhig, Hof und Gebäude werden nur von den Grundschülern belebt, auf den Fluren warten einzelne Familien auf ihr SELG. "Wir sind schon ein bisschen aufgeregt, weil wir nicht wissen, was auf uns zukommt." Hoffentlich kommen die drei der Schulgemeinschaft nachher aus dem Klassenzimmer und sind erleichtert. Es geht bei den SELG ja gerade darum, ohne besonderen Anlass in Augenhöhe miteinander ins Gespräch zu kommen zum Wohle unserer Schülerinnen und Schüler.

Ich lasse es jetzt mal hier raus: Parallel zu diesen Notizen auf der Homepage habe ich die Einträge immer auch in ein Textdokument gespeichert. Sicher ist sicher. Mit etwa sechzig Fotos angereichert, ist ein Buch daraus geworden. "Schulleiters Tagebuch - Der Anfang in Wachenheim - 2008 - 2010". Heute war ich in "unserer" Druckerei, um einen eventuellen Druck zu besprechen. Ergebnis: Ich werde es der Schulgemeinschaft gegen einen Aufpreis von drei Euro für den Förderverein anbieten können. Mal sehen, ob das eine erfolgreiche Aktion wird.

Am Nachmittag trafen sich alle Kräfte, die im Ganztagesbereich arbeiten. Eine ganze Reihe von Kritikpunkten kam auf den Tisch. Neben organisatorischen Hürden wurde auch immer wieder das Verhalten von Schülerinnen und Schülern als Problem genannt. Auch hier müssen wir gegensteuern. Organisation ist leicht zu verbessern, einige Punkte haben wir gleich festgeklopft. Parallel dazu müssen wir deutlich und klar vermitteln: Die uns unterstützenden Menschen sind Lehrkräfte am Nachmittag, mit denen ich mir den gleichen respektvollen Umgang wünsche, wie wir es am Vormittag praktizieren. Das muss nochmal durch die Klassenräte und dies geht mit der Anmeldung zum zweiten Halbjahr auch schriftlich raus. Der Nachmittag nimmt für die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen guten Teil des Tages ein, er ist wichtiger Bestandteil der Schule und nicht ein Anhängsel, bei dem man schon mal respektlos und frech werden kann. Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Eltern, redet auch ihr darüber, macht euch klar, dass der Nachmittag keine Spielwiese für Verhaltensauffälligkeiten ist. Da es sich um Stunden des Schulbetriebes handelt, kann es auch von dort schriftliche Verweise nach der Schulordnung geben, das haben wir heute eindeutig geklärt. Es ist in meinen Augen kein gutes aber mögliches Mittel, Verhalten zu steuern versuchen. Gespräche und das Fassen an die eigene Nase sind sinnvoller. Also, lasst uns im zweiten Halbjahr einen Nachmittag gestalten, der sinnvoll ist und der Spaß bereitet. Für eine Reihe von Familien ist er die einzige Möglichkeit, ihren Alltag gestalten zu können. Auf alle Fälle geht nochmals ein herzliches Dankeschön an alle, die am Nachmittag unsere Schule weiterführen. Auch ohne euch wären wir nicht, was wir sind.

 

 

Montag, 10. Januar 2011:

Nun geht es also los im neuen Jahr. Schon mehrmals habe ich über erste Schultage geschrieben und ihre zeitliche Enge bei all den anstehenden Punkten. Wie soll ich all meine Kollegen mit besten Neujahrswünschen drücken, wenn alle in den Unterricht müssen? Also "drücke" ich mich in den Pausen und an zwei Standorten durch.

Ein erstes 2011-er Gespräch: Die beiden Standorte haben für zwei Jahre ein zusätzliches soziales Kompetenztrainng genehmigt bekommen. Am Nachmittag wird also für beide Schulen in Deidesheim ab Februar eine Doppelstunde trainiert. Tolle Sache, Dank den Genehmigern.

Ansonsten laufen die Vorbereitungen für die SELG: Können wir von den Klassenzimmern aus die Protokolle ausdrucken? Ist der Drucker netzwerkfähig? Wo bekommen wir noch einen Gesprächstisch her? usw. Möglichkeiten des Netzes: Wir Lehrkräfte laden uns von der Homepage ein Programm herunter, bekommen dort über den geschützten Bereich unsere Noten listen, tragen unsere Noten ein und laden alles nochmal hoch. Fertig! Welch eine Vereinfachung. Meine ersten Zeugnisse tippte ich mit einer mechanischen Schreibmaschine auf vorgefertigte Formulare, jedes einzeln und wegen meines Zwei-Finger-Suchsystems fast alle doppelt, weil ja Tippfehler nicht verbessert werden durften. Nachdem ich meine Noten eingegeben habe, ist das nächste, was ich dann sehe, das Zeugnis. Dank an unseren "Netzwerker"! Da eine Stufenleitung noch erkrankt ist, komme ich in den Genuss, noch einmal Zeugniskonferenzen leiten zu dürfen. Mal sehen, ob die 12-jährige Praxis "noch sitzt" oder ob die beiden Jahre als einfacher Teilnehmer ein Loch gerissen haben.

 

 

Mittwoch, 05. Januar 2011:

So was schreibt man nur während der Ferien, wenn die Feiertage und die Schule den Kopf freigeben, wenn Gedanken ohne Druck zu Formulierungen reifen können, wenngleich sie schon seit langer Zeit gedacht oder empfunden sind. Genau genommen ist im folgenden Satz der ganze heutige Eintrag enthalten: Ich verehre die kleine Form. Kammermusik oder gar Solostücke sind mir näher als opulente Orchesterwerke. Eine zweistimmige Invention von Bach auf dem Klavier geht tiefer in mich hinein als Beethovens Neunte. Nicht beim ersten Mal, aber dann stetig. Bei den kleinen Formen habe ich die Empfindung, sie auch ausloten zu können, Einzelheiten zu lieben und Feinheiten auskosten zu können. Vermutlich liegt hier der Grund, weshalb mein Wirken in einem Zupforchester nur eine kurze Episode geblieben ist. Die Vielstimmigkeit rauscht an mir vorüber, die einzelne Melodieführung geht mir abhanden  und so kehrte ich zum Solospiel mit der Gitarre zurück, bei dem ich deutlich und klar zu erspüren meine, was den Komponisten veranlasst hat, genau hier so oder so zu notieren. Der vollendeten Einstimmigkeit des gregorianischen Chorals gebe ich den Vorrang vor dem fulminanten "Messias" von Händel. Dies kann ich leicht auch in andere Kunstarten übertragen: eine kleine Radierung sagt mir mehr als die Deckengemälde der Sixtinischen Kapelle, die kleine Skulptur auf dem Schreibtisch ist mir näher als vielschichtige Brunnenskulpturen. Kleingeist für das Einfache oder muss alles Große auch im Kleinen vorhanden sein, vollkommener weil verdichtet? Und nun der Anlass für diesen Eintrag: auch eine kunstvoll formulierte Parabel lässt mich nicht so schnell los wie ein weit ausschweifender 800-Seiten-Roman, den ich, wie die Orchesterpartitur, in seiner Vielswchitigkeit kaum zu erfassen in der Lage bin. In meinem Büro hängt nun wieder die Parabel "Vor dem Gesetz" von Franz Kafka. "Ausgerechnet Kafka?" oder "Wie hältst du so etwas Tristes denn aus?", waren beispielsweise Reaktionen.

Der Inhalt des Textes ist schnell erzählt: Ein Mann vom Lande kommt vor das Gesetz und bittet um Einlass. Ein Türhüter verweigert den Eintritt, indem er die verschiedensten zu erwartenden Widrigkeiten schildert. Über Jahre hinweg bittet der Mann, ohne weiterzukommen, um Einlass. Auf die Frage, weshalb er denn über diese lange Zeit der einzige gewesen sei, der um Einlass gebeten habe, antwortet der Türhüter: "Diese Tür war nur für dich bestimmt. Ich schließe sie jetzt."

Parabeln meinen nicht, was sie sagen. In meinen Deutschkursen in Klasse 10 erarbeiteten wir verschiedene Interpretationsansätze. Man kann diesen Text biografisch interpretieren: Der Türhüter wäre der übermächtige Vater, unter dem Kafka gelitten hat und der Leben verhindert hat. Man kann psychologisch herangehen mit einer dominierenden Über-Ich-Haltung, gegen die ein schwaches Ich nicht ankommt. Man kann die Parabel ebenfalls existenzialistisch deuten, selbst Theologen und Rabbiner haben sich religiös daran versucht als Chiffre für ein Leben ohne Gott. Es hilft nichts, jeder Leser muss sich seinen Zugang verschaffen. Und, mir fast noch wichtiger, der Leser muss entscheiden, wie er sich von dem Text ansprechen lassen will. Kafka als Erzähler der Dunkelheit, des Absurden, einer nicht transparenten Abhängigheit von dunklen Mächten, hat selbst nie einen Weg ins Licht gefunden, aber er hat das Verharren und die Abhängigkeit vom Sinnlosen sprachlich gestaltet wie kaum ein anderer. Er ist nicht derjenige, der den Weg aus seinen Problemen schildert, aber er hat ewig gültige, sprachlic