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Mai 2012


Donnerstag, 31. Mai 2012:

Sicherlich ein Höhepunkt im Schuljahr, vielleicht auch einer in der über 40-jährigen IGS-Geschichte in Rheinland-Pfalz: der IGS-Tag, „Aus der Praxis – für die Praxis“. Freilich, IGS-Tage gab es schon eine ganze Reihe, in Mutterstadt organisierte ich ihn Ende der 90-ger damals als Sprecher der GEW-Landesfachgruppe IGS, konnte als Gastredner Otto Herz gewinnen, einen weiteren erinnere ich in Wörrstadt (der für etwas verrückte Menschen, siehe Eintrag am 26.10 2011) . Im vergangenen Jahr war ich mit der differenzierten Leistungsmessung bei dem von der GGG veranstalteten in Sprendlingen. Neu am heutigen Tag war die Trägerschaft des Ministeriums. Ein fulminantes Programm war da geboten. Personell war das „hohe Haus“ durch die Ministerin, einen Staatssekretär, und mehrere Referent/-innen vertreten, die beiden Schulaufsichten aus Neustadt und Koblenz waren ebenfalls dabei. Das zeigt schon die andere Liga. Dazu gesellte sich die Mehrzahl der Gesamtschulen, entweder als Teilnehmer oder gar als Veranstalter eines Forums. Dennoch ging die IGS-Atmosphäre nicht unter: Bereits auf dem Parkplatz wurden wir von Schüler-Taxis empfangen, die den Weg zur Schule in Osthofen begleiteten. Ganz prima auch der Auftritt zweier Tanzeinlagen von Schüler/-innen, die viel Beifall ernteten und rhythmisches Klatschen hervorriefen. Herrlich und informativ der Vortrag einer Professorin, die schon in vielfältiger Weise wissenschaftlich tätig war und nun selbst Schulleiterin einer IGS ist. Einer ihrer wunderbaren Sätze lautete zum Thema differenzierte Leistungsmessungen: „Unterricht ist heute so vielfältig, da reicht der kleine Lehrerkalender der Sparkasse einfach nicht mehr aus.“ Jede Lehrkraft kennt dieses DIN A6-formatige Büchlein, das jedes Jahr in großer Zahl an die Schulen geschickt wird. Ein gelungener und kurzweiliger Vortrag, der richtig Lust auf den Tag und die Schulform machte.

Dann folgten die 16 Foren, welche die ganze Vielfalt integrierter Systeme aufzeigten. Von „Binnendifferenzierung“, über „Individuelles Lernen in Lernbüros“, „Ganztagsschule ohne Hausaufgaben“,"Wozu Wochenplan?“ bis „Gestaltung einer MSS an der IGS“ war im Grunde alles enthalten, was anregend und zur Entwicklung einer IGS notwendig scheint. Wir selbst fanden erst spät unser Thema, denn wir hätten eine ganze Reihe von Inhalten vorstellen können. Da aber für eine Schulart im Team-Kleingruppen-Modell dieses Thema von niemandem abgedeckt wurde, hörte ich dann auf der letzten Direktorenvereinigung die Frage: „Schorsch, könntet ihr was zur Teamfindung und -entwicklung machen? Ihr habt doch da ein vorbildliches Konzept!“ Hatten wir bisher nicht auf dem Bildschirm, aber mit vielen Fotos unserer Teamfortbildungen, Hintergrundinformationen aus Köln-Holweide und Stichworten zur Arbeit in und mit Teams war schnell eine Präsentation entstanden, die wir dann im „freien Wechselspiel“ vortrugen. Wenn es nach den Rückmeldungen geht, kann ich sagen: erfolgreich vortrugen. So ist das eben: Was uns durch Erfahrung und Tradierung gar nicht als eigenes Konzeptmerkmal auffällt (weil wir es einfach nicht anders kennen, in diesem IGS-Nest „aufgewachsen“ und flügge geworden sind), fehlt einer Reihe von neuen IGSn, die nicht über diese Wurzeln verfügen. Dabei erscheint mir das Thema "Teamfindung" als unverzichtbar. Ich kann mir eine Schule im TKM ohne den Aspekt: „Wie verstehen wir uns als Team? Wie wollen wir im Team arbeiten?“ gar nicht vorstellen. Und wieder freue ich mich über meine vielseitige und glücklich verlaufene Berufsbiografie. Ich kann ja nichts dafür, bin da so reingestolpert, bin zunächst mitgeschwommen, habe mich hie und da engagiert und nun kann ich sie fast täglich nutzen.

Erfüllt und durch viele weitere persönliche Begegnungen bereichert, standen wir dann bei Worms im Stau. Gegen 19:00 Uhr kam ich zu Hause an, erfüllt, bereichert, gestärkt und … auch müde.



Freitag, 25. Mai 2012:

Gestern saß ich den ganzen Tag in einer mit schwarzen Vorhängen verdunkelten Aula eines Speyrer Gymnasiums. Das Licht hielten sie ab, die Hitze nicht. Es fand das dritte und abschließende Modul der Fortbildung zu schulischen Krisensituationen statt. Viele Inhalte wiederholten sich inzwischen, aber der eigentlich störende Punkte war, das man uns fünf Vorträge (alle mit Powerpoint-Präsentationen) zumutete. Nochmal kompletter Sitzfleischtag, nochmal ganztägig passiver Input-Adressat. Nun gut, es ist ja vorüber.

An der Kasse eines Einzelhandelsgeschäftes grüßte mich lächelnd ein mir unbekanntes Ehepaar. Zunächst stutzte ich, dann klärte sich alles auf, denn der Vater sagte zu seinem Sohn: „Das ist dein neuer Schulleiter…der, der gestern so gut Gitarre spielte…“ Schön, oder?

Das Schulleitungsteam traf sich heute außer der Reihe erstmals an einem Vormittag. Wir wollten letzte Absprachen bezüglich der Konferenz am Mittag besprechen. Es schälte sich heraus, dass wir nicht einheitlich abstimmen würden. Wie würde das wirken, wenn die Schulleitung nicht mit einer Stimme sprechen wird? Wir vereinbarten, dass wir diesen Prozess wenigstens transparent und damit verstehbar machen wollten.

Es blieb gar nicht viel Zeit darüber nachzudenken. Weitere Gespräche drängten sich dazwischen und so musste ich in etwa 30 Minuten alle bei mir angekommenen Einzelheiten in einen umfangreichen Antrag formulieren. Ich wollte damit erreichen, dass nicht nochmals alles zerredet wurde. Immerhin war das Thema Differenzierung schon mehrmals durchgekaut und eigentlich alle Argumente ausgetauscht worden. Heute ging es darum, Entscheidungen zu treffen. Als ich dann den Antrag vor mir hatte, ging ich zuversichtlich in die Gesamtkonferenz, denn es war mir gelungen, einen roten Faden durch die eineinhalb Seiten zu weben, der sich auch durch die Konferenz ziehen konnte. Und wir haben es geschafft! Die einzelnen Punkte der von mir in einen Antrag „gegossenen“ Tischvorlage wurden kurz erläutert, von Fachschaften, von einzelnen Lehrkräften und auch von mir selbst. Am Ende wurde der Antrag mit zwei Ergänzungen angenommen – ein fünfjähriger Prozess (die Planungsgruppenzeit mit eingerechnet) kam zum Abschluss: Die IGS Deidesheim/Wachenheim verfügt nun über ein Differenzierungskonzept von Klasse 5 bis 10. Es gab immer wieder neidische Augenblicke, wenn ich bei IGSn, die mit uns gegründet wurden oder gar später gestarteten IGSn sah, dass sie in Fragen der Differenzierung bereits abschließende Lösungen gefunden hatten. Heute habe ich das Gefühl: Unser Weg war der bessere. Es waren ganz viele Menschen damit befasst, heute konnten Elternstimmen gehört werden, die sich auf Erfahrung berufen konnten, wir selbst haben Erfahrungen machen können und die Schülervertretung kam ebenfalls zu Wort. Das heute verabschiedete Konzept konnte sich in Ruhe entwickeln, wurde hin- und hergewendet und nun von einem größer gewordenen Kollegium verabschiedet. Ich denke, mit diesem Prozess, der durchaus auch meine Geduld strapazierte, steht das Konzept auf einem breiten Fundament, wurde nicht von wenigen erarbeitet und (vorschnell?) verabschiedet. Es ist damit im wörtlichen Sinn unser Konzept. Und: Es ist gut, weil es wie aus einem Guss erscheint und harmonisch aus unserem pädagogischen Konzept der Schule hervorgeht. Kurz erläutert, ruht es auf zwei Säulen: Differenzierung auf zwei Niveaus in allen Fächern und nicht in aussondernden Kursen, sondern klassenbezogene Arbeit in heterogenen Tischgruppen, in der Hälfte der unterrichteten Stunden in halber Klasse. Nicht aus pädagogischen Gründen sondern aus Sicherheits- und curricularen Aspekten gibt es eine Ausnahme: Physik und Chemie werden in unterschiedlichen Leistungsgruppen unterrichtet.

Diese Art der Differenzierung legt Schüler/-innen keine unnötigen Hürden vor die Übergänge in die Klassen 10 und 11, aber es wird auch keinem zu leicht gemacht. Den bereits mehrfach beschriebenen Vergleich mit dem Lackmus-Test kann dieses Konzept innerhalb der Gesamtschullandschaft leicht bestehen. Ihr Lieben, die ihr fünf Jahre Geduld hattet, einen solch langen Prozess gären zu lassen, bis er reif zur Entscheidung war, habt Dank! Ich bin glücklich mit und stolz auf euch alle! 


Mittwoch, 23. Mai 2012:

Unterrichtsfreier SELG-Tag, Gespräche in allen Klassenräumen, dazwischen Kolleg/-innen auf den Fluren, die zum Drucker eilten, um die Protokolle auszudrucken, nein, kein hektisches Treiben – eher ein durch das Gebäude wehendes, pädagogisch wertvolles Lüftchen. Sehr angenehm und mit ein wenig Stolz gewürzt. Was wird da hinter den Türen an erzieherischer Arbeit und Begleitung geleistet…

Im und ums Büro herum laufen die letzten Vorbereitungen für den Elternabend der neuen fünften Klassen. Zum ersten Mal kann ich die Atmosphäre schnuppern, die einen Jahrgang prägt. Und erneut die freudige Anspannung, wenn sich die über hundert Eltern von mir zum Singen animieren lassen. Und wie die das heute getan haben! Aufgewärmt mit den „Drei Chinesen“ saß der Kanon recht schnell und erklang zweistimmig wie immer. Aber wir hatten doch vereinbart, dass er ausklingt, wenn ich mit dem Gitarrenspiel aufhöre. Nichts da. Sie sangen einfach weiter. Dreimal hörte ich auf und musste erneut in die Saiten greifen. Schließlich zog ich mich, immer leiser werdend, hinter eine Stellwand zurück…und dann waren sie zufrieden. Herrlich! Und wie viel Spaß wir dabei hatten…einfach wunderbar. Ein sehr stimmungsvoller Anfang des Jahrgangs Wilma Worschtkordel. So, jetzt ist sie auf der Welt, pfalztypischer kann ja fast kein weiteres Logo werden. Auch ihre „Geburt“ wurde mit viel Lachen begleitet. Möge dieser Abend ein gutes Signal für die kommende Zusammenarbeit sein und seit jetzt herzlich willkommen bei uns.

 

Der Förderverein stellte sich neben dem SEB natürlich auch vor. Erste Beitritte sind zu verzeichnen und einige hochinteressante Unterstützungsangebote (etwa LKW-Verleih, Zelt- und Eventmanagement). Wir stellten auch das Projekt 1stClassRock vor (Das ich mal extra erläutere). Auch hierfür liegen bereits genügend unverbindliche Interessenten vor, so dass wir weiter in die Umsetzung gehen können. Welch ein Abend – mit der Worschtkordel zugebunden! Auf geht’s, mit Lust in den fünften Jahrgang!

 

Dienstag, 22. Mai 2012:

Im vergangenen Jahr als Referent, heute als schlichter Besucher im Theresianum in Mainz bei der iMedia. Wie immer bei diesen zentralen Veranstaltungen trägt die wichtige Erfahrung des Wiedersehens zum Wohlbefinden bei. An solchen Tagen wird mir bewusst, in welch einem verzweigten Netz(werk) ich da inzwischen zappele. Ösen darin sind Schulleiter/-innen (allein fünf von IGSn traf ich heute), AQS, ADD, GEW, GGG, dreimal wurde ich gegrüßt ohne zu wissen, von wem (Es stellte sich dann heraus, dass sie mich aus Fortbildungen kennen, bei denen ich als Referent tätig war. Schöne Kurzgespräche ergaben sich. Inhaltlich kümmerte ich mich um Moodle. Diese Lernplattform unterstütze ich seit der ersten Anfrage, habe Kolleg/-innen darauf angesprochen und Fortbildungen genehmigt, aber erst seit heute weiß ich genauer, welche Möglichkeiten Moodle der Schule demnächst (?) eröffnen werden. Das wird ein ganz neues Kapitel werden. Vielleicht, so träumte ich vor mich hin, wenn eine zu spezielle Frage beantwortet wurde, richte ich einmal auf derselben einen Kurs ein: Was muss ich als Lehrkraft einer IGS wissen und mitbringen? Interessenten könnten diesen Kurs dann „belegen“ und durcharbeiten…

Abends dann noch SEB-Sitzung (Dass das aber auch immer zusammenkommen muss). Überraschung: Noch immer standen Autos von Kolleg/-innen auf dem Parkplatz, denn die aktuelle SELG-Runde ist ja angelaufen. Ganz prima, wie das Kollegium diese Arbeit umsetzt, und wie wertschätzend die Bemerkungen auf Elternbeiratsseite, als wir feststellten, dass am Abend noch Gespräche in vollem Gang waren. Hauptthema bei unserer Sitzung war die anstehende Differenzierungsfrage. Es war von Anfang an klar, dass die beiden Jahrgänge das ihnen vorgestellte Modell weiterfahren können. Während des Rennens wechselt niemand die Pferde. Wenn es aber gewünscht würde, stünde ich einem Wechsel nicht im Wege. Dazu gab es in den betroffenen Klassen Umfragen und Elternabende. Es stellte sich kein eindeutiges Ergebnis heraus, so dass der SEB sich einstimmig für die Beibehaltung als Votum entschied. Erwähnenswert ist dabei aber für mich viel mehr die Art, wie wir eineinhalb Stunden darüber gesprochen haben, für mich ein Höhepunkt des gemeinsamen Ringens um pädagogische Ansätze. Ich habe gar keinen genauen Überblick über das Berufsleben der gewählten Elternvertreter/-innen. Umso größer ist daher meine Bewunderung, mit welcher Kenntnis, mit welchem Einfühlungsvermögen und welcher Wertschätzung heute Abend diskutiert wurde. Es ging ja immerhin um ein kompliziertes Thema mit organisatorischen und pädagogischen Tentakeln. Klasse und Danke!

Aber natürlich läuft nicht alles glänzend und so wurden mir auch einige Probleme mitgeteilt, die es nun zu bearbeiten gilt. Sie waren es letztendlich, die ein schnelles Einschlafen verhinderten, obwohl mich dieser reichhaltige Tag eigentlich ausreichend ermüdet hatte.

 

Montag, 21. Mai 2012:

Die vier freien Tage haben gut getan, Garten und Lektüre hielten sich in etwa die Waage (die Bohnen sind gesteckt und die ersten 8 der 20 Beiträge des Buches gelesen). Außerdem ist intensives Vater-Sein ein wichtiges Kennzeichen solcher Tage.

Dann geschah heute, was irgendwann kommen musste: Mitten im Assembly ging der Feueralarm los. Der jährlich einmal durch die Feuerwehr ausgelöste Probealarm war heute dran, ohne dass jemand davon etwas ahnte. Das Assembly, das den BK-Saal immer heftig anfüllt, hat auch diese „Feuerprobe“ gemeistert – in zweieinhalb Minuten war die Schule komplett geräumt, eine halbe Minute schneller als im letzten Jahr.

In der Schulleitungsrunde stand die Gesamtkonferenz am Freitag im Vordergrund. Ich hatte immer das Gefühl, in Frage der Differenzierung eine klare (und feste) Meinung zu haben. Nichts da, Grundsatz ja (In der Grundidee der Gesamtschule hat Differenzierung keinen Platz), aber in der konkreten Umsetzung als eine Regelschule unter anderen kommen doch immer wieder Aspekte zum Vorschein, die ich nicht abtun kann. Mal schauen, worauf wir uns am Freitag einigen werden. Erste Konturen für ein neues Team tun sich am Ende des Personaltunnels auf. Aber da ist erst der Anfang eines Knäuels sichtbar, das noch lange der Entwirrung harren wird. Klar ist inzwischen nur der „Frauenüberschuss“.

Über das lange Wochenende habe ich auch das neue Jahrgangslogo digital „aufbereitet“, am Mittwoch wird es das Licht der Öffentlichkeit erblicken…

 

Mittwoch, 16. Mai 2012:

Die ersten Rückmeldungen von den Klassenfahrten klingen positiv und kommen vereinzelt bei mir an. Leider kam mein Gruß auf der digitalen Tafel am Montag nicht mehr an, schade! Für alle, die ihn nachträglich lesen wollen, sei er hier dokumentiert:

"Liebe Trixis, liebe Korken,
ich wünsche euch auf euren Fahrten erlebnisreiche Tage und Stärkung eurer Klassengemeinschaft. Passt alle gut aufeinander auf und kommt mir gesund wieder zurück. Liebe Grüße, Georg Dumont"

War gut gemeint und wäre sicher auch schön gewesen, wenn die Worte vor dem Aufbruch bei den Reisewilligen angekommen wären.

Ansonsten habe ich mir ein weiteres Buch bestellt und heute abgeholt: Neurodidaktik: Grundlagen und Vorschläge für gehirngerechtes Lehren und Lernen, herausgegeben von Ulrich Herrmann; Weinheim 2009. Es handelt sich um einen Sammelband, der verschiedene Beiträge unterschiedlicher Wissenschaftler zusammenstellt. Die Neurowissenschaften wissen heute, unter welchen Bedingungen das Gehirn lernt, sie können anhand von Computern Hirnströme messen und sichtbar machen, können damit untersuchen, wann, wo und wie Gehirnströme fließen. Ich denke mir, dass man ja keine Schule neu aufbauen kann, ohne diese Erkenntnisse mit in unser Konzept mit einfließen zu lassen. Vermutlich werden einige Inhalte auch hier im Tagebuch landen, denn erstes Diagonallesen hat mich bereits fasziniert. Und doch wartet auch der Garten dringend auf mich und wird mit der Lektüre konkurrieren.


Montag, 14. Mai 2012:

Gestern fand der Kräutermarkt in Wachenheim statt, wieder war der Förderverein für die Schule vertreten. Das Wetter war mehr für den April typisch, aber wir hatten einen besseren Platz als die letzten Jahre und auch feine Kostbarkeiten anzubieten. Dennoch geht es ja bei dieser Aktion mehr um olympische Gedanken, nicht um Gewinn. Zum vierten Mal in Folge, da gilt es doch euch Dank zu sagen für den tollen Einsatz!

Die Jahrgänge 7 und 8 fuhren heute Morgen auf ihre Klassenfahrten. Mein Wunsch an euch alle: erlebt was, kommt als gestärkte Gemeinschaft zurück, vor allem aber gesund. Wenn so viele unterwegs sind…nein, ich schreibe nicht weiter.

Wunderbar: In eine meiner Musikstunden kam ich heute rein, da stand ein Junge an der Tafel, zwei Handbewegungen und schon erklangen „Die Kraniche“ im Klassenvortrag. Welche wunderbare Überraschung, Danke, das hat es bisher auch noch nicht gegeben.

Klassenfahrten vermindern auch Schulleitungsteams, daher tagten wir heute nur im Duo. Und als solches brachten wir eine Übersicht über die Abschlussbedingungen und Übergänge hin, die auch für „altgediente“ Gesamtschulmenschen durch die Übergreifende Schulordnung hie und da eine Veränderung erfuhren. Jetzt haben wir es durchgedacht und aufgestellt.

 

Donnerstag, 10. Mai 2012:

Zunächst einige Nachträge von gestern. Ich weilte, mehr durch Zufall durch die offen stehende Tür gestolpert als mit Absicht, im BK-Unterricht bei den Grumbeeren. Welch ein Eindruck! Die Aufgabe hatte darin bestanden, eine bestimmte Farbe vorzustellen. Alles andre war freigestellt. Und was macht die Gruppe, die die Farbe Blau gezogen hat? Sie textet ein Lied, „Blau ist dies und blau ist das, blau ist eher kalt, blau ist das Meer…“, oder so ähnlich und singt es der Klasse vor! Das ist derart erfreulich, dass ich wieder einmal nur staunen kann, was unsere „Kleinen“ hinbekommen, wenn man sie denn nur lässt. Danke euch Sängerinnen (es war kein Junge dabei).

Parallel im Haus weilte die Delegation einer Grundschule, die Schwerpunktschule werden will. Sie sahen sich um nach einer solchen und landete bei uns. Na denn, viel Spaß und Erkenntnisse bei uns hier.

„Bei uns flogen gestern den ganzen Tag die Kraniche durchs Haus!“ – sagte mir eine Mutter. Ich dachte schon…, aber nein, lieber Schulleiter, kein unflätiger Umgang mit gefalteten Kranichen, der Junge (!) sang wirklich das Lied zu Hause. Nochmal wunderbar!

Und ich habe bereits einen Termin im September 2013 mit den YA. Dieses Mal nicht an einem Wurstmarktwochenende!

„Sie wollen doch, dass wir Ihnen eine Oberstufe bauen. Also sollte der Bauausschuss mal bei Ihnen in Deidesheim tagen, damit die Mitglieder dann wissen, worüber sie entscheiden.“ So ähnlich klang das Telefonat vor zwei Wochen mit dem kommissarischen Landrat. Heute war es soweit. Ich stellte zunächst die Pläne vor, die bereits im zweiten Bauabschnitt mit konzipiert wurden und führte dann aus, weshalb eine Aufstockung auf das bisherige Gebäude für unser pädagogisches Konzept im TKM die schlechtere Lösung darstellen würde. Aber nichts ist entschieden, alles noch offen, neuer Schulträger – neue Pläne…dennoch plant der Kreis voraus, das kann nur gut sein. Wie zufällig hingen in dem Klassenraum, in dem wir tagten, auch die Ausarbeitungen aus dem Betriebspraktikum hinsichtlich des geplanten Atriums. Auch der entsprechende Schüler war vorbereitet im Jahrgang anwesend und konnte seine Ideen während eines Rundgangs mündlich vortragen. Geplanter Zufall, der zunächst durchaus Interesse weckte, zu den Kosten kamen wir gar nicht. Stichworte zur Verwirklichung waren: dritter Bauabschnitt und Eigeninitiative. Ein Teilerfolg, wenn auch weiter retardierend. Ebenfalls einen Schritt weiter brachte uns der „Pavillon aus dem Tal“. Über einige Umwege kam uns die Information zu, es gebe da einen privat, aber ohne Baugenehmigung erbauten Pavillon, der eben deswegen wieder abgerissen werden muss. Abriss ist Zerstörung, weshalb also nicht einer Schule Stiften. Kein Problem, wenn die Schule die Baugenehmigung für dieses überdachte mit 5 Meter Durchmesser recht große „Gebäude“ einholt. Mache ich doch glatt.

Eine weitere gute Nachricht kommt aus dem Projekt Schulbuchausleihe. Im letzten Jahr hatte ich mich selbst „durchgequält“ und Fehler gemacht. Dieses Projekt kann man nicht so nebenbei mitmachen, wenn das Telefon klingelt und es an der Tür klopft. In diesem Jahr habe ich diesen Bereich abgegeben und auch mit einer Entlastungsstunde bedacht. Mit Erfolg, die Eingaben im Portal sind fast komplett. Prima und Danke!

Noch eine gute Nachricht: Heute tat sich eine Möglichkeit auf, das angedachte Unternehmen „First Class Rock“ ohne Bank zu finanzieren. Wenn es denn einmal steht, werde ich es näher vorstellen. Für einen  Tag ganz schön viel Gutes, oder?

Und heute ging es gerade so weiter: Wieder einmal von außen wurde das Foto- und Film-Museum in Deidesheim auf uns aufmerksam gemacht bei der Suche nach einer Schule, die eine Entwicklung zum außerschulischen Lernort mitmachen würde. „Wenn das ein Schulleiter mitmacht, dann der Dumont an der IGS Deidesheim!“, so wurde der Hinweis auf mich zitiert. Wenn er stimmt, wie sollte ich da absagen. Ergo wurde ich heute zu ersten Überlegungen ins Museum in Deidesheim eingeladen. Da trafen sich also drei ältere Herrschaften, die noch analog zu fotografieren lernten, die sich noch auskannten mit dem Zusammenhang zwischen Blende, Verschlusszeit und Tiefenschärfe, mit goldenem Schnitt, Fixierbädern und Dunkelkammern. Das Museum bietet dazu eine sehr große Auswahl von historischen Geräten und Exponaten. In einem 90-minütigem Gespräch erörterten wir Möglichkeiten, wie diese Auswahl auch für Unterricht genutzt werden kann. Ideen entwickelten wir für Physik (Lichtbrechung, optische Fragen), Chemie (chemische Zusammensetzung des lichtempfindlichen Filmmaterials), Gesellschaftslehre (Von der Daguerreotypie bis zur digitalen Fotografie, Studium historischer Bilder als Zeitdokumente) und Bildende Kunst (Splitten des weißen Lichts in die Grundfarben und Mischen der Farben). Erste Ideen, die nun zusammen geschrieben und dann weiter entwickelt werden. Auch für den Ganztagesbereich fiel uns etwas ein  - kurz: Da kann etwas Interessantes entstehen, eine weitere Kooperation mit einem außerschulischen Partner vor der Haustür deutet sich da an.

Nun musste ich mich aber sputen. Der sechste Jahrgang besuchte heute innerhalb des Religions- und Ethikunterrichts den Jüdischen Friedhof in Wachenheim. Da der sonst begleitende Pfarrer terminliche Schwierigkeiten hatte, sollte ich die Einführung übernehmen. Wir hatten vereinbart, dass ich die Kinder bereits auf dem Friedhof erwarten sollte, den Schlüssel dazu hatte ich in der Tasche. Etwa fünfzehn Minuten hatte ich dann doch allein auf dem Friedhof, ich nutzte sie für einen mich selbst einstimmenden Rundgang, spürte, wie immer hier, die Ehrfurcht vor diesem Ort, wo ich als Christ unseren Wurzeln begegne, wo ich als Deutscher dem unsäglichen Teil unserer Geschichte begegne (eine ganze Reihe der Grabsteine tragen die Aufschrift eines Konzentrationslagers als Todesort), wo ich als Erzieher die besondere Pflicht verspüre, Zusammenhänge und eigenes Wissen weiterzugeben  – wo ich deshalb wie selbstverständlich und nicht nur als Ritual meinen Kopf mit einer Kippa bedecke. Ich hatte sie vor Jahren schon im Jüdischen Museum in Berlin erstanden, in einer dunkelroten Farbe und mit samtähnlicher Oberfläche. Bei den Besuchen der letzten Jahre stand immer auch das Kaddisch, das jüdische Totengebet, am Anfang. Ich hatte es vom Ortspfarrer als Kopie in der Tasche und übte das Hebräische, halblaut vor mich hinsagend. Und dann kamen die Klassen, der Geräuschpegel schwoll von weitem langsam an und wälzte sich immer deutlicher über die Friedhofsmauer. Vor dem Eingang zur Ruhe ermahnt, stellten sich die Kinder innen im Halbkreis um mich herum. Meine Worte kamen an, die Atmosphäre knisterte, der Anfang des Kaddisch auf Hebräisch tat das seinige dazu und die von einem Kollegen eingeleitete Gedenkminute verdichtete die Anwesenden 100 Menschen zu einer über diesen frühsommerlichen Morgen hinaus, weit in die Geschichte hineinreichenden Gemeinschaft. Ich dachte, den Rest zu kennen, war ich doch schon dreimal mit unseren Jahrgängen hier, kannte die Arbeitsaufträge und auch Teile der Arbeitsblätter erinnerte ich genau. Und dennoch empfand ich den heutigen Besuch intensiver. Vielleicht liegt eine Ursache darin, dass ich dieses Mal nicht (wie bei den bisherigen) „nur“ als Besucher kam, sondern eine quasi liturgische Rolle innehatte und daher auch selbst offener und gespannter gestimmt war. Vielleicht bewirkten dies auch drei Einzelheiten, die ich gleich notiere. Oder auch ihr Zusammentreffen. Zunächst kam ein Junge auf seinem Weg zwischen den Grabsteinen auf mich zu und sagte: „Herr Dumont, das ist eine ganz andere Atmosphäre hier als auf einem christlichen Friedhof!“ Er konnte es nicht näher beschreiben, aber er spürte es. Kurze Zeit und zwei Grabsteinreihen später, sah ich, dass ein Mädchen weinte. Wer denn diese schreckliche Idee hatte, hier hinzugehen, sie halte die Atmosphäre auf diesem Friedhof einfach nicht aus. Meine Zuwendung konnte ihr nicht helfen, ich sah aber, dass sie sich mit einem Kollegen lange in der ehemaligen Totenhalle, die heute aussieht wie eine romantisch verwunschene Hütte, unterhielt. Und dann war da noch der Junge, der dringend aufs Klo musste. Wie soll das nun gehen? Auf keinen Fall hier auf dem Friedhof, das war klar. Wieder ein Kollege verließ mit ihm das Gelände und ich verlor sie aus den Augen. Später erzählte er mir, dass ein Anwohner, der Jüdische Friedhof liegt heute ja mitten in einem Wohngebiet, wohl die Not des Jungen erkannte und sein Haus für ihn öffnete. Mit dem Kollegen ins Gespräch gekommen, erfuhr dieser, dass wieder Beerdigungen hier stattfinden. Da er direkt an der Friedhofsmauer wohne, könne er dies beobachten. Und er erzählte von einer Bad Dürkheimer Familie, die in der örtlichen Geschäftswelt bekannt sei. Die würden sich sicher freuen, wenn sie von einer Schule angesprochen würden und von ihrer Familie erzählen könnten. Na, das werden wir mit Sicherheit versuchen.

Tief berührt und verdeckt glücklich fuhr ich zurück zur Schule (Ich kam ja direkt aus Deidesheim). Einen guten Moment blieb ich noch draußen, um die Eindrücke wenigstens zu konservieren, bevor es weiterging in den Nachmittag hinein…

…und im Büro las ich dann noch eine wunderschöne Mail, von der Schulaufsicht kommend: „Wenn es DeiWa nicht gäbe, müsste man sie wohl genauso erfinden!“ – Worte, die die letzten beiden Tage sehr schön zusammenfassen und eine weitere Mut machende Wertschätzung, wenn mir mal die Tage wieder zu voll sind oder meine Erwartungen nicht erfüllt wurden.


 

Dienstag, 08.Mai 2012:

Jedes Mal, wenn ich dieses Datum höre oder schreibe, kommt mir das historische Ereignis parallel in den Sinn, der Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus. Mag es auch lange her sein, die Auswirkungen erstrecken sich immer noch in die Gegenwart.

Zunächst ein Adrenalinstoß: Beim Vergleich der aufgenommenen Schüler/-innen und der Klassenlisten stimmten die Zahlen nicht überein. Nun suche mal bei über hundert Namen den Fehler! Oder ist es am Ende gar keiner und wir haben einen Schüler zu viel aufgenommen! Was wäre dann zu tun? Wir können doch nicht einfach einen zusätzlich aufnehmen…wenn das die Runde machte – nicht auszudenken. Nach etwa einer halben Stunde Aufregung und dem anschließenden Vergleich der Listen per Hand war der Fehler gefunden. Eine nicht aufgenommene Schülerin war durch Verrutschen in der Zeile in der Klassenliste irrtümlich aufgetaucht. Also entspannen, alles im Lot, die Aufnahme stimmt, die Listen sind abgeglichen. Puh!

Nach der Musikstunde kann ich vermelden: Projekt Kranichmobile in allen vier Klassen abgeschlossen, sie fliegen wieder komplett im Keil an den Decken.

Am Nachmittag eine Gesamtkonferenz mit einer strammen Tagesordnung. Eine Reihe von Beschlüssen war vorbereitet und auch schon „vordiskutiert“. Ganz ohne Aussprache geht so etwas dann aber doch nicht über die Bühne. Einzelpunkte waren: Beschluss des veränderten Fahrtenkonzeptes, Auswertung der Umfragen zur Benotung des Projekunterrichtes und die Auflösung des integrierten Faches Naturwissenschaften in den Klassen 7 und 8 zugunsten der Einzelfächer Physik, Chemie und Biologie. Hintergrund dafür waren die Erfahrungen der letzten beiden Jahre. Kaum eine Schule in Rheinland-Pfalz hat diese Fächer in diesen Klassen integriert unterrichtet. Ergo gibt es auch keinen Verlag, der sich für ein passendes Lehrwerk interessiert – anders als durch die gesetzliche Regelung in 5 und 6, da lohnt die Arbeit der Verlage. Zum anderen gibt es inhaltliche Themen, die trennschärfer unterrichtet werden können, Sicherheitsaspekte in Chemie (Stichwort: Bunsenbrenner) spielten ebenso eine Rolle wie ein,  Bewusstsein der drei naturwissenschaftlichen Disziplinen Physik, Chemie und Biologie, auch im Hinblick auf die Abschlüsse und die Oberstufe. Ich konnte da natürlich kaum mitdiskutieren, war aber die beiden vergangenen Jahre stolz darauf, dass wir es als eine der wenigen Schulen wagten, auch hier integriert zu unterrichten. Nun machen wir es anders und ich bleibe stolz darauf, dass wir es versucht haben.

Neben einigen kleineren Punkten wie Aufsichten, Sicherheitsbeauftragter, Datenschutz und ähnliches, ließ ich mir per Beschluss das Okay dafür geben, die YA im September 2013 nochmal an die Schule zu holen. Dann liegen zwei Jahre zwischen den beiden Workshops und wir könnten es nochmal angehen. Schön war bei dieser Abstimmung die große Mehrheit ohne Gegenstimme.

 


Montag, 07. Mai 2012:

Ein irrer Gedanke am Morgen: Die junge IGS DeiWa streckt heute zweimal Fühler aus zu großen und bekannten IGSn, beide auch Träger des Deutschen Schulpreises. Wie gut wird uns diese Netzwerkarbeit tun, was können wir dadurch nicht alles lernen  und uns inspirieren lassen von der Offenen Schule Kassel-Waldau und von der Robert-Bosch-Gesamtschule in Hildesheim. Nach Kassel hatte ich schon durch die GEW vor Jahren Kontakt, dann aktuell durch den Besuch in Jena und erneuert, wie der zusätzliche nach Hildesheim, durch SchLuL in Ingelheim. Wenn dann mal Inspirationen bei uns angekommen sind, werde ich darauf eingehen. Ich scheue das Wort bei noch ungelegten Eiern. Wir strecken uns zur Decke!

Am Morgen war auch die Polizei wieder im Haus. Es ging um die Vorgeschichte der genähten Lippe vom Freitag. Allein die „Verhöre zum Tathergang“ ließen die Mitschüler/-innen aufhorchen. Das wollen wir erreichen. Die schulische Reaktion wird dann anders geerdet sein.

Ein Dämpfer in der Schulleitungsrunde am Nachmittag. Da kam einiges auf den Tisch, was nicht rund läuft, einiges auch, dessen Ursache beim Schulleiter selbst angedockt wird. Da ist Reflexion und Nacharbeit bei mir selbst erforderlich. Danach funktionierende Normalität: Wir haben die kommenden Fünfer nach festgelegten Kriterien in die neuen vier Klassen eingeteilt. Immer gegen Ende des Vorgangs gleicht das einem Puzzle, das nicht aufgehen will. Dennoch: die Klassen stehen.


Freitag, 04. Mai 2012:

Als erstes interessierte mich natürlich, wie die Eröffnung des Verfahrens zur Besetzung der Funktionsstelle in Neustadt gelaufen ist, die gestern stattfand. Es liegen fünf (!) Bewerbungen vor – das wird eine Menge Arbeit erfordern, wo doch gerade erst das Besetzungsverfahren der dritten Stufenleitung abgeschlossen ist, wenngleich die Entscheidung derzeit noch auf irgendeinem Schreibtisch liegt. Dass solche Schnittpunkte im Berufsleben kein Wunschkonzert darstellen, habe ich ja gestern an meinem Beispiel dargelegt. Dass Eignung, persönlicher und beruflicher Werdegang, Zeitpunkt und Ausschreibung punktgenau passen, ist selten. Da muss man schon auch Geduld haben und den richtigen Zeitpunkt abwarten können – ein gutes Gespür für solche Vorgänge ist sicherlich auch eine Kompetenz für Leitungsfunktionen. Also: Spannung allenthalben. Zum einen bedarf es bei dieser Zahl an Bewerber/-innen keiner Zweitausschreibung, zum anderen aber ist sicher, dass vier von ihnen die Stelle nicht erhalten werden.

Die Vogelhäuschen für den Kräutermarkt standen gut aufgeräumt im Maschinenraum, sie sind dann eben erst heute abgeholt worden, auch gut.

Lange waren wir damit beschäftigt, eine Körperverletzung aufzuklären. Mindestens drei Fünft- und ein Sechstklässler waren gestern auf dem Nachhauseweg darin verstrickt. Keiner wollte das, keiner hatte absichtlich den letzten Stein geworfen, keiner wollte wirklich treffen, aber das Ende war eine klaffende Wunde an der Lippe (sie musste genäht werden), ein kaputter Zahn und ein blutendes Schienbein. Egal, wie harmlos sich der Beginn (auch hier) gestaltete, das geht nicht und das dulden wir bei uns nicht. Um das zu verdeutlichen, jedem klarzumachen und nicht zu verharmlosen, schalten wir, wie auch bei jedem Fall von Cybermobbing, die Polizei ein. Natürlich wird keine der Anzeigen verfolgt werden, alle sind ja noch minderjährig, aber die Erfahrung, dass das von der Polizei verfolgte Vorkommnisse sind, ist uns wichtig – auch, um durch die außerschulische Erfahrung solches (unbedarftes?) Verhalten rechtzeitig zu stoppen, Verantwortung dafür übernehmen zu müssen und nicht „salonfähig“ zu machen.

Eine Anschaffung auf Dauer: Zunächst einmal zwei Ständer für Rollbanner, 2,15 Meter hoch, 60 Zentimeter breit, bereits aufgedruckt: die vier bisherigen Jahrgangslogos – zum Sonderpreis aus einer Elternfirma. Da freue ich mich auf Aufnahmefeier der neuen Fünfer. Vielleicht liegen wir mit diesen Logos ja richtig, denn immerhin hat selbst das Ministerium ein einheitliches Logo für die Gesamtschulen entwerfen lassen. Heute habe ich es als Mailanhang geschickt bekommen.


Nach kurzem Zögern gefällt es mir gut. Die IGS von einem Kreis umfangen, nichts liegt außerhalb, wie alle Kinder zum Kreis der Gesamtschulen gehören. Dennoch ist er luftig, durchlässig, offen und nicht abschottend. Alle Teile des Kreises profitieren voneinander, wo die Spitzen dünner werden, kommt das benachbarte Teil und gleicht aus. Alle sind individuell verschieden(farbig), aber keines ist ausgegrenzt, das Ziel von Inklusion scheint erreicht. Dennoch bleiben die Bestandteile eigenständig und selbstständig, bleiben als Teil des Ganzen individuell erhalten, keines geht in einem anderen auf, jedes Teil hat seinen wichtigen Platz und wird gebraucht. Jedes für sich genommen wäre lediglich eine schmale Sichel, erst zusammen im Team ergeben sie den Kreis. Die dünnen, wie Kinderseelen zerbrechlichen Bestandteile haben sich gemeinsam zum stabilen Kreis gefunden, zur vollkommensten zweidimensionalen Figur. Das Logo erinnert mich an die Verschlussblende von Fotoapparaten: beweglich, je nach individueller Einstellung, ist auf dem späteren Foto der Vordergrund scharf oder die Tiefenschärfe hoch. Gemeinsam mit der Verschlusszeit sind also ganz unterschiedliche Bilder möglich, es kommt auf die individuelle Einstellung an.

 

Donnerstag, 03. Mai 2012:

Im letzten Amtsblatt ist „meine“ Stelle ausgeschrieben – keine Angst, ich bleibe, wo ich bin, aber wer den Prolog kennt, weiß, dass ich die Stelle als Schulleiter an der neuen IGS Deidesheim/Wachenheim zunächst nicht angestrebt habe. Nach der Tätigkeit als Stufenleiter, der immer öfter auch in didaktischen und konzeptionellen Fragen unterwegs war, sollte der nächste, inhaltlich logische Schritt der des Didaktischen Koordinators sein – eine Arbeit, die mir wie auf den Leib geschrieben schien. Der Didaktischer Leiter ist das Herz einer Schule, dort pulsiert alles, was mit Konzept und Pädagogik zu tun hat, der nach innen wirkende Motor, der den Karren zum Stoppen bringt, wenn er nicht gut läuft. Der von mir gewünschte Weg: Leitung der Planungsgruppe, dann als Didaktischer Leiter fungieren, Beispiele für diesen Weg gab es durchaus, war verstellt, weil die Schulaufsicht 2007 selbst die Leitung der fünf neu zu gründenden IGS-Planungsgruppen übernahm und dafür einen neuen Referenten eingestellt hatte. Auch diese interessante Arbeit war mir wiederum wegen der Funktionsstelle, die ich in Mutterstadt innehatte, nicht möglich – ich hatte mit dem Gedanken durchaus gespielt Die mich erschütternde Aussage dann bei der Gründung unserer Planungsgruppe lautete: „Bis diese Stelle der didaktischen Leitung ausgeschrieben wird, ist die Schule längst angelaufen, wesentliche konzeptionelle Weichen bereits gestellt Der schnellste Weg der Mitarbeit in der Planungsgruppe eröffnet sich Ihnen, wenn Sie sich als Schulleiter bewerben!“ Der Rest ist ja beschrieben. Wie weise der Satz war, erweist sich heute, wo nach knapp vier Jahren eben jene Stelle an unserer Schule ausgeschrieben ist und wir, wie wahr, auf vielgestaltigen Schienen bereits in voller Fahrt dahinbrausen. In den letzten Jahren habe ich (weil die Stelle bei uns noch nicht geschaffen war) die didaktische Koordination mit übernommen, zunächst als alleinige Schulleitung, später dann aufgeteilt mit den Stufenleitungen. In die damals für mich fremde Rolle als Schulleiter bin ich inzwischen stärker hineingewachsen, habe sie in mir drin angenommen, immens viel dabei gelernt und mich in ganz vielen Bereichen weiterentwickelt. Sicher wäre ich ein guter Didaktischer Koordinator geworden, ob ich auch ein guter Schulleiter geworden bin oder werde, müssen andere entscheiden. Was ich wahrnehme, ist ein gefestigter Platz etwa in der Direktorenvereinigung und auch bei Dienstbesprechungen finde ich Gehör, Wertschätzung und Zustimmung. Von daher habe ich längst meinen Frieden mit dem damals eingeschlagenen Weg gefunden. Es war der interessantere, der reichhaltigere und auch der befriedigendere.

Zu der Erwähnung von Diemerstein – das ist ja zunächst nur ein Ort mit einem vielgenutzten Tagungshaus, für frühe IGS-ler aber ein eigener Markenbegriff – gehört auch einmal die Überlegung, wie viel von dort in DeiWa angekommen ist. Natürlich lässt sich das kaum evaluieren, aber indirekt, über das Suchen und Finden meines eigenen Weges, wird es eine Menge sein. Selbst ich als regelmäßiger Tagungshaus, für frühe IGS-ler aber ein eigener Markenbegriff – gehört auch einmal die Überlegung, wie viel von dort in DeiWa angekommen ist. Natürlich lässt sich das kaum evaluieren, aber indirekt, über das Suchen und Finden meines eigenen Weges, wird es eine Menge sein. Selbst ich als regelmäßiger Teilnehmer kann nicht sagen, wie viel „Diemerstein“ in unserer Schule steckt. Als ein musikalisches Beispiel sei wenigstens das Lied „Die Kraniche fliegen im Keil“ genannt, das ich an den Wochenenden dort kennen und singen gelernt habe - eine weitere meiner zahlreichen Singgruppen, dieses Mal gewerkschaftlich orientiert oder friedensbewegt. Auch die Abende in Diemerstein waren ohne Gitarre nicht vorstellbar.

Was macht der Alltag eigentlich? Gespräche, Gespräche, Gespräche, Treffen an beiden Standorten. Neue Referendarinnen sind mündlich angekündigt, ein neuer Ausbildungsleiter gefunden. In der nächsten Konferenz kann ich den lange gesuchten Sicherheitsbeauftragten bestimmen. Anfrage aus dem Ministerium, das eine Schule für das diesjährige „Jugendforum für Vielfalt, Toleranz und Demokratie“ sucht. Hochinteressant. Klärungsbedarf mit der Schulaufsicht in einer Vertragsfrage, Überlegungen hier und da, selbst gestaltete Vogelhäuschen für den Kräutermarkt suchen – die einzige Negativanzeige, ich habe sie nämlich nicht gefunden. Und das Jahrgangslogo für die neuen Fünfer wurde in der Jury mit Schülervertretern diskutiert…nein, noch kein Ergebnis, aber so früh hätte ich das an dieser Stelle eh nicht bekannt gegeben. Erfolgreich auch: Wir erhalten einen Zuschuss des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle, den ein cleverer, unerschrockener Kollege an Land gezogen hat. Auch was sich dahinter versteckt, halte ich noch zurück, noch ist ja kein Cent auf dem Konto.

Noch ein Erfolg: Mit Unterstützung der Schule konnten wir die, zunächst abschlägig beschiedene, Genehmigung für das diesjährige Zirkusprojekt während der Sommerferien in Deidesheim erwirken. Der Jugendtreff wird dreißig Jahre, Festbankett im Zelt, eventuell mit Live-Musik der Schulband, wieder die Möglichkeit für etwa 15 SchülerInnen, in der Gastronomie praktische Erfahrungen zu sammeln und beim Festbankett „aufzutischen“. Was läuft hier nicht alles! Ansporn, wohin ich blicke, Freude und Spaß, wohin ich fühle.

 

Dienstag, 01.Mai 2012:

Also, heute der Versuch einer Geschichte der Integrierten Gesamtschule in Rheinland-Pfalz in einem Überblick. Sie beginnt dort, wo das Fußball-Leben gerade einen heftigen Schlag erhielt: in Kaiserslautern. 1969 stellten die Stadt, die Universität, das Ministerium und die Pfaff-Stiftung den Antrag, eine Modellschule errichten zu dürfen. Die Bildungsdiskussion war mitten im Gange: Bildung und höhere Schulabschlüsse sollten auch im ländlichen Raum und im Umfeld der Arbeiter ermöglicht werden, denn der ungerechte Zugang zu Bildung, zu höheren Abschlüssen und damit auch ein Nicht-Ausnutzen von Ressourcen wurde damals schon dem deutschen, gegliederten Schulwesen attestiert und hatte eine zum Teil ideologisch geprägte Diskussion entfacht. Die neue (?) Schulform sollte als demokratische Schule, alle Begabungen integrierend, eine Schule für alle Kinder sein. Der Antrag wurde bewilligt, so dass 1973 in Kaiserslautern die erste, wissenschaftlich begleitete  Integrierte Gesamtschule des Landes an den Start ging. Sie wurde mit sechs Parallelklassen eingerichtet als verpflichtende Ganztagsschule mit der Besonderheit, dass eine Anmeldung in die fünfte und in die elfte Klasse möglich war. Meines Wissens blieb dies eine singuläre Möglichkeit, alle anderen 53 IGSn im Lande bauten sich ab Klasse 5 auf.

Auf ganz anderen Voraussetzungen beruhte die Gründung der zweiten IGS im Lande. Die besondere Lage in Kastellaun erforderte vor allem für die hauptschulempfohlenen Kinder eine bessere Lösung. Wie keine andere IGS in Rheinland-Pfalz wurde sie zwar als solche errichtet, war aber gleichzeitig Pflichtschule für alle Kinder, die von ihrer Grundschule eine Empfehlung für die Hauptschule erhielten. Dies prägte die IGS im Hunsrück, die aus diesem Grund in manchen Jahren sieben- und achtzügig war, je nach Schülerzahl. Auch der Weg zum Abitur gestaltete sich daher anfangs schwierig.

Inzwischen wurden die großen Gesamtschulen in anderen Bundesländern als „Lernfabriken“ kritisiert, manchmal (etwa in Köln-Holweide) wuchsen Kolosse mit bis zu zwölf Zügen heran. Darauf war natürlich pädagogisch und organisatorisch zu reagieren und die beiden Gesamtschulen Köln-Holweide und Göttingen-Geismar entwickelten das so genannte Team-Kleingruppen-Modell (TKM). Es unterteilt die riesige Menge von Schülern in kleinere Einheiten, die quasi als Schule in der Schule fungieren und stabile Beziehungen ermöglichen. Kleinstes Team ist die heterogene Tischgruppe, dann erst die Klasse. Mehrere Klassen bilden das Jahrgangs-Team, das von einem (festen) Lehrkräfte-Team unterrichtet wird, welches, zumindest in den Anfängen, den gesamten Unterricht im Jahrgang abdeckte und organisierte. Das schafft wenige, aber oft präsente Bezugspersonen. Die Ganztagsschule, eine aktive Elternmitarbeit und auch eine schulpsychologische Beratung an der Schule ermöglichten besondere Grundlagen und Hilfestellungen für Erziehung und Unterricht. Und jetzt kommt „meine“ IGS Ernst Bloch: Sie wurde genau mit diesen Hintergründen geplant. Sie startete 1980 als Modell einer sechszügigen Ganztagsschule als erste rheinland-pfälzische IGS im TKM. Das schreibt sich locker und leicht, da gehört aber viel dazu. Zunächst wurde baulich mit den einzelnen Jahrgangsbereichen die Pädagogik auch in der Architektur umgesetzt. Sie wurde als Stadtteilschule geplant mit Abenteuerspielplatz, Schwimmbad, Jugendfreizeitstätte, Proberäumen für Instrumentalunterricht und großzügigen Sporthallen. Wissenschaftlich wurde sie von der Universität Heidelberg begleitet, ein Schulpsychologe war an der Schule und zwei Stellen für Schulsozialarbeit wurden eingerichtet. Nun gingen  die Jahre ins Land und so manches Vorhaben musste anders umgesetzt werden. Die Jugendfreizeitstätte verselbstständigte sich, der Abenteuerspielplatz konnte sich nur als eine eigene Initiative halten, aber auch die anfangs ausreichende Stundenzuweisung wurde nach und nach reduziert, die Stelle des Schulpsychologen gestrichen und dergleichen mehr. Immerhin: Als ich 92 die dortige Stelle antrat, rieben sich manche meiner Bekannten im Saarland die Augen: „An was für einer tollen Schule bist du da gelandet!“ – die IGS Ernst Bloch war länderübergreifend im Gespräch. Vielleicht war sie eine Nummer zu groß oder nur zu teuer geraten. Jedenfalls wurde das Modell zusammengestrichen und nicht wiederholt, aber ich begann mein Lehrer-Sein genau dort.

1986 folgte die letzte der großen IGSn in Mainz-Bretzenheim. Sie behielt das TKM und die Sechszügigkeit  bei, war aber „schon“ keine Ganztagsschule mehr.  Es blieb über sechs Jahre bei diesen „Flaggschiffen in Rheinland-Pfalz“, bis 1992 die Landesregierung wechselte. Im gleichen Jahr noch wurde als fünfte IGS die in Ingelheim gegründet. Man hatte aus den Fehlern und den Entwicklungen der großen gelernt. Es wurde festgeschrieben: Integrierte Gesamtschulen im Land sind vierzügig und arbeiten nach dem TKM. IGSn werden nur dort eingerichtet, wo der Wille der Eltern erkennbar und wo ein Schulträger gefunden ist. Jede IGS gibt sich in einer Planungsgruppe ein eigenständiges pädagogisches Konzept. Für die beiden schon bestehenden Gesamtschulen in Kaiserslautern und Mainz wurden auch 1992 Dependancen errichtet, man konnte sich in der damaligen Koalition nicht auf weitere Neugründungen einigen, trickreich! Die beiden Dependancen wurden später eigenständige Gesamtschulen.

Dann folgten die Jahre kontinuierlicher und behutsamer IGS-Entwicklung: 1993: IGS Mutterstadt und Wörrstadt; 1994: Enkenbach-Alsenborn/Otterberg; 1996: Horhausen; 1998: Hamm/Sieg und Koblenz; 1999: Stromberg; 2001: Ludwigshafen-Gartenstadt und Thaleischweiler-Fröschen. Die IGSn Hamm/Sieg, Koblenz und Thaleischweiler/Fröschen brachten den Schulversuch auf den Weg, die jahrzehntelange äußeren Differenzierungsgruppen in Frage zu stellen und ließen die klasseninternen Lerngruppen mit wissenschaftlicher Begleitung untersuchen. Das Ergebnis war 2009 die Aufnahme dieses Differenzierungsmodells in die neue Übergreifende Schulordnung.

Und dann ging es wieder rasanter zu: Im Jahre 2008 wurden gleich fünf neue Gesamtschulen errichtet, bei denen als nicht wiederholte Besonderheit, die Ganztags- und Schwerpunktschule gesetzt war: Deidesheim/Wachenheim, Nieder Olm, Worms, Sprendlingen und Zell/Mosel. Dies waren die letzten IGSn, die eigenständig errichtet wurden, wenn sie auch bestehende Schulen ablösten.

Einen weitaus größeren Schub erhielten die IGS-Gründungen mit der Schulstrukturreform. Sie löste die Hauptschulen auf und führte zur Errichtung der Realschule Plus. Viele Schulträger scheinen sich gesagt zu haben: Dann errichten wir lieber eine IGS, dann haben wir das komplette Bildungsangebot. 2009 wurden also erstmals 10 IGSn an den Start geschickt, dieses Mal aber als Verbundschulen mit den bestehenden, auslaufenden Schulen (Im Landkreis kam die IGS Grünstadt hinzu). 2010 folgten noch einmal 17. Mit der einen IGS-Gründung in Salmtal wurde 2011 vielleicht ein Grad der (vorläufigen?) Sättigung erreicht. Die pädagogischen Konzepte müssen inzwischen von der Hälfte der Personen entwickelt werden, weil die Arbeit ja eine leichtere ist und  das Rad nicht mit jeder IGS neu erfunden werden muss.

Meine „persönliche Schulentwicklung“ begann also an „der“ innovativen Schule der Achtziger schlechthin. Auch wenn ich erst nach dem Ausbau dazu gestoßen bin, entwickelte ich in Oggersheim meine Überzeugungen, lernte ich dort, was die Integrierte Gesamtschule will. Mein Weg führte dann weiter über eine der ersten der vierzügigen Generation in Mutterstadt bis zu einer der letzten eigenständigen mit einer jahrgangsbezogenen Planungsgruppe in Deidesheim/Wachenheim. Will sagen: Das „Häufchen“ oder die kleine Familie Gesamtschul-Begeisterter ist zu einer großen Schar dort Arbeitender angewachsen. Ob die Begeisterung oder die Überzeugung ebenfalls auf neue Menschen mit gewachsen ist, vermag ich nicht abzuschätzen. Aus manchen Verbundschulen vernehme ich andere Äußerungen. Verständlich sind sie deshalb, weil die dort Arbeitenden ja ohne Bewerbung plötzlich an einer Schulform landeten, die sie sich nicht ausgesucht haben. Es wird zu verfolgen sein, wie sich das für die inhaltliche Gestaltung derselben auswirken wird. Beide Gruppierungen, die kleine und die große Schar, säumen meine eigene Entwicklung. Die kleine Gruppe des Anfangs bestand noch, als ich anfing und ich gesellte mich als Benjamin zu ihnen, fuhr mit ihr einmal im Jahr zu den fast schon legendären IGS-Wochenenden nach Diemerstein (Die bereits wirklich als Legende zu benennenden Wochenenden in Meisenheim als Vorgänger kenne ich selbst schon nicht mehr.). Wenn man so will, wurde ich gerade noch adoptiert. Die meisten davon sind entweder nicht mehr im Dienst, einige gar schon verstorben. Am Montag in Oggersheim fiel der Begriff des IGS-Urgesteins wieder, der damals nicht mir gebührte, dazu kam ich viel zu spät und andere hatten der IGS in Rheinland-Pfalz den Weg geebnet. Heute nun bin ich noch einer der wenigen „Aktiven im Schuldienst“, die dieser „Kinderstube“ entsprungen sind. Längst habe ich das in mir akzeptiert und versuche ja auch, wo ich kann, diese Erfahrung des vollzogenen Anfangs weiterzugeben. Pädagogisch, das soll am Ende der Übersicht stehen, kann und darf sich die Integrierte Gesamtschule aber ihrer Verpflichtung, eine Schule für alle zu sein, für eine chancengerechtere Bildung zu arbeiten, bei aller Veränderung der Bedingungen, nicht entziehen. Pädagogik setzt immer Entwicklung voraus, ein Verharren kann es im Grunde nicht geben, weil Kinder Leben bedeuten und Leben immer lebendig ist, sich immer neu entwickelt und fortschreibt. Und das muss auch dort so sein, wo das und für das Leben gelernt werden soll.