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Juli bis Aug 10

 

Sonntag, 15. August 2010:

Okay, morgen ist es jetzt soweit, da wird ein ganz neues Kapitel in der Schulgeschichte aufgeschlagen: Wir sind dann wirklich eine Schule an zwei Standorten. Alles anders? Alles neu? Ich hoffe nicht, denn wir haben ja schon mit zwei Jahrgängen und zwei Teams einen ganzen Berg Arbeit geleistet, das soll, das muss bleiben und weiter in den Alltag hineinwachsen. Schließlich ist die Kaiserlinde auch am ersten Schultag vor zwei Jahren gepflanzt worden und wächst seither. Sie wurde schon beschnitten, damit sie nicht einzelne austreibende Ruten entwickelt, sondern eine schöne, volle Krone ausbaut. EIn Bild auch für die Schule?

Rückblickend empfinde ich die beiden Jahre als aufregend, spannend und prall gefüllt. Was ich in dieser Zeit gelernt habe auf dem Weg vom Stufenleiter zum Schulleiter war immens, vielfältig und in allen Facetten kaum zu beschreiben. Beruflich und persönlich eine Reifezeit, ich hoffe, beiden Entwicklungen nicht im Wege gestanden zu haben. Die Schule mit dem Standort Wachenheim ist im Bewusstsein der Menschen mit gutem Ruf angekommen, das Konzept ist modern, greift neue Entwicklungen auf und versucht (auch weiterhin) im Sinne der Schülerinnen und Schüler pädagogisch zu wirken.

An solchen Schnittstellen des Rückblicks empfinde ich auch Dank. Als ich die Zusage zur der Stelle, zunächst als Leiter der Planungsgruppe, dann die des Schulleiters, erhielt, bewegten mich Gedanken, ob ich dieser Aufgabe auch gewachsen sein würde, ob ich wirklich der Richtige für diese Stelle sei. Zunächst hielt ich es mal mit Papst Johannes XXIII. Laut einer Anekdote hat er sich dies nach der Wahl zum Papst auch gedacht und des nachts von einer Taube (!) geträumt, die ihm sagte: "Johannes, nimm dich nicht so wichtig!" Das habe ich versucht. Alles, was hier entstanden ist, konnte und durfte ich begleiten, aber es ist das Werk von vielen Händen, Herzen und Köpfen von Kolleginnen und Kollegen, die mich immer unterstützt haben, von Schülerinnen und Schülern, die kreativ waren und ihre Ideen engagiert entwickelt haben und nicht zuletzt die Elternschaft, die sich, für mich nach wie vor begeisternd, für diese Schule entschieden und ihren Aufbau mitentwickelt haben, in Gremien, inhaltlichen Gruppen, durch Engagement am Nachmittag oder bei den Frühaufsichten.Möge es auch ab morgen auch an zwei Standorten vergönnt sein, mit solchem Elan mit allen arbeiten zu können.

DANKE!

Und nun endlich: morgen gehts los in Deidesheim.

 

Freitag, 13. August 2010:

Ganz klar: Den Anfang einer Dienstbesprechung stelle ich mir anders vor. Da herrscht konzentrierte Gelassenheit. Nicht so heute. Ich hatte alle nach Deidesheim geladen, damit jeder die "neue" Schule kennen lernt und auch mal dort war. Es war dann richtig hektisch, weil das Gebäude noch übersät von Baustaub war, obwohl die Baureinigung statt gefunden haben sollte. Freitagvormittag, wer soll da zu bekommen sein, um bis Montag eine Schule zu reinigen? Anruf beim Kreis, die natürlich auf die Schnelle auch niemand zur Hand hatten. Weiterfragen. Was tun? Erst mal die Dienstbesprechung eröffnen, neue KollegInnen begrüßen, in die Beamtenschaft auf Probe ernennen, angestellte Kolleginnen ihren Vertrag unterzeichnen lassen. Während der Erläuterung des Stundenplans nochmal schnell raus, weiter telefonieren. Architekturbüro: Der Auftrag für die Reinigungsfirma lautete nur, die von der Baustelle betroffenen Flure und Zimmer zu reinigen. Aha, aber der Staub legt sich auch nebenan ab. Aber auch das war ja nicht zur Zufriedenheit geschehen. Mal sehen, wir treffen uns ja um 12 Uhr zur Aufzugsabnahme. Ein erstes Einsehen: Alle Flure, die schlecht waren, werden heute Nachmittag nochmal geputzt, mit den so genannten "Blockern", nicht nur mit Putzlappen. Okay, dann bleiben immer noch zwei Flure übrig. Kann die die Firma nicht gerade mitmachen? Ohne Auftrag geht da nichts! Dann meine einsame Entscheidung: Dann erteile ich den Auftrag, die Finanzierung nehme ich mal auf meine Kappe, Hauptsache die Schule ist am Montag sauber! Das Archiv muss leer geräumt werden. Der ehemalige Schulträger wollte, dass es ins Erdgeschoss kommt, das ist arbeitstechnisch aber unökonomisch. Am Montag kommt aber schon der Schreiner, was tun? Noch 'ne einsame Entscheidung auf meine Kappe: Alles erstmal zwischenlagern, eventuell in einem Teamraum im 2. OG. Am Montag sind über 300 Schüler hier, da dürfte das Umräumen doch kein Problem sein. Am Dienstag kommt der neue Schulträger, mit dem bespreche ich das dann. Wie geht das mit dem Kopierer? Was geschieht nun mit den Nawi-Räumen? Was ist mit den Möbeln im Flur, die Firma m uss doch noch mal reinigen? Was ist mit den beiden Pinwänden, die noch im Erdgeschoss stehen? Die beiden Regalschränke, kommen die nun hoch? Ist die Wand im Schulleitungszimmer in Ordnung so? Der Aufzugsbauer hat da noch eine Frage...Mann, ich dachte ich sei Pädagoge, nun kommt, ausgerechnet heute der "Bau-Organisator" hinzu. Eine ehemalige Kollegin kommt mir in den Sinn, die immer bei zusätzlichem Stress zu mir sagte: Dafür bekommst du ja auch mehr Geld. Wird wohl so sein.

Ich wollte diese Situation auf jeden Fall aus der Dienstbesprechung draußen lassen. Von ihr sollte Lust auf die neue Schule und Lust auf das neue Schuljahr ausgehen. Also stieg ich mit...Korczak ein:

"Meine langjährige Arbeit bestätigte immer offensichtlicher, dass die Kinder Achtung, Vertrauen und Zuneigung verdienen, dass es in einer heiteren Atmosphäre behutsamer Empfindungen, fröhlichen Lachens, lebendigen Bemühens und Sich-Wunderns, reiner ungetrübter, teurer Freuden angenehm ist, mit ihnen zusammen zu sein, und dass die Arbeit anregend, fruchtbar und schön ist."  (Das Recht des Kindes auf Achtung, S. 24)

Wäre das nicht ein Motto für das neue Schuljahr, eine Haltung, ein Wunsch, ein Ansporn? Ich erhielt in der Hektik bisher keine Rückmeldungen darüber. Mal sehen. Ich war so gespannt: Das aktuelle Kollegium, knapp dreißig Menschen, zum ersten Mal vor mir zu sehen. Wie fühlt sich das an, nachdem ich mit zehn begonnen hatte, letztes Jahr mit der Verdopplung, nun der dritte Jahrgang? Es war, wenn es mir gelang, die Baustellenhektik hintenan zu stellen, schön. Ich glaube, wir sind eine tolle Truppe, gewachsen, aber hoch motiviert. Ich kannte ja alle aus den Gesprächen und auch der Fortbildung im Juli, aber nicht zuletzt durch die kleinen Schultüten für die neuen KollegInnen (Merci), entstand eine wohlwollend neugieruge Atmosphäre. Ich jedenfalls bin guter Dinge und gehe davon aus, dass die ersten Tage noch mal hektisch werden, bis die neuen Laufwege, so heißt das glaube ich im Fußball, bekannt und eingespielt sind. Wie Besitz ergreifend diese Tag war, stellte ich am Abend noch mal fest: Mir gelang es kaum zu lesen. Immer wieder drängte sich ein Bild, ein Eindruck, eine Frage des Tages in meine Gedanken und verdrängte den Inhalt des eben Gelesenen.

Da waren wir zwar heute an der neuen Schule, aber immer noch zwei Tage bis Deidesheim...

 

Donnerstag, 12. August 2010:

Als hätte ich nicht das geschrieben, gestern, was da jetzt steht. Heute begeneten mir die Worte in Musik umgesetzt: Eine doch recht große Gruppe von Schülerinnen und Schülern probte an zwei Tagen (!) freiwillig (!) während der Ferien (!) miteinander, um die Lieder beim Schuljahresanfangsgottesdienst begleiten zu können. Flöten, Gitarren, Klarinette, Trommeln - einmalige, ewig klingende Töne, von Händen und Herzen erzeugt für die Ewigkeit. Ein Glück, das miterleben zu dürfen.

Und noch drei Tage bis Deidesheim...

 

Mittwoch, 11. August 2010:

Zweite Schulleitungsrunde, zum ersten Mal zu viert. Bis die zweite Stufenleitungsstelle besetzt ist, haben wir eine Kollegin beauftragt, in Deidesheim, also im Jahrgang Trixi Traube, deren Aufgaben zu übernehmen. Gut geschafft, kann ich nur sagen. Schade, es ist fraglich ob Hosni zur Begrüßung in Deidesheim kommen kann, wäre toll. Mal sehen. Der Stundenplan steht! Toll und Merci!

Während der Urlaubslektüre erinnerte ich mich seit langer Zeit an eine Begebenheit. Nein, vergessen habe ich sie nie, aber sie brauchte während der letzten Jahre immer mal wieder einen Anlass, sich in Erinnerung zurück zu rufen. Während meines Studiums wollte ich mein bis dahin hauptsächlich autodidaktisch angeeignetes Gitarrenspiel vervollkommnen. Durch Zufall lernte ich einen staatlich geprüften Gitarrenlehrer kennen, der mich in klassischer Gitarre unterrichten wollte. Also machte ich mich ans Notenlernen und spielte technische Studien vor und zurück, ich wollte ja bestimmte klassische Stücke spielen. Dieser Profiunterricht kostete für einen Studenten eine Stange Geld, das ich mir dadurch verdiente, dass ich selbst Anfängerunterricht erteilte. Ein Mädchen, sie hatte nicht den richtigen Spaß daran und kam eigentlich nur auf Druck ihrer Mutter, versuchte ich zu motivieren, indem ich ihr immer mal wieder von der Einmaligkeit eines bestimmten Tons erzählte: "Die Töne, die du nur mit deinem Finger an dieser Saite hervorbringst, sind einmalig. Der, den du jetzt gerade gespielt hast, ist in allen Zeiten nicht zu wiederholen, selbst wenn du ihn jetzt nochmals spielst, ist es schon ein anderer. Ein Keyboard-Ton ist wiederholbar, da arbeitet ein elektronisches Gerät und bringt exakt denselben Ton hervor. Nicht so du und deine Gitarre. Ihr seid einmalig." L., so nenne ich sie mal, schaute mich mit großen Augen an. Ihre Mutter sagte mir, sie käme gerne zu mir in die Stunde, es sei für sie ein fester und wichtiger Punkt während der Woche. Aber viel Lust zum Üben entwickelte sie nicht. Sie starb ganz plötzlich mit 12 Jahren. Eine Ader im Gehirn war geplatzt, jede Hilfe kam zu spät. Der Tod eines Kindes ist immer unverständlich, ein Skandal und schreit zum Himmel. Da können auch die Theologen und selbst Dichter nur stammeln und sollten doch besser schweigen. Schier unerträglich waren mir die Worte bei der Beerdigung von L. nach dem Motto: Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen. Damals dachte und spürte ich: Sie bleibt, ihre Töne sind einmalig, die vergehen nicht, vielleicht klingen sie noch in entfernten Sphären, auf jeden Fall sind sie unverwechselbar und nicht wiederholbar, sie bleiben die Töne, die L. hervorgebracht hat, in aller Ewigkeit werden sie dies bleiben - und es ist so schön, dass ich oft dabei neben ihr sitzen durfte.

"Das Kind und die Unermesslichkeit. Das Kind und die Ewigkeit. Das Kind - ein Stäubchen im unendlichen Raum. Das Kind - ein Moment in der Zeit." (Janusz Korczak, Wie man ein Kind lieben soll, S.5) Das ist die Stelle, als ich mich an L. erneut freudig erinnerte. Inzwischen sind meine Finger längst nicht mehr so fingerfertig wie damals, fast steif sind sie im Vergleich zu damals geworden, aber mit Kindern habe ich immer noch zu tun. Ich habe sogar meinen Beruf mit ihnen verknüpft. Ein Beruf, der mich deshalb auch so ausfüllt, weil es beglückend für mich ist, eine gewisse Zeit denselben Weg mit ihnen zu gehen, einen "Moment ihrer Zeit". Dabei messe ich mein Glück nicht daran, ob sie für immer wissen, was ein Possessivpronomen ist oder was die Zwei-Quellen-Theorie. Sie kommen irgendwo her, wir gehen ein Stück miteinander und dann trennen sich unsere Wege wieder. Aber dieser, gemessen an der Unermesslichkeit der Zeit kaum wahrnehmbare Abschnitt ist wiederum unermesslich wertvoll durch unsere Begegnung. Ab Montag werden sie wieder täglich vermehrt.

Und noch vier Tage bis Deidesheim...

 

Dienstag, 10. August 2010:

Bei Einweihungen von Neubauten bekommt der Bauherr oder Eigentümer oft symbolisch einen großen Schlüssel überreicht als Zeichen: Er ist jetzt hier zu Hause. Gut, dann fühle ich mich mal ab heute auch als Schulleiter der IGS in Deidesheim, denn wir trafen heute dort mit der Schulleitung, haben dies und jenes besprochen und: Ich habe einen Schlüssel bekommen, keinen symbolischen, einen echten.

Ansonsten trat Ernüchterung ein: Die Böden in den neuen Klassenzimmern sind gelegt, aber sie müssen noch verschweßt werden. Davon ist die Möblierung und der Einbau der Tafeln abhängig. Die Schulmöbel (Einzeltische!) sind alle da und irgendwo gestapelt, zum Beispiel in den beiden Schulleitungszimmern. Die Decken in den Fluren werden erst in den Herbstferien angebracht. So weit nicht gut, aber mit gutem Willen, Humor und Flexibilität handhabbar. Mehr Sorgen bereiten mir die Nawi-Räume und verbunden damir der vorläufige BK- und auch der DS-Raum. Dort ist noch "richtig Baustelle". In Nawi können wir uns manchmal mit der Realschule plus arrangieren, der Rest bleibt unseren kreativen Einfällen vorbehalten. Zurück in Wachenheim machten wir uns dran, den Stundenplan, wo es geht, diesen Gegebenheiten anzupassen. Immerhin, in diesem Raum in Wachenheim, eng war es zu dritt, haben wir uns ein Jahr lang wohl gefühlt zwischen den Farben und - ich gebe es zu - in dem Chaos, das drei Pädagogen auf engem Raum anzurichten in der Lage sind. Dennoch: Angesichts meines "neuen" Büros in Deidesheim erfasste mich Wehmut. Ich werde da wohl zunächst mal selbst zum Pinsel greifen und vielleicht auch an einen neuen Vorhang denken. Derjetzige ist, wohl um Schlimmeres zu vermeiden, von verschieden en Schülergenerationen auf unterschiedliche Längen schräg abgeschnitten, sein etwas tiefes Grau stammt mindestens aus dem letzten Jahrhundert. Die eingezogene Wand - es handelt sich ja um ein geteiltes Klassenzimmer - strahlt noch mit jungfräulichem Gipskarton ohne Gemütlichkeit in den Raum. Ein erstes Projekt für Kunst?

Genug gejammert. Ich hatte noch die Bauleiterin angerufen, die beiden  Architekten sind im wohlverdienten Urlaub. Sie sagte mir zu: Böden werden morgen verschweißt, am Donnerstag kommt die Baureinigung, dann werden die Möbel eingeräumt - die IGS kann am Montag starten, das ist das wichtigste!

Und noch fünf Tage bis Deidesheim...

 

Montag, 09. August 2010:

Viel gibt es aus der Schule nicht zu berichten, der übliche Ferienkram: Stundeplan, Termine, Organisatorisches. Ausreißer davon heute: Ein langes Gespräch mit der Landrätin als neue, alleinige Schulträgerin über die Zukunft unserer Schule, bzw. wie sich die neue Trägerschaft im Alltag auswirken wird. Zeit also, Korczak weiter zu verfolgen.

Vorweg eine weitere Stelle, welches den gestrigen Ansatz nochmals herrlich verdeutlicht: "Angeblich wird so die Hysterie kuriert: 'Sie meinen, sie seien ein Hahn. Bleiben Sie es nur, aber krähen Sie nicht.' - 'Du bist jähzornig', sage ich zu einem Jungen. 'Nun ja, dann schlag nur zu, aber nicht zu fest; brause nur auf, aber nur einmal am Tag.' Wenn ihr so wollt, habe ich in diesem einen Satz meine ganze Erziehungsmethode zusammen gefasst."(Wie man ein Kind lieben soll, S. 58) Das ist Achtung vor dem Kind, das ist es ernst nehmen. Gängig wären vermutlich Sätze wie: "Lass das sofort sein...", "Das darfst du nicht...", "Wenn du noch einmal...". Nicht so Korczak. Er nimmt das Kind zunächst wie es ist, mit großer Gelassenheit, großem Respekt und großem Ernst. Er lässt es aber nicht einfach weiter toben, sondern eröffnet gleichzeitig einen Weg, wie er sich bessern könnte: "...aber nur einmal am Tag." Un d mit dieser Eröffnung eines möglichen Weges verspüre ich schon beim Lesen Lust dazu, mich mit dem Kind zu verändern. Jeder Zwang oder Druck hätte das Gegenteil bewirkt. Aber diese Akzeptanz macht mich weich. Mir fällt die Szene aus dem Neuen Testament ein, als die Ehebrecherin gesteinigt werden soll. Nach der verblüffenden Reaktion Jesu an die geifernden Umstehenden "Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein." Und zu der Ehebrecherin: "Auch ich verurteile dich nicht. Gehe hin und sündige nicht mehr." Das gleiche Schema: Das Problem zunächst annhemen, es ist ja da. Aber nicht mit ihm verharren, sondern künftig es verändern, aber nicht mit Zwang und Druck, sondnern mit gelockertem Ernst. "Ein Erzieher, der nicht einpaukt, sondern etwas freilegt, der nicht ausquetscht, sondern formt, nicht diktiert, sondern lehrt, nicht fordert, sondern anfragt - der erlebt mit dem Kind zusammen manchen erschütternden Augenblick; und er wird mit Tränen in den Augen den Kampf zwischen Engel und Satan miterleben, bis der lichte Engel den Sieg davonträgt." (ebda. S.102)  Vermutlich meinte Hartmut von Hentig eben solche Zugehensweisen, wenn er, übrigens der erste Rezensent Korczaks, über ihn sagt: "Was seine Gedanken einander zuordnet, sind letztlich ein einziges Prinzip und eine einzige Tatsache: das Prinzip der Achtung vor den Kindern und die Tatsache seiner spontanen, uneingeschränkten, fast möchte man sagen, unpädagogischen Liebe zu ihnen." (Laudatio zur Verleihung des Friedenspreise 1972)

Und um dieses Prinzip in den beiden von ihm geleiteten Waisenhäusern konkret umzusetzen, rief er verschieden Institutionen ins Leben. Bei all den Institutionen ging es Korczak immer darum, demokratische Rechte und Pflichten des Kindes im Waisenhaus fest und verlässlich zu verankern. Um ein Waisenhaus in dieser Form, so habe ich es dieser Tage gelesen (habe die Fundstelle aber nicht mehr parat), benötige man Experten, die habe er gehabt: die Kinder. Das immer wieder genannte Forum der Partizipation ist das Kollegialgericht, zu dem aus den Reihen der Kinder Richter auf Zeit gewählt wurden und die einen ganzen Katalog von Paragraphen zur Verfügung hatten, zu richten. Immer ging es aber um den Grundsatz zu verzeihen. Jeder konnte das Gericht anrufen, auch wenn der Anlass ein sehr kleiner gewesen ist. Das Gericht tagte wöchentlich und hatte schon mal bis zu 150 Klagen zu behandeln. Obwohl es auch Schwächephasen in beiden Häusern gegeben hat, hielt diese Institution über viele Jahre hinweg und wird immer wieder als das Aushängeschild in der Pädagogik Korczaks gehandelt. Darüber hinaus gab es aber auch eine Vielzahl an weiteren Einrichtungen, auf dem Recht des Kindes auf Achtung und weitgehender Selbstbestimmung basierend: die Gerichtszeitung das Notariatsbuch, um das Recht auf Klage und Konfliktlösung einzulösen; das Recht auf freie Meinungsäußerung wurde in der Heimzeitung, in einer Anschlagstafel, im Briefkasten für vertrauliche Mitteilungen, im Dank- und Entschuldigungsbuch und Konferenzen sicher gestellt. Ein Parlament mit Abgeordneten, ein Selbstverwaltungsrat, Vollversammlungen setzten das Recht auf Selbstverwaltung um; ein Kaufladen, Freizeitklubs, ein Fundsachenschrank und anderes mehr ermöglichten die Selbstgestaltung. Ein letztes Instrument, auch das gehörte schließlich dazu, die Pflicht zur Arbeit für sich selbst und für die Gemeinschaft, für welche eine Vielzahl von Heimdiensten eingerichtet und mittels eines Verteilungssystems gerecht aufgeteilt wurden, was vom Reinigen, über Küchendienste bis hin zur Betreuung von Neulingen reichte - nie festgeschrieben sondern abwechselnd und oft auf freiwillige Meldung hin vergeben. Da sind eine ganze Reihe von Dingen enthalten, die nicht nur in einem Waisenhaus umsetzbar sind, sondern sich auch für eine Schule eignen. Wir haben uns ja entschieden, bei dem im kommenden Schuljahr startenden Projekt "Schulische Lern- und Lebenswelten" mit zu machen. Ich fühle mich wohl dabei, wenn das erste Modul das Thema hat: Vom Klassenrat über die Stufenversammlung zum Schulparlament...

Ein wenn nicht schwarzer Fleck, so doch ein Fragezeichen ist das Ende des Waisenhauses im Warschauer Getto und die scheinbar selbstverständliche Entscheidung Korczaks, nicht die mögliche Rettung wahrzunehmen, sondern mit seinen 200 Kindern die Güterwaggons zu besteigen, die, und das musste er wissen, in die Todesfabriken der Nationalsozialisten fuhren. Es ist sein Tagebuch aus der Zeit im Warschauer Getto überliefert. Vielleicht finde ich dort weitere Hinweise, um diesen Schritt besser zu verstehen, mich ihm gedanklich annähern zu können. Und sei es nur die Erkenntnis, dass man dazu geschaffen sein muss und nur wenige werden das Zeug zum Märtyrer haben. Egal, was ich lesen werde, die überlieferte Schilderung des Zuges der 200 Kinder, die Hand in Hand durch das Getto ziehen, voran Korczak und seine Haupterzieherin Stefania Wyczinska, die grüne Fahne von König Hänschen vorweg tragend...ein grauenhaftes Bild, das die Menschengemeinschaft nicht mehr los werden wird und ein ewig schmerzender Stachel...

 

Sonntag, 08. August 2010:

Gestern kam per Post noch eine Darstellung: "Was Kindern zusteht - Korczaks Pädagogik der Achtung" aus dem Jahr 2008. Das neueste Buch, das ich gefunden habe. Gleich vertiefte ich mich darin - die beiden Kinderbücher müssen jetzt warten. Dieses jüngste Buch von Friedhelm Beiner, der lange in der Lehrerbildung tätig war und als Experte des polnischen Pädagogen bekannt geworden ist, stellt, für mich, zum ersten Mal die Ansätze von Janusz Korczak systematisch dar. Von daher nicht viel Neues, aber die systematische An- und Einordnung hat mich fasziniert.

Warum lese ich das alles? Warum vertiefe ich mich darin so als würde ich noch studieren? Warum verschiedene Biografien und mehrere Darstellungen? Zum einen, weil mich diese Person seit über zwanzig Jahren begleitet und fasziniert, zum anderen, weil ich inzwischen selbst Vater bin und Pädagogik von daher auch privat zum Alltag geworden ist. Und zum dritten ist der Ansatz von Korczak so fundamental und erfrischend, dass ich möglichst viel darüber wissen will.

Für mich geht es letzten Endes um das, was ich aus der Theologie und Philosophie her kenne: Die Emanzipation des Menschen vom Objekt zum Subjekt (Ach, wie ich mich nach der Oberstufe sehne, in der ich mich mit Schülern über solche Themen diskutierend austauschte). Geistesgeschichtlich entwickelte sich der Mensch aus der Abhängigkeit von einem Gott, von einem Monarchen, von einem Herrn, von einer Regierung heraus. Er wollte nicht länger das passive und abhängige Objekt eines Handelnden sein. Der neuzeitliche Mensch begründet sich und seine Existenz aus sich heraus. Er ist in seinem Handeln autonom und damit ein für sein Tun verantwortliches Subjekt. Immanuel Kant vertrat zwar die Auffassung, dass jeder Mensch einen rechtmäßigen Anspruch auf Achtung habe, nimmt aber das Kind aus, denn es ist zunächst mal der Erziehung bedürftig. Noch 1983 liest sich in einer pädagogischen Enzyklopädie: Das Kind ist ein "unfertiges Wesen und wird erst durch die Erziehung zum Menschen." Nicht so bei Korczak: "Es gibt keine Kinder - es gibt nur Menschen" oder das Zitat, das ich schon im Eintrag vom 25. Juli notiert habe. Das Kind ist sogleich ein vollwertiger Mensch mit Gefühlen, Gedanken, Empfindungen und wenn er ganz Mensch ist, hat er eben auch einen Rechtsanspruch auf Achtung. 1919 forderte Korczak bereits die "Magna Charta Libertatis als Grundgesetz für Kinder." (Die Vereinten Nationen brauchten immerhin noch bis 1989 bis sie ihre UN - Kinderrechtskonvention formulierte). Das liest sich ja schlüssig. Interessant wird es, wenn man die Aufschlüsselung dieses Grundrechts ansieht. Als Theologe sei mir ein Zitat Korczaks erlaubt, das im Grunde schon alles beinhaltet: "Das Kind ist ein eigenständiges Stäubchen im All, das aber mit seinen Gedanken alles umfasst: ein vergängliches Stäubchen mit gleichzeitig fast unendlichen Möglichkeiten. Aus Staub ist es entstanden, aber Gott hat in ihm Wohnung genommen." Was bedarf es mehr, um dem Kind Achtung entgegen zu bringen?

Dennoch die von Korczak geforderten Grundrechte: "Vielleicht gibt es noch weitere, ich aber habe diese drei Grundrechte herausgefunden:

1. Das Recht des Kindes auf den Tod.

2. Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag.

3. Das Recht des Kindes, das zu sein, was es ist." (aus: Wie man ein Kind lieben soll, S.40)

Schluck, wie ist das erste zu verstehen? Es klingt schrecklich befremdlich. Und ich hatte auch Mühe, das zu akzeptieren. Dabei richtet sich das erste Grundrecht nur gegen ein Übermaß an Fürsorge, die eigene Erfahrungen unmöglich macht, die alles zu regeln versucht, die nur sichere Wege erlaubt, kein Geheimnis zulässt, das Kind eben nicht mit personaler Freiheit ausstattet. "Aber nein, ich möchte ein Übermaß an Aufsicht nicht gegen ihr völliges Fehlen austauschen [...] Aus Furcht, der Tod könnte uns das Kind entreißen, entziehen wir es dem Leben; um seinen Tod zu verhindern, lassen wir es nicht richtig leben." (ebda.S.44)

Mit dem zweiten Grundrecht wertet Korczak die Kindheit auf, die einen Wert in sich besitzt. Das Kind ist jetzt Mensch, lebt jetzt, in  diesem Augenblick. "Lasst uns Achtung haben vor der gegenwärtigen Stunde, dem heutigen Tag. Wie soll es morgen leben können, wenn wir ihm heute kein bewusstes, verantwortungsvolles Leben ermöglichen? [...] Lasst uns Achtung haben vor jedem einzelnen Augenblick, denn er verlöscht und wird sich nie mehr wiederholen, man muss ihn immer ernst nehmen; wird er verwundet, so blutet er, wird er getötet, so wird er mit dem Gespenst böser Erinnerungen schrecken [...] das Leben ist ein Reigen ersterbender und neu geborener Augenblicke [...] es gibt kein unreifes Heute, keine Hierarchie des Alters, keinerlei höheren oder niederen Rang des Schmerzes und der Freude, der Hoffnungen und Enttäuschungen." (Das Recht des Kindes auf Achtung, S. 33f)   Das Leben mit Kindern findet jetzt statt, jeden Tag, ist nicht auf eine fernliegende Zukunft hin ausgerichtet. Der jetzt gelebte Augenblick ist zentral. Ist es jetzt gerade wichtig und unumgänglich notwendig, das Kind aus seinem Spiel zu reißen, weil ich gerade wohin muss? Also testen: Was ist augenblicklich angesagt, auch schulisch: Vielleicht ist es eine Zeit lang wichtiger andere Prioritäten zu setzen als den höchsten Schulabschluss. Carpe diem - nutze den Tag oder das Lied: "Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde auf die es ankommt..."

Zum dritten nur ein Zitat: "Als Schuld wird einem Kind alles angerechnet, was unsere Ruhe, unseren Ehrgeiz und unsere Bequemlichkeit stört, was uns gefährlich wird und uns erzürnt, was unseren Gewohnheiten und Wünschen zuwiderläuft, was unsere Zeit und unsere Gedanken in Anspruch nimmt. Wir sehen in jeder Verfehlung, bösen Willen [...] Das Kind erregt unsere Aufmerksamkeit, wenn es stört und Verwirrung hervorruft; nur diese Momente bemerken wir und behalten sie im Gedächtnis. Wir sehen es nicht, wenn es ruhig, ernst und konzentriert ist. Wir missachten die heiligen Augenblicke seines Gesprächs mit sich selbst, der Welt und Gott." (ebda S. 35f)

Mit diesen Grundrechten ging ich durch die letzten Tage, vielleicht Wochen - und jeden Tag werden sie mir deutlicher und mit jedem Tag mit unserem Kleinen leuchten sie dutzende Male auf. Und ich bin mir sicher, dass sie mir, wenn die Schule erst mal wieder begonnen hat, noch zahlreicher begegnen werden. Welche konkreten Umsetzungen sich für Korczak und die Leitung seiner Waisenhäuser ergaben, möchte ich verschieben. Ich bin müde...und noch sieben Tage bis Deidesheim.

 

Samstag, 07. August 2010:

Den linken Fuß, wegen eines Wespenstichs schmerzhaft angeschwollen, in Eiswasser kühlend, konnte ich die zweite Korczak-Biografie lesen. Es ist die erste aus dem Jahre 1949 gewesen und fügte einige Facetten zu der anderen hinzu, die ich nach dem Urlaub las. Nun stehen zwei Kinderbücher Korczaks an - das Internet ermöglichte zwei Ausgaben aus den Siebzigern.

Heute bakam ich die Nachricht: Das fünfte IGS-Kind wurde gesund geboren. Okay, der Vater beginnt erst nächste Woche, aber der Vertrag ist schon lange unterschrieben und das Schuljahr beginnt ja mit dem 1.8. Also, meine Lieben, herzliche Glückwünsche und möge das Kind in einer friedlicheren Welt aufwachsen und gedeihen. Bei den Meldungen der letzten Tage muss man ja hinzufügen: ...und von Katastrophen verschont bleiben.

Und in acht Tagen geht's in Deidesheim los...

 

Donnerstag, 05. August 2010:

Heute erste Sitzung der Schulleitung im neuen Schuljahr. Die Planung zumindest des ersten Halbjahres konnten wir anfanghaft meistern, das zweite folgt dann nächste Woche. Der Stundenplan macht Fortschritte. Bisher brachten wir alles Vorgedachte unter: eine gemeinsame Freistunde beider Tutoren, um Klassenabsprachen treffen zu können, Fachkonferenzen in Jahrgang sieben, um den differenzierten Unterricht gemeinsam abstimmen und planen zu können, eine Freistunde bei Standortwechsel, Sporthallen- und Nawi-Raum-Belegung und so weiter. Das fügte sich alles und dennoch müssen wir künftig - das Kollegium und die zu lösenden Aufgaben werden wachsen - Absprachen treffen. Schon jetzt stießen wir an Hürden, Möglichkeiten sie zu nehmen können wir nur gemeinsam absprechen: Das beginnt zum Beispiel bei der Unterrichtsverteilung: Halten wir den Teamgedanken hoch und nehmen in Jahrgang 5 und 6 fachfremden Unterricht in Kauf oder stärken wir das Fachlehrerprinzip zum Preis des damit verbundenen häufigeren Standortwechsels? Was ist für die Kinder die sinnvollere Lösung, was können wir als Kollegium (noch) schultern, ohne dass sinkende Motivation den weiteren konzeptionellen Ausbau der Schule beeinträchtig? Solche Fragen gehen mir im Kopf herum, sie berühren die Schule als Ganzes mit weitreichenden Folgen.

Vor diesem Hintergrund, der wirklich Wichtiges beinhaltet, regen mich die Unzulänglichkeiten des Neubaus nicht mal oberflächlich auf. Fest steht nun, dass die Klassenräume der IGS fertig werden. Die morgen ankommenden Möbel müssen dazu zwischengelagert werden, zum Beispiel im künftigen Schulleitungszimmer. Will sagen: Die Schule wird beim Start am Montag erst mal weiter von Wachenheim aus geleitet. "Gut, dass wenigstens die Schule in dieser Frage sich kooperativ zeigt." Was soll's auch, zu ändern ist es eh nicht oder denkt jemand an ein Schulleitungszelt mit Internetanschluss im Schulhof? Und genau solche Erlebnisse haben ein spätes Verfallsdatum, sie werden präsent bleiben, wenn Unterrichtsinhalte schon längst in den Hintergrund getreten sind. So die Erfahrung an einer ehemaligen Schule, in der wir mangels gelieferter Möbel den Unterricht auf Biergarnituren beginnen mussten, ein Erlebnis, über das heute noch gesprochen wird, während sich über den Genitiv aus Deutsch oder die He-she-it-Regel mit diesem "s" aus Englisch ein Tuch des Schweigens gelegt hat. Ich gebe zu: hinterher, aber wir können da nicht drüber, wir können da nicht drunter, da müssen wir mitten durch, wie es in dem Spiel "Bärenjagd" heißt.

Außerdem sind es noch zehn Tage bis Deidesheim...

 

Dienstag, 03. August 2010:

Sitze ich doch da einfach im Büro in Wachenheim und will, auf nichts konkret wartend, meine Emails abrufen, ist doch eine aus dem Ministerium dabei. Eine Anfrage ist es. Im Jahre 2010 jährt sich am 3. Oktober zum zwanzigsten Mal die Vereinigung der beiden deutschen Staaten. (Nach wie vor vermeide ich das "Wieder" in dieser Vereinigung, denn diese Konstellation gab es auch vor dem Krieg nicht, daher ist es etwas Neues und nicht ein Wiederherstellen von etwas schon Dagewesenem). Die Ausrichtung dieses Gedenktages wird umlaufend in verschiedenen Bundesländern begangen, dieses Jahr in Bremen. Bei dem inzwischen etablierten Bürgerfest wird es dieses Jahr einen Zusatz geben: "Deutschland macht Schule". Aus jedem Bundesland wird ein Projekt vorgestellt, das sich mit diesem Thema befasst hat. Ob die IGS Deidesheim/Wachenheim mit der Vorstellung der beiden Thementage zum Mauerfall Rheinland-Pfalz vertreten könne. Zunächst die Bauchreaktion: Nein, das nicht auch noch. Dann der Kopf: Der Tag fällt dieses Jahr auf einen Sonntag, also fällt schon mal kein Unterricht aus, unsere Schule auf einer bundesweiten Veranstaltung als Vertreter des Landes...doch, ja, das machen wir. Auch wenn ich das Kollegium nicht fragen konnte, habe ich zugesagt, eine solche Gelegenheit will ich nicht verstreichen lassen, zumal ich denke, dass unsere Thementage, die Klassenfahrt nach Thüringen, die Partnerschaft mit der IGS Grete Unrein in Jena, die Ausstellung im Kreishaus schon vorzeigbar sind.

Die Schulbuchpakete für zwei Jahrgänge sind gepackt. Bei den durch das Widerspruchsverfahren nachgemeldeten Schülerinnen und Schüler gabs Probleme. Mail, Anruf...es war mein Fehler, er konnte aber schnell behoben werden und alles geht jetzt seinen Weg. Zwei besorgte Mütter riefen an, was jetzt mit den Büchern sei. Stichtag zur Anmeldung war der 15. März. Auf Nachfrage hörte ich: Nein, jetzt ist wirklich nichts mehr zu machen. Wir haben August! Lösungssuche in der Schule ist gefragt.

Tja, unser lieber Neubau in Deidesheim tritt auf der Stelle. Die Zwischenwand im künftigen Schulleitungszimmer steht, die Anschlüsse sind fertig, aber die Böden sind immer noch nicht drin! Am Freitag aber kommen die Möbel. Eine weitere Sache ist geplatzt: Die anvisierten (kostenlosen) Möbel aus einer Firmenauflösung gibt es nun auch nicht. Welch ein Glück, dass das Lehrerzimmer der Grundschule neu möbliert wird, da habe ich gleich drei große, ausrangierte Tische "beschlagnahmt" und vor der Kreissäge gerettet. Stühle bekommen wir sicher auch irgendwo her und Regale...notfalls selbst zimmern. Nun wird aber langsam eng. Immerhin, die Umzugskartons der Trixis stehen schon in Deidesheim, auch dort noch im Foyer, denn die Klassenräume...es sind immerhin noch 12 Tage bis Deidesheim.

 

Montag, 02. August 2010:

So, ab heute geht's wieder rund. Die Schulbücher werden mit einem Barcode versehen, registriert und in Schülerpakete bzw. -tüten gepackt. Draußen hebt der Bagger das Gelände für den neuen Schulgarten aus, die Grundreinigung der aller Räume ist angelaufen, das heißt, dass die Klassenzimmer leergeräumt sind, alle Möbel auf dem Flur stehen. Wir im Büro haben, nachdem ein letzter Vertretungsvertrag unter Dach und Fach ist, die Unterrichtsverteilung angepasst und erste Arbeiten für den Stundenplan erledigt. Der wird wohl so etwas wie eine Meisterprüfung, weil viele Faktoren zu berücksichtigen sind: vier Schulen sind davon betroffen, zwei IGS-Standorte, konzeptionelle Festlegungen (Doppelstunden, wo immer es geht, Kontinuität usw. Noch wissen wir nicht, ob alle unsere Wünsche zu erfüllen sind. Aber an welcher Stelle Abstriche machen? Dazwischen geschoben (und zusätzlich notwendig): Wie weit ist die Versicherung mit Leistungen wegen des Einbruchs. Reicht der Bildschirm mit der geringeren Auflösung nicht auch ? Nein, für die Kameras liegt noch kein Angebot vor. Post: Ist die Besetzung der zweiten Stufenleiterstelle dabei? Verträge oder Versetzungsverfügungen der neuen Kolleginnen und Kollegen?

Und noch 13 Tage bis Deidesheim...

 

Sonntag, 01. August 2010:

Formal beginnt heute das neue Schuljahr 2010/2011, ein geeigneter Zeitpunkt, auf das zu Ende gagangene zurück zu blicken. Insgesamt fällt die Bilanz in meinen Augen sehr positiv aus. Wir haben die Schule ein ganzes Stück weiter entwickelt. Der größte Brocken war sicherlich die Frage der Differenzierung. Für mich das wichtigste Thema, weil ich mit anderen und konfliktträchtigeren Erfahrungen beladen bin und mich immer wieder freue, wie das unsere Schule "gemeistert" hat. In Sachen Inklusion verfügen wir inzwischen über ein ganzes Jahr Erfahrung. Da läuft noch nicht alles rund, da müssen wir dran bleiben, zumal die Zuweisung von Fachkräften nicht so weiterwachsen wird. Die Pädagogische Schulentwicklung (PSE) ist weiter fortgeschritten, das Methodenkonzept für drei Jahre steht. Über die Unterrichtsentwicklung haben wir nachgedacht, ein Studientag hat dazu wichtige Diskussionen in Gang gebracht. Die SV-Arbeit hat Strukturen bekommen, unter anderem wurde die Idee "Schüler des Monats" umgesetzt. Weitere wichtige Konzeptmerkmale haben wir entwickelt, beschlossen und umgesetzt: der Projektunterricht steht auf gesunden Füßen, ein Fahrtenkonzept ist für die ersten Jahre beschlossen, die Thementage haben wir mit einer theoretischen Grundlage versehen. Das Projekt "Medienkompetenz macht Schule" ist von der Hardware eingeführt, die letztendliche Installierung aber hapert noch. An zwei Wettbewerbe haben wir erfolgreich teilgenommen und Schülerinnen und Schülern die Gelegenheit zu besonderen Erlebnissen ermöglicht.  Diese Bilanz, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, kann sich sehen lassen. Zumal darin nicht all die gelungenen Augenblicke, Gespräche, Begegnungen und erfolgreichen Stunden Erwähnung gefunden haben, die ein Schuljahr würzen.

Ab heute liegt die Trägerschaft der Schule allein beim Landkreis Bad Dürkheim. Das kann die Überleitung zum neuen Schuljahr einleiten. Die Aufgaben werden nicht weniger werden, der neue Standort Deidesheim kommt zu aller Konzeptarbeit hinzu mit all den vielen Einzelfragen, die es zu bewältigen gilt. Aber, solange die Ideen nicht ausgehen, sehe ich mit diesem engagierten Kollegium mit Freude auf die nächsten zwölf Monate. Wenn ich heute zurückblicke an den Anfang der Schule, standen zwei Jahre in Wachenheim an, die Erweiterung nach Deidesheim war Zukunftsmusik, jetzt steht sie vor der Tür. Wir werden uns wieder Schwerpunkte setzen müssen für das neue Schuljahr, aber immerhin sind wir jetzt drei Teams und können auch mehr Themen anpacken. Wohlgemut und mit Lust hat heute ein neuer Abschnitt begonnen.

Und noch 14 Tage bis Deidesheim...

 

Dienstag, 27. Juli 2010:

Unsere Schulbücher sind da, am Freitag werden sie in die Schule geliefert, ab Montag werden dann die einzelnen Schulbuchpakete gepackt. Immer noch staune ich über die Reibungslosigkeit dieses Projektes. Trotz einiger Nachfragen, da klemmte es mal da und dann wieder dort, ist da doch etwas zum Laufen gebracht worden, worüber ich in digitalen Zeiten immer noch staune. Lob ans Landesmedienzentrum!

Besuch bei der Schulaufsicht. Da während des Urlaubs ein Kandidat abgesagt hat, können wir nach wie vor 18 Stunden als Vertretung vergeben. Neue Namen suchen, Wohnort und Fächerkombination prüfen - mit einer langen Telefonliste fahre ich vom Parkplatz, nicht ohne einen Kaffee, nein, es waren zwei, getrunken zu haben, einen während eines guten Gesprächs über die Zukunft unserer Schule in der Kantine.

Noch was: Der Aufzug in Deidesheim ist fertig, nächste Woche soll ich zur Einweisung und Abnahme kommen und die Zwischenwand in den neuen Schulleitungszimmern wird jetzt doch finanziert. Das wird ein ganz neues Gefühl: Bisher wechselte ich das Büro jährlich, im neuen werde ich drei bis vier Jahre zu Hause sein . Das ist ja schon fast kein  Provisorium mehr...

Kurzbesuch beim Kreis. Die Übernahme der Schulträgerschaft ist in trockenen Tüchern. Da gilt es wieder, sich vorzustellen, neue Menschen kennen zu lernen, mit denen wir künftig zu tun haben werden. Bisher waren das vor allem die Lieben aus Wachenheim, mit denen eine gute, unbürokratische und wertschätzende Zusammenarbeit sich entwickelt hatte. Dafür von hier: Lob und ein herzliches DANKE!

Noch 20 Tage bis Deidesheim...

 

Montag, 26. Juli 2010:

So etwas, wie der erste Schultag? Jedenfalls sah ich heute beide Schulgebäude wieder, das in Wachenheim in Ruhe und Verlassenheit, das in Deidesheim als betriebssame Baustelle. Der Estrich will nicht recht trocknen. Noch immer liegt der Feuchtigkeitswert bei 0,9, ja was, Milliliter pro Quadratmeter? Jedenfalls muss er noch auf 0,5 sinken, bevor die Böden verlegt werden. Immerhin sind die Decken in den Klassenräumen drin und die Maler vergnügen sich bereits mit der Wandfarbe. Zumindest die IGS-Etage soll aber immer noch fertig werden...Da taucht plötzlich die Polizei auf. Auch in Deidesheim: eingeschlagene zwei Fensterscheiben, aber kein Einbruch., Später auf der Verbandsgemeinde erfahre ich, dass die hohe Scheibe erst kürzlich ersetzt wurde. So schön die Schulen im Grünen sind, ich genieße das ja besonders, seit ich das Burggymnasium "Auf der Verkehrsinsel" in Kaiserslautern besucht habe, aber während der Ferien sind das eben auch einsame Gebäude.

Und noch 21 Tage bis Deidesheim...

 

Sonntag, 25. Juli 2010:

Drei Nachträge noch zu Hentigs Buch. Zum einen fand ich darin seit langer Zeit mal wieder eine kluge Auseinandersetzung mit der Bibel, welche die Aufklärung nicht ungeschehen machen möchte und den Verstand nicht beleidigt. Zur Schöpfungsgeschichte etwa: "Diejenigen, die das erste Buch Mose aufgeschrieben haben, legen das 'was ist', für uns in ein 'wie es geworden ist." (S. 142) Und schon lösen sich alle angeblichen Konflikte zwischen Glaube und Naturwissenschaft. Nie wollten die Verfasser ein Berichtbuch schreiben, auch die des Neuen Testamentes nicht. Wann wird dies endlich Allgemeinwissen.

Zwei Namen fand ich überraschender Weise in dem Buch wieder, die ich eigens erwähnen will. Zunächst der Sänger Peter Rohland, der sehr früh verstorben ist und dessen Lieder, verschiedenen Jugendbewegungen entnommen, mich begleiten, seitdem ich zum ersten Mal von den Folk&Chanson-Festivals auf der Burg Waldeck gehört habe. Beneidenswert, dass Hentig ihm persönlich begegnet ist (vgl. S. 622) und Lieder von ihm gesungen hörte. Ich kenne sie nur von alten Platten. Vor drei Jahrzehnten habe ich sie zu Studentenzeiten an Lagerfeuern in Polen und Ungarn und danach bei vielen weinseligen Abenden gesungen: "Herr Glomme sang im Myhler Wald", "Seit still, ihr Dogis", "Das Klosterleben", "Ich schaukle meine Müdigkeit" und "Aus grenzenlosen Weiten steigt die Nacht". Eigenartig, wie sich manche Kreise schließen oder Dinge, Namen, Lieder einem wieder begegnen - eigenartig und schön.

Der andere, mir auch schon lange bekannt und seit langem von mir bewundert, Janusz Korczak. Durch den reichhaltigen Alltag seit einigen Jahren in den Hintergrund getreten. Nun stand er plötzlich wieder neu da. Im Urlaub las ich dann "Wie man ein Kind lieben soll" erneut, das wohl bekannteste Buch dieses singulären Arztes, Schriftstellers und Pädagogen, dieses Mal mit den Augen und dem Herzen eines Vaters. Und ich las es neu, mit anderem Gespür und mit noch mehr Bewunderung. Korczak gründete zwei Waisenhäuser, in denen er KIndern große Mitsprache und Verantwortung übertrug. Er verfügte über eine unerschütterliche Basis: Die Achtung des Kindes. Als das Warschauer Getto geräumt wurde, ging er, selbst Jude, mit den 200 Kindern seines Waisenhauses den Weg aus dem Getto ins KZ Treblinka. Er soll die Chance bekommen haben, am Bahnhof zurück zu bleiben, er habe aber gesagt, er könne doch die Kinder in dieser Situation nicht allein lassen. Lange vor der UN-Kinderrechtskonvention waren für ihn die Rechte des Kindes unbestritten. "Das Kind wird nicht erst zum Menschen, es ist immer schon einer. Ein schwächerer gewiss - und so ist es unsere pädagogische Aufgabe, es uns, auch uns als Erziehern, gewachsen zu machen." (S.658). Und wer hielt die Laudatio bei der (bisher einzigen) posthumen Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Korczak? Hartmut von Hentig. Beide Namen werden mich weiter begleiten.

 

Samstag, 24. Juli 2010:

Nach wie vor staune ich darüber, wie dieses Tagebuch angenommen und gelesen, bzw. angeklickt wird, selbst jetzt während der Ferien. Einen längeren Eintrag trage ich seit geraumer Zeit mit mir herum, die Ferien haben nun so manche Mußestunde übrig, heute also soll er geschrieben werden. "Mein Leben" von Hartmut von Hentig ist seit langem gelesen und die letzten 500 Seiten enthielten eine Reihe von Schilderungen, die ich, vermischt mit meinen Gedanken oder kommentiert, unserer Schulgemeinde hiermit zur Verfügung stellen will. Es kann natürlich nur meine Quintessens sein, die eine eigene Lektüre nicht überflüssig macht. Einen Schatten auf die Lektüre wirft für mich die Reaktion Hentigs auf die Missbrauchsnachrichten in der Odenwaldschule. Immerhin gehen sie auf die Zeit zurück, in der sein Lebenspartner dort Schulleiter war. Da hätte ich mir eine andere Reaktion von ihm gewünscht, als sie in der Presse zu lesen war. Sei's drum, sein Lebenswerk ist dennoch beeindruckend.

Beginnen möchte ich mit einem Bildungsbegriff, den ich zwar aus einem anderen Buch entnehme, der aber als Grundlage für alles weitere dienen kann. Hentigs Buch "Die Schule neu denken" erschien 2003 in einer Neuauflage, versehen mit einem neuen Vorwort zu den PISA-Studien. Es ist zunächst die klügste und am meisten hinterfragende Stellungnahme, die ich kenne. Darin definiert er einen drei Bestimmungen umfassenden Maßstab für Bildung: "Sie ist erstens das, was 'der sich bildende Mensch' aus sich zu machen sucht, ein Vorgang mehr als ein Besitz...Das ist die persönliche Bildung...Bildung ist zweitens das, was dem Menschen ermöglicht, in seiner geschichtlichen Welt...zu überleben: Das Wissen und die Fertigkeiten, die Einstellungen und Verhaltensweisen, die ihm ermöglichen, sich in der von seinesgleichen ausgefüllten Welt zu orientieren und in der arbeitsteiligen Gesellschaft zu überleben. Das ist die praktische Bildung....Bildung ist drittens das, was der Gemeinschaft erlaubt, gesittet und friedlich, in Freiheit und mit einem Anspruch auf Glück zu bestehen...Das ist die politische Bildung. (ebda. S. V26f). Jedem, der dies liest, wird sofort klar sein, dass dieser Bildungsbegriff nicht weltweit standardisiert und abfragbar ist. Drei isoliert gemessene Einzelkompetenzen können nichts über Bildung im obigen Sinne aussagen. Daher kann PISA nicht wiedergeben, was an vielen Schulen Gutes in Sachen Bildung geleistet wird.  Zu umfassend und differenziert wird er sich zudem in unterschiedlichen Ländern ausprägen. Allen mit den Ergebnissen von Schulleistungsuntersuchungen vorschnell argumentierenden Menschen seien diese 48 Seiten zur Lektüre empfohlen!

Diese Überlegungen voraussetzend, nun zurück also zur Autobiografie Hentigs. Der zweite Teil dieses Wälzers befasst sich in der Hauptsache mit den Vorbereitungen und der Gründung der Bielefelder Laborschule, einem wissenschaftlich begleiteten Versuch, die Schule der Zukunft zu entwickeln. Als ein Ergebnis der Bildungsdiskussion der Siebziger sollte ein völlig neues Konzept entwickelt werden, um zu belegen, dass das überkommene gegliederte Schulsystem nicht zukunftsfähig ist. Die Stimmungen, Verfahrensweisen und unendlichen (basisdemokratischen) Diskussionen sind mir aus Studienszeiten durchaus noch bekannt und ich bin froh, dass sie heute in ihren ewigen Auseinandersetzungen um Inhalte, Ideologien und Geschäftsordnungsfragen überwunden sind. Aber immerhin: Eine Gruppe von dreißig dazu befähigten Menschen wurden für drei Jahre (!) freigestellt, um das Schulkonzept zu entwickeln. Die dann gegründete Laborschule mit einem Oberstufenkolleg ist durchgängig eine integrierte Gesamtschule, die heute noch arbeitet und mit zwei deutschen Schulpreisen ausgezeichnet wurde.

Grundlage ist der Begriff der polis, dem aus dem Griechischen übernommenen Wort des Staates, des Gemeinwesens, der Lebensgemeinschaft, für die alle verantwortlich sind. Schule wird damit zum Lern- und Erfahrungsbereich, nicht zur pädagogischen Anstalt des Eintrichterns. Die für die Schule zuständige Wissenschaft ist die Pädagogik. Sie "...ist die Bezeichnung der Maßnahmen, die unselbstständigen Menschen helfen, selbstständig zu werden, wobei Selbstständigkeit nicht die absolute Unabhängigkeit bedeuten kann, sondern immer nur die in unserer Gesellschaft mögliche Autonomie." (S. 890). Um an dieses Ziel zu kommen, werden der Schule immens viele Aufgaben übertragen. Selbstständigkeit kann man vorleben aber nicht lehren, junge Menschen müssen sie zum Teil auf steinigem Weg erlernen und einüben. Dazu bedarf es durchaus der Kenntnis und Erkenntnisse vergangener Generationen und den daraus entwickelten Wissenschaften. Aber: "Es geht um den 'Vorgang' (process - heute erläutere ich: nicht um output und standards!), und es geht um 'Lernen' aller in der Kindheit (education - heute ergänze ich: nicht um Auslese und Spitzenforschung!)" (S. 604). Daher legte die Laborschule in Bielefeld auch so großen Wert darauf, Unterricht als "Lernvorgang" zu verstehen und "Gelegenheiten zum Lernen" zu schaffen (S. 796). Dies brachte verschiedene Konsequenzen mit sich. Einmal eine räumliche: Gelernt wird nicht in Klassenzimmern sondern in Großräumen, in denen die einzelnen Lerngelegenheiten ermöglicht werden. Verschiedene Ergebnisse des Lernens wurden/werden mit individuellen Rückmeldungen bewertet. "Dass wir mit den 'Berichten zum Lernvorgang' der schädlichen und verlogenen Benotung durch Ziffern ein Ende gemacht haben, zählt zu den wichtigsten Unterscheidungsmerkmalen der Laborschul-Pädagogik vom 'herkömmlichen System', das Lehrer, Schüler und Eltern auf falsche Vorstellungen von Bildung, Leistung und Gerechtigkeit festlegt. Aber selbst wer das wusste und wollte, hatte seine Not damit, die handliche Eins-bis-sechs-Messlatte durch eine wirklich fördernde Diagnose zu ersetzen" (S. 778). Mir wird immer heiß bei diesem Thema, denn kann man eine neue Schule aufbauen und die lange bekannte Unsinnigkeit der Notengebung fortschreiben? Im Moment rede ich mich auch vor mir selbst damit heraus, dass wir dieses Thema derzeit nicht auch noch schultern können. Aber wann, wenn nicht von Anfang an? Immerhin, auch das verwende ich gern als Ausrede, sind wir auf dem Weg zu regelmäßigen Schüler-Eltern-Lehrer-Gesprächen, die ja die zu jedem Zeugnis individuell formulierte verbale Beurteilung ersetzen soll. Eins ist sicher: Die Abschaffung oder der Aufschub von Noten würde einen Kampf auf mehreren Ebenen lostreten: neben Schülern, Eltern, Lehrern auch Richtung Schulaufsicht. Aber Mutlosigkeit als Ratgeber? Lieber zurück zu Hentig.

"Nur was ein Mensch weiß, und das heißt: sich angeeignet hat..., darf sich 'Wissen' nennen. Alles andere sind angehäufte Daten, die erst durch Anstrengung des denkenden Menschen tauglich gemacht werden." (S. 937). Also bedarf es Gelegenheiten, das Denken zu lernen, an Gegenständen, die ein Entdecken von Fragen, Problemen und Konzipieren von Lösungen ermöglichen. Wieder erweist sich: Die nach PISA entwickelten Standards wollen festlegen, wann ein Schüler welche Kompetenz haben soll. Nur wie er dort hinkommen soll, bleibt weiter offen und wir lassen weiter Fakten und Begriffe lernen, um sie danach wieder abzufragen. Auch ich habe doch wie oft die unbestimmten Artikel in den vier Fällen abgefragt. Haben es viele gewusst, war ich beruhigt, habe an der "Datensammlung" mitgewirkt, ohne zu fragen, ob damit auch das Ordnungssystem der Sprache und damit auch des Denkens in Gang gekommen ist. Lehrpläne und Curricula wiegen uns in Sicherheit: Meinen Stoff habe ich durch. Hat auch wer dabei was gelernt? Ein ständiges Suchen bleibt.  Aber immerhin: "Die Sehnsucht nach dem, was wir nicht sind und nicht können, ist auch ein Teil dessen, was wir sind und was wir können." (S. 884).

Eine Vielzahl von Stellen zeichnen nach der über 1000-seitigen Lektüre mein Exemplar von Hentigs Buch aus, zu viele, um hier entsprechend gewürdigt zu werden. Wenn sie wichtig genug waren, werden sie mich weiter begleiten, wenn nicht, werde ich vielleicht irgendwann nochmal darauf stoßen. abschließend sollen einige lose aufgeführte Zitate das Nachdenken nicht zur Ruhe kommen lassen:

"Wie wir es machen, immer ist es falsch; denn wir können das 'Leben' nicht erfassen." (S. 523)

"Den Erzieherberuf kann man nur mit einem gewissen Wahn aushalten. Aber man kann ihn nur ohne Wahn wirklich richtig machen. Darum gehört beides dazu: Dichtung und Wissenschaft - die Beschwörung des Vergänglichen und Jeweiligen, als sei es dauerhaft und allgemein, und die systematische Auflösung solcher Mythen." (S.552)

"Autorität hat der Lehrer, wenn er (1) sich nicht um Autorität sorgt, wenn er (2) seine Sache so gut versteht, dass er sich auch Fehler erlauben kann, wenn er (3)...für das bürgt, was er 'verkauft'/weitergibt." (S.609)

"An seinem (gemeint ist Donald Oliver) Curriculum habe ich gelernt, wie wichtig die 'Krise' (das Stolpern!) für das Aneignen eines Gedankens oder Faktums ist - das Gegenteil von reibungsloser Einnahme von Wissen in vorgedachten Lernschritten." (S.645)

"Das ist Gesamtunterricht...Man fragt, antwortet, findet etwas selbst heraus, lernt, ohne zu wissen, dass man lernt." (S.769)

"Immerhin ist Lernen eine Ausgleichsbewegung unter Ungleichen - In Amerika habe ich nebenbei den Satz gehört und mir zu eigen gemacht: 'Mixed systems are best'. Ich bin darum auch für die Mischung von 'Mischung mit Nichtmischung'". (S. 780)

"Die Mittagsmahlzeit ist in den meisten Ganztagsschulen (und Internaten) eine Abfütterung. Sie sollte ein geselliges Ereignis sein - jenseits ihrer biologischen Notwendigkeit." (S. 805)

"Je mehr wir wissen, umso mehr müssen wir denken." (S.1005)

Mit dem neuen Jahrgang wird das Kollegium der IGS Deidesheim/Wachenheim mehr als 30 Personen umfassen, die zwar keine drei Jahre freigestellt sind, um eine Schule zu entwickeln, die aber noch eine geraume Zeit mit dem Aufbau dieser Schule befasst sein werden und neue Wege überlegen und beschreiten können. Hartmut von Hentig hat mit seinen Gedanken, Ideen und Konzepten die Integrierte Gesamtschule mit auf den Weg gebracht, eine Reihe von Ansätzen sind auch schon umgesetzt. Verblüffend - und allen Menschen gesagt, die eher konservativen Entürfen anhängen - ist, dass er dies als Altphilologe aus seiner Kenntnis der griechischen Kultur ableitet. So gesehen entspricht die IGS guter abendländischer Tradition. Die weitere Beschäftigung mit der Pädagogik Hentigs (zwei weitere Bücher liegen schon auf meinem Tisch parat), die eventuelle Nutzung von eigens eingerichteten Hospitationstagen an der Laborschule in Bielefeld, Erfahrung der Praxis und eine grundlegende Offenheit werden unseren weiteren Weg spannend gestalten.

 

Freitag, 09. Juli 2010:

So, hier arbeitete ich noch nie: Ich sitze im PC-Raum der Schule und nutze dessen Technik, damit ich voran komme. Unten habe ich ja keine Möglichkeit zu arbeiten, also mit Tasten, Stick, digital und so - gearbeitet habe ich selbstredend den ganzen Morgen schon: Telefonate am Stück, Ablage, Unterrichtsverteilung, Angebote für die Versicherung einholen. Telefon interview mit der Zeitung wegen der Schulbuchausleihe - wohl fürs Sommerloch. Einmal, mir unverständlich, hatte ich unversehends den Schulleiter der IGS in Jena am Handy. Da habe ich irgendwann mal eine Nummer unter falschem Namen abgespeichert. Es gehe ihm gut, er sei gerade in Urlaub, reedgedecktes Haus, Meer und so...Also, prima. Natürlich gab es auch ernsthaftere Gespräche. Der Wechsel der Schulträgerschaft macht immer noch Mühe und wird bis zum Schulbeginn wohl formal auch nicht über die Bühne gehen. Wäre mir auch nicht so wichtig, wenn der ganze Bau, von der einen Schraube bis zur Ausstattung der Nawi-Räume, nicht dranhinge. Da müsste eigentlich schnell was vorangehen und wird wohl weiter stocken.

 

Donnerstag, 08. Juli 2010:

Heute Tathergang des Einbruchs mit der Versicherung besprechen, nochmals den vermuteten, recherchierten Weg abgehen und schildern. Soweit scheint alles im Lot, die Spuren sind ja auch überdeutlich zu sehen, da ist nichts fingiert. Davor war ich in Deidesheim, um Stunden- und Raumplan zu besprechen. Unser Stundenplan reicht also in vier (!) Schulen hinein, neben der RS+ hängen auch die beiden Grundschulen an beiden Standorten mit drin. Ob das wohl alles hinzukriegen ist, da wir doch die Fahrerei zwischen den Standorten so gering wie möglich halten wollen? Und die Baustelle. Der Estrich will einfach nicht trocknen. Belehrung: Das heiße Wetter nutzt diesem Prozess gerade nicht, da mit ihm auch eine hohe Luftfeuchtigkeit einhergeht. Keine Decken, die gibt‘s erst in den Herbstferien, Möbel kommen auch erst kurz vor Schulbeginn, alla hopp, dann! Das kann ja alles noch heiter werden. Hauptsache die Kids werden am ersten Tag einen Stuhl haben. Mit allen anderen Problemen kann man pädagogisch-kreativ umgehen.

Da höre ich doch was im Flur (Ich bin allein im Gebäude, es ist 15.30 Uhr). "Ich habe die neuen Scheiben für die Oberlichter dabei. Kann ich die jetzt einbauen?" Wie bitte? Jetzt noch? Ich will doch jetzt nach Hause! Morgen ab halb acht Uhr geht wieder.

 

Mittwoch, 07. Juli 2010:

Im improvisierten Büro geht‘s mit Privatgeräten langsam weiter, aber Normalität ist anders. Keine weiteren Hinweise von Tätern oder Geräten. Aber das dauert, wie ich von meiner alten Schule weiß. Bis damals alle Geräte ersetzt waren...das dauerte Wochen und Monate. Eine Laptop allerdings konnte anhand der Gerätenummer damals in Mannheim sichergestellt werden. Wir durften heute auch schon drei Geräte gleich bestellen, um hier weiter arbeiten zu können, aber wegen des Schulträgerwechsels gestaltet sich die Finanzierung schwierig.

Ach so, am Montagabend traf sich der SEB zu einer außerordentlichen Feriensitzung, um den ersten Schultag in Deidesheim zu organisieren. Wir haben ja unsere Siebtklass-Eltern eingeladen, um den weiteren Standort mit einer kleinen Feier mit den Schülerinnen und Schülern der Realschule Plus zu begehen. Das kann ganz schön werden. Verraten wird natürlich noch nichts.

Einen weiteren Vertretungsvertrag konnte ich heute unter Dach und Fach bringen. Einer steht nun noch aus, dann sind wir eigentlich gut bestückt und können (bis auf die drei vorgegebenen Prozent) alles abdecken und das mit Menschen, die die IGS wollen. Da kommt doch wieder Freude auf. Was brauchen wir Laptops, wenn wir ein gutes Kollegium haben!

 

Montag, 05. Juli 2010:

Einen ersten Ferientag stelle ich mich ein kleines bisschen anders vor. Als ich heute Morgen um 7.30 Uhr zur Schuler kam, sah ich von außen schon einen Tisch an unsere Tür gerückt, irgendetwas lag davor auf dem Boden, es sah unaufgeräumt im Flur aus. Beim Eintreten erkannte ich den Müll als Glasscherben. Huch, was ist denn hier passiert? Und dann erkannte ich die Bescherung: Es war am Wochenende eingebrochen worden. Bei allen Verwaltungszimmern war das Oberlicht eingeschlagen, von innen stand ein Stuhl an die Tür gerückt, ich kam nur schwer hinein. Alle digitalen Geräte waren weg! Auch die Schränke ausgeräumt, Beamer, Schulkameras, Flachbildschirme - alles weg. Später entdeckte ich, dass auch die beiden Medienwagen ausgeräumt wurden. Gemeinsam mit der Kripo Bad Dürkheim versuchten wir den Tathergang zu ermitteln und entdeckten immer neue Spuren: Zuerst ein weiteres Fenster im Technikraum, dann im Werkraum, dann Einbruchsspuren hier und da. Der Tresor im Sekretariat wurde aus der Wand gebrochen, geöffnet und geleert (Wer kann so was?). Und immer wieder Szenen wie im "Tatort": Spuren sichern: Fingerabdrücke mit diesem schwarzen Pulver und dem Puschel sichtbar machen, eventuelle DNA-Spuren für das Labor entnehmen, Fuß- bzw. Autospuren suchen - ein bisschen spannend war‘s dann doch. Wen muss ich jetzt anrufen? Kurz darauf schon ein Klirren: Der Schreiner brach die Scheibenreste aus den Rahmen und setzte provisorisch Holzbretter ein. So, und wie machen wir jetzt den Stundenplan ohne PCs? Da muss eine schnelle Lösung her. Auf geht‘s!

 

 

Freitag, 02. Juli 2010:

Die Sonne scheint an diesem Mo9rgen schräg auf den Kirchturm der St. Georgs-Kirche, Spatzen und Schwalben umkreisen ihn schon. Die Kirche ist noch verschlossen und ich sehe Wachenheim beim Aufstehen zu: hier eine Frau mit Brötchentüte vom Bäcker kommend, da offensichtlich ein Handwerkerauto, dessen Fahrer sich noch mit Getränke für den heißen Tag versorgt, weiter hinten hält ein hausbeschuhter Mann auf einem Roller an der Apotheke und entnimmt vermutlich die Tagesration  Medikamente aus einer Klappe, hier geht ein Rollladen hoch, dort wird eine Bettdecke aus dem Fenster gehängt, an dem alten Gemäuer lehnt meine Gitarre und ist immer wieder Blickfang für Passanten, hoch oben schaut die B